Sektion Acht

Die "non-guided Cruise Missiles" unter den Genossen

23. August 2011, 18:11

Junge rote Intellektuelle von der "Sektion 8" haben den Parteitagsbeschluss gegen das kleine Glücksspiel erwirkt

Wien - Wie jung die beiden sind, merkt man an Nebensächlichkeiten. Etwa daran, dass Eva Maltschnig (24) mit einem Schulterzucken meint, irgendwann würden sie "schon auch Geld und ein Büro" brauchen. Oder daran, dass Nikolaus "Niki" Kowall (28) referiert, dass schon in den 80er-Jahren "richtig fett" über die Probleme staatlichen Bürokratismus debattiert worden sei. Ansonsten: erwachsene Argumentation durch und durch, Ernsthaftigkeit und inhaltliche Tiefe, dass man meint, mit Uni-Dekanen in jugendlichem Outfit zu parlieren.

Dabei gelten Kowall und Maltschnig als wilde Revolutionäre. Okay, in der SPÖ - aber immerhin. Die beiden WU-Doktoranden haben den Landesparteitag der Wiener SPÖ im Mai "umgedreht" . In einer Kampfabstimmung hatten die Genossen beschlossen, dass sie das "Kleine Glücksspiel" in Wien verbieten wollen. Kowall hatte den Funktionären klargemacht, "dass Automaten Existenzen ruinieren" - und dass sie, die Genossen, daran quasi mitschuldig wären. Zwei Stunden lang wurde gestritten, die Parteitagsregie ging flöten. Die jungen Leute galten kurzfristig in den roten Reihen als Helden, "wildfremde Leute haben uns gratuliert" , sagt Maltschnig.

Doch die Wurzel hat ihre Revolution ohne das Gras gemacht: Ganz oben im Wiener Rathaus hat man gar nicht die Absicht, auf 55 Millionen Euro Steuergeld pro Jahr zu verzichten.

Dieser Verrat der Parteispitze an der Basis motiviert die beiden und ihre Mitstreiter von der Intellektuellen-Sektion 8 (insgesamt 180 an der Zahl) höchstens, ihr Ziel weiter zu verfolgen. Ist doch die Reaktion des Rathauses auf den Wunsch der Basis-Funktionäre nur ein weiteres Indiz für die innere Krise der Sozialdemokratie, die sie festgestellt haben und bekämpfen wollen. Weitere Schwäche-Symptome im roten Parteikörper orten sie vor allem in einer ihrer Meinung nach verfehlten Wirtschafts- und Steuerpolitik sowie in der Asylpolitik, "die ist eine Katastrophe" , sagt Maltschnig.

"Geschlossenheitswahn"

Man kritisiert den "Geschlossenheitswahn" in der SPÖ, der die Nicht-Auseinandersetzung über Inhalte zur Folge habe. Das führe "schnurstracks in die Entpolitisierung und die Entwicklung einer Kommandostruktur innerhalb der Partei" (Kowall).

Die Sektion 8 ist, für die Parteioberen lästig genug, ökonomisch unabhängig, man arbeitet ehrenamtlich, erhält sich von Mitgliedsbeiträgen und "Festln" . Seit drei Jahren gibt es sogar eine Gegenveranstaltung zum konservativ geprägten Forum Alpbach namens "Momentum" : Vier Tage zieht man sich jeden September nach Hallstatt zurück, um über Programmatisches zu diskutieren. Etwa über die Schaffung einer "solidarischen Ökonomie" , die Notwendigkeit "globaler, leistungsunabhängiger, sozialer Menschenrechte" , die Vision einer "Vereinigung Europas als Sozialunion" . Aber auch über die längst notwendige Öffnung der Partei oder die Nutzung digitaler Medien sowie besserer Vernetzung mit NGOs wie Attac. Die Sektion 8 will ein linker "Thinktank" sein: akademisch präziser als die Gewerkschaft und weniger behäbig als die Arbeiterkammer. Dennoch ignoriert die Partei-Elite die Elite-Denker hartnäckig.

