Nabelschau der Konservativen

Späte Einsicht

Gastkommentar | 23. August 2011, 11:32

Sieben Transformationsvorschläge als umfassende Alternativen zu unserem Wirtschaftssystem - Von David Walch

"Wir sind nicht hier, um zu sagen: Wir haben es euch ja gesagt." Susan George, Ehrenpräsidentin Attac Frankreich

Die mediale Aufregung um die späte "Einsicht" bürgerlich-konservativer "Opinion-Leader" Schirrmacher oder Moore ist bemerkenswert. Mag diesen "Seitenwechsel" alter Männer spannend finden, wer will - ihre inhaltliche Analyse löst jedenfalls nicht mehr als ein kurzes Gähnen aus. Die interessantere Frage, ob wir es nun mit einem Sinneswandel der politischen Eliten zu tun bekommen werden, ist schnell abgehakt: Beteiligung der Vermögenden an den Krisenkosten? Zerteilung systemrelevanter Banken? Schließung des Finanzcasinos? Dreimal Fehlanzeige.

Fakt ist: Unser derzeitiges Produktions- und Konsummodell stößt nicht nur sozial sondern auch an ökologisch an seine Grenzen. Die ungleiche Vermögensverteilung führt zu einer steigenden Konzentration von wirtschaftlicher Macht in den Händen einer kleinen Elite und Verflechtungen dieser Elite mit der Politik führen zu einer umfassenden Entdemokratisierung. 

Die entscheidende Frage ist daher nicht, wer das Offensichtliche sehen wollte, sondern wie eine Transformation unseres Produktions- und Konsummodells aussehen muss, um heutigen UND zukünftigen Generationen ein gutes Leben zu ermöglichen. Es geht nicht darum, in Gedankenspielen ein Wirtschaftsmodell durch ein anderes zu ersetzen. Sowohl politischer Druck für Veränderung "von oben" als auch die soziale Kraft der gelebten Alternativen "von unten" sind für folgende sieben Transformationsvorschläge nötig.

Transformation des Finanzsystems

Kurzfristig gilt es das Finanzcasino zu schließen und die Macht des Finanzsektors zu brechen: Systemrelevante Banken zerteilen, Steueroasen schließen, Finanzprodukte einer Genehmigungspflicht unterwerfen, Finanztransaktionssteuer sowie Vermögens- und Kapitaleinkommenssteuern einführen. Langfristig ist ein alternatives Finanzsystem mit einem demokratischen und nicht gewinn- sondern gemeinwohlorientierten Bankensystem nötig. Wesentliche gesellschaftliche Bereiche - etwa die Altersvorsorge oder die Preisbildung von Rohstoffen (Lebensmittel!) oder Wechselkursen - müssen außerhalb von Finanzmärkten organisiert werden.

Eine Wirtschaft der kurzen Wege

Es ist weder sozial noch ökologisch sinnvoll dort zu produzieren, wo niedrigere Löhne, Umwelt- oder Sozialstandards die Profite einiger weniger maximieren. Schmiermittel dieses Systems ist billige (fossile) Energie und billiger Transport. Um regionale Wirtschaftskreisläufe zu stärken sind ökologische und soziale Kostenwahrheit ebenso nötig wie gerechte globale Handels- und Investitionsregeln, die sich an den Menschenrechten orientieren.

Ernährungssouveränität

Die Industrialisierung der Landwirtschaft und ein globaler Freihandels-Agrarmarkt sind wesentliche Ursachen für mehr als eine Milliarde hungernde Menschen, für zerstörte bäuerliche Betriebe, übernutzte Ressourcen und enorme Markt- und Machtkonzentration bei Konzernen. Weltweit kämpfen daher soziale Bewegungen für "Ernährungssouveränität". Sie beinhaltet das Recht von Menschen Lebensmittel- und Agrarpolitiken und damit die Art und Weise der Produktion, Verteilung und des Konsumierens von Lebensmitteln selbst zu bestimmen. Bäuerliche und ökologische Landwirtschaft sowie lokaler und regionaler (kontinentaler) Handel spielen dabei eine zentrale Rolle. (Siehe ganz aktuell: http://www.nyelenieurope.net/)

Energiesouveränität

Unser Wohlstand basiert auf der Ausbeutung und Nutzung der Energieressourcen der Länder des globalen Südens. Eine ökologisch nachhaltige und sozial gerechte Energieversorgung erfordert daher nicht nur massive öffentliche Investitionen sondern auch eine Dezentralisierung und Demokratisierung von Verteilungsstrukturen sowie das Recht von Menschen, die Kontrolle über die Produktion und Verteilung von Energie auszuüben.

Gemeinsam nutzen was allen gehört

In den vergangenen Jahrzehnten wurden immer mehr Bereiche, die zuvor öffentlich organisiert waren, mittels Liberalisierung und Privatisierung der Marktlogik untergeordnet. Das verschlechtert die Lebensqualität und verringert Teilhabechancen. Natürliche, soziale und kulturelle Gemeingüter ("Commons") wie Wasser, Rohstoffe, Land, Wissen sind jedoch die Voraussetzung für jede funktionierende Gesellschaft. Gemeinschaftliche Regeln ermöglichen, dass natürliche Ressourcen nicht übernutzt und kulturelle und soziale Gemeingüter erhalten werden. Sie sind eine Alternative zur Wachstumsökonomie.

Menschengerechte Arbeit

Während mehr als die Hälfte aller Arbeitsstunden unbezahlt bleibt und mehrheitlich von Frauen geleistet wird, ist existenzsichernde Erwerbsarbeit immer weniger zugänglich. Sie wird in der konkurrenz- und profitorientierten Marktwirtschaft als Ware gehandelt und als Kostenfaktor gesehen. Wer woran und unter welchen Bedingungen arbeitet, muss sich in Zukunft an den Bedürfnissen - etwa nach existenzsichernder, erfüllender, selbst- und gemeinschaftlich bestimmter Arbeit - orientieren. 

Umfassende Demokratisierung (last but not least)

Politische Entscheidungen werden zunehmend weit entfernt von den Einflussmöglichkeiten vieler Menschen auf supranationaler Ebene gefällt. Demokratie reduziert sich weitgehend auf das Wählen von Parteien oder BerufspolitikerInnen. Umfassende Demokratisierung reicht jedoch von Mitbestimmung beispielsweise bei Wohnprojekten, in der Schule oder am Arbeitsplatz bis hin zu öffentlichen Aufgaben und Dienstleistungen wie Verkehrsorganisation, Raumplanung, Sozialgesetzgebung oder zu einem öffentlichen Budget. 

Heute stehen wir alle vor der Herausforderung uns in diese Transformation einzubringen, und Ansätze für umfassende Alternativen zu unserem Wirtschaftssystem zu entwickeln. Mit der Nabelschau der Konservativen sowie rückwärtsgewandten Konzepten und Dichotomien sollten wir uns nicht lange aufhalten. (David Walch, derStandard.at, 23.8.2011)

Autor

David Walch arbeitet bei Attac Österreich.

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Posting 1 bis 25 von 46
1 2
styx12
30
24.8.2011, 09:00

Schöne neue Welt. Nur wird die ohne Diktatur und Gewalt nicht umzusetzen sein. Wer lässt sich schon gerne etwas wegnehmen?

Eine Kolletivierung von Gütern, von den Banken über Energieversorger bis hin zu Land, Ressourcen und Arbeit wird nur mit Gewalt gehen. Eine Diktatur des Kollektivs, sozusagen.

rm -R *
00
24.8.2011, 11:31
Ihre Sichtweise ist zwar verständlich, ...

... aber auch einseitig.
Es gäbe auch noch eine andere Möglichkeit, die genannten Dinge zu realisieren: auf Basis von Aufklärung und Einsicht.
Umso mehr die Menschen die negativen Konsequenzen des derzeitigen Systems zu spüren bekommen, desto eher sind sie für vernunftbasierte Veränderungen offen.

