Bundesrats-Präsidentin will Länderkammer reformieren

21. August 2011, 09:48

Für Vetorecht bei Verfassungsgesetzen und Abstimmung nach Ländern statt nach Fraktionen

Salzburg - Susanne Neuwirth (SPÖ), dieses Halbjahr Präsidentin des Bundesrates, möchte die Länderkammer des Parlaments kräftig reformieren. Im Interview mit der APA kündigte sie die Einführung eines Troika-Systems in der Präsidentschaft an, um mehr Kontinuität zu erreichen. Außerdem tritt sie für ein Vetorecht bei Verfassungsgesetzen, ein Mitspracherecht in den Ausschüssen des Nationalrates sowie eine Beschlussfassung nach Ländern statt nach Fraktionen ein und kündigte für Herbst weitere Gesetzesinitiativen des Bundesrates an.

Damit begonnene Vorhaben nicht mit dem Wechsel der Präsidentschaft gleich wieder schubladisiert, sondern wirklich umgesetzt werden, führt die aus Salzburg entsandte Präsidentin ein Troika-System ein. Sie habe schon mit ihrem Vorgänger eng zusammengearbeitet und binde bereits jetzt ihren Nachfolger fest ein. Dazu sei aber auch ein fraktionsübergreifendes Denken notwendig - beide gehören der ÖVP an. "Man kann nichts verändern, wenn man nur im Zeitraum von einem halben Jahr denkt. Mit so einem System aber sind Veränderungen machbar, und dass der Bundesrat ein paar Änderungen braucht, das ist auch klar."

Zur Stärkung des Bundesrates strebt Neuwirth auch ein Vetorecht für Verfassungsgesetze mit Zwei-Drittel-Mehrheit an. Dass die zweite Kammer mit anderen Mehrheiten dann Vorhaben der Bundesregierung zu Fall bringen könnte, "ist legitim. Wenn die Mehrheit der Bundesländer zu einem Verfassungsgesetz Nein sagt, dann hat das ja einen Grund." Neuwirth ist zuversichtlich, dass ein Vetorecht nicht bloß Wunsch bleibt: "Das wird kommen, und wahrscheinlich auch das Mitspracherecht in den Ausschüssen des Nationalrates, weil es einfach sinnvoll wäre, wenn man die Haltung der Bundesländer in die Ausschüsse einbringen kann."

Die Präsidentin möchte auch eine breite Diskussion in Bewegung bringen, wie das System der zweiten Länderkammer grundsätzlich aussehen soll. Dazu sollten die Systeme aller zweiten Kammern in Europa angesehen und dann überlegt werden, was möglich ist, um den Ländern mehr Kompetenz zu geben. Als Beispiel nannte sie eine Beschlussfassung nach Ländern - gewichtet nach ihrer Größe - statt nach Fraktionen - etwa mindestens vier Länder, wenn sie eine bestimmte Stimmenanzahl erreichen. "Ich fände das als Vertretung der Länder sinnvoller als das jetzige System." Zu überlegen wäre auch die Direktwahl in den Bundesrat, die gleichzeitig mit den Landtagswahlen durchgeführt werden könnte.

Mit der Gesetzesinitiative zu Gemeindekooperationen hat der Bundesrat heuer aufhorchen lassen, weil er erstmals seit vielen Jahren wieder von sich aus ein Gesetz in die Wege geleitet hat. Das wird laut Neuwirth künftig häufiger vorkommen. So kündigte sie einen Initiativantrag an, der die Schaffung der Bildungsdirektionen in den Ländern (Zusammenlegung der Landesschulräte mit den Schulbehörden der Länder) verfassungsrechtlich ermöglichen soll. Dies hätten zwar einige Bundesländer schon umgesetzt, laut Verfassungsdienst sei es aber rechtlich bedenklich. Ein weiterer Initiativantrag sei ebenfalls schon in Vorbereitung, der Klagen gegen Kinderlärm unterbinden soll, wie dies zuletzt zweimal im Burgenland vorgekommen sei, so Neuwirth. (APA)

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17 Postings
Pyrrhon von Elis
00
23.8.2011, 10:28

Wenn man schon am Föderalismus festhalten und Länder sowie Bundesrat erhalten will, warum orientiert man sich bei einer Bundesratsreform nicht an Deutschland? Dort gibt es keine hauptberuflichen Bundesräte (=Versorgungsjobs), im Bundesrat sitzen stattdessen Ministerpräsidenten (bei uns LHs) und/oder Minister (Landesräte) - wobei die Bundesländer je nach Einwohnerzahl einen bestimmten Stimmenanteil haben.

Pierre d´Aubusson
01
22.8.2011, 20:24
Bundesrat auwerten? Nix dagegen!

Nur wär da eine Abstimmung nach Ländern eher kontraproduktiv.
Direktwahl der Abgeordneten? Nix dagegