Gesunde Nahrungsmittel müssen billiger werden, meint Elisabeth Ardelt-Gattinger, Psychologin und Adipositas-Expertin
Kurt de Swaaf sprach mit ihr über die Sucht nach Essen, Lebensstil und paradoxe Prozesse im Gehirn.
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STANDARD: Sie und Ihr Team befassen sich unter anderem mit Adipositas, krankhafter Fettsucht. Wie stark verbreitet ist dieses Problem eigentlich?
Ardelt-Gattinger: Sehr stark, und es ist immer noch zunehmend. Der österreichische Adipositasbericht spricht von etwa zehn Prozent, mit einem deutlichen Ost-West-Gefälle: 17 Prozent im Burgenland und circa sechs Prozent in Salzburg.
STANDARD: Man kann also schon von einer regelrechten Epidemie sprechen?
Ardelt-Gattinger: Ja, eine Epidemie mit massiven Folgeerscheinungen wie Herz-Kreislauf-Störungen, Schlafapnoe (Atemstillstände im Schlaf) und Diabetes, aber auch orthopädische Probleme. Es gibt inzwischen sogar schon Kinder mit Fettleber, wie man es bei Alkoholikern kennt.
STANDARD: In anderen EU-Staaten sind Übergewicht und Adipositas anscheinend nicht so stark verbreitet. Woran liegt das?
Ardelt-Gattinger: Das stimmt so nicht ganz. Kreta zum Beispiel mit seiner berühmten Mittelmeerdiät hat die höchste Adipositas-Rate Europas. Offenbar greifen die Menschen überall immer mehr zu energiedichten Speisen wie Snacks und Fastfood, und sie neigen immer stärker zu Bewegungsmangel. Beides findet man am meisten bei sozial und materiell benachteiligten Bevölkerungsgruppen.
STANDARD: Muss man Fettsucht tatsächlich als Sucht sehen und nicht einfach nur als logische Folge falscher Ernährung und eines Mangels an Bewegung?
Ardelt-Gattinger: Das sind tatsächlich die Hauptursachen, aber das Ernährungs- und Bewegungsverhalten wird natürlich, wie alles andere auch, vom Gehirn gesteuert. Adipositas zeichnet sich zusätzlich durch ein krankhaftes Verlangen nach übermäßigem Essen aus. Ergebnisse aus der neurokognitiven Forschung zeigen, dass Adipöse einen ähnlichen Mangel an Dopaminrezeptoren haben wie Alkohol- oder Drogenabhängige. Das innere Belohnungssystem dieser Menschen funktioniert also nicht so gut wie bei anderen. Wie unsere eigenen Studien gezeigt haben, erfüllen 95 Prozent der adipösen Patienten mindestens drei Diagnosekriterien für Sucht. Sie empfinden ein starkes Verlangen nach und eine Abhängigkeit von übermäßigem Essen, geben an, dass sie sich nicht entspannen und nicht einschlafen können, wenn sie nicht sehr viel gegessen haben, und die Betroffenen wissen um die Gefährlichkeit ihres Verhaltens, können aber ihren Lebensstil nicht ändern.
STANDARD: Was unterscheidet Adipositas als Suchtkrankheit von anderen Süchten?
Ardelt-Gattinger: Es ist keine substanzbezogene Sucht wie etwa Alkoholismus, sondern verhaltensbezogen wie die Abhängigkeit von Glücksspielen. Die Tragik des Adipösen ist, dass man vom Essen nicht "trocken" sein kann. Der Mensch muss sich schließlich ernähren.
STANDARD: Warum genau fällt es den Betroffenen so schwer, ihren Lebensstil zu ändern, und wo liegt die Grenze zwischen Esssucht und einem kräftigen Appetit?
Ardelt-Gattinger: Der Hungrige ist nach einer gewissen Zeit satt. Das Gehirn sendet nach etwa 20 Minuten die entsprechende Botschaft. Der Adipöse bekommt aber immer mehr Verlangen, je mehr er isst. Das paradoxe Problem besteht zudem darin, dass diese Menschen zu viel kontrollieren und ständig ans Nichtessen denken. Wir können nicht "nicht denken". Unser Gehirn kann Gedanken nur unterdrücken. Dafür benötigt es aber sehr viel Speicherkapazität. Ist man müde, abgelenkt et cetera, kann dieser Prozess nicht aufrechterhalten werden und - das ist das Entscheidende - es tritt ein zweiter Prozess auf den Plan, der alles Unterdrückte aufsucht und zu vermehrter, drängender Präsenz der Inhalte führt.
