Mittels Draisine lässt sich die Idylle aufgelassener Eisenbahnstrecken auf ebenso gemütliche wie nachhaltige Weise erfahren
Gelb leuchten die letzten blühenden Rapsfelder, gelb drängen sich die Sonnenblumenknospen zum Himmel und gelb tanzen die Zitronenfalter über die Wiesen. Alles ist Sommer an diesem heuer so seltenen Sonnennachmittag im Mittelburgenland. Und wären da nicht immer wieder die schattigen Wälder, in denen sich mit Sicherheit die schönsten Schwammerln verstecken, wir würden ganz schön ins Schwitzen geraten. Wir sind nämlich mit eigener Kraft unterwegs, mit "fairen Mitteln" nennen das die Alpinisten. Aber es läuft alles auf Schiene, im buchstäblichen Sinn. Wir sind nämlich radelnd unterwegs, aber nicht auf Asphalt oder Schotter, sondern auf Geleisen. Und weil Geleise aus zwei parallelen Schienen bestehen, ist auch unser "Rad" ein zweispuriges: eine mit Pedalen bewegte Eisenbahn-Draisine.
Das Wort Draisine bezeichnet ja zweierlei: Erstens ein historisches Laufrad, das vor fast 200 Jahren von dem badischen Forstmeister Karl Friedrich Drais, Freiherr von Sauerbronn, erfunden wurde. Indem man es dann mit Pedalen versah, entstand daraus das heutige Fahrrad. Aus der Fahrrad-Draisine entwickelte sich aber auch die Eisenbahn-Draisine, ein mit Muskelkraft betriebenes vierrädriges Schienenvehikel, das - anfangs ebenfalls laufend, später mit Pedalen oder Handhebeln bewegt - Bahnarbeitern ein Fortkommen auf Geleisen erlaubte.
Diese Eisenbahn-Draisine war durch den Bau der großen Bahnlinien besonders in den USA verbreitet und fand sich in zahlreichen Slapstick-Komödien und Comics wieder, zuletzt noch in dem Lucky-Luke-Band "Nitroglyzerin", auf dessen Cover die berüchtigten Dalton-Brüder auf einer Hebel-Draisine durch den Wilden Westen reiten.
Der Wikipedia-Hinweis freilich, dass die Draisine durch Jules Vernes Reise um die Erde in 80 Tagen Eingang in die Weltliteratur gefunden habe, konnte nach Lektüre nicht verifiziert werden. Möglicherweise hat Wikipedia einen in dem Roman beschriebenen Segelschlitten mit einer Draisine verwechselt.
Nachdem es um das kuriose Gefährt lange Zeit ziemlich still war, fand es neuerdings als Sportgerät Eingang in die familienfreundliche Spaßkultur. Als in den vergangenen Jahrzehnten viele Bahnlinien stillgelegt wurden, suchte man vielerorts nach neuen Nutzungen für die verwaisten Strecken. Auf der Bahnlinie von Toblach nach Cortina d'Ampezzo etwa mit ihren abenteuerlichen Schluchtüberquerungen und Tunnels wurde eine spektakuläre Langlaufloipe angelegt, und in Spanien entwickelte sich unter dem Namen "Vías Verdes" - "grüne Wege" - ein landesweites Netz von Radwegen: Nachdem Schienen und Schwellen entfernt worden waren, wurde der Bahnkörper geschottert oder asphaltiert und die Bahnstationen als Verpflegungskioske, Infopoints oder lokale Museen genutzt. Inzwischen exportieren die spanischen "Vías Verdes"-Experten ihr Know-how bis nach Südamerika.
Erst leicht bergauf, dann bergab
Noch einfacher als das Anlegen von Radwegen oder Loipen ist die Nutzung aufgelassener Bahnstrecken für Draisinenfahrten, da hier Schienen und Schwellen nicht entfernt, sondern genutzt werden. 120 Draisinen sind von 1. April bis 27. November zwischen der Bezirksstadt Oberpullendorf und der Weingemeinde Neckenmarkt-Horitschon im Mittelburgenland unterwegs, auf einer Strecke von 23 km: Die erste Hälfte der Distanz geht's leicht bergauf, die zweite bergab, Start ist an geraden Tagen in Horitschon/Neckenmarkt, an ungeraden in Oberpullendorf. Veranstalter ist die Sonnenland GmbH, ein Unternehmen mit 45 Mitarbeitern, das auch Touren mit dem Elektro-Stehroller Segway und Ballonfahrten anbietet.
Die mit Pedalen angetriebenen Draisinen haben unterschiedliche Größen, von "Standard" (zwei treten, zwei werden getreten) bis zu "Railjet" (zehn Personen plus zwei Kinder). Auf speziellen Gefährten ist auch die Beförderung von Rollstuhlfahrern möglich. Die Geräte sind nach einer kurzen Einweisung selbst zu bedienen, bei Pausen oder Überholmanövern hebt man sie einfach von den Schienen. Die Fahrzeit bestimmt jeder selbst, unterwegs gibt es einen Grillplatz, mehrere Verköstigungsstellen und Kinderspielplätze. Shuttlebusse bringen zum Ausgangsort zurück. Fahrten in der Gruppe erhöhen besonders mit Kindern den Spaßfaktor. Gebucht werden können auch Geburtstagsfahrten, Schulklassen- und Betriebsausflüge und eine Halloween-Tour.
Ähnliche kinderfreundliche Draisinen-Angebote gibt es in Niederösterreich: im Weinviertel im Naturpark Leiser Berge (12 km) und auf einer Schmalspurstrecke im Melker Alpenvorland (11 km).
Was bei uns noch fehlt, haben die leistungssportlichen Deutschen bereits institutionalisiert. Seit 2004 gibt es im Landkreis Kusel im Pfälzer Bergland Deutsche Meisterschaften in den Disziplinen Pedaldraisine (20 km für Dreierteams) und Handhebeldraisine (20 km für Sechserteams). Die Sieger in der letzteren Disziplin qualifizieren sich für die jährlich im finnischen Haapamäki ausgetragenen Draisinen-Weltmeisterschaften. (Horst Christoph/DER STANDARD/Rondo/26.08.2011)