Gerlinde Kaltenbrunner nimmt nach einer eisigen Nacht auf 8.000 m die letzte Etappe des K2 in Angriff
Wolkenloser Himmel, kaum Wind und Temperaturen um -20 Grad Celsius. Der berühmt-berüchtigte 8.611 m hohe K2 im Karakorum an der Grenze zwischen Pakistan und China präsentiert sich dieser Tage von seiner schönsten Seite. Perfektes Wetter sorgt für gute Bedingungen am Berg und schafft so die Grundvoraussetzung für eine Besteigung. Gerlinde Kaltenbrunner wollte nach einer frostigen Nacht mit ihren kasachischen Begleitern Maxut Xhumayev und Vassiliy Pivtsov auf rund 8.000 Metern Höhe den Montag dazu nützen, etwas Ruhe zu finden, die weitere Route zu erkunden, im tiefen Triebschnee zu spuren und um
Fixseile in der Traverse ins Japaner-Couloir hinauf
anzubringen. Für Dienstag ist der eigentliche Gipfelsturm geplant. Schafft es Kaltenbrunner bis zum Gipfel, hätte sie alle 14 Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff bezwungen.
Beinahe zwei Monate ist es nun her, dass man das Basislager auf der chinesischen Seite erreicht hat. Seit Ende Juni stieg man immer wieder den Berg hoch, schleppte Material für die Errichtung der vier Lager, Seile und andere Ausrüstungsgegenstände durch teils sehr tiefen Schnee und steilstes Gelände, um am Tag x bereit zu sein für die Besteigung bis zum Gipfel.
Kaltenbrunners Partner, Ralf Dujmovits, hat den Besteigungsversuch von der chinesischen Seite mit Expeditionskollegen Tommy Heinrich abgebrochen und befindet sich nach einem turbulenten Abstieg mit mehreren Spalteneinbrüchen und -stürzen bereits wieder im Basislager.
"Die Einschätzung einer bestehenden Lawinen- bzw. Schneebrettgefahr ist
eine sehr subjektive Angelegenheit. Neuschneemengen sind nur ein Teil
der Wahrheit. Windverfrachtung, Neigung und Form des Geländes,
Untergrund und Schneemengen der Tage zuvor sind
weitere Faktoren, die bei der Beurteilung eine bedeutende Rolle spielen.
Wo es kein Lawinenbulletin gibt, ist man einzig und alleine auf seine
eigene Einschätzung und sein über Jahrzehnte gewachsenes Bauchgefühl
angewiesen. Und beides fällt bei jedem anders aus, je nach Erfahrung.
Für mich hat es nicht mehr gepasst und mein Bauch sagte "Nein" - und
damit war für mich die Entscheidung klar: Absteigen", so Dujmovits zu
seiner Entscheidung auf Kaltenbrunners Homepage.
Bei der Rückkehr in das Basislager erlebten Dujmovits und Heinrich eine bittere Überraschung. In Abwesenheit der Extrembergsteiger war das komplette Zeltlager durch herabstürzende Felsblöcke völlig verwüstet worden. Zum Glück hatte man den uigurischen Koch Abdhul gebeten, in der Zwischenzeit tiefer abzusteigen.
"Die Überraschung war riesengroß: in unserer Abwesenheit
waren 5 große Felsblöcke (1,2 – 2 Meter Durchmesser) in unserem
Basislager eingeschlagen. Offensichtlich hatten sie sich durch die
starken Niederschläge weit oberhalb des Lagers in den dortigen
Felswänden gelöst und waren wahrscheinlich in gewaltigen Sätzen in unser
Basislager gesprungen. Unsere Küche hat Totalschaden – der größte
der Blöcke hat die Steinküche durch die Rückseite kommend einfach flach
gemacht", so Dujmovits. (Thomas Hirner, derStandard.at, 22. August 2011)