Sünkel spricht sich für eine Reduzierung von Studienangeboten aus - EU-Kommissar Hahn gegen Ausgleichsgelder
"Ich halte das Expertenpapier für ein sehr vernünftiges Konzept", sagt Hans Sünkel, Vorsitzender der Universitätenkonferenz. Er bezeichnet es als "Arbeitsauftrag" und hofft, dass es auch von Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle als positiv empfunden wird. Eines jedoch fehlt Sünkel: Ein Plan für eine Überbrückungsfinanzierung durch den Bund bis die im Konzept vorgesehenen 790 Millionen Euro pro Jahr für die Universitäten umgesetzt werden können. "Ich hätte mir schon erwartet, dass hier eine stärkere Aussage platziert wird", sagt der Rektor.
Warum die Länder höhere Zahlungen leisten sollen und weshalb Studiengebühren zu einer sozialen Durchmischung führen würden, sagt Sünkel im Interview mit derStandard.at.
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derStandard.at: Experten haben Maßnahmen empfohlen, die das Abrutschen der Universitäten in die Mittelmäßigkeit verhindern sollen. Sind Sie zufrieden?
Sünkel: Ich bin überrascht, wie schnell die Expertengruppe diese 60 Seiten zustande gebracht hat. Ich bin durchaus zufrieden, weil dieses vorliegende Papier gut geeignet ist, auf Dauer weitere Entwicklungen für die Hochschullandschaft zu planen. Es gibt natürlich einige Themen, die man hinterfragen muss, ob sie überhaupt umsetzbar sind. Etwa die gesamte Finanzierungskulisse, die das Expertengremium hier vorschlägt - mit diesen 790 Millionen Euro pro Jahr.
derStandard.at: 790 Millionen Euro - das nähert sich an das an, was die Rektoren gefordert haben, die Bildungsmilliarde.
Sünkel: Wir müssen zwei Dinge unterscheiden. Zum einen haben wir schon seit mehr als einem Jahr mitgeteilt, dass die heimischen Universitäten ab 2013 pro Jahr 300 Millionen Euro aus Gründen der Indexanpassung brauchen. Da geht es um keine Qualitätssteigerungsmaßnahme, sondern dieses Geld brauchen wir nur, um die über die drei Jahre - 2010 bis 2012 - akkumulierte Teuerungsrate zu kompensieren. Zum zweiten haben wir gesagt, wenn wir uns in Österreich mittelfristig in jenem qualitativen Niveau bewegen wollen, in dem sich andere Universitäten befinden, mit denen wir gerne verglichen werden, braucht es einen budgetären Sprung. Dieser wiederum bildet sich finanziell in Form von circa einer Milliarde pro Jahr ab. Das kann man natürlich nicht von heute auf morgen machen, das kann wohl nur in Schritten gehen, idealerweise bis 2020. Diese angestrebte qualitative Verbesserung hat mit dem Inflationsausgleich gar nichts zu tun.
derStandard.at: Sind 790 Millionen in Ihren Augen eine realistische Summe?
Sünkel: Das sind Potenziale, die die Expertengruppe darstellt. Potenziale, die aber erst abgewogen werden müssen. Und wie der Expertenrat uns wissen lässt, geht das nur durch sehr langwierige Verhandlungen, auch mit anderen Staaten Europas. Das ist eben so. Bis es dazu kommt, muss der Bund einspringen.
derStandard.at: Im Expertenbericht steht auch, dass die Länder die Infrastrukturkosten erhöhen sollen. Sehen Sie hier Chancen?
Sünkel: Hier spricht der Expertenrat von jährlich 100 Millionen Euro. Derzeit ist es so, dass die Länder insbesondere die Fachhochschulen finanzieren oder zumindest sehr stark mitfinanzieren und an den Unis relativ geringe Beträge von Länderseite landen. Ich könnte mir schon vorstellen, dass die Länder stärker eingebunden werden und ein Betrag von 100 Millionen Euro würde mich persönlich nicht schrecken.
derStandard.at: Auch die Wirtschaft soll ihren Beitrag verdoppeln.
