Experteninterview

"Den Libyern stehen instabile Zeiten bevor"

Interview | Manuela Honsig-Erlenburg, 22. August 2011, 15:34
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    foto: giga

    Hanspeter Mattes ist stellvertretender Direktor des GIGA-Instituts in Hamburg. Sein regionaler Forschungsschwerpunkt liegt auf Libyen und den Maghrebstaaten.

Hanspeter Mattes, Libyen-Experte des GIGA-Instituts über die Kräfte, die nun in Libyen losgelassen werden

Ohne die Nato hätte die Opposition den kurz bevorstehenden Sieg über das Gaddafi-Regime nicht erringen können, meint Hanspeter Mattes, Libyen-Experte am Hamburger GIGA-Institut. Nun gelte es, die unzähligen Interessen im Land auf einen Nenner zu bringen. Ein Vorhaben mit hohem Explosionspotenzial.

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derStandard.at: Ist Gaddafis Zeit als Herrscher Libyens nun definitiv abgelaufen?

Mattes: Ja. Physisch ist die Ära Gaddafis abgelaufen. Aber in den Köpfen der Menschen wird er ideologisch noch länger nachwirken. Das, was Gaddafi seit 1973 in seiner "Dritten universalen Theorie" ("Das Grüne Buch", Anm.) entwickelt hat, wurde ja tagtäglich über die staatliche Propagandamaschinerie verbreitet. 80 Prozent der libyschen Bevölkerung wurden ja unter ihm sozialisiert und sind von ihm geprägt.

derStandard.at: Warum hat die Gaddafi-Front nach dem Eingreifen der Nato noch so lange gehalten?

Mattes: Die bewaffneten Oppositionstruppen waren am Anfang natürlich schwach und undiszipliniert und hatten nicht genügend Waffen zur Verfügung. Es bedurfte erst Ausbildungsmaßnahmen und Waffenlieferungen. Auf der anderen Seite konnten die Gaddafi-loyalen Streitkräfte auf hohe Waffenvorräte zurückgreifen, die erst langsam Zug um Zug durch die Nato ausgeschaltet wurden. Ohne die Nato hätten wir diese Entwicklung auf alle Fälle nicht gehabt.

derStandard.at: Wird sich die Nato zurückziehen, sobald der Konflikt militärisch beendet ist?

Mattes: Es kann sein, dass die Nato noch in den Kampf um das Hauptquartier Gaddafis eingreift. Aber im Prinzip ist ihre Mission erfüllt, denn die Resolution 1973 machten den Schutz der Zivilbevölkerung zur Aufgabe der Nato. Dieser Aspekt ist hinfällig, sobald das Land von den Oppositionsgruppen kontrolliert ist.

derStandard.at: Welche Interessenslagen werden nach einer Entmachtung Gaddafis aufeinander prallen?

Mattes: Viele. Es wird darauf ankommen, wie der Nationale Übergangsrat letztendlich operiert und sich formiert und wie viele Gruppen sich dabei benachteiligt fühlen werden. Eine der Hauptbruchlinien ist sicher der historische Gegensatz zwischen Osten und Westen. Ist der Übergangsrat eher von Ostlibyern dominiert, werden sich die Westlibyer, die zwei Drittel der Bevölkerung ausmachen, übergangen fühlen. Der zweite Gegensatz ist der zwischen Säkularismus und religiösem Einfluss, der auch mit dem Ost-West-Gegensatz zu tun hat. Durch die historische Präsenz der Sanussi-Bruderschaft (eine sufistisch-islamische Bruderschaft, die zwischen 1843 und 1969 großen Einfluss in Libyen hatte, Anm.) ist der Osten stärker religiös geprägt. Die islamistische Bewegung ist nicht umsonst im Osten entstanden. Im Westen sind die Menschen säkularer eingestellt und auch das Gaddafi-Regime war säkular geprägt. Deswegen wurde er ja von Islamisten als "Ketzer" gebrandmarkt.