Genauso wie es Alfred Gusenbauer getan hat. Der Ex-Kanzler, oder vielmehr sein Koalitionspakt mit der ÖVP, war der Grund dafür, dass der Volkswirt Kowall mit ein paar Freunden die Sektion 8 gegründet hat. Gusenbauer habe "Verrat" begangen, werfen ihm die Jungen vor. Maltschnig, die damals noch beim VSStÖ war, erinnert sich: "Er ist zu uns gekommen und hat uns glatt belogen. Er sagte, er habe alles durchbekommen, auch die Sache mit den Studiengebühren." Dem war nicht so. Der teils als präpotent empfundene Umgang Gusenbauers mit der Kritik der Studierenden war die Geburtsstunde der Sektion 8.

"Von der Partei Gnaden"

Damals wie heute werden die jungen Partei-Intellektuellen offiziell von der SPÖ-Führung geschnitten. Ob Werner Faymann jemals in der Sektion 8 war? Lächeln und Kopfschütteln. Oder Laura Rudas? Nur Kopfschütteln. Leute wie Rudas oder Niko Pelinka sind in der Sektion 8 ohnehin kein Faktor: "Das sind Menschen, die Karriere von der Partei Gnaden gemacht haben" , sagt Kowall. Dass genau solche Leute in der SPÖ vorankommen, sei ärgerlich, "aber auch nur ein Zeichen der Entpolitisierung der Partei, die schleunigst aufhören muss" (Maltschnig). Ob sie Angst haben, selbst von der Partei einverleibt zu werden, wie einst der lästige junge Kritiker Josef Cap? Kowall und Maltschnig lachen laut: "Nein, bestimmt nicht. Das trauen sie sich nicht, sie halten uns für die ,non-guided Cruise Missiles‘ der SPÖ."(Petra Stuiber, DER STANDARD; Printausgabe, 24.8.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 30
1 2
Barbara Schett
10
25.8.2011, 13:24

Das wird die SPÖ-Parteispitze in ihre eingehende Analyse der nächsten Wahlniederlage sicher alles gerne einfließen lassen. ;-)

Super Saubär
22
25.8.2011, 06:54
Ob Werner Faymann jemals in der Sektion 8 war? Lächeln und Kopfschütteln. Oder Laura Rudas? Nur Kopfschütteln.

In der Sektion 8 sind INTELLEKTUELLE !

Warum sollte man die Genannten also dort antreffen?

frauauswien
211
24.8.2011, 12:31

also meine bewunderung hat die sektion 8 und wenn sie sich abspalten sollte, wahrscheinlich auch meine wählerstimme.

Gobi Todic
27
24.8.2011, 12:07
Kowall for Bundeskanzler

Er taugt mir sehr. Faymann Rudas und Niko-Boy weg, Kowall rein.

freundschaft.

Briefmarkenkleber
91
24.8.2011, 11:42
Spaltpilz

Auf Grüner Payroll.

Heinz Anderle
 
10
25.8.2011, 20:29
Eher zuviel Teppichbodenleim mit Lösungsmittel...

... geschnüffelt.

(Billiger als Spielsucht jedenfalls.)

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

Tom93
20
24.8.2011, 12:25
die mehrheit des spö-landesparteitages...

...besteht also aus spaltpilzen auf grüner payroll? denn k. sagt ja auch nichts, was nicht von einer mehrheit in der wr. spö auch so gesehen wird, wie wir am landesparteitag gesehen haben. alles verräter?

Briefmarkenkleber
22
25.8.2011, 11:00

Die Mehrheit - war nicht im Saal.

Tom93
10
25.8.2011, 22:18
demokratie lernen

na und ob! außerdem: mehrheit der abstimmenden ist entscheidend. oder musst du erst die regeln der demokratie lernen?