Sünkel: Die Wirtschaft beteiligt sich laut Expertenbericht mit 110 Millionen Euro pro Jahr an den Universitäten und mit einem Bruchteil davon, nämlich mit 2,6 Millionen Euro, an den Fachhochschulen. Es überrascht mich, dass die Fachhochschulen angeblich so wenig Mittel von der Wirtschaft erhalten. Eine Erhöhung dieser Mittel aus der Wirtschaft erscheint mir durchaus möglich und ist anzustreben, weil neben den öffentlichen Mittel zur Finanzierung der Universitäten natürlich auch vermehrt private Mittel eingesetzt werden sollen.
derStandard.at: Die Rede ist auch von 500 Euro Studiengebühren pro Semester. Mit der derzeitigen Meinung, wie sie in der SPÖ vorherrscht, wird das aber nicht möglich sein?
Sünkel: Ich hoffe, dass die SPÖ endlich aus ihrer ideologischen Umklammerung herausfindet und einsieht, dass Studienbeiträge von 500 Euro, die indexangepasst jenem Betrag entsprechen, der 2001 eingeführt wurde, sinnvoll sind. Sinnvoll deshalb, weil beim jetzigen System - 2008 wurden die Studiengebühren faktisch abgeschafft - findet eine Querfinanzierung von den bildungsfernen Schichten hin zu den bildungsnahen Schichten statt. Das heißt von den weniger stark finanziell ausgestatteten Familien hin zu den besser ausgestatteten. Das kann man bitte nicht wirklich als sozial verträglich hinstellen. Ich kann das nicht, wenn die SPÖ das kann, ist das eine andere Sache. Ich hoffe daher auch, dass die SPÖ endlich einsieht, dass Studienbeiträge zur sozialen Durchmischung beitragen und nicht hinderlich sind. Allerdings füge ich auch hinzu - und zwar in jedem Interview, weil ich überzeugt davon bin - dass parallel dazu wirklich ein gut ausgebautes und sozial treffsicheres Stipendiensystem eingeführt wird.
Im Expertenbericht ist außerdem angeführt, dass man dem deutschen Vorbild folgen könnte: nach Beendigung des Studiums bei Eintritt in den Beruf wären 50 Prozent der erhaltenen Studienbeiträge wieder zurückzuzahlen.
derStandard.at: Gerald Bast, der Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien, hat gefordert, dass Universitäten Kredite aufnehmen sollen. Können Sie sich für diese Idee begeistern?
Sünkel: Ich habe es gelesen und war selbst überrascht von dieser Mitteilung in den Medien. Das ist seine private Meinung, die er in seiner Funktion als Rektor geäußert hat. Ich wäre als Rektor der TU Graz nicht bereit, Kredite aufzunehmen, das hätte ich auch nicht nötig. Es hätte eine Verschuldung zur Folge und das möchte ich mir als Rektor einer Universität nicht wirklich leisten wollen.
derStandard.at: Wie steht es finanziell um die TU Graz?
Sünkel: Wir stehen ausgesprochen gut da. Die TU Graz hat sich in den letzten acht Jahren in allen Kenngrößen deutlich nach oben hin entwickelt. Wir stehen insbesondere im Drittmittelbereich exzellent da - mit über 57 Millionen Euro an Forschungserlösen. Das ist wirklich enorm viel. Das heißt im Klartext, wir haben derzeit eine Situation erreicht, die man in Europa anstrebt. Dass nämlich zwei Drittel des Gesamtbudgets einer Universität aus der öffentlichen Hand kommen und ein Drittel aus anderen Quellen.
Das soll aber bitte nicht heißen, dass wir nicht mehr Geld brauchen. Wir brauchen in der Tat mehr, und zwar aus zwei Gründen. Erstens, weil wir, was die Studierenden anlangt, von Jahr zu Jahr um durchschnittlich sechs Prozent steigen. Ich weiß nicht, wie es jetzt im Herbst ausschaut, wenn der deutsche Effekt noch zuschlägt. Zum zweiten brauchen wir dringend mehr Geld, weil wir finanziell hart am Wind segeln. Das heißt, wir können uns keine Rücklagen bilden. Und wenn das nicht geht, hat man keine Handlungsspielräume.
derStandard.at: Ein Hilferuf, wie jener vom künftigen Rektor der Uni Wien, Heinz Engl, der sagt, man muss vielleicht Studienrichtungen streichen, ist nicht notwendig an Ihrer Uni?
