Pflegeregress

Zwölf Jahre Kampf mit der Pflegebürokratie

Bericht | Katrin Burgstaller, 23. August 2011, 07:13

Stefanie Sampl hat sich "bis zum Burn-Out" um ihren Vater gekümmert - Bericht einer Betroffenen "aus der Schicht, die am Boden liegt"

Stefanie Sampl ist 56 Jahre alt. Vor 23 Jahren hat sie ihren Sohn geboren. Sie lebt in einem 1.500-Seelendorf in der Steiermark. Bis vor kurzem hatte sie zu Hause noch ihren 99-jährigen Vater und ihre 91-jährige Mutter zu pflegen. Vor einem halben Jahr hat sie sich schließlich dazu entschlossen ihren Vater in ein Pflegeheim zu geben. Nach zwölf Jahren Pflege eines an Parkinson und Demenz erkrankten Menschen waren ihre Kräfte am Ende. Keinen Urlaub. Keine spontanen Kaffeekränzchen. Kein Familienleben. Vom gesellschaftlichen Leben abgeschnitten. "Das war ein 24-Stunden-Job bis zum Burn-Out", sagt sie. Ihre Eltern, die eine kleine Landwirtschaft betrieben haben, beziehen gemeinsam 750 Euro Pension. Der Vater kann also seinen Pflegeplatz nicht mit seiner Pension bezahlen.

"Was nichts kostet ist nichts wert-Haltung"

Dass ab September in der Steiermark der Pflegeregress wieder vollzogen wird, befürwortet Sampl. Im Pflegeheim ihres Vaters werde sehr gute Arbeit geleistet, das müsse die Gesellschaft auch honorieren. Der "Was nichts kostet ist nichts wert-Haltung" könne man so vielleicht besser entgegentreten, sagt Sampl. Was zu zahlen ist, "ist ja nur ein minimaler Betrag". Sie sei froh, dass sie nun nur mehr ihre Mutter zu pflegen hätte. Mit ihr ist es einfacher. Der Pensionsanteil ihrer Mutter beträgt 300 Euro, 500 Euro kommen vom Staat als Pflegegeld pro Monat. Wäre da nicht ihr Mann, der monatlich 2.400 Euro beisteuert, hätte die Familie kein Auslangen. "Ich bin ausgebildete Küchenmeisterin, doch in diesem Beruf bin ich zuletzt vor 13 Jahren tätig gewesen", sagt Sampl.

Zehn Jahre hat Sampl in Deutschland gearbeitet. Daher erwartet sie eine geringe Firmenpension. Für den eigenen kleinen Landwirtschaftsbetrieb, der "keine Gewinne aber auch keine Verluste bringt", zahlt Sampls Mann für sie monatlich 218 Euro an Sozialversicherungsbeiträgen ein. Ginge Sampl 2013 in Pension würde sie monatlich 370 Euro erhalten. Sampl kritisiert, dass die Politik zu wenig Vorsorge getroffen hat für Menschen, die ihre Angehörigen über eine sehr lange Zeit hinweg pflegen. 

"Bitten und betteln"

Neben zwölf Jahren harter Arbeit als Pflegende hat Stefanie Sampl auch zwölf Jahre steirische Pflegebürokratie hinter sich gebracht. Ihr Fazit: "Wir sind die Schicht, die am Boden liegt. Wer pflegebedürftig und krank ist, ist in diesem System nichts wert. Die Politik will, dass wir stehen, gehen, gesund sind". Zwölf Jahre lang sei sie vom "sogenannten Wohlfahrtsstaat" weitgehend alleine gelassen worden. Sie hätte Pflichten, aber keine Rechte. Für den Rollstuhl ihres Vaters musste sie lange kämpfen. "Zuerst stellst du einen Antrag, der wird abgewiesen. Dann raten sie dir, einfach noch einen anderen Antrag zu stellen. Beim siebenten Mal wird dir dann als Gnadeakt ein kleiner Beitrag zugestanden. Man muss bitten und betteln, freiwillig bekommt man nichts raus." Sampl erzählt von verschlossenen Amtstüren und von Versprechen, die dann doch nicht eingehalten wurden. Und von Sachbearbeitern, die ihr Vorwürfe machen weil sie schon wieder etwas will.