Shanajio
00
24.8.2011, 15:50

Gestern war zu einem ähnlichen Thema der Link zu einem guten Vortrag, daraus ein Zitat: Die Bakterien in einer Flasche kommen erst 1 Minute vor 12 drauf, dass sie in einer Minute zuwenig Platz haben.

witherabbitt
 
01
24.8.2011, 01:31

Die Verflechtung von Finanzelite und Politik (Staatskapitalismus) wie die dezentralisierte Planungswirtschaft im monetären Bereich durch automatisierten Handeln nach Computer-Modellen nähert dieses System immer mehr der UdSSR an, und wird genau so scheitern.

Mary Nosch
03
24.8.2011, 01:17
Transparenz und Kontrolle

sind unabdingbare Voraussetzungen für eine Demokratie. Das bedeutet einen freien Zugang zu so gut wie allen Daten des Öffentichen Sektors und einen unabhängigen Journalismus, der nicht von Parteien oder - in der Regel industriellen - Anzeigenkunden diktiert werden kann.
Das wäre ein Volksbegehren wert; was meinen Sie?

Isegrim1
00
24.8.2011, 01:01
Menschengerechte Arbeit

Also abgesehen von den Arbeitern die wirklich nach Jahrzehnten ausgepumpt sind, gibt es sowas wie die unmenschliche Arbeit heute eh nimmer. Naja natürlich wenn man schon jammert weil ein bißchen heißer, ein bißchen anstrengender ist der sollte mal zurück schauen was früher wirklich hart und unmenschlich hieß.

bloody-nine
 
00
24.8.2011, 12:04
ja bei uns vielleicht nicht (mehr)

in china, kambodscha, bangla desh.....sind solche produktionsbedingungen alltag.

genau DESWEGEN ist das zeug ja so billig und wir so "reich" weil wir uns so viele plastiksachen leisten können...

Isegrim1
13
24.8.2011, 00:55
Wieso will Attac eine Diktatur?

Diese Forderugnen führen zu einer absoluten Einschränkung der Selbstverantwortung und wirtschaftlichen Freiheit des Einzelnen.
Demokratisierung: Gibt es in der Raumplanung schon, wers nicht wahrnimmt ist selbst schuld. Jeder kann Bürgerinitativen udn Petitionen für solche Themen einreichen.
Wieso soll Arbeit demokratisiert werden? Stimmen jetzt dann jeden Tag die Angestellten darüber ab zu arbeiten, Urlaub zu nehmen oder wegen Hitze nach Hause zu gehen? Welcher Unternehmer tut sich das an? Bei Wohnprojekten mitbestimmung? Schon mal was von Bauverfahren gehört? Öffentlich subjektive Rechte? Oder soll die Nachbarschaft jetzt bestimmen dürfen wie der private Bauträger, bzw. Eigentümer sein Haus bauen soll (wenn überhaupt)?

Sissi Bussi
00
25.8.2011, 09:34
Beispiel zum Thema Wohnen

gibt es hier:
http://www.wohnprojekt-wien.at/

Sie planen ein Gebäude mit 40 bis 45 Wohneinheiten, die von Anfang an mit den künftigen BewohnerInnen zusammen entwickelt werden und unterschiedliche Wohnweisen erlauben.

Hermine Berg
 
02
23.8.2011, 23:20
ich wuerde gern

bei der naechsten wahl eine partei dieser weltanschauung waehlen. wo ist sie nur? ich kann mir nicht vorstellen, dass ich die einzige waere.

watzlilaus "walmoerder" wondratschek
 
00
24.8.2011, 09:24
Gibt es leider hier nicht in nennenswertem Umfang.

n Nordkorea ist es etwas anderes. Im wesentlichen ist es die dortige Staatsideologie des Juche.

Isegrim1
20
24.8.2011, 00:49

Wenn Sie eine Diktatur wollen wählen Sie die bei solchen Forderugnen stellen sich mir die Nackenhaare auf.

Fraho
20
24.8.2011, 06:09
so soll es auch sein-.....

