Untersuchungen zur Klärung der Ursache des Unglücks eingeleitet - NASA bleibt vorerst gelassen
Moskau - Der Absturz des unbemannten Raumfrachters vom Typ "Progress" im Osten Russlands hat Schätzungen zufolge einen Schaden von an die 70 Millionen Euro verursacht. In der Summe seien auch die Transportkosten für 367 Kilogramm Materialien aus den USA enthalten, die für das amerikanische Modul der Internationalen Raumstation ISS vorgesehen gewesen seien. Das sagte ein namentlich nicht genannter Mitarbeiter der russischen Weltraumindustrie am Freitag der Agentur Interfax. "Für die Lieferung zahlt die US-Weltraumbehörde NASA 5.000 US-Dollar pro Kilogramm", hieß es.
Die russischen Behörden haben alle weitere Raketen-Starts vorübergehend
ausgesetzt, auch der für diesen Freitag geplante Start eines
Satelliten
für das Navigationssystem Glonass wurde auf einen späteren Zeitpunkt
verlegt. Die Rückkehr dreier Raumfahrer von der ISS zur Erde verzögert sich nach Informationen von Interfax voraussichtlich um zwei Wochen vom 8. auf den 22. September. Dementsprechend werde wohl auch der für den 22. September geplante Start der nächsten Besatzung auf den 6. Oktober gelegt - und etwas anderes als russische "Sojus"-Kapseln steht derzeit nicht zur Verfügung, um Menschen zur ISS und zurück zu bringen.
Stillstand
Nun wollen die Behörden eine systematische Überprüfung aller Trägerraketen durchführen. Es sollten nicht
einzelne technische Probleme untersucht werden, sondern das gesamte System,
sagte der Kommandant der russischen Weltraumtruppen, Oleg Ostapenko. Dies gelte sowohl für die Raketen für die bemannte Raumfahrt wie die "Sojus"
als auch für jene, die für den Transport von Satelliten eingesetzt werden, wie
die "Proton".
"Der Unfall ist ein Hinweis für uns, auf
parallele Strukturen zu setzen", sagte der Chef des Deutschen Zentrums für Luft-
und Raumfahrt in Köln, Johann-Dietrich Wörner. "Im Cargo-Bereich haben wir das,
wir haben es nicht im Personentransport."
Der russische Regierungschef Wladimir Putin befahl Roskosmos eine radikale
Verbesserung der Kontrollen. Das gelte besonders für die Herstellung und die
Überprüfung vor dem Start, sagte Putins Sprecher Dmitri Peskow. Der neue
Roskosmos-Chef Wladimir Popowkin versprach die Bildung einer neuen
Kontrolleinheit für die Raumfahrtindustrie.
Fast drei Tonnen ISS-Nachschub verglüht
Der Frachter vom Typ "Progress 12 M-12" war mit fast drei Tonnen
Versorgungsgütern an Bord auf dem Weg zur Internationalen Raumstation ISS im
Altai-Gebirge im Osten Russlands abgestürzt. Grund war nach ersten Erkenntnissen
eine fehlerhafte Zündung der dritten Raketenstufe an der "Sojus" nach dem Start
vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan. Es war die erste Panne dieser Art
seit 1978.
Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein. Auch die Staatsduma in
Moskau will sich mit dem Absturz vom Vorabend beschäftigen. Offenbar hatten sich
einige Dutzend Menschen in der Gegend des Absturzes in Südsibirien aufgehalten.
Allerdings sei niemand verletzt worden, hieß es.
Galileo vorerst nicht betroffen
Am 20. Oktober sollen zudem die ersten funktionstüchtigen Satelliten für das
Navigationssystem Galileo mit "Sojus"-Raketen vom europäischen Weltraumbahnhof
Kourou in Französisch-Guyana starten. "Dieses Vorhaben ist aber wohl nicht
betroffen, weil Galileo eine andere Raketenoberstufe benutzt", erklärte Wörner.
Unterdessen bringt Russland den nächsten "Progress"-Raumtransporter nach
Baikonur. Über den Start werde jedoch erst nach der Untersuchung des Unfalls
entschieden, sagte ein namentlich nicht genannter Mitarbeiter der
Raumfahrtindustrie der Agentur Ria Nowosti.
Russland musste zuletzt immer wieder über Pannen berichten. Erst vor einer
Woche war gleich nach dem Start der Kontakt zu einem mit europäischer Hilfe
konstruierten Kommunikationssatelliten abgerissen. Zu einem besonders schweren
Zwischenfall kam es im Dezember 2010, als eine Trägerrakete mit drei Satelliten,
die für das russische Navigationssystem Glonass vorgesehen waren, nach dem Start
in den Pazifik stürzte.
NASA bleibt gelassen
Die US-Raumfahrtbehörde NASA hat unterdessen gelassen reagiert. Der Verlust der Versorgungsgüter sei für
die Besatzung der Internationalen Raumstation ISS problemlos verkraftbar,
zitierte das Internetportal space.com. am Donnerstag den zuständigen
NASA-Manager Mike Suffredini. "Wir sind logistisch in einer guten Position."
Tatsächlich verfüge die ISS-Crew über genügend Vorräte, um monatelang ohne
Nachschub auskommen zu können.
Die NASA will zunächst die Untersuchungen darüber abwarten, was den Fehlstart
der "Sojus"-Trägerrakete am Mittwoch ausgelöst hatte, bevor sie weitere Schlüsse
daraus zieht. Seit der Einmottung ihrer Space-Shuttle-Flotte im Juli ist die
Behörde für den Transport seiner Astronauten zur ISS auf Plätze in den
russischen "Sojus"-Kapseln abhängig. Eine längere Unterbrechung der Flüge könnte
ihre Besetzungspläne für die Raumstation durcheinanderbringen.(red/APA)