Warum wir Milliarden für wertlose Prognosen ausgeben, man uns fast alles verkaufen kann und Ärzte ihre eigenen Tests nicht verstehen erklärt Gerd Gigerenzer
Gerd Gigerenzer erforscht seit Jahren, wie der Mensch mit Risiko umgeht - als Anleger, bei seinen täglichen Wirtschaftsentscheidungen. Wir fürchten uns nicht vor dem, was uns tödlich bedroht, erklärt er im Interview. Außerdem glauben wir viel, wenn der Tag lang ist und lassen uns von einer gut bezahlten Industrie wertlose Vorhersagen andrehen.
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derStandard.at: Sie haben vor Jahren das Buch "Das Einmaleins der Skepsis: Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken" geschrieben. Das Buch haben offenbar zu wenige Menschen gelesen?
Gerd Gigerenzer: Das Buch ist in viele Sprachen übersetzt worden, aber Sie haben wahrscheinlich Recht. Das sollten mehr Menschen lesen.
derStandard.at: Welche Lehre konnten die Leser für Krisen wie die derzeitige mitnehmen?
Gigerenzer: Es ist wichtig, selbst mitzudenken und sich nicht nur emotional steuern zu lassen. Wenn Sie die ganze Geschichte der Krisen durchdenken - von BSE, über Vogelgrippe, Schweinegrippe, Finanzkrisen, EHEC bis zu Fukushima: Was passiert ist, dass die Medien uns erst Angst machen. Dann sind wir aufgeregt. Nach drei bis sechs Monaten hören die Medien auf, darüber zu berichten und schon haben wir wieder alles vergessen. Wir lernen kaum etwas aus all diesen Krisen.
derStandard.at: Im Prinzip geht es also um die Frage, wie man rationale Entscheidungen treffen kann, wenn Zeit und Information begrenzt und die Zukunft unklar ist. Wir sind ja ohne Medien nicht denkbar. Wie treffen wir dann unter diesen Umständen eine rationale Entscheidung?
Gigerenzer: Man muss die richtigen Medien lesen und den Rest vergessen. Und sich nicht an der Nase herumführen lassen. Ich erzähle Ihnen einmal eine Geschichte aus Österreich. Zu der Zeit als ich das Einmaleins der Skepsis geschrieben hatte, fing man in Österreich an, Pensionsvorsorge zu betreiben. Vielleicht erinnern Sie sich noch, es gab große Plakate von den großen Banken, auf denen eine große Zahl stand: Neun Prozent. Selbst vor der Subprime-Krise hat niemand neun Prozent Zinsen bekommen. Viele Österreicher dachten dennoch, dass es sich um Zins handelt, der zu einem Teil von der Bank und zum anderen vom Staat kommt. Das war aber nicht der Fall. Es handelte sich um eine einmalige Prämie. Also wenn Sie in diesem Jahr 1000 Euro einzahlen, bekommen Sie 90 Euro dazu und wenn sie im nächsten Jahr wieder 1000 Euro einzahlen, bekommen Sie wieder 90 Euro. Das heißt, dass diese neun Prozent über einen längeren Zeitraum schlechter sind als eine zwei- oder dreiprozentige Verzinsung.
derStandard.at: Dann kann man uns also alles verkaufen?
Gigerenzer: In einer Undercover-Studie, die in Klagenfurt durchgeführt wurde, ließ sich eine junge Frau in zehn Banken beraten. Sie fragte, ob die neun Prozent Zinsen seien. Etwa die Hälfte der Berater sagten ihr, dass es wirklich Zins sei; einige waren völlig verwirrt als sie dann nachrechneten und das Rechenprogramm zu dem Ergebnis kam, dass ein Sparbuch mit drei Prozent dem Kunden mehr bringen würde als die neun Prozent.
derStandard.at: Wenn so einfache Dinge nicht verstanden werden, wie sollen wir dann Komplizierteres verstehen?
