Laut Wifo immer mehr schlecht qualifizierte Jugendliche - Stadt Wien will gegensteuern
Wien hat ein Problem: Die Bundeshauptstadt könnte schon bald deutliche Verluste in Sachen Wettbewerbsfähigkeit in Kauf nehmen müssen. Grund sind Ausbildungsdefizite, vor allem bei den Jugendlichen. Das besagt eine aktuelle Studie des Wirtschaftsforschungsinstitutes (Wifo). Demnach ist die wirtschaftliche Lage zwar stabil, der Anteil der Pflichtschulabgänger, die danach keine Ausbildung machen, aber alarmierend hoch.
Wien hat in Sachen Arbeitskräfte bald keine Standortvorteile mehr: "Es gibt ein Defizit bei den formalen Qualifikationen", sagte Studien-Koordinator Peter Mayerhofer im Gespräch mit Journalisten. Der Anteil jener, die nach der Pflichtschule nicht mehr ausgebildet werden bzw. wurden ("early school leavers"), liegt in Wien bei steigender Tendenz mittlerweile höher als im Durchschnitt der EU-Großstädte und der EU-Regionen insgesamt.
Problem Schulabbrecher
Wobei die Wiener keine Ausbildungsmuffel sind. Jedoch: "Es sind die Ausgebildeten, die sich weiterbilden", so Mayerhofer. Kopfzerbrechen bereiten den Experten hingegen die wachsende Zahl an Schulabgängern ohne weitere Ausbildung, die vielleicht nicht einmal einen Schulabschluss haben - sondern nur die erforderliche Anzahl der Schuljahre.
Dieser Trend sei, so betonte Mayerhofer, vor allem im Hinblick auf den derzeitigen Strukturwandel problematisch. Dienstleistungen bzw. die Bereiche Technologie oder Wissenschaft würden immer wichtiger. Nur 26,5 Prozent der Wiener Erwerbstätigen verfügen aber beispielsweise über einen Hochschulabschluss, der Durchschnitt der insgesamt 65 untersuchten europäischen Großstadtregionen beträgt hier 32,6 Prozent - in Städten wie Brüssel, London oder Paris liegt der Wert jenseits der 40 Prozent.
Einpendler setzen sich durch
Auch Michael Wagner-Pinter vom Forschungsinstitut Synthesis warnte vor der Entwicklung. In Wien, so berichtete er, würden heuer tausende Arbeitsplätze neu dazukommen, etwa in den Bereichen Gesundheit und Pflege oder Information bzw. Kommunikation. Der Großteil davon werde jedoch von Personen aus dem Umland - vor allem aus Niederösterreich - besetzt: "Arbeitsplätze schaffen wir genug, die Wiener können sich aber nicht gegen die Einpendler durchsetzen."
Der Anteil der Wiener Jugendlichen mit "akutem Qualifikationsbedarf" nehme zu, obwohl die Zahl der Jugendlichen insgesamt zurückgehe. Rund 13.000 Mädchen und Burschen hätten in Wien nicht die entsprechenden Voraussetzungen, um sich um die neu geschaffenen Jobs zu bewerben: "Das sind die künftigen Bezieher der bedarfsorientierten Mindestsicherung."
Schlechte Schulausbildung
Die Gründe für die Entwicklung sind laut Wagner-Pinter unter anderem im Schulsystem zu finden. Und sie haben damit zu tun, dass nicht nur Pendler nach Wien kommen. Denn die Stadt wird offenbar auch immer attraktiver für Jugendliche aus anderen Bundesländern, die nicht mehr gern in die Schule gehen und die darum nach Wien übersiedeln, wie Wagner-Pinter berichtete.
SPÖ: Neue Angebote
Die Stadt will nun gegensteuern: Wie Vizebürgermeisterin Renate Brauner (SPÖ) ankündigte, soll ein eigener "Qualifikationsplan" ausgearbeitet werden. Dieser soll unter anderem ein höheres Bewusstsein für das Erlangen von Qualifikationen schaffen. Es sollen aber auch eigene Fortbildungs-Angebote geschaffen werden. Wien will sich laut Brauner vor allem jenen widmen, die keine oder zu niedrige formale Bildungsabschlüsse vorweisen können. Das Nachholen dieser soll erleichtert werden.
Brauner verwies auch auf bestehende Angebote - wie etwa jene des "ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds" oder die Wiener Ausbildungsgarantie, die Jugendlichen einen Lehrabschluss ermögliche. Bekräftigt wurde auch die Forderung nach Einführung der Gesamtschule. (APA)