Hugh G. Rection
103
24.8.2011, 08:18
Bei den Festln

bleibt offensichtlich auch a Geld für Werbeeinschaltungen im Standard übrig.

Ent-täuscher
27
24.8.2011, 09:31
Seit wann sind denn Standard-Berichte im Bemühen um Objektivität geschrieben?

Abgesehen davon: Solche kritischen Persönlichkeiten können einem wirklich sympathisch sein, ich verstehe Frau Stuiber (diesbezüglich)

Hugh G. Rection
64
24.8.2011, 09:55
D'accord

Die Frage die sich mir stellt, ist halt ob die Sektion 8 wirklich so allein in der österreichischen Politiklandschaft dasteht, dass sie dermaßen hier gehypt werden und eine Lobhudelei die nächste jagt.

Tom93
22
24.8.2011, 10:56
für journalisten ist das eh schon phänomenal...

...dass sie draufkommen, dass es nicht nur laura, häupl, faymann und ihre pressesprecher gibt in der spö. das ist eh schon rekord! jetzt noch verlangen, dass sie wen anderen interviewen als kowall ist ja wohl echt zu viel verlangt! alles schön nach dem anderen, in ein paar jahren vielleicht! bis dahin...kowall.

Heinz Anderle
 
18
24.8.2011, 06:34
Ich wähne mich in der Fortsetzung der Arbeitersaga,...

... wie sie sich Peter Turrini, Rudi Palla und Dieter Berner vor 25 Jahren wohl nie vorzustellen gewagt hätten. Gegen die heutigen Zustände der Partei scheint selbst die legendäre "Müllomania" noch erträglich.

In der noch zu schreibenden fünften Folge, "Der Aufstand", liegt die Politik tief verstrickt im Netz und in der Hand der ehrenwertesten Männer - ein Netz, das die in der Politik Gescheiterten auffängt, und eine Hand, die diese ja nur nicht zu beißen trachten.

Aber eine Handvoll Idealisten hinterfragt diese Korrumpierung der Grundsätze. Auf dem Parteitag kommt es zum Aufstand.

Ich wünsche Euch ein herzliches "Glück auf!"

Freundschaft!

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

Einer neuer Nick, um jeden Preis!
38
23.8.2011, 23:46

Es gibt noch Hoffnung ... wenn es auch nur ein Funzerl ist.

Jan Sommer
80
24.8.2011, 12:01
Billigster, verantwortungsloser Populismus - eine Hoffnung ??

Sehr arm.
js

Einer neuer Nick, um jeden Preis!
02
24.8.2011, 12:29

Sie stützen Ihre Hoffnung auf Politiker wie Faymann und Spindelegger, die den Stillstand verwalten und schaun, dass alles seine Ordnung hat?

Das ist arm.

Jan Sommer
81
24.8.2011, 13:52
Überhaupt nicht, auch nur bestellte Hampelmänner.

Klar, "wäscht" da eine große Hand ganz offensichtlich schon länger erfolgreich viele kleinere - das wäre anzuprangeren.

Nur der Verbotsvorschlag löst gar keine Probleme sondern verschlimmert sie auch noch ausdrücklich.

Nicht als billigster Populismus ganz zynischer Art, mit dem man die besonders Ahnungslosen verarscht.

Ein paar Wichtigtuer versuchen sich halt zu profilieren
und wenigstens ein bisschen Aufmerksamkeit bekommen sie garantiert mit den üblichen Primitivthemen wie Rauschgift, Prostitution und Glücksspiel.
js

Tom93
10
24.8.2011, 14:41
kleines glückspiel verbieten löst sehr wohl probleme...

...und simas novomatic-gesteuerte "alternative", ist nur ein zeichen dafür, wie wichtig es wäre, den einfluss dieses glückspielkonzerns zu minimieren: denn offenbar ist der wr. sp-führungs-clique das wohlwollen von novomatic wichtiger, als die meinung der mehrheit der parteitagsdelegierten! unfassbar!