Gigerenzer: Das tun wir auch meist nicht. Unsere Kinder lernen heute in der Schule alle möglichen Dinge. Aber den Umgang mit Prozenten oder statistisches Denken lernen sie immer noch nicht. Sie lernen die Mathematik der Sicherheit und nicht die Mathematik der Unsicherheit - die alten Lehrinhalte, die aus dem 19. Jahrhundert stammen. Der rationale Umgang mit den Risiken des 21. Jahrhunderts wird hingegen heute kaum gelehrt. Dazu gehören statistisches Denken, Umgang mit Geld und Gesundheit. Und hier liegt unsere wirkliche Bildungschance: endlich die Inhalte der Schule anpassen, die Ausbildung der Ärzte verändern. Ich habe mehr als tausend Ärzte trainiert, die meisten verstehen ihre eigenen Tests nicht. Wenn die Patienten das wüssten ... Wie wäre es mit einer neuen Gesellschaft, die mit den Risiken und Möglichkeiten moderner Technologie informiert und entspannt umgehen kann?
derStandard.at: Wir lernen also das Falsche?
Gigerenzer: Das Verstehen von Risiken ist minimal. Wir haben eine Studie in Deutschland und in den USA gemacht - mit einer ganz einfachen Frage: "Ein Medikament führt in einem von 1000 Fällen zu einer allergischen Reaktion. Wieviel Prozent der Menschen, die das Medikament nehmen, werden eine allergische Reaktion haben? Was meinen Sie, wie viele Amerikaner können das?
derStandard.at: 50 Prozent?
Gigerenzer: Das wäre schon eine schlechte Nachricht. Aber es ist schlimmer, es waren nur 24 Prozent. Die meisten Amerikaner antworteten ein Prozent oder zehn Prozent. In Deutschland wussten es 46 Prozent. Das bedeutet aber auch, dass mehr als die Hälfte der Deutschen eins in 1000 nicht in 0,1 Prozent übersetzen können.
derStandard.at: Das bedeutet wohl, dass diese Menschen sich auch schwer damit tun, sich so notwendige Dinge, wie die Kosten für einen Kredit ausrechnen zu können?
Gigernezer: Davon kann man ausgehen. Und sie sind ihrem Berater ausgeliefert.
derStandard.at: Nun erlebten wir ja gerade in den letzten Tagen wieder einmal, dass der Mensch doch ein rechtes Herdentier ist. Hat das auch damit zu tun?
Gigerenzer: Richtig. Ein Herdentrieb kommt ja auch dadurch zustande, dass man wenig versteht und das tut, was alle anderen tun. Das ist bei privaten Anlageentscheidungen nicht klug. Der Herdentrieb wird aber wirklich gefährlich, wenn er das Verhalten von professionellen Finanzanalytikern bestimmt, wie wir gesehen haben. Und wenn nach einer Krisenmeldung Otto Normalverbraucher Panik bekäme und die Privatkonten abschöpft, dann hätten wir wirklich ein Problem.
derStandard.at. Die Vorhersagen der Finanzinstitutionen für den Aktienmarkt oder die Wechselkurse liegen oft ziemlich daneben. Wieso vertrauen die Menschen trotzdem darauf?
Gigerenzer: Das ist wirklich erstaunlich. Jeden Dezember sagen weltweit Finanzinstitute vorher, wie der Dax, der Dow oder der Eurokurs in einem Jahr stehen wird. Diese Vorhersagen sind so gut wie nutzlos. Meistens interpolieren die Institute, dass der Trend wohl so weitergehen wird, wie er gerade ist. Jeden größeren Aufschwung und Abschwung, den wir in den letzten zehn Jahren hatten, konnten sie nicht vorhersagen. Warum werden Millionen, ja Milliarden für diese Vorhersageindustrie verschwendet? Und wieso möchten Menschen diese Zahlen immer wieder sehen?
derStandard.at: Ja warum denn?
