Österreicher empfinden starke soziale Ungerechtigkeit

23. August 2011, 13:03

90 Prozent der Befragten finden Ungleichheit zu groß - Vor allem in Kärnten wird Konflikt zwischen Arm und Reich wahrgenommen

Wien/Graz/Alpbach  - Österreicher sehen eine starke soziale Ungerechtigkeit in ihrem Land. Wie eine neue Studie des Instituts für Soziologie der Universität Graz zeigt, empfinden 90 Prozent der Befragten die Ungleichheit als zu groß - etwa was die Chancen auf eine gute Bildung, Krankenversorgung und ein angemessenes Einkommen betrifft. Drei von vier Österreichern (76 Prozent) meinen, der Staat müsse etwas tun, um diese Ungleichheit zu reduzieren. Die Wissenschafter haben im Rahmen des weltweit durchgeführten International Social Survey Programme (ISSP) in einer repräsentativen Umfrage 1.007 Österreicher interviewt.

Nach seinen Befunden und im Vergleich mit internationalen Studien seien Österreicher "durch eine sehr kritisch-egalitäre Grundhaltung gekennzeichnet", so der Soziologe Max Haller in seinem Resümee der Studie, die er gemeinsam mit Bernadette Müller durchgeführt hat. Zwei Drittel finden es ungerecht, wenn wohlhabende Eltern ihren Kindern eine bessere Ausbildung zukommen lassen können, 70 Prozent empfinden bessere medizinische Versorgung für Reiche als unfair.

Selbstwahrnehmung: "Leistungsgesellschaft"

Dabei nimmt nach Ansicht des Soziologen die Mehrheit der Befragten Österreich durchaus als "Leistungsgesellschaft" wahr. Als wichtigste Faktoren für das Vorwärtskommen im Leben werden gute Ausbildung, Ehrgeiz und harte Arbeit angesehen. Allerdings glauben 61 Prozent, es sei wichtig, "die richtigen Leute zu kennen", immerhin noch 38 Prozent glauben an politische Beziehungen und 30 Prozent an eine wohlhabende Herkunftsfamilie.

"Zufriedenheit und Unzufriedenheit entsteht aus dem Vergleich mit anderen sozialen Gruppen im eigenen Land und mit anderen Ländern", so Haller. In einer "medial vermittelten Konsum- und Wegwerfgesellschaft jeden Euro dreimal umdrehen zu müssen" könne als ebenso schmerzhaft empfunden werden, wie absolute Armut in einer Gesellschaft, in der sie fast alle betrifft. Nach Berufsgruppen zeigte sich in der Befragung, dass vor allem Landwirte (86 Prozent), aber auch Hilfsarbeiter und Beschäftigte in einfachen Dienstleistungsberufen ihr eigenes Einkommen häufig als ungerecht empfinden.

Die Wahrnehmung von Ungleichheit werde überdies stark von Politik und Öffentlichkeit bestimmt, resümieren die Forscher. "So hat ein Vierteljahrhundert polarisierender, rechtspopulistischer Politik in Kärnten deutliche Spuren hinterlassen": Während in ganz Österreich im Schnitt 32 Prozent einen Konflikt zwischen Arm und Reich, Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Arbeitern und Angestellten etc. sehen, seien es in Kärnten knapp 50 Prozent. An zweiter Stelle folgt die Steiermark mit 35 Prozent, am geringsten ist dieser Wert in Salzburg mit 17 Prozent. (APA)

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Interessant

Drei von vier Österreichern (76 Prozent) meinen, der Staat müsse etwas tun, um diese Ungleichheit zu reduzieren.
Hätt mich gewundert, wenn nicht nach "dem Staat" gerufen wird. Wie bei allen "Ungerechtigkeiten". Selber aktiv zu werden kommt offenbar nicht in Betracht - schade.

na hauptsache sie sind für die fpö und gegen

erhöhte Steuern auf Bestverdienende..