"Auf den Staat kannst du dich nicht verlassen. Es wird sich niemand mehr auf ihn verlassen können", sagt Sampl. Ihre Konsequenz: Sie und ihr Mann haben eine Reihe von Privatversicherungen abgeschlossen. Alleine die Pensionsvorsorge, Lebensversicherung und eine Umfallversicherung verschlingen pro Monat 800 Euro. "Man wird alleine gelassen, wenn man schwach ist. Das habe ich in den letzten Jahren sehr deutlich gespürt. Ohne Geld geht gar nichts". Ihren berufstätigen Sohn habe sie jetzt endlich dazu überreden können, eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen. Denn: "Die letzten beißen die Hunde". (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 23. August 2011)

Kommentar posten
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bye bye austria
42
23.8.2011, 21:36
in den postings hier...

wird die hirnverbrannte perversion dieses systems schön aufgezeigt.
bspw war es tausende jahre für die menschheit individuell vorteilhaft und existenzsichernd (mehrere) kinder zu haben, heute bist du damit abgabenmäßig/finanziell der trottel der nation während die kinderlosenmit gleichem einkommen nur ständig überlegen müssen ob sie nächstesmal ein mercedes- oder ein bmw-cabrio nehmen sollen.

solche ungereimtheiten gäbe noch hunderte aufzuzählen, deswegen schauts so aus hier wie es eben ist.

die kraft für grundlegende änderungen muss (r)evolutionär aus der bevölkerung kommen, von dieser defensiven, unkreativen, ideenlosen, intellektuell drittklassigen sp/vp politik-auslese wird sie jedenfalls nie ausgehen (von den anderen gar nicht zu red

Gutmensch2
 
00
25.8.2011, 14:03
Ein klares Grün von mir!

Zwar recht polemisch ausgedrückt - aber die blau/braunen Politiker dürfen das ja auch, polemisch sein!
Sicher war "früher" nicht alles besser, aber der Familienzusammenhalt wahrscheinlich schon... Und - so wie Sie es beschreiben, die Kinderlosen haben meist wirklich nur eigene (!) materielle Sorgen...

Das gleiche denke ich übrigens (auch polemisch
jetzt) über die zeitgenössischen FPÖ-(Protest?)-Wähler:

Den größten Diktator aus Braunau wählten wenigesten die meisten Menschen lediglich weil sie hungrig waren, dem Rattenfänger WC-Strache laufen die blöden Menschen aber schon nach wenn sich grad der Zweit-Mercedes nicht ausgeht....

my PC
68
23.8.2011, 20:55
Und das Tolle an dem System ist....

....dass jene Menschen, welche keine Kinder haben, ein ganzes Leben lang das verdiente Geld nur für sich selbst verwenden konnten. Jetzt im Alter zahlt die Mehrkosten für die Pflege dann die Allgemeinheit.
Kinder von Menschen, welche unter erheblichen Entbehrungen ihren eigenen Nachwuchs aufgezogen haben und dadurch weniger Geld für sich selbst zur Verfügung hatten, werden jetzt auch noch dafür "bestraft", indem sie einerseits mit ihren Steuern und Abgaben für die oben erwähnte privilegierte Gruppe löhnen darf. Andererseits gibt es auch noch zusätzliche "Strafsteuer" für die Pflege der eigenen Eltern abzuführen. Dass dadurch das Familieneinkommen zusätzlich verringert wird, stört niemanden.... so sieht soziale Politik in Österreich aus!

Alfredo di Stefano
10
24.8.2011, 10:38

mir kommen die tränen

Carlos Clementin
11
23.8.2011, 20:04
Bitte Spenden für Afrika ...

Wir sind eines der reichsten Länder, da kann es sowas doch nicht geben, also bitte mehr Spenden für die Hungernden weit weg ...

K1981
01
23.8.2011, 18:39
Bitter!