Sünkel: Ich sehe bei uns keinen Bedarf, Studienrichtungen streichen zu müssen. Ich würde vielmehr versuchen zusätzliche finanzielle Mittel zu finden, bevor solche Maßnahmen notwendig werden.
derStandard.at: Die Experten finden, dass es in Österreich ein Überangebot an Studienrichtungen gibt.
Sünkel: Im Bericht steht vieles drinnen, das ich schon innerhalb der letzten zwei Jahre hinausposaunt habe. Es gibt 1.000 Studienangebote in Österreich, ich stimme dem absolut zu, dass hier ein Überangebot vorherrscht. Weniger könnte auch sehr viel mehr sein.
derStandard.at: Auf welche Studiengänge soll man verzichten?
Sünkel: Das kann man nicht aus dem Ärmel herausschütteln, da muss man sich das gesamte Angebot anschauen, inklusive jenem der Fachhochschulen, idealerweise auch der Pädagogischen Hochschulen. Das muss man sich aber gründlich anschauen, das kann man mit gutem Gewissen ad hoc wohl nicht sagen.
derStandard.at: Die Experten sagen, dass 40 Prozent aller Studierenden an den Fachhochschulen ausgebildet werden sollen. Ist das wünschenswert?
Sünkel: Derzeit liegen die Fachhochschulen bei etwas mehr als 11 Prozent, an den Universitäten werden 89 Prozent ausgebildet. In der Schweiz und in Deutschland ist der Anteil der FH-Studenten viel höher, in Deutschland bei über dreißig Prozent. In diese Richtung soll es nach der Expertenmeinung auch bei uns gehen. Ich sehe das nicht negativ.
derStandard.at: Obwohl Sie sich für die Universitäten einsetzen, haben Sie da nichts dagegen?
Sünkel: Wir können nicht einerseits Klagelieder singen, dass wir zu viele Studierende haben und gleichzeitig verhindern, dass das Überangebot von Studierenden an die Fachhochschulen geht. Das wäre ein Widerspruch in sich. Beide Institutionen haben ihre Berechtigung. Wir haben unterschiedliche Profile und müssen die noch weiter schärfen.
derStandard.at: In ersten Reaktionen auf den Expertenbericht hat es geheißen, das Konzept sei "ÖVP-Polemik". Orientiert es sich an Ideen der ÖVP?
Sünkel: Ich halte das Expertenpapier für ein sehr vernünftiges Konzept. Gott sei Dank hat man drei Personen aus dem Ausland gebeten, die das Wissenschaftsministerium in dieser Sache sehr kompetent aus der Sicht von außen beraten. Es heißt nicht, dass man alle Empfehlungen eins zu eins umsetzen muss. Aber es ist ein Arbeitsauftrag an die Regierung, wirklich etwas zu tun, und zwar rasch. Es gibt eine Unterfinanzierung und Betreuungsverhältnisse, die schlecht sind im Vergleich zu Deutschland und der Schweiz. Wir haben keine Studienplatzfinanzierung und haben Studienbeiträge, die de facto abgeschafft sind. Das sind Themen, die dringend behandelt und bald geregelt werden müssen.
derStandard.at: Rektor Gerald Bast hat über Wissenschaftsminister Töchterle gesagt, er könnte seinen Bonus verspielen, weil er sich immer und immer wieder vertrösten lässt, was die Finanzierungsfragen betrifft. Sehen Sie das auch so?