...denn die Kapitalisten müssen einmal erkennen, dass die Schere zwischen arm und reich nicht vergrößert, sondern verkleinert werden muss!

Isegrim1
00
12.9.2011, 09:13
Warum?

Außerdem verkleinert wird die Schere nur, wenn die Leute ökonomische Bildung erlangen und selbstverantwortlich mit ihrem Geld umgehen können.

www.banken-volksbegehren.at
00
24.8.2011, 00:26
Wenn Ihnen diese Anschauungen zusagen, dann ...

... könne Sie dafür aktiv werden. Entsprechende Bewegungen gibt es. Bürger sein kann auch mehr heißen, als nur zu wählen.

"Sobald einer bei den Staatsangelegenheiten sagt: Was geht's mich an?, muss man damit rechnen, dass der Staat verloren ist." (Jean-Jacques Rousseau, Gesellschaftsvertag)

Ruben Weil
00
23.8.2011, 22:43
Immer diese Panikmache!

Finanzsystem nach dem Geldschöpfungsprinzip werden eben alle 50 bis 80 Jahre neu gestartet und dann läuft alles wieder wie geschmiert. Wozu über grosse Veränderungen nachdenken? Zins und Zinseszinssysteme sind eben immer noch der beste Absatz mit dem Staaten ihre Bevölkerung in Schwung bringen kann. Sonst arbeitet doch niemand freiwillig so hart oder?

www.banken-volksbegehren.at
01
24.8.2011, 00:19
So manche Leser werden ...

... die Satire in Ihrem Posting nicht erkennen.

santa fe
 
00
23.8.2011, 22:14

attac österreich steht entschieden zur forderung nach dem

BEDINGUNGSLOSEN GRUNDEINKOMMEN.

manto bamminger
00
23.8.2011, 21:46
ich denke

eine phase der friedlichen anarchie, also eines geplanten zulassen eines quasi rechtsfreihen raumes, in dem quasi nur mehr menschenrechte mit staatlicher gewalt durchgesetzt werden,
uns viel kopfzerbrechen ersparen könnte.
Natürlich sollte das ganze recht global geschehen.
Vielleicht würde sich dadurch vieles von selber regeln, da wir trotzallem noch immer lebewesen dieses planteten sind, und allen lebewesen die naturgesetzte, die zu einem gutem leben führen, bekannt sind.

Nicht der weisheit letzter schluß, aber ich finde doch ein interessanter gedanke

witherabbitt
 
00
24.8.2011, 01:26

Genau das gibt es schon, und zwar im radikalen Neoliberalismus. Empfehle dazu Rothbard, ein Schüler von Ludwig von Mises. Nachteil: Dieser Anarchismus ist radikaler Kapitalismus ist ist nur für die reichen möglich.

manto bamminger
00
24.8.2011, 11:15
aber

wenn der kapitalmarkt zusammenbricht, gibts keine kapitalisten mehr.
man müsste ihn halt komplett zusammenbrechen lassen.

witherabbitt
 
00
24.8.2011, 18:19

Wenn der Kapitalmarkt zusammenbricht, sind die einzigen, denen das egal sein kann, die wenigen Superreichen.

manto bamminger
00
25.8.2011, 21:28
ja aber nur wennsie eine privatarmee haben

kapital existiert nicht mehr, wie ausser durch gewalt willst du eine landverteilung verhindern???

flotter denker
40
23.8.2011, 19:24
All das brauchen wir ganz sicher NICHT

Wir brauchen tatsaechlich eine Stabilisierung des Finanzsystems. Und ansonsten bin ich heilfroh, dass die Politiker eben NICHT einfach so ueber den Finanzmarkt bestimmen koennen und dieser ihnen immer wieder die Grenzen ihrer Gier nach der Verteilung fremden Geldes aufzeigt

tyrol_dude
00
24.8.2011, 07:35

das fremde geld, von dem sie sprechen wird von den arbeitnehmern unten verdient und oben verzockt, die staaten springen ein und die arbeitnehmer unten können dann das geld noch einmal verdienen.

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