Schlimm dass es solche fälle gibt...manchmal frage ich mich wofür ich sozialversicherungsbeitraege zahle wenn sie nicht bei jenen ankommt, die es wirklich brauchen...aber sind wir froh, dass viele pumperlgesunde mit mitte/ende 50 eine fette Pension erhalten und oft länger in der Pension sind als beitragsjahre haben....

das ganze system ist komplett verkorkst...:-(

Black Widdow
03
23.8.2011, 16:07
Meine Ma war 2 Jahre ein rund um die Uhr Pflegefall

und war auch sehr verzweifelt und verbittert über ihre Hilflosigkeit, hat sich mit Händen und Füßen gegen ein Heim gewehrt. Zum Glück konnte sie sich eine - damals illegale - 24Stunden-Pflege leisten. Ich küsse diesen beiden Damen noch heute die Hände für ihre kompetente und liebevolle Pflege meiner so schwierigen Mutter. Aber ich hab mich schon sehr allein gelassen gefühlt von den zuständigen Stellen (Hilfsdienste), die mir nur Vorwürfe wegen dieser Art der Pflege gemacht haben aber mir keine adäquate Hilfe anbieten konnten.

ello
00
23.8.2011, 14:25

Welche Pflegestufe wurde der Vater eingestuft?

http://www.bundessozialamt.gv.at/cms/basb/... 8239610648

Kathi1609
 
010
23.8.2011, 14:11
Fast 4 Jahre hat sich meine Mutter allein um meine demenzkranke Großmutter gekümmert. Ich wohne 2h weg und bin hin- und hergefahren, wann ich konnte. Erst als meine Oma nicht mehr über die Stiege kam, hat meine Mutter dem Heim zugestimmt.

Bis heute leidet sie unter ihrem schlechten Gewissen. Auch wenn sie physisch und psychisch am Boden war.
Im Volkshilfe-Heim meiner Oma strampelt sich das Personal ab. Zu wenig Pflegekräfte für zu viel Bewohner. Das Team ist gut und bemüht sich, aber in der Urlaubszeit werden alte Leute schon mal um 5 aus dem Bett geholt, damit alle bis zum Frühstück gewaschen und angezogen sind.

Wen das seit insg. 8 Jahren interessiert, in der Politik, bei den Sozialversicherungsträgern, sonstwo? Kein Schwein.

Meine Mutter hat zu wenig Einkommen für den Regress, aber das ist auch nicht der Punkt. Der Punkt ist, ob diese Gesellschaft begreifen will, dass auch alte, hilfsbedürftige Menschen ein Recht haben, wertvolle Individuen zu bleiben. Oder nicht.

Die Marslady
00
24.8.2011, 21:36
Liebe Kathi1609.....

Ihre liebe Mutter braucht wirklich nicht unter ihrem schlechten Gewissen leiden, sie hat das Menschenmögliche, über ihre eigenen Kräfte hinaus für die Grossmutter getan. Das war grossartig von Ihrer Mutter! Desgleichen auch Ihr persönlicher Beitrag.
Ich weiss wovon ich spreche, meinen lieben alten Vater betreute und pflegte ich nach seinem Sturz mit Oberschenkelhalsbruch inklusive nachfolgend zwei schwerer Operationen im hohen Alter von 98 Jahren 4 Jahre bis zu seinem Heimgang lang alleine, mein berufstätiger Mann unterstützte mich nach Kräften. Ich weiss daher, was BurnOut bedeutet.
Meinem alten Vater, der zwei Weltkriege und Gefangenschaft erleben musste, wollte ich seine letzten Lebensjahre bei liebevoller Betreuung verbringen lassen.

Kathi1609
 
01
24.8.2011, 22:01
Das sage ich meiner Mutter auch immer. Aber Gefühle lassen sich halt mit Logik nicht immer gleich umstellen.

Es geht ja auch gar nicht so sehr um die Einzelfälle, zumindest nicht in der Gesamtdiskussion. Da wird es so oder so Problemfälle geben.

Aber es ist einfach der gegenwärtige allgemeine Umgang mit der Frage der alternden Bevölkerung und dem Umgang mit alten oder pflegebedürftigen Menschen (die ja auch jung sein können), der mich ankotzt. Heut bin ich 29. Wir wird es mir ergehen, wenn ich 80 bin?

yomellamo
33
23.8.2011, 14:06

so wird es uns allen gehen die juenger sind.

Momentan werden die Pensionen jedes jahr brav erhoeht, bis das system halt dann krachen geht.