Sünkel: Es ist leichter gesagt, als getan. Die Verhandlungen budgetärerer Art finden nun mal im Herbst statt. Das wusste man schon vor einem Jahr. Natürlich wäre es uns lieber gewesen, wenn im Bundesfinanzrahmengesetz, das Ende April verabschiedet wurde, schon wesentlich mehr Mittel für die Universitäten drinnen gestanden wären. Das war nicht so. Der Bundesfinanzrahmen, der die nächsten Jahre abdeckt, wird wohl im nächsten Jahr aktualisiert werden, deutlich nach oben hin, falls es Minister Töchterle tatsächlich gelingen sollte, von Finanzministerin Maria Fekter wesentlich mehr Mittel herauszuschlagen.
derStandard.at: Laut Experten soll auch ein Anreizsystem geplant werden. Jene Universitäten, die sich an den Hochschulplan halten, sollen auch mehr Mittel bekommen. Ist das fair?
Sünkel: Leistungen von Unis und Fachhochschulen, die über das erwartete Maß hinausgehen, sollen mit einem Bonus versehen werden und nicht mit einem Malus. So könnte es wohl nicht sein, dass ich finanziell gekürzt werde, weil ich ohnehin mehr Drittmittel akquiriert habe.
derStandard.at: Was fehlt Ihnen beim Expertenbericht?
Sünkel: Mir fehlt eine Aussage in Bezug auf die Finanzierungskomponente der Universitäten aus dem öffentlichen Bereich. Die empfohlenen 790 Millionen Euro - das sind alles Mittel, die nicht direkt aus dem öffentlichen Bereich kommen, und somit nicht direkt aus dem Bundesbudget. Es gibt im Expertenbericht nur die eine Aussage, dass der Bund einspringen muss, bis die 790 Millionen aufgestellt sind, quasi eine Überbrückungsfinanzierung durch den Bund, bis es soweit ist. Das ist eine relativ zurückhaltende Aussage dieses Expertenteams. Ich hätte mir schon erwartet, dass hier eine stärkere Aussage in Bezug auf die Bundesfinanzierungskomponente platziert wird.
Wenn es möglich ist, diese 790 Millionen in einigen Jahren zu realisieren, dann ist das ok. Aber bis es soweit ist, haben wir einen massiven Bedarf. Die Uni muss leben, wir können nicht so tun, als würde ohnehin im nächsten Jahr schon dieser Geldsegen auf uns prasseln, nein, wir müssen die Unis in der Zeit bis dahin natürlich auch adäquat versorgen, wir müssen die Uni weiterführen. Wir wissen, dass wir stärkere Studierendenströme kriegen, wir wissen dass die Inflation zuschlägt. Und wir müssen ausgeglichen budgetieren.
derStandard.at: Ihre Amtszeit als Vorsitzender der Universitätenkonferenz neigt sich dem Ende zu. Wie ist Ihre Bilanz?
Sünkel: Meine Amtszeit war relativ kurz, nachdem meine Rektorenamtszeit an der TU Graz Ende September zu Ende geht, ist damit auch meine aktive Periode in der uniko vorbei. Innerhalb der letzten 21 Monate haben wir gemeinsam das Bewusstsein innerhalb der Bevölkerung schärfen können, dass eine Investition in Bildung und Forschung die beste ist, die der Staat tätigen kann. Ich habe auch versucht, auf die Schwächen des Universitätssystems deutlich hinzuweisen. Und wir haben das regelmäßig in den Medien dargestellt. Das Expertenpapier sagt nichts anderes. Seine Inhalte decken sich über weite Strecken mit mit meiner Position und jener meiner Kolleginnen und Kollegen.
Ich liebe Herausforderungen. Insofern ist es schade, dass meine Amtszeit zu Ende geht. Gerne hätte ich noch die Umsetzung der Gedanken, die dargestellt sind und hoffentlich auch von Minister Töchterle positiv empfunden werden, gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen vorangetrieben und den Hochschulplan, der hoffentlich bald das Licht der Welt erblickt, in die tägliche Praxis umgesetzt. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 25.8.2011)
HANS SÜNKEL (geboren 1948) studierte Vermessungswesen und ist seit Oktober 2003 Rektor der Technischen Universität Graz und seit 2010 Präsident der Universitätenkonferenz (uniko).
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