In Österreich ist der Änderungswille im Bildungsbereich seit Jahrzehnten in den ideologischen Zwingern von SPÖ und ÖVP eingesperrt
"Tempora mutantur, nos et mutamur in illis" steht als Motto auf dem Expertenbericht für einen Hochschulplan für Österreich. Das ist ein hehres historisches Wort, gelassen ausgesprochen, wenn man die "innerösterreichischen Befindlichkeiten", von denen Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle bei der Präsentation gesprochen hat, kennt. Der Satz besagt nämlich: "Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen." Oha. Ändern? Wir uns? Wo wir seit Jahrzehnten unsere bildungspolitischen Diskussionen mit einem kompakten, überschaubaren Wortschatz bestreiten? Studiengebühren. Zugangsbeschränkungen. Nein. Ja. Wie auch immer.
In Österreich ist der Änderungswille im Bildungsbereich seit Jahrzehnten in den ideologischen Zwingern von SPÖ und ÖVP eingesperrt. Ob ausgerechnet eine Schweizerin, ein Schweizer und ein Deutscher, die den Bericht verfasst haben, es schaffen, diese Zwinger aufzubrechen, wird sich zeigen. Jedenfalls ist das Problem wieder in der Hand der Österreicher. Sie müssen nur lesen und tun. Ja eh.
Nicht anders kann auch der Expertenbericht zum Hochschulplan gelesen werden. Ja eh. Nichts Neues unter der Sonne, was die international üblichen Instrumentarien zur Steuerung eines hochkomplexen Bereichs wie eines Hochschulsystems anlangt. Österreich muss nichts erfinden. Es muss nur endlich den Laden in Ordnung bringen, damit er wieder funktioniert.
Dazu gehören ein bisschen Ehrlichkeitszumutung und Mythenzertrümmerung. Die Idee des freien (de facto ungeregelten) Hochschulzugangs war und ist schön. Aber im Grunde hat er nur einen - der allein war ihn schon wert! - nachweisbaren Effekt gehabt: Die Zahl der Mädchen, die (wie ihre Brüder) an die Uni „durften", ist dadurch deutlich gestiegen. Aber von sozialer Durchmischung kann keine Rede sein, Studiengebühren hin oder her. Die universitäre Bastion ist bis heute für Kinder aus bildungsfernen, sozial schwachen Familien schwer einzunehmen.
Oder: Warum gerade bei den Universitäten das Naturgesetz der Endlichkeit von Kapazitäten quasi als fiktive und wenn, dann höchstens selbstregulierende Größe gilt, möge verstehen, wer kann. Jedes Sportstadion wäre längst polizeilich gesperrt worden, wenn es wie die Unis überfüllt wäre.
Diese alten Polit-Scheingefechte verhindern eine intelligente Reform. Dabei sollte gerade im Bildungsbereich der Vorsprung der geänderten Zeiten nie zu groß werden. (DER STANDARD; Printausgabe, 24.8.2011)