Österreich kann ja zeigen für was sie sind..bei der nächsten Wahl..aber da das Durchschnittswissen über das was hinter den Aussagen der Politiker steckt gleich 0 ist..seh ich schwarz

ja klar, kärnten, das ärmste bundesland, spricht am lautesten aus, dass die bundespolitik versagt, und die "rechtspopulisten" sind dran schuld.

und was ist mit den ganzen jungs und mädels, die zb am wiener naschmarkt ihre zeit verbringen? sind das auch "aufgerüttelte" rechtspopulisten? wohl kaum. aber sie spüren eben, dass österreich den jungen keine chancen mehr gibt bzw nicht mehr geben kann.

als ich das foto zu diesem bericht auf der startseite gesehen hab, dachte ich an ein interessanteres thema!

Privatvermögen hierzulande von 2000 bis 2010 um 42,75 Prozent gestiegen!

Ist leider eine Tatsache mit der immer größer werdenden sozialen Ungerechtigkeit. Siehe auch:
http://derstandard.at/131302501... forumstart
Zitat: "Das Privatvermögen sei hierzulande von 2000 bis 2010 um 42,75 Prozent gestiegen."
Währenddessen sind die Reallöhne gesunken.
Und das ganze ist nicht nur ungerecht, sondern ist in Wirklichkeit auch der Grund der Krise, die uns droht in den Abgrund zu reißen.

inflationsbereinigt?

aus anderem blickwinkel: wen mal erlebt, wieviel unglaublichen schwachsinn einem in diesen lande unterkommt, dann ist es mehr als gerecht, dass diese (buckler, tagediebe, abtaucher, sesselkleber, verhinderer, befehlsempfaenger, usw.), auch weniger bekommen, und auch nie was werden. grossartig subenvionieren sollte sich auch im rahmen halten.

Wovon schreiben sie?
Leider ist es so, dass die von ihnen genannten "buckler, tagediebe, abtaucher, sesselkleber, verhinderer, befehlsempfaenger" oft überdurchschnittlich viel verdienen und fähige z.B. im sozialen Bereich Tätige sehr wenig!

OK aber ...

... was ist mit Landwirtinnen?

Die Teilnehmer an der Befragung waren wohl noch nie woanders - jedenfalls nicht mit offenen Augen......

finden sie es unzulässig, missstände zu erwähnen, wenn zustände woanders katastrophaler sind?

Nein, finde ich nicht unzulässig, aber:

Man beachte auch zB die Überschrift "Österreicher EMPFINDEN starke soziale Ungerechtigkeit." Den Satz "empfinde" ich als sehr hintergründig. Etwas EMPFINDEN muß nicht einer Realität entsprechen, jedenfalls nicht einer tatsächlichen Wertigkeit. Da ich Länder mit real existierender Ungerechtigkeit kenne und aus eigener Anschauung erlebt habe, WEISS ich, dass in Ö. Gerechtigkeit zu wünschen übrig lässt, aber die Ungerechtigkeit WESENTLICH schwächer ausgeprägt ist als anderen Ortes. Das hab ich damit gemeint. Daher "empfinde" ich dieses Studienergebnis eher als Ausdruck institutionalisierten "Suderantentums" denn als Ausdruck eines realiter veränderbaren Mißstandes.

Den Wert einer Sache erkennt man an deren Fehlen. LaoZi
MfG

Gute Frage. Ich kenn jemanden der sich mit "anderen gehts noch viel schlimmer" in den Ruin getrieben hat, was soll auch sonst von so einem Scheiß kommen.

unnötig

und was wollens damit jetzt genau sagen??

sei froh dass du in österreich nicht abgeknallt wirst?
sei froh das du nicht verhungerst?

ein äusserst schwacher trost

Natürlich

weil es die Damen und Herren von den linken Parteien ständig vorplappern, denn begründen braucht man das ja nicht. Abgesehen davon ist die Phrase "soziale (Un-) Gerechtigkeit" ein Oxymoron, denn entweder etwas ist "sozial" oder es ist gerecht. Denn was sollte denn daran gerecht sein, wenn ein besserverdienender Rechtsanwalt die Hälfte seines Lohns dem Staat abgibt, und so mancher faule Arbeitslose nicht nur nichts beiträgt, sondern auch noch Leistungen vom Staat abkassiert.

Ein Rechtsanwalt verdient auch nach Abgabe von Steuern um vieles mehr als z.B. im Sozialbereich Tätige.
Alleinerzieherinnnen leben oft unter dier Armutsgrenze, obwohl sie einen wichtigeren Beitrag für die Gesellschaft leisten als so mancher Rechtsanwalt.
Und Arbeitslosen Faulheit vorzuwerfen, wenn es nicht genug Arbeitsplätze für alle gibt, ist schlicht gesagt eine Dummheit.

