Mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung Lybiens kommt aus Erdöl und Bergbau - Alte Fördermengen werden laut Experten erst 2015 wieder erreicht
Berlin - Die Wirtschaft des OPEC-Mitgliedslandes Libyen
steht und fällt mit seiner Erdölproduktion. Mehr als die Hälfte des BIP
erwirtschaftet Libyen mit Erdöl und Bergbau (2009: 56,5 Prozent). Der Wert der
Exporte betrug im vergangenen Jahr 47,8 Mrd. Dollar (derzeit 33,1 Mrd. Euro) -
und exportiert wird fast ausschließlich Öl und Gas. Zu den Hauptabnehmern zählen
Nord- und Südamerika mit fast der Hälfte und die Europäische Union mit gut einem
Viertel.
Die Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt) wurde für 2009 auf 60,2 Mrd.
US-Dollar geschätzt. Für 2010 soll sie nach Angaben des Internationalen
Währungsfonds (IWF) bei 76,6 Mrd. Dollar liegen. Libyen sei damit eines der
reichsten Länder Afrikas, erklärt der Arabien-Experte der deutschen
Fördergesellschaft Germany Trade & Invest (GTAI), Christian Glosauer. Zum
Vergleich: Österreichs Wirtschaftsleistung betrug 2010 nach Berechnungen des
Weltwährungsfonds 284 Mrd. Euro.
Libyen importiert hauptsächlich Maschinen und Transportausrüstungen (2009:
53,5 Prozent), des weiteren Rohstoffe zur Weiterverarbeitung sowie Lebensmittel
und lebende Tiere. Insgesamt wurden 2009 Waren im Wert von rund 22 Mrd. Dollar
eingeführt, 2010 waren es 25,3 Mrd. Dollar.
Unter dem Sand
Unter dem libyschen Wüstensand liegen rund 6,3 Milliarden Tonnen Rohöl von
feinster Qualität, mehr als in jedem anderen afrikanischen Land. Libyen ist
völlig von dem Rohstoff abhängig; fast 98 Prozent der Exporteinnahmen und mehr
als 80 Prozent des Staatsbudgets werden durch die Ausfuhr von Öl und Gas
erzielt. Doch während des Bürgerkriegs ist aus dem mächtigen Strom ein dünnes
Rinnsal geworden. Bei einer Kapazität von rund 1,6 Millionen Barrel pro Tag
wurden zuletzt nur noch 60.000 Barrel gefördert. Österreichs OMV hatte dort vor
dem Krieg 33.000 Fass pro Tag Öl produziert, ein Zehntel der Gesamtproduktion
des Konzerns. Die OMV ist in Libyen an insgesamt acht Öl-Feldern beteiligt. Seit
März steht die Produktion dort aber still, und bis zur Wiederaufnahme der
Exporte dürften noch Monate vergehen.
"Nun muss erst einmal untersucht werden, wie stark die Förderanlagen durch
den Bürgerkrieg zerstört worden sind", sagt Leon Leschus vom Hamburgischen
Weltwirtschaftsinstitut HWWI. Die Informationslage ist unübersichtlich;
lediglich im Osten des Landes soll es noch intakte Ölförderanlagen geben, die
für rund 400.000 Barrel am Tag gut sind - ein Viertel der Kapazität. Die
Internationale Energieagentur IEA erwartet, dass Libyen erst 2015 wieder so viel
Öl fördert wie vor dem Bürgerkrieg.
Westliche Rohstoffinteressen
Ein wichtiges Motiv für den westlichen Militäreinsatz im libyschen
Bürgerkrieg sind die Rohstoffinteressen des Westens - Vertreter der
internationalen Ölkonzerne scharren bereits in den Startlöchern und führen im
Hintergrund schon seit längerem Gespräche mit den Rebellen, um im Rennen um die
Rückkehr nach Libyen die Nase vorn zu haben. Auch die Pipelinebetreiber und
Hafenterminals brauchen aber verlässliche Ansprechpartner. Das Ölministerium und
der staatliche libysche Ölkonzern NOC sind von Gaddafi-Anhängern besetzt und
müssen neu organisiert werden.
Angesichts des NATO-Engagements in Libyen ist es wenig verwunderlich, dass
russische Unternehmen nun befürchten, aus Libyen hinausgedrängt zu werden. "Wir
haben Libyen ganz verloren", glaubt der Generaldirektor des Russisch-Libyschen
Wirtschaftsrates, Aram Shegunts. Die NATO werde russischen Firmen nicht
erlauben, in Libyen Geschäfte zu machen, ist er überzeugt. Gazprom, Gazprom Neft
und Tatneft haben in Libyen hunderte Millionen Dollar in die Exploration von Öl-
und Gasfeldern investiert, schreibt die russische Nachrichtenagentur RIA
Novosti. Im Februar 2011 zog Gazprom aber sein Personal aus Libyen ab. Auch der
Gazprom-Partner Wintershall hat die Erdölförderung in Libyen aus
Sicherheitsgründen vorübergehend stillgelegt und sein internationales Personal
aus dem nordafrikanischen Land abgezogen. Die BASF-Tochter Wintershall und
Gazprom sind Miteigentümer von Lizenzen für acht Erdölvorkommen in der libyschen
Wüste. Die Anlagen liegen etwa 1.000 km südöstlich von Tripolis. Wintershall
fördert zudem im Ölfeld Al Jurf im Mittelmeer. Die Deutschen sind seit 1958 in
Libyen präsent. (APA/Reuters)