Tödliche Infusion

  • Die Tropfkammer des Infusionsbesteckes muss bis zur Hälfte befüllt werden.
Michael Bührke/www.pixelio.de
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    Die Tropfkammer des Infusionsbesteckes muss bis zur Hälfte befüllt werden.

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Die Angst vor einer tödlichen Luftembolie infolge einer Infusion st groß, das Risiko aber klein

Einstichdorn in die Gummikappe der Infusionsflasche stechen. Infusionsflasche hochhalten, Belüftung öffnen und Tropfkammer bis zur Hälfte fluten. Schlauchklemme aufmachen und den luftleeren Infusionsschlauch vollständig befüllen. Schlauchklemme schließen, Infusion auf Ständer hängen und den Schlauch mit dem peripheren Katheter verbinden. 

Für medizinisches Personal ist das Vorbereiten und Anschließen von Infusionen reine Routine. In Kriminalromanen werden Infusionen gerne als todbringende Waffen eingesetzt. Die Opfer sterben qualvoll. Die Ursache: Infundierte Luft.

Die Menge muss stimmen

„Im Krankenhausalltag spielt die Luftembolie als Komplikation einer Infusionstherapie so gut wie keine Rolle", weiß Michael Sasse, Intensivmediziner und Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde an der Medizinischen Hochschule in Hannover und erzählt dass er selbst in zwanzig Jahren Intensivmedizin nur ein einziges Mal mit genau dieser Situation konfrontiert war. 

Das Risiko ist also gering, aber es existiert. Vorausgesetzt die Menge stimmt. „Man schätzt dass es ab 20 ml infundierter Luftmenge für einen Erwachsenen akut lebensgefährlich wird", betont Sasse. In Lehrbüchern ist teilweise erst bei 150 ml von einem letalen Ausgang die Rede. 

Wer schon mal eine 20ml Spritze gesehen hat, bekommt eine Ahnung davon um wie viel Luft es sich dabei handeln könnte. Handelsübliche Infusionsbestecke von 150 cm Schlauchlänge fassen übrigens nicht viel mehr als 10ml Infusionslösung, sprich selbst ein vollkommen luftgefüllter Infusionsschlauch ist für die Patienten kein echtes Problem. Und ein paar kleine Luftblasen sind es erst recht nicht.

Zyanose und Infarkt

Kommt es nun aber tatsächlich zum Schlimmsten und mehr als 20 ml Luft geraten in eine Vene hinein, dann spielt sich im Detail folgendes ab: Die Luft dringt vor in die rechten Herzabschnitte, vermischt sich dort mit dem Blut, schäumt es auf, sodass es nicht mehr weiter in die Lunge gepumpt werden kann. Eine Anreicherung mit Sauerstoff findet nicht mehr statt und der Patient gerät in ein Sauerstoffdefizit. Deutlich sichtbar wird dieser Zustand an seiner Haut, den Mundschleimhäuten und Lippen. Sie verfärben sich blau. Der Kreislauf bricht zusammen. 

Luft in Arterien bringt nicht minder dramatische Folgen mit sich. Es kommt zu einem akuten Infarktgeschehen. Das bedeutet: Die Luft blockiert das Gefäß, das Blut findet keinen Weg mehr durch die Arterie und das Gewebe hinter dem Hindernis geht zu Grunde. 

„Ein gewisses Risiko für so eine tragische Situation besteht bei Bypassoperationen am Herzen, nach der Abkoppelung von der Herz-Lungen-Maschine", erzählt der pädiatrische Intensivmediziner. Eine Herz-Lungen-Maschine übernimmt für den Zeitraum des operativen Eingriffes die Funktion von Herz und Lunge. Wird der Patient von der Maschine abgekoppelt, dann fließt das Blut in das neue gelegte Gefäßteil hinein. Wurde dieses zuvor nicht ausreichend entlüftet, dann wird die Luft aus dem Bypass in die Herzkranzarterie hineingepresst und bleibt dort stecken. Die Luft wird zum Embolus, verschließt das Gefäß und führt zum erwähnten Infarkt.

Versuchsweise Lagerungstherapie

Egal ob Vene oder Arterie, in beiden Fällen ist ein zu viel an Luft lebensgefährlich. Nicht zuletzt deshalb, weil sie nur schwer wieder rauszubringen ist. „Besteht der Verdacht einer Luftembolie, dann gelingt es mit einer Lagerungstherapie manchmal die Luft so umzuschichten, dass Blut an der Luft vorbeifließen kann", erklärt Sasse. Eine versuchsweise Kopftief-Linksseitenlage des Patienten kanndie Situation unter Umständen verbessern: „Im Prinzip muss man die Luft unmittelbar aus dem rechten Herz wieder herausholen, beispielsweise über einen zentralen Venenkatheter, der direkt vor Ort gelegt wird", so der Experte. 

Eine diffizile Angelegenheit, die jedoch selten zum Tragen kommt. Denn auch leere Infusionsflaschen stellen keine Gefahrenquellen dar. „Moderne Infusionsleitungen besitzen Ventile, die sich sofort schließen, sobald sich in der Flasche keine Flüssigkeit mehr befindet", betont Sasse und bringt ganz andere Infusionszwischenfälle auf das Tapet.

Infektionen, Fehldosierungen und Partikel

Infektionen, Thrombophlebitiden oder eine Sepsis treten im Vergleich zu der gefürchteten Luftembolie wesentlich häufiger auf. „Wenn Patienten viele Wochen liegen, dann bekommen sie über einen zentralen Venenkatheter zum Großteil eine Kathetersepsis", weiß Sasse. 

Fehldosierungen, Substanzen, die in einer Infusion kombiniert, eventuell ihre Wirksamkeit verlieren und nicht zu vergessen ungelöste Partikel in Infusionslösungen, die von den Glasflaschen oder Kunststoffleitungen stammen und in den Patienten eingeschwemmt werden. „Diese Partikel können im Organismus der Patienten Entzündungsreaktionen auslösen", so Sasse, der zu diesem Thema eine Studie gemacht hat, die in Kürze auch veröffentlicht wird. Nicht unerwähnt sei: Es gibt Möglichkeiten diese Partikel aus den Lösungen herauszufiltern und Patienten dadurch hohes Fieber oder aber ein eventuelles Organversagen zu ersparen.

Infusionsbeauftragte in jedem Krankenhaus

Die Probleme einer Infusionstherapie sind vielfältig und offenbaren wie wichtig Infusionsmanagement ist. In Hannover wurde eine eigene Arbeitsgruppe aus der Taufe gehoben, die Kurse zu dem Thema anbietet und standardisierte Leitlinien erarbeitet. Eigene Infusionsbeauftragte würden laut Sasse in jedem Krankenhaus Sinn machen und auch eine Menge Kosten ersparen: „50 Prozent der Kosten einer Intensivstation werden alleine für das Infusionsmanagement verbraucht. Effizientes und fehlerfreies Arbeiten ist also wichtig". (derStandard.at, 24.08.2011)

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