STANDARD: Welche Therapiemöglichkeiten gibt es gegen Fettsucht?
Ardelt-Gattinger: Konservative, also Ernährungs- und Bewegungsumstellung, und chirurgische. Diäten werden heutzutage nicht mehr empfohlen, weil sie meist in einer Spirale zur weiteren Gewichtszunahme führen. Die etwa 1000 Adipösen, die ich persönlich befragt habe, hatten jeweils mindestens 20 Diäten hinter sich und große Summen für nutzlose Maßnahmen ausgegeben.
STANDARD: Und die Erfolge?
Ardelt-Gattinger: Die Erfolgsquoten konservativer Maßnahmen mit dem notwendigen Ziel einer völligen Umstellung des Lebensstils sind sehr unbefriedigend. Sie liegen im Durchschnitt bei rund fünf Kilo Gewichtsabnahme, die länger als 48 Monate gehalten werden kann.
STANDARD: Das klingt nicht sehr ermutigend. Es bedarf also neuer Ansätze im Umgang mit Adipositas?
Ardelt-Gattinger: Genau. Wir brauchen Prävention und Gesundheitsförderung auf allen Ebenen der Gesellschaft; die Schaffung gesunder, attraktiver und siche-rer Bewegungsmöglichkeiten für alle oder eine Änderung der Preispolitik für Nahrungsmittel. Derzeit sind ungesunde, hochkalorische Speisen billiger als gesunde, weniger dickmachende. Es gibt hunderte attraktive, fette Süßigkeiten in den Läden, die auch noch speziell für Kinder beworben werden, während Obst und Gemüse teuer sind.
STANDARD: Wirklich? Ein saftiger Apfel kostet nicht die Welt, und man kann praktisch sofort reinbeißen.
Ardelt-Gattinger: Die intensiv beworbenen Süßigkeiten sind einfach attraktiver, gefährlich auch in der billigen Großpackung, und sie sind kräftig aromatisiert. Speziell Kinder brauchen daher attraktive Zubereitung: Mehr Sorten Obst zur Auswahl, geschnitten, als Obstsalat oder Fruchtbecher. Das ist teuer und arbeitsintensiv.
STANDARD: Heute befürwortet man für Adipöse das Prinzip "Health at any size", Gesundheit bei jedem Körperumfang. Aber kann ein Mensch mit 150 Kilo Gewicht überhaupt gesund leben?
Ardelt-Gattinger: Das ist in der Tat sehr schwierig. Man weiß jedoch, dass Menschen mit einem BMI zwischen 27 und 35 (Ab einem Body-Mass-Index von 25 gelten Menschen laut WHO als übergewichtig, Anm.), die sich gesund ernähren und sich regelmäßig bewegen, gesünder sein können als viele Normalgewichtige, die nicht auf ihren Lebensstil achten. Bei einem BMI ab 40 sind allerdings chirurgische Eingriffe wie Magenband oder Magen-Bypass die einzig sinnvolle dauerhafte Lösung. Nach unseren neuesten Forschungsergebnissen senken diese Maßnahmen die Sucht- und Essstörungswerte auf das Niveau von Normalgewichtigen. Auch Bewegungsmotivation und Ernährungsgewohnheiten verbessern sich signifikant. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.08.2011)
Elisabeth Ardelt-Gattinger, 1945 in Schladming geboren, spricht am Mittwoch im Rahmen des Universitätenforums in Alpbach zum Thema "Warum es so schwer ist, den Lebensstil zu ändern". Der Universitätentag widmet sich heuer den Entwicklungen heimischer Unis auf dem Gebiet Lebensmittel und Ernährung. Elisabeth Ardelt-Gattinger ist Expertin für Klinische Psychologie und Sozialpsychologie. Seit 1991 lehrt sie an der Universität Salzburg und bildet gemeinsam mit ihrem interdisziplinären Team der Obesity Academy Austria Fachleute für die Behandlung von Adipositas aus.
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www.obesity-academy.org