Generationenvertrag heisst es, weil die letzten zwei generationen einen vertrag auf kosten der jetzigen und noch viel mehr auf kosten der naechsten generation geschlossen haben.

mephisto666
17
23.8.2011, 14:30

jetzt stellen Sie sich mal vor sie würde diese 800er die sie privaten in den rachen wirft (und die sicherheit der leistungen ist auch hier höchst fragwürdig) in die öffenliche SV einzahlen (und die meisten anderen auch). ich bin überzeugt das gesundheitssystem sowie das pensionsystem wäre mehr als gerettet.
aber statt die SV mal anständig zu erhöhen werden lieber die privaten gepusht und in ~20 jahren wenn die erste grosse welle der "privat"pensionisten ihr geld sehen will, schnüren wir dann garantiert versicherungsrettungspakete.
und nein, ich bin kein pensionist und auch noch weit davon entfernt.

Black Widdow
24
23.8.2011, 15:53
Ja toll, diese privaten Versicherungen

in den USA stehen Hunderttausende (und wahrscheinlich noch mehr) ohne jede Altersversorgung da und müssen arbeiten bis zum bitteren Ende, weil sehr viele dieser Fonds den Bach hinunter gegangen sind.

mephisto666
04
23.8.2011, 13:03
Alleine die Pensionsvorsorge, Lebensversicherung und eine Umfallversicherung verschlingen pro Monat 800 Euro...

da steht ihr wohl dann das nächste "aha erlebnis" bevor.

Revolution. Jetzt!
05
23.8.2011, 13:54
Ja, unglaublich,

da erlebt sie am eigenen Leib, wie sie im Stich gelassen wird, und dann drückt sie monatlich 800 Euro ab für Versicherungen, die entweder im Zuge der Finanzkrise pleite gehen werden oder das tun, was sie am besten können: nicht zahlen.

Q.E.D q.e.d
30
23.8.2011, 14:48

Da hat wohl jemand Versicherungen nicht verstanden was ;)

L.B.
010
23.8.2011, 12:49

Warum sie den Pflegeregress befürwortet wird hier nicht wirklich erklärt, und ist auch komplett unlogisch. Der trifft doch wieder nur die Falschen. Er ist eine spezielle u.U. hohe Vermögenssteuer für Angehörige von Pflegebedürftigen, während hingegen eine 0,5%-Steuer für Millionäre angeblich die Ausrottung des Mittelstandes wäre. Diese Sozial- und Steuerpolitik ist einfach nur widerlich.

grifter
19
23.8.2011, 12:36

Es ist immer wieder erschütternd zu lesen, dass wir in einen Sozialstaat einzahlen (und zwar um das Geld, das er uns kostet, einen all-inclusive-Staat) und dann die Bedürftigen im Endeffekt die Leistungen eines NeoCon-Staates erhalten.
Hauptsache dem dazwischen liegenden Verwaltungsapparat geht's gut.

Andreas Prucha
02
23.8.2011, 21:15

Der öffentliche Verwaltungsapparat is garned mal soooo ineffizient im Vergleich zu den privaten.

Steinbock1959
02
23.8.2011, 14:07

Ja, dieser Verwaltungsapparat wird auch sehr viel Geld verschlingen.

grifter
00
23.8.2011, 16:45

Ja, tut er in der Tat. Man braucht nur in den Krankenkassenverband mit seinen geschätzten 100 Versicherungen blicken.
Alleine die Frühstücksdirektoren und weißen Elefanten wären schon einige hundert Rollstühle wert.

Hans Müller1
 
00
23.8.2011, 13:14
Die Mehrheit der Österreicher bekommt mehr raus

als sie einzahlt, sind halt vielfach die falschen

Hans Müller1
 
01
23.8.2011, 12:13
Österreichs "Sozialstaat" ist nicht dafür

gedacht denen zu helfen denen's wirklich schlecht geht (wie man bei Pflegefällen und ihren Angehörigen sieht - ich erlebe ähnliches wie im Artikel beschrieben im Bekanntenkreis). Die Transferleistungen sind hauptsächlich dazu da Wählerstimmen zu maximieren, breit mit der Gießkanne streuen damit möglichst viele Wähler was abbekommen, nicht diejenigen die's wirklich brauchen

Dormouse
03
23.8.2011, 13:04

Sie nehmen mir die worte aus dem mund: "wählerstimmenfang" vor allem durch die grossparteien - raunzt die masse über hohe spritpreise wird sogar eine sinnlose datenbank errichtet - andere können um den rollstuhl betteln...

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