Dann existiert noch der Gegensatz zwischen Republikanern und Monarchisten. Es gibt nicht wenige in der Cyrenaika (Ostlibyen, Anm.), die wieder ein monarchisches Staatsmodell begrüßen würden (das Königreich Libyen existierte von 1951 bis 1969, als es durch einen Putsch unter Muammar al-Gaddafi abgeschafft wurde). Das ist in Gesamtlibyen nicht durchsetzbar. Weitere ungeklärte Fragen: Staatskapitalismus versus privater Marktwirtschaft, die Rolle der Minderheiten, also der Berber, die Rolle der Religion im Staat und die Rechte der Frauen. Bei einer derart großen Anzahl ungeklärter Aspekte werden die Libyer mit heftigen internen Auseinandersetzungen rechnen müssen.

derStandard.at: Ist eine Spaltung zwischen Osten und Westen ein mögliches Szenario?

Mattes: Noch reden alle von einer Aufrechterhaltung des Staates Libyen. Aber im Extremfall kann das natürlich ein Szenario sein. Wird der Nationalrat zum Instrument der starken ostlibyschen Stämme, dann wird Libyen auch in Zukunft von bewaffneten Auseinandersetzungen geprägt sein.

derStandard.at: Welche Rolle spielt der Ölreichtum in Libyen?

Mattes: Die Überlebensfähigkeit des libyschen Staates in komplett an die Erdöleinnahmen gebunden. Der Übergangsrat wird also alles daran setzen, dass die Produktion wieder in Gang kommt und der Export wieder anläuft. Die Felder liegen in Libyen ziemlich in der Mitte. Werden die Einnahmen vom Übergangsrat nicht gerecht ausgegeben, dann besteht natürlich wieder das Risiko eines bewaffneten Kampfes ums Öl.

derStandard.at: Was wird mit Gaddafi passieren?

Mattes: Wird er getötet, ist das ein Ergebnis. Kann er fliehen, ist das Kapitel in Libyen auch abgehakt. Gerüchten könnte ein Fluchtweg ja über Algerien führen, dann weiter über Mali nach Südafrika. Wird er allerdings verhaftet, ist die Situation eine komplizierte. Der Internationale Haftbefehl wurde von libyscher Seite zwar toleriert. Es gibt aber genügend Personen, die Gaddafi in Libyen selbst den Prozess machen wollen. Das würde Streit mit den Uno-Sicherheitsratsmitgliedern nach sich ziehen. Ein Schauprozess vor Ort würde sicher einige Zeit dauern und könnte den politischen Entwicklungsprozess negativ beeinflussen. Man darf nicht vergessen: Zwar hat die Opposition den Sieg erreicht, es gibt aber in Libyen immer noch genügend Leute, die Gaddafis Sozial-, Rechts- und Frauenpolitik gut fanden. Die werden sich in jedem Fall zu Wort melden. Auch wenn die road map des Übergangsrates die Wahl einer verfassunggebenden Versammlung vorsieht, die innerhalb eines Jahres eine Verfassung verabschieden soll: in den nächsten zwei bis drei Jahren stehen den Libyer instabile Zeiten bevor.

Die Erfahrungen in Tunesien und Ägypten haben gezeigt, dass solch ein Übergang ein schwieriger ist. In Libyen kommt die Existenz der unterschiedlichen Stämme erschwerend hinzu, und dass es keinerlei Erfahrung mit zivilgesellschaftlichen Organisationen gibt. Es ist also davon auszugehen, dass es noch erhebliche Komplikationen geben wird. (derStandard, Manuela Honsig-Erlenburg, 22.8.2011).

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 214
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DieBo
04
24.8.2011, 13:45
Ein weiterer Irak. Und wieder schreiben die Schwachmaten hier sich die Finger blutig ob der Greueltaten Gaddafis.

Exakt dieselben Leute die im Falle Iraks Saddam Hussein der Kurdenmorde bezichtigten, schweigen jetzt wo die Türkei eben jene Kurden bombardieren die sie ach so vehement in Schutz genommen haben.....

Simplicius Simplicissimus
01
24.8.2011, 15:09
...

... Durchschnitts-WählerInnen merken sich eben höchstens ein bis drei Ereignisse pro Jahr. Und das auch nur manchmal einen Tag lang, bis zur nächsten Ausgaben der "Krone". Nicht umsonst ist das absolut Älteste der Welt die morgige Tageszeitung.

Luise Rache
23
23.8.2011, 14:35
der soll es doch beim namen nennen es kommt BÜRGERKRIEG !!!

wette blackwater sorgt dann unten wie auch schon im irak für friede, freude und kugelhagel!

quick & dirty
10
23.8.2011, 21:18
Wenn sie politik verstehen würden ...

