"Politiker? - Diebe, Räuber und Halsabschneider!"

Reportage | Christine Möllhoff aus Neu-Delhi
25. August 2011, 17:15

Halb Indien steht Kopf - und das wegen eines alten Mannes, der sich öffentlich zu Tode hungern will

Warum die Massen den bizarren Gandhianer Anna Hazare wie einen Erlöser feiern.

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Subharish schnaubt verächtlich, als das Wort Politiker fällt. "Wir haben doch nur die Wahl zwischen Dieben, Räubern und Halsabschneidern", sagt der 30-jährige. "Egal, welche Partei." Der Pharmavertreter hat sich Urlaub genommen, um dabei zu sein. Nun steht er, in blau-weißem Hemd und schwarzer Stoffhose, im Schlamm auf dem Ramlila-Maidan-Platz in Indiens Hauptstadt Delhi und schreit sich heiser.

Erst waren es nur einige Hunderte, die den 74-jährigen Anna Hazare unterstützten. Nun sind es zeitweise allein hier 50.000 Menschen. Ganze Lastwagen mit Bauern trudeln ein. Am Donnerstag spitzte sich die Lage zu, als Hazare die Bürger aufrief, vor die Residenz des Premierministers zu ziehen. Alarmiert schloss die Polizei vier Metro-Stationen in der Nähe.

Halb Indien steht kopf - und das wegen eines alten Mannes, der droht, sich öffentlich zu Tode zu hungern, wenn die Regierung nicht schärfer gegen Korruption durchgreift. Er hat damit einen Aufstand losgetreten.

Wer die riesige Wut verstehen will, muss gesehen haben, wie schamlos sich Indiens Mächtige bereichern: bei den Sportspielen Commonwealth Games etwa oder der Vergabe von Telekomlizenzen. "Ich habe die Menschen noch nie so leidenschaftlich gesehen", sagt Subharish. Seite an Seite trotzen Doktoren und Rikschafahrer, Hindus und Muslime, Hausfrauen und IT-Expertinnen seit Tagen Monsunschauern und drückender Hitze. Auch in anderen Städten und Dörfern, selbst in besseren Wohnvierteln ziehen die Menschen auf die Straßen.

Medienwirksames Drama

Ihr Protest richtet sich nicht gegen eine Regierung, eine Partei, sondern gegen eine ganze korrupte Elite, die ihr Land als Beute genommen hat. "Indien hat das Zeug, eine Supermacht zu werden, eine große Nation", sagt der Psychiater Kishore Arya. "Doch Korruption hindert uns daran."

Auf einer alles überragenden Bühne, gebettet auf Kissen, hinter sich ein riesiges Porträt von Mahatma Gandhi, liegt jener Mann, der nun wie ein Volksheld gefeiert wird. Seit zehn Tagen fastet Hazare, den alle Anna, großer Bruder, nennen. Er weiß, wie man ein medienwirksames Drama inszeniert, die Regierung in Bedrängnis bringt, das hat er sich von seinem Vorbild Gandhi abgeguckt.

Täglich werden sein Gewicht, sein Puls und Blutdruck vermeldet. Er könne jederzeit kollabieren, warnen die Ärzte, die ihn derart ehrfürchtig umsorgen, als wäre er ein Heiliger.

Die Regierung wird immer nervöser. Beinahe stündlich fleht Regierungschef Manmohan Singh ihn an, seinen Hungerstreik zu beenden. Doch Hazare ist nicht nur autoritär, sondern auch stur wie ein Esel. "Wenn die Regierung sich nicht bewegt, werde ich für meine Nation sterben", ruft er der Menge zu, und die tobt. Theatralik gehört in Indien dazu.

Mit seinem Hungerstreik will Hazare die Regierung zwingen, ihren Entwurf für ein Anti-Korruptions-Gesetz zu verschärfen. Inzwischen verhandeln beide Seiten über Kompromisse, doch die Gespräche haken. Seit über 40 Jahren hänge das Anti-Korruptions-Gesetz im Parlament fest, ärgert sich Subharish. Nichts tue sich.