Gigerenzer: Es handelt sich wohl um eine außergewöhnliche Form von Unmündigkeit. Das ist, wie wenn Sie Jahr für Jahr einen Handlinienleser dafür bezahlen, ihr Schicksal vorherzusagen, obgleich Sie immer wieder feststellen, dass es dann ganz anders kam.
derStandard.at: Sind wir also nicht lernfähig?
Gigerenzer: Es bedeutet eher, dass wir uns nicht trauen, den Risiken selbst in die Augen zu sehen. Wir bezahlen andere dafür, uns die Illusion der Gewissheit zu liefern. Es gibt eben bestimmte Dinge, die kann man nicht vorhersagen. Und der Aktienmarkt ist so gut wie unvorhersehbar. Genauso wie man das Wetter in einem Jahr nicht vorhersagen kann. Aber wir leisten uns eine 200-Milliarden-Euro-Industrie, die jedes Jahr Vorhersagen über Wirtschaft und Aktien liefert, die meist wertlos sind.
derStandard.at: Die Bereitschaft, Risiko einzugehen, ist vermutlich auch kulturell geprägt?
Gigerenzer: Ja. Und sie ist sehr verschieden. Wovor man Angst hat oder eben nicht, ist von Land zu Land und von Kultur zu Kultur verschieden. Wir in Deutschland und in Österreich haben Angst vor Strahlen - insbesondere vor Atomkraftwerken, Mobilfunkstrahlen, Mammografie. Diese Angst findet man so nicht in Japan, Frankreich, oder Amerika. Dort fürchtet man sich vor anderen Dingen. Meine Frau ist Amerikanerin. Jedes Jahr zu Weihnachten, wenn die Wachskerzen auf dem Baum brennen, tritt eine gewisse Unruhe ein. Für einen Amerikaner ist die Vorstellung, an einem Tannenbaum brennende Kerzen zu haben, wirklich blanker Horror. Unvorstellbarer germanischer Leichtsinn. Meine amerikanischen Freunde können gar nicht glauben, dass ich solche Risiken eingehe.
derStandard.at: Haben Sie nun jährlich abwechselnd Glühbirnen und Kerzen?
Gigerenzer: Wir haben einen Kompromiss gefunden. Die Wachskerzen brennen auf dem Baum und meine Frau stellt einen Eimer mit Wasser darunter. Menschen fürchten sich in der Regel nicht vor den Gefahren, die sie umbringen. Wir fürchten uns vor dem, wovor sich unsere Freunde fürchten. Das ist Imitation und soziales Lernen und das ist ja auch ganz sinnvoll. Denn in der Menschheitsgeschichte hatten jene, die immer selbst ausprobieren wollten, ob ein Pilz giftig ist, eine geringe Chance, ihre Gene weiterzugeben. Nur wir leben jetzt in einer Gesellschaft, in der es Wissen gibt, jenseits dessen was unsere Eltern und Freunde hatten. Es gibt Bücher, das Internet und vieles mehr. Aber wir fürchten immer noch nicht, was uns wahrscheinlich umbringt - Rauchen, Autos. In Deutschland sterben jedes Jahr etwa 4.000 Menschen auf den Straßen. Aber finden Sie einmal einen Deutschen oder Österreicher, der Angst vor dem Autofahren hat. Aber vor dem Fliegen! Da kann man leicht Menschen mit panischer Angst finden, obwohl es in den meisten Jahren in der kommerziellen Luftfahrt keinen einzigen Toten gibt.
derStandard.at: Wie kann man überhaupt lernen, mit Risiken umzugehen?
Gigerenzer: Das ist ziemlich einfach. Sie brauchen nur zwei Dinge: Wissen und Mut. Den Mut mit einer unsicheren Welt zu leben anstatt sie zu verdrängen. Und Wissen darüber, wie andere ihre Ängste steuern und auslösen. Das ist ihr Einmaleins der Skepsis - lernen, informiert und entspannt mit den technologischen Risiken unserer Zeit umgehen zu können. (Regina Bruckner, derStandard.at, 23.8.2011)
Gerd Gigerenzer ist Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin.