Das gallische Dorf gegen den Numerus clausus

Kommentar der anderen

Studienzugangsbeschränkungen sind weltweit üblich, gerade an den besten Universitäten - Nur Österreich leistet Widerstand - Halten die Argumente der SPÖ angesichts der Realität völlig überlaufener Universitäten stand? - Von Hans Pechar

SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas hält den Numerus clausus für "mittelalterlich". Demzufolge sind also sämtliche Universitäten, die in den globalen Hochschulrankings die Spitzenplätze einnehmen, tiefstes Mittelalter. Und nicht nur sie. Im Grunde befindet sich die ganze Welt in dieser dunklen historischen Phase, denn fast überall gibt es für Studienplätze an Forschungsuniversitäten Obergrenzen. Nur vereinzelte Inseln des Fortschritts, etwa Österreich, ragen aus dem globalen Meer der Rückständigkeit heraus. Diese Botschaft wird die Lehrkräfte und Studierenden in jenen Massenfächern, wo sie sich im Verhältnis 1:150 (gesamtes akademisches Personal) bzw. 1:400 (Professoren) gegenüberstehen, gewiss mit Zuversicht erfüllen.

Während Rudas in großen historischen Dimensionen denkt, werden die Universitäten von einer neuen Welle deutscher Studenten überrollt. Die bisherigen Voranmeldungen bestätigen die Einschätzungen, die schon vor Monaten von einem 30-prozentigen Zuwachs sprachen. An den grenznahen Universitäten haben sich in einigen Fächern mehr Deutsche als Österreicher angemeldet. Nicht zufällig wurde die aktuelle Kontroverse innerhalb der SPÖ von der Salzburger Landeshauptfrau angestoßen, der das Wohlergehen ihrer Universität wichtiger ist als die Parteidoktrin.

Vergangenen Dezember ist der Entwurf eines Rettungsrings für jene Massenfächer, denen jetzt schon das Wasser bis zum Hals steht, am Widerstand der SPÖ gescheitert. Die Prognose eines erhöhten deutschen Zustroms wurde als Panikmache abgetan. Aber wer nun, da die Zahlen auf dem Tisch liegen, auf späte Einsicht hofft, unterschätzt das breite Repertoire an Ausflüchten, mit denen die Anhänger des offenen Zugangs das Naheliegendste blockieren. Nicht eine Änderung der österreichischen Zugangsregelungen sei erforderlich, so Rudas, sondern eine europäische Lösung.

Es ist richtig, dass in der gegenwärtigen Fassung des Europäischen Hochschulraums die EU-weiten Mobilitätsrechte mit der nationalen Finanzierung der Hochschulsysteme kollidieren. Zwar gibt es in vielen Ländern einigermaßen ausgeglichene Salden zwischen hereinkommenden und hinausgehenden Studentenströmen. Aber kleinen Ländern mit großen Nachbarn gleicher Sprache bringt diese Konstruktion massive Nachteile. Trotzige Sprüche und unausgegorene Ideen werden daran aber auch in Zukunft nichts ändern.

Dauerkonflikt mit Deutschen

Dass Deutschland auf bilateralem Weg (ohne gesamteuropäische Lösung) einen Kostenersatz leistet, ist annähernd so wahrscheinlich wie der Ruf nach Steuererhöhungen durch die Tea Party. Während die nordischen Länder, auf die sich die SPÖ in diesem Zusammenhang gerne beruft, Steuerdaten austauschen, befindet sich Österreich in einem Dauerkonflikt mit Deutschland, weil es diese Kooperation unter Berufung auf das fabulöse Bankgeheimnis verweigert. Die deutschen Steuerflüchtlinge sind hochwillkommen, aber bezüglich der Numerus-clausus-Flüchtlinge klagen wir Solidarität ein. Diese Rechnung geht nicht auf.

Für eine Lösung auf EU-Ebene müsste sich Österreich Bündnispartner suchen (auch andere Länder sind betroffen) und an Lösungen arbeiten, die mit dem Grundgedanken des Europäischen Hochschulraums vereinbar sind. Auch bei größtem Optimismus wird das mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Soll die österreichische Politik in der Zwischenzeit abwarten und Tee trinken?

Hausgemachte Probleme

Der Ruf nach einer europäischen Lösung darf nicht von den hausgemachten Problemen ablenken. Der Zustrom aus Deutschland hat die Misere verschlimmert, aber nicht primär verursacht. Schon vor 2005, bevor der Europäische Gerichtshof das Herkunftslandprinzip kippte, war die Lage in den Massenfächern katastrophal. Seither sind, bei nur minimal wachsender Finanzierung, auch die inländischen Neuzugänge stark angestiegen. Ein großer Teil davon bricht das Studium nach kurzer Zeit ab, nicht ohne die knappen Ressourcen der Unis zu belasten, aber ohne zur Erhöhung der Akademikerquote beizutragen. Frau Rudas fordert bessere Studienbedingungen. Aber vor wenigen Monaten hat sie einen Bundesfinanzrahmen mitbeschlossen, der das genaue Gegenteil bewirken wird.

Löchrig wie ein Emmentaler

Schon jetzt ist der offene Zugang durchlöchert wie ein Emmentaler. Das System zerfällt in mehrere Segmente mit je eigener Logik, von einer kohärenten Zugangspolitik kann keine Rede sein.

  • Bei den Sportwissenschaften und Kunstuniversitäten musste man immer schon besondere Fähigkeiten nachweisen. Dass dort andere Maßstäbe angelegt werden als an den Forschungsuniversitäten, war im Land der Skikanonen und Opernsänger nie begründungspflichtig.
  • Aber mit welcher Logik erklärt man den Umstand, dass Forschungsuniversitäten hierzulande geringere Auswahlrechte haben als die Fachhochschulen, die stärker berufsorientierten Segmente des Tertiärbereichs? Weltweit ist das - aus guten Gründen - umgekehrt.
  • Seit dem EuGH-Urteil von 2005 gelten für die Medizinuniversitäten eigene Spielregeln. Dass der Numerus clausus hier ohne viel Aufhebens akzeptiert wird, hat auch damit zu tun, dass man bei einer Profession, bei der es um Leben und Tod geht, solide Studienbedingungen für wichtiger hält als bei den "Modefächern", bei denen der offene Zugang jetzt den größten Schaden anrichtet.

Nun wird - von einer SPÖ-Ministerin - mit den Lehramtsstudien ein neues Segment zur Disposition gestellt. In der Prioritätenliste der sozialdemokratischen Politik bekommt die Ausbildung der Lehrer einen ähnlichen Stellenwert wie die der Ärzte. Claudia Schmied wird noch viele Argumente benötigen, um die Hardliner der eigenen Partei davon zu überzeugen, dass nicht jeder, der das Lehramt studieren will, auch für diesen Beruf geeignet ist.

Da die Schulreform zu den wenigen Projekten zählt, bei denen die SPÖ punkten kann, stehen die Chancen gut, dass sie sich durchsetzen wird. Man darf auf die argumentativen Verrenkungen gespannt sein, mit denen man diese jüngste Abweichung vom geheiligten Prinzip des offenen Zugangs rechtfertigen wird. Welche welthistorische Begründung wird Laura Rudas dafür liefern, dass der Numerus clausus in der Psychologie mittelalterlich, aber beim Lehramt fortschrittlich ist? (Hans Pechar, DER STANDARD, Printausgabe, 22.8.2011)

Autor

Hans Pechar ist Professor für Hochschulforschung an der Uni Klagenfurt.

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