Wo Dam und Alpen wild werden: Gesäuse und Hochlecken, die Cati und Du
Tun sich zwei Maßlose zusammen, kann das ganz schön ins Auge gehen. Da trifft sich gut, dass diese Ducati jedenfalls nicht durch übermäßigen Durst auffällt auf den gut 750 Kilometern, die wir an einem wunderbaren Wochenende gemeinsam hinter uns gebracht haben. Maßlos ist Ducatis Streetfighter aber in - Motorräder sind weiblich, finde ich, - ihrer ungestümen Kraft.
Herr Gluschitsch schreibt da von Brutalität. Dieser Kapazunder bleibt auch alleinig Zuständiger für die einspurige Fortbewegung, keine Sorge: Schmeck's mutiert nicht von der Fleisch- zur Benzinfresserkolumne. Aber wenn der glu schon einmal die Streetfighter aus der Hand lässt, wird man doch noch ein bisschen unzuständig schwärmen dürfen.
150 Pferde mit nur 169 Kilo
Ich sage nur: 109 kW, das entspricht grob 150 Pferden, die leibhaftig zumindest ebenso schwer unter einem Arsch zu halten wären, und das bei trocken 169 Kilogramm. Auf das Gewicht bringt man 150 Huftiere selbst sehr dry aged nur durch sehr, sehr langes Kauen. Mein Auto hat knapp ein Drittel weniger Pferde und wiegt beinahe das Zehnfache. Gut, beim Drehmoment hat die Karre ihren Vorsprung, bringt diesen aber weitaus gesitteter auf die Straße.
Der Kraft der Ducati kann ich nur mit der Maßlosigkeit meiner Nahrungsaufnahme begegnen, um die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Um die zu derreiten, muss ich schon ordentlich Knödel essen. Gut also, dass Gusswerk praktisch immer am Weg liegt. Weil ein paar Ave Maria im passenden -zell nie schaden, wenn man mit einem Moped wie diesem unterwegs ist.
Gleich hinter Mariazell liegt Gußwerk, und gleich hinter Gußwerk kommt Fallenstein samt gleichnamigem Gasthaus. Auch da hilft die Kraft der Duc, wenn man sie gezielt einzusetzen imstande ist: Um zwei ist nämlich im Gasthaus zum Fallenstein erst einmal Küchenschluss, dann gibts nur noch ein paar Kleinigkeiten wie Schnitzel (nicht so meins), Nudeln mit "steirischem" (die Anführungszeichen standen so dort) Wild-Pesto (schon besser) und Beuschel von Wild und Kalb - nehm ich eh. Nicht nur wegen des beigepackten Knödels, der mir die Kraft zum Reiten verleihen möge.
Dam-Schnitt
Wie sehr mir diese Kraft fehlt, erkannte der junge Herr Ober auch ohne auf seinen eigenen Ärmel zu schauen. Der Arm schien zu zeigen: Wild macht sehr, sehr, sehr stark. Wild haben die Fallensteiner im eigenen Damhirschgehege, oder sie schießen's doch einmal in der Umgebung, womöglich zerreißts der Herr Kellner auch einfach im Vorübergehen als Workout in genießbare Stücke, wer weiß. Nein, der ist viel zu nett, bestimmt wird auch hier das Tier einfach geschnitten.
Wobei: So einfach geht der Schnitt offenbar nicht von der Hand. Ich kam, obwohl mich die Cati gut vor zwei Uhr angeliefert hatte, für den rosa Damhirschrücken ungelegen - das noch vorhandene Stück vom Rück sei zu klein, erklärte mir der große, starke Mann. Ich möge doch das sehr zarte, sehr feine Wildschnitzel in Burgundersauce nehmen. Ich widerspreche dem wirklich netten jungen Mann ungern, ich auch in der Hoffnung, dass ich danach selbst ein bisschen stärker aussehe wie er - oder gar bin.
In der Hitze des Beuschelgeflechts
Das Schnitzel war tatsächlich großzügig portioniert und fein, soweit meine von der doch etwas brutalen Hitze des Beuschels leicht beleidigte Zunge das beurteilen konnte. Gut, es war nicht mehr lang bis zwei, das Schnitzel sollte auch noch rechtzeitig in den Gast, also könnte da beim ersten Gang schon eine Mikrowelle ins Spiel gekommen sein, nach der Hitze zu schließen. Soll mir nichts Gröberes passieren.
Dabei fühlte die Küche ansonsten offenkundig mit mir: Damit das Zniachtl mit der jungen Wilden ohne gröbere Blessuren über die Runden kommt, packte sie mir zum wilden Schnitzel neben Pfirsich und Preiselbeeren noch einen Semmelknödel, und falls der auch nicht genug Kraft mit auf den Weg gibt, noch ein paar Erdapferln. Danke!
Noch ein Knödel, noch ein Hirsch
Wenn man schon im Fallenstein ist und es von Mariazell kommend nicht schon in Rasing oder Bohrwerk gefunden hat, kann man das Glück natürlich auch Richtung Wegscheid und Turnau suchen und wird gewiss fündig werden. Mich jedoch zogs, meine Cati und meinen Magen, westwärts.
Da gibts nämlich auch noch einen netten Wirten, wie mir eine der universalkundigen Kolleginnen von etat.at an Herz und Magen gelegt hatte. Sie hat da, wenn auch nicht ganz frische, so doch sehr angenehme Erfahrung. Und der Franzbauer hat auch Wild und Fisch, zur Stärkung des Fidlers für das sich anbahnende Glück.
Aber erst eine wärmende Kräutersuppe, hat ja nur 33, 34 Grad heute. Bis auf den Obersschwatz oben fällt die nicht so cremig aus, wie befürchtet, und schmeckt mir. Man soll ja bei Hitze auch Tee trinken. Angeblich.
Der Krapfen vom Hirsch
Ein Knödel fehlt jetzt noch zur nötigen Stärkung. Oder doch ein "Hirschkrapfen"? Nein, das ist nicht, was das Rotwild im Wald liegen lässt, sondern Erdäpfelteig mit Hirschfleisch. Aber auch noch gebacken? Dann lieber das Ragout vom Hirsch, mit Knödel und Salat.
Auf den ersten Blick fürchte ich ja ein schröckliches Geflachse und Gezähe, aber: eines der besten, saftigsten Wildragouts in einer kräftig-dicken Wurzelsauce. Die richtige Wahl, die rechte Auflage, die Ducati auf dem Boden zu halten. Und was für ein Boden!
Hochlecken am Attersee
Das wahre, schnaderhüpfelnde Glück wartete am Ende des Hirschen, gleich nach Gußwerk: Wildalpen, Gesäuse, Gebirg und Wald, eine nicht enden wollendes Schwingen durch eine wunderbare Welt, bis an und in und durch den Attersee, das aber dann ohne Streetfighter und Panier.
Da bräuchte es vielleicht auch gar keine geräucherte Reinanke oder Regenforelle vom Fischer Ecker in Seewalchen zum abendsonnenroten Hochlecken unter Freunden auf der Terrasse zum Glück. Aber feine Fische gehen ja immer, weiß der Maßlose.
Und weil hier so viel vom Übermaß die Rede war, üben wir uns kommende Woche in Demut. Mal was Neues in dieser kleinen, dreckigen Motorradkolumne. Und ja, der Berg am Attersee heißt wirklich so.
Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald
Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und
Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute,
die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen
Vergnügen. Was nicht immer gelingt.