Doch Regierungschef Singh sitzt in der Zwickmühle. Viele Parteien und Politiker stellen sich quer und versuchen, das Anti-Korruptions-Gesetz ganz auszubremsen. "Die Anti-Korruptions-Bewegung ist zu einer Gefahr für alle Parteien geworden, da keine von ihnen sauber ist", meint der Analyst Brahma Chellaney.

Auch der Kolumnist Manoj Jo-shi spricht von einem "Versagen der gesamten politischen Klasse". Gerade deshalb fürchten viele, dass die Politiker am Ende das Volk wieder nur an der Nase herumführen werden. Resigniert meint der Mittdreißiger Pranjal Shukal: "Die Diebe werden doch kein Gesetz verabschieden, das sie selbst hinter Gitter bringt."

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Eigentlich dchte ich, Indien zu kennen. Aber jetzt bin ich schähstad.

In Indien ist Selbstmord bei Strafe verboten: §309 des Strafgesetzes setzt für Selbstmörder Geld- oder Haftstrafe (bis zu einem Jahr) vor.

Das ist kein totes Recht; es wird angewendet, und zwar gerade bei Hunger­streikenden. So lebt Frau Sharmila aus dem nord­östlichen Bundes­staat Manipur (wo an kein Gesetz gebundene Spezial­einsatzkräfte „Rebellen“ bekämpfen) seit zehn Jahren im Gefäng­nis; jedes Mal, wenn sie nach ein paar Mo­naten entlassen wird, nimmt sie ihren Hunger­streik wieder auf und wird auf Neue angeklagt, verurteilt und eingesperrt.
http://en.wikipedia.org/wiki/Irom... u_Sharmila

Und jetzt werden die da mit dem Baba in Dilli nicht fertig? Gleiches Recht für alle, oder was? Oder ist Hunger­streik nur für Hindus zulässig?

"Politiker? - Diebe, Räuber und Halsabschneider!"

Im ersten Moment denkt man an Inlandsberichterstattung.

Bitte demnächst aussagekräftigere Header!

In Österreich sollten wir mit Donnerstagsdemonstrationen

gegen die Korrpution beginnen. Solange bis endlich Konsequenzen gezogen werden.

geh bitte auch in österreich ist,

so zeigen die korruptionsfälle der filz so dick da müssen sie sich schon was besseres einfallen lassen, wenn sie wirklich was verändern wollen.

andere Relationen

Wer behauptet, bei 50,000 Demonstranten stehe ganz Indien auf den Kopf, hat die dortigen Bevoelkerungsdimensionen nicht im Auge. Die Demonstranten stellen bei ca. 1 Milliarde an Gesamtpopulation eine kleine Minderheit dar, in Wien vergleichbar mit dem obligatorischen Grueppchen Tierschuetzern vor dem Pelzgeschaeft. Nichtsdestotrotz, der Kampf gegen die Korruption in Indien ist mehr als nur legitim.

Diebe, Räuber und Halsabschneider

so ist auch die Elite bei uns und in jedem anderen Land. Vor allem diese Politiker, die nichts produktives machen, außer heiße Luft verbreiten.

Bei uns geht man sicher schneller auf eine Minderheit los, als auf die, die das verursachen. Wenn gegen die was gemacht würde, sind sie die armen politisch Verfolgten. Siehe FPÖ, BZÖ, aber auch SPÖ und ÖVP. Unsere Grünen sind bei diesem Spiel noch die, die nicht in Erscheinung getreten sind.

wie in Österreich!