Dann würden sie wissen, das der irak aufgrund seiner geopolitischen lage nicht mit libyen vergleichbar ist.
.

Franz Kohlegger
29
23.8.2011, 12:19
Es ging nie um Demokratie, nie um Freihet; es geht darum welcher Staat die eingefrorenen Milliarden bekommt - ueber die kommenden libyschen Auftraege

Dabei waere es doch viel einfacher gewesen. Gaddafi hatte schon ganz am Anfang freie Wahlen unter UNO Aufsicht angeboten.

Aber nein, man musste zuerst die Macht erringen um dann eine Wahl durchzufuehren. In der Zwischenzeit sterben tausende; in der Zwischenzeit wird die Infrastruktur zerstoert; in der Zwischenzeit wird die Bevoelkerung polarisiert; in der Zwischenzeit wird ein Machtvakuum erzeugt; in der Zwischenzeit wird Libyen zu einem Irak gemacht.

Warum?

Warum keine Wahlen vor Monaten? Warum muss Gaddafi mit Waffen entfernt werden wenn man ihn mit Wahlen entfernen konnte?

Warum?

Weil es gar nicht um Demokratie geht; es geht nicht um Freiheit; es geht um Geld und Rohstoffe. Wer bekommt den Auftrag zum Wiederaufbau?

dr. kokos
 
10
24.8.2011, 16:52

das mit den freien wahlen habe ich nicht mitgekriegt. wann und wo hat er das angeboten?

Mirko Czentovic
00
28.8.2011, 22:04
nicht mitgekriegt dr. kokos?

peinlich, peinlich! Vielleicht sollten Personen, die nichts "mitkriegen" schweigen statt hier auf wichtig machen.

Oddo Wolf
02
24.8.2011, 19:20

Vorschlag zur Abhaltung freier Wahlen unter internationaler Kontrolle in Libyen abgelehnt, den Gaddafi-Sohn Saif al Islam in einem am 15. Juni in der italienischen Zeitung »Corriere della Sera« veröffentlichten Interview gemacht hatte.
http://www.schattenblick.de/infopool/... i0004.html

DieBo
11
24.8.2011, 13:46
und es geht darum alle Israel Kritiker dieser Welt auszuschalten..........

Oddo Wolf
02
24.8.2011, 06:16

Weil Gaddafi die Wahlen mit großer Mehrheit gewonnen hätte. Und das meine ich nicht sarkastisch. Die Mehrheit seines Volks hat ihn geliebt. Alles andere ist Lügenpropaganda

ezeani
81
23.8.2011, 15:19

Sind sie wirklich so naiv oder spielen sie es nur ?

sauraumpfa
01
23.8.2011, 18:45
@ ezeani - haben sie auch eine meinung oder pöbeln sie einfach aus langeweile herum?

sljudanka
04
23.8.2011, 14:09
sie erhebn schwere Anschludigungen

sie sagen nichts anderes als dass diejenigen, die uns als "DEmokraten" und Idole hingestellt werden, gemeine Ve3rbrecher und Mörder sind.
Sarkozy, Strauss-kahn, die div. chefs der Wallstreet,usw.

steppenwolf51
26
23.8.2011, 11:27
Langsam wird die Katze aus dem Sack gelassen

Jetzt wird kein Blatt mehr vor den Mund genommen und gesagt um was es wirklich ging:
"08.50 Börsianer blicken auf Öl-Aktien
10.41 Ölkonzerne bereiten Rückkehr vor
10.53 Ölpreis steigt leicht"

http://www.n-tv.de/libyen/US... 05856.html

Überall ist die Rede vom libyschen Öl und dem Ölpreis. Wahrscheinlich ging es nur um die Menschenrechte von Ölkonzernen und Börsianern.
Aber das wird einige kriegsgeile Poster wohl kaum interessieren Die warten schon auf die nächsten Bomben. Diesmal auf Syrien.

dr. kokos
 
00
24.8.2011, 16:48

wird eher nicht passieren, da syrien kaum mehr öl als dänemark produziert. obwohl, andererseits, mit den syrern hat doch auch israel ein problem...

