"Memento mori" am Straßenrand

"Ghostbikes" heißen die Manhmale für im Straßenverkehr getötete Radfaher. Seit 2003 ist ihre Zahl auf über 150 auf der ganzen Welt angestiegen

Natürlich wäre es Alec Hager lieber, es gäbe die weißen Räder nicht. Auch, weil er dann nie gefragt würde, wieso nirgendwo in Wien vom Sattel bis zur Kette weiß angemalte Räder zu finden sind: Was Städtereisende oft für Kunst im öffenlichen Raum halten, erklärt der Kopf der "IG Fahrrad", ist in Wirklichkeit nämlich etwas anderes: Die Räder sind Mahnmale. Für im Straßenverkehr getötete Radfahrer.

"Ghostbikes" heißen sie. Das erste wurde im Jahr 2003 in St. Louis, Missouri, aufgestellt. Mittlerweile gibt es sie an mehr als 150 Orten auf der ganzen Welt, heißt es auf ghostbikes.org.

Auch Wien steht auf dieser Liste. Zuletzt tauchten hier im Februar 2009 Ghostbikes auf: Nach einem Unfall wurden - auch als Erinnerung an früherer Tote - acht weiße Räder aufgestellt. Nicht bei Nacht und Nebel: Magistrat und Bezirke waren informiert.

Doch Wien ist Wien: Einzig jenes Rad, das in der Behördenliste vergessen worden war, wurde nicht sofort amtlich entfernt. "Gespräche mit dem damaligen Stadtrat Rudolf Schicker verliefen ergebnislos", erinnert sich Hager. Aber "heute ist das eine andere Situation".

Hager hofft, die Ghostbikes-Debatte noch lange theoretisch führen zu können. Dennoch beobachtet er den Umgang mit Geistern anderswo: New Yorks Verwaltung etwa hörte der Rad-Community zu - und definiert weiße Bikes seither nicht automatisch als zu entsorgende Wracks. Aus Respekt vor der Trauer der Angehörigen - und als Beitrag zur Verkehrssicherheit: Das weiße Rad am Straßenrand ist ein "Memento mori" - wenn man weiß, wofür es steht. (Thomas Rottenberg/DER STANDARD/Automobil/19.08.2011)

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