Jan Sommer
00
25.8.2011, 09:15
Dass der "Vorschlag" von der Novomatic selber nicht

Jan Sommer
00
25.8.2011, 09:41
Fortsetzung

....besser hätte geschrieben werden können wird von verschiedenen Seiten bestätigt.

Man müsste ihn halt in die Finger bekommen und einen besonders geheimgehaltenen 2. Vorschlag soll es ja laut APA auch noch geben.

Nur ein Verbot ist überhaupt keine Lösung, sondern schafft erst recht noch mehr Probleme.
js

Einer neuer Nick, um jeden Preis!
00
24.8.2011, 14:20
Ich kenne den Vorschlag nicht im Detail, mit Ihrer Argumentation gehen Sie aber der Glücksspielindustrie auf dem Leim.

Natürlich ist die Illegalität beim Glücksspiel problematisch. Noch problematischer ist aber die derzeit gegebene Situation, die den Zugang zu einarmigen Banditen sehr einfach macht. Dadurch hat sich die Suchtproblematik in den letzten Jahren potenziert und ist zu einem volksgesundheitlichen und -wirtschaftlichen Problem geworden, von den Auswirkungen für die Betroffenen und deren Familien ganz zu schweigen.

Meine Lösung wäre ein höherschwelliges legales Angebot, also sehr wenig Lizensen, eingeschränkte Öffnungszeiten, ein Limit bei den Einsätzen, strenge Kontrollen. Und ganz wichtig: Die Zweckbindung aller Steuereinnahmen daraus für Suchtprävention und -bekämpfung.

Der im Artikel genannte Vorstoß ist aber immerhin die zweitbeste Lösung.

Jan Sommer
00
25.8.2011, 09:37
Wenn man die meinungsbildenden Meldungen

zur angeblichen Potenzierung der Spielsucht hinterfragt, merkt man ganz schnell, dass die nur vorgeschoben sind, wie man sieht auch bei Ihnen sehr erfolgreich, um so novomaticfreundliche Vorschläge wie jetzt in Wien, zu rechtfertigen.

Ich hab mir das Buch zur Kalke Studie besorgt und dort ist schnell erkennbar, dass bei der Veröffentlichung (warum ?) mit falschen Angaben unglaublich übertrieben wurde.

Interessant ist, dass die Behauptungen des Automatenverbandes (http://automatenverband.at/index.php... -vn1_2010, Seite 3 + 4) angeblich bisher nicht seriös widerlegt wurden.

Wenn das stimmt was die da schreiben und da gibts etliche dort zitierte Indizien dazu, würde auch Ihre Lösung nur die Spieler aus dem regulierten Angeb

Einer neuer Nick, um jeden Preis!
00
25.8.2011, 10:53

Sie reden von bereits Süchtigen, denen hilft nur mehr eine Therapie.

Ich rede von Menschen, bevor sie erstmals Kontakt mit Automatenspiel hatten. Suchtverhalten ist erlerntes Verhalten, da muss man schon ein paar Mal am Automaten gestanden haben, dass die Suchtwirkung greift.

Sie werden doch nicht ernsthaft bezweifeln, dass die günstige Positionierung von Automaten an jeder Ecke ein Faktor ist, dass mehr Menschen dieser Sucht erliegen?

Tom93
04
23.8.2011, 23:30
schlecht recherchiert wie immer

MOMENTUM hat nichts mit der sektion 8 zu tun. im artikel wird der eindurck erweckt, als würde das von kowall&maltschnig veranstaltet werden. stimmt aber nicht. wieso schreiben journalisten eigentlich immer ungeprüft das in die zeitung, was der letzte gesprächspartner (in diesem fall offensichtlich kowall) ihnen gesagt hat? ist das journalismus?

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 30
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.