Betörende Walzer inmitten der Katastrophe

Daniel Ender, 21. August 2011, 18:41

Die Wiener Philharmoniker und das West-Eastern Divan Orchestra in Salzburg

Salzburg - Manchmal fügt sich gerade dort eines sinnvoll zum anderen, wo man es am wenigsten erwartet hätte. Wer sich aber am vergangenen Wochenende bei den Salzburger Festspielen auf das Konzert der Wiener Philharmoniker einließ, konnte erfahren, was Franz Liszt mit Igor Strawinsky und Maurice Ravel verbindet.

Dazu gehört nicht nur der schrittweise Bedeutungsgewinn der Schlaginstrumente im Orchester, wie das kundige Programmheft verriet, sondern auch eine nachhaltige Emanzipation von der althergebrachten musikalischen Form: In seinem 1. Klavierkonzert löst Liszt die Grenzen zwischen den Sätzen auf und lässt sie unterschwellig miteinander kommunizieren. Ravels La Valse nimmt den Wiener Walzer als durchlöcherte Folie für ein chaotisches Geschehen, und Strawinsky lässt in Petruschka billige Jahrmarktmusik hereindringen und bringt seine musikalische Hochsprache zur Implosion.

Dirigent Mariss Jansons entfachte hier mit den Wienern einen Klangzauber voller Transparenz und drolliger Spielfreude, in dem vor allem die Bläser mit spontanen Freiheiten glänzten (denen Jansons noch etwas mehr Luft hätte geben können). Markant und wuchtig dann der orchestrale Teil von Liszt, während der chinesische Tastentiger Lang Lang einmal mehr seine phänomenale Fingerfertigkeit und Geschmackslosigkeit demonstrierte.

Warum er etwa behände gespielte Läufe und Kaskaden zu einem Brei verschwimmen lässt oder mitten in einer Legatolinie die Hände von den Tasten reißt und durch die Luft schleudert, weiß - wenn überhaupt - wohl nur er. Der allgemeinen Begeisterung über seine manuellen Künste und seine Bühnenshow tat dies freilich keinen Abbruch.

Der abschließende Ravel gelang dann am rundesten - obgleich das Stück so gar nicht rund daherkommt. Vielmehr dringen die vertrauten Walzerklänge inmitten einer schreienden Katastrophe und beklemmenden Endzeitstimmung an das Ohr, was sie mit den Wienern nur noch betörender machte.

Der Kopfsatz von Beethovens 3. Symphonie (Eroica) erhielt in Salzburg beim Konzert des West-Eastern Divan Orchestra mit Daniel Barenboim hingegen eher das Gepräge eines gemächlichen Walzers denn eines feurig drängenden Allegro con brio, obwohl der Freitagabend im Zeichen einer nicht enden wollenden Tragödie, aber auch im Zeichen der Hoffnung stand, es möge sich etwas ändern.

Die jungen israelischen, arabischen und spanischen MusikerInnen machten freilich nicht nur vor, wie man sich auch über scheinbar unüberwindliche Barrieren verständigen kann, sondern agierten auch musikalisch auf beachtlichem Niveau. So geriet das Adagio aus Mahlers 10. Symphonie zur dichten, füllig angelegten Trauermusik, die sich ebenso auf die jüngsten Ereignisse im Nahen Osten beziehen ließ.

Selbstverständlich kam die aktuelle politische Lage zur Sprache, als Daniel Barenboim im Anschluss an das Konzert den Toleranzpreis der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste erhielt. Barenboim, seit kurzem auch für den Friedensnobelpreis im Gespräch, wurde allseits beklatscht. (Daniel Ender, DER STANDARD - Printausgabe, 22. August 2011)

Kontrahent1
00
22.8.2011, 11:49
Beeindruckend,was M. Jansons im Interview

der 'Wiener Zeitung' am Wochenende sagte: 'Man muß versuchen, nicht nur in die Noten, sondern in die Welt eines Stückes einzudringen'. Deshalb liest er auch viel über die Komponisten und ihre Zeit. Ja, sowas wird allen 'Neudeutlern' garnicht schmecken:-)

indie kniescheibe
00
21.8.2011, 20:03
tastentiger

lol...das triffts !

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