--: SID :--
03
23.8.2011, 11:18

"Aber im Prinzip ist ihre Mission erfüllt, denn die Resolution 1973 machten den Schutz der Zivilbevölkerung zur Aufgabe der Nato. Dieser Aspekt ist hinfällig, sobald das Land von den Oppositionsgruppen kontrolliert ist ..."

Wirklich ?!? Ist jetzt die Zivilbevölkerung jetzt sicher oder geht der Affentanz erst richtig los ?
Abwarten !

Oddo Wolf
318
23.8.2011, 10:25
Hanspeter Mattes, Libyen-Experte des GIGA-Instituts

Seine Libyen-Studien sind umfangreich. Hab 4 Std. dafür benötigt.
http://www.giga-hamburg.de/content/i... stext.html
Meine Schlußfolgerung: Gadaffi hat das Land aus jahrhunderte andauerner Kolonialisierung befreit, 130 Stämme geeint und Libyen in Gesundheit, Bildung, Soziales u. Lebensstandard zur Nr.1 Afrikas gemacht. Die Gründung der Afrikanischen Union wurde mit großem finanziellen Aufwand Gadaffis initiiert und sollte nach EU-Vorbild mit eigener Währung und Z-Bank, mehr Menschenrechte, Souveränität, Wohlstand und Freiheit bringen. Freiheit für Afrika auch von Ausbeutung durch Konzerne in kolonialistischer Manier. Seeehr gefährlich! Für wen? Danke Hr. Mattes für Ihre Studien.

dr. kokos
 
04
23.8.2011, 16:36

ja gut, aber dass der erdölsektor quasi staatlich ist, das ist schon ein problem für exxon, shell und bp!

Oddo Wolf
00
24.8.2011, 02:38

...ein problem für exxon, shell und bp! Mir kommen auch gleich die Tränen.

dr. kokos
 
00
24.8.2011, 16:51

ich dachte diesmal würd's ohne den hinweis "achtung, sarkasmus!" gehen.

ich fand deinen beitrag sehr gut und sehe das so ähnlich.

ezeani
01
23.8.2011, 15:40

"Gründung der Afrikanischen Union wurde mit großem finanziellen Aufwand Gadaffis initiiert"

Die "Organisation für Afrikanische Einheit" wurde 1963 gegründet - ergo 4 Jahre, bevor Gaddafi durch einen Militär-Putsch an die Macht kam.

Die quasi "Umorganisation" der Afrikanischen Union in die Afrikanische Union wurde sehr wohl von Gaddafi sehr wesentlich betrieben bzw. die neue Organisation auch finanziell massiv unterstützt, aber wohl eher mit einem klaren Hintergrund: den Einfluss Gaddafis extrem zu stärken. Mit anderen Worten: die Organisation für Afrikanische Einheit wurde mit dieser Umgründung der AO quasi von Gaddafi abgeschossen, damit er seine Macht ausbauen konnte.

Oddo Wolf
00
24.8.2011, 02:35

"Afrikanische Einheit wurde mit dieser Umgründung der AO quasi von Gaddafi abgeschossen, damit er seine Macht ausbauen konnte."
Kannst Du auch nachvollziehbar erklären was Du damit meinst oder ist das nur blabla...

ezeani
02
23.8.2011, 15:32

"Gadaffi hat das Land aus jahrhunderte andauerner Kolonialisierung befreit"

Libyen wurde 1951 unabhängig, da war Gaddafi gerade mal 9 Jahre alt.

Oddo Wolf
01
24.8.2011, 02:32

Wenn ein Staat per Vertrag aus einer Kolonialherrschaft entlassen wird, ist das in der Realität bestenfalls eine Absichtserklärung. Rohstoffverstaatlichung ist ein guter Weg zur Unabhängigkeit.

ezeani
11
23.8.2011, 15:28

"Menschenrechte"

Allein die Verwendung des Begriffes Menschenrechte im Zusammenhang mit einem Diktator wie Gaddafi ist sowas von absurd, dass einem schlichtweg das Mittagessen wieder hochkommt.

Das Land hatte nicht mal eine Verfassung, einen Geheimdienstapparat, der sich gewaschen hat, Foltergefängnisse, in denen Tausende ermordet wurden. Von Presse- oder Meinungsfreiheit gar nicht zu reden. Sie sind ein Troll, wie er im Buch steht !

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