Überall das Gleiche mit den Eliten

der indische Weg zu protestieren erscheint mir insgesamt sinnvoller und zielführender, als beispielsweise der "Libysche" mit Waffen.
Nachhaltig kann sich meiner Ansicht nur etwas verbessern, wenn es auf friedlichem Weg passiert und nicht mit Waffengewalt.
Ghandi hat ja schon einmal gezeigt, wie es gehen kann. Dazu gehört allerdings mehr Mut und innere Stärke, als nach Waffen zu greifen, um genau das zu repräsentieren, was man vorgibt zu bekämpfen.
Ich wünsche Anna Hazare viel Glück und Durchhaltevermögen und einen langen Atem...

was demokratien (wie auch indien eine ist) betrifft, bin ich durchaus ihrer meinung. in diktaturen (à la libyen) find ich hingegen auch andere widerstandsmethoden legitim.

wieder einmal unlogischer unsinn.

ghandi war ja damals nicht in einem demokratischen indien unterwegs, sondern in einer dikatorischen britischen kolonie.

ich hab auch nicht von gandhi (der offenbar immer wieder orthographisch falsch geschrieben wird) geredet, sondern vom heutigen indien. aber rein prinzipiell: das vereinte königreich zur zeiten gandhis kann man schwer als diktatur betrachten. natürlich, indien war kolonialistisch unterdrückt, keine frage, aber teil eines bereits halbwegs demokratischen imperiums und somit sicher demokratischer als z.b. das heutige tibet.

nicht in einem demokratischen indien unterwegs, sondern in einer dikatorischen britischen kolonie.

Unsinn. Britisch–Indien war ein Rechts­staat und sicher­lich von den verschiedenen Kolonial­regiemes dieser Zeit eines der faireren.

Dafür lassen sich viele Belege finden: Die hohe Beteili­gung der einheimischen Bevölke­rung in der Verwal­tung, die Anstren­gungen der Briten für verbesserte Bildung und Wirtschaft, die empire­weite Empörung über das Dyer-Massaker in Amritsar, die Tatsache, daß Gandhi (bitte, lernt ihn endlich mal richtig schreiben!) in keinem seiner Gefängnis­aufenthalte zufällig verschwunden ist, etc.

"Dazu gehört allerdings mehr Mut und innere Stärke, als nach Waffen zu greifen, um genau das zu repräsentieren, was man vorgibt zu bekämpfen."

Mut und Stärke usw haben wohl die Syrer... hilft ihnen jemand? haben sie eine Chance? NOPE!

und die welt ist..

...eine scheibe.
es gibt nicht nur den einen weg. andere gegebenheiten andere lösungen.
nicht immer ist die selbe lösung passend für ähnliche probleme

auf einen groben klotz gehört ein grober keil

und das ist von land zu land anders.
in indien hatte ghandi erfolg, woanders hättens ihn erschossen.

Letzten Endes hatte Ghandi leider keinen Erfolg und wurde auch erschossen.

Der Westen hat aber keine Geduld

Der Westen will sofortige Demokratie, also Kriege in Irak, Afgahnistan, Lybien. So viele Menschen muessen sterben, wegen der Revolutionen gehetzt von dem Westen.

PS: Ghandi hat im Übrigen

im Gegensatz zu Barack Obama KEINEN Friedensnobelpreis erhalten...

im Gegensatz zu Barack Obama KEINEN Friedensnobelpreis erhalten...

Naja, Godse war eben schneller als Stockholm. Sie dürfen nicht vergessen, daß Gandhi (bitte, lernt endlich, wie man den schreibt!) bereits ein Jahr nach der Unabhängigkeit Indiens erschossen wurde.

Damit will ich den Pimperlverein natürlich nicht im Fall B.O. freisprechen. Das war eine Peinlichkeit, und es war von Anfang an als solche zu erkennen. Ich warte ja nur darauf, daß jemand den Preis eines Tages ablehnt und erklärt „Mit Kissinger/Arafat/Obama/... mag ich auf keiner Liste stehen.“

könnte sich

für österreich nicht der yopi heesters opfern und erbarmen - dem muß erstens eh schön langsam fad werden und zweitens kennen ihn viele...

In Österreich

wär' er schon in der Psychiatrie.

Bin der gleichen Meinung

werde mich aber zu Tode fressen und saufen.

Sein Motto: Indien darf nicht Österreich werden!!

Respekt! Ich teile seine Meinung bezüglich Diebe,Räuber, Halsabschneider!

Wenn er in Indien fertig ist, möger doch bitte in Österreich weitermachen.

Bitte-Danke!

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