Es in Österreich zu etwas bringen ist mittlerweile nahezu unmöglich.
Warum?
Weil jeder Darmwind umverteilt und zusätzlich mit Sozialversicherungsabgaben belegt wird.

Wer reich werden will, sollte das im Ausland tun. Jedes Entwicklungsland ist dafür 100x besser geeignet.

Also unter diesen Rahmenbedingungen noch von sozialer Ungerechtigkeit zu sprechen ist schlicht eine Frechheit.

Es wird wohl jeder Darmwind umverteilt - und ein Gutteil davon zu solchen, die´s echt nicht brauchen - weil ganz oben zu viel unangetastet bleibt. Wenn sich die lautstark gegen Erbschaftssteuern etc. wehren, die dadurch entlastet würden, wird sich die Lage noch verschärfen. Da schaffen es ein paar sehr gut, die Massen vor ihren Karren zu spannen. Wenn von den ganz großen Beträgen ein kleiner Teil ins Budget flöße, könnten breite Schichten relativ stark entlastet werden. Die, die arbeiten nämlich. Die´s zu was bringen wollen. Sie vielleicht.

Das Argument mit der "relativ starken Entlastung breiter Schichten" bringt mich immer wieder zum Lachen. Wenn Sie aufmerksam politische Beiträge dazu lesen, werden Sie merken, dass es schon viele Ideen gibt, wie man die Einnahmen aus den tollen neuen Steuern wieder verbraten möchte.

Die Entlastung der Bürger habe ich dabei - abseits des Populismus und der Theorie - noch nicht wieder gefunden.

das nennt man selektive wahrnehmung. sie sehen und hören das was ihrer meinung entspricht. den rest verwerfens und sagen "das geht ja nicht" dazu.
wundern sie sich also nicht.

so solls auch sein...

genau das ist der Sinn der Sozialversicherung.

Mir kommen die Tränen.

Bildung ist so ungerecht verteilt?! Wie ich das letzte Mal nachgeschaut hab, waren sämtliche Schuljahre gratis zu haben.

76% mögen dafür sein, dass der Staat die Ungleichheit reduziert,

aber wenn's um konkrete Maßnahmen dafür geht, hecheln sie doch wieder der blind der Kronen-Zeitungs-Gehirnwäsche hinterher und

- fühlen sich bedroht von einer Vermögenssteuer, die sie nicht betreffen würde,
- sind gegen eine Erbschaftssteuer, obwohl sie nie was erben werden
- und verteidigen mit Zähnen und Klauen ein Bankgeheimnis, das ihnen schadet und nur den Allerreichsten nützt, die von Kapitaleinkommen leben und damit Steuerbetrug begehen.

Leider reicht's in Ö noch nicht für mehr als vages Geraunze. Echte politisch-ökonom. Aufklärung gegen den neoliberalen Mainstream leisten leider weder Medien noch Parteien bzw. sie kommt in den Köpfen noch nicht so an, dass die Leute auch anders wählen oder sich an Kampagnen beteiligen würden.

Richtig. Das liegt an jahrhundertelanger Sozialisierung als Untertanen und dem gleichzeitigen Schwingen der katholischen Monstranz. Dieses Land war sogar für eine echte Revolution zu feig.
Danach die zwar für den sozialen Frieden erfolgreiche, aber für die Entwicklung einer bürgerlichen Gesellschaft hemmende Sozialpartnerschaft und seit den 80ern irgendwelche Langeweiler an der Regierungsspitze, die erfolgreich allen verkaufen, dass sich eh nix ändern wird.
Wann gabs in der 2. Republik eigentlich den letzten ernstzunehmenden Streik ?

Elender Zwergerlstaat.

Das wir in einer "Leistungsgesellschaft" leben ist klassischer Selbstbetrug. Das Steuersystem ist dergestalt dass nur 7 % der Millionäre in Ö ihr Geld SELBST erarbeitet haben - 93 % der Millionäre haben es GEERBT.

Auch wenn Erben per se nicht verwerflich ist, in einer Leistungsgesellschaft müssten die Prozentsätze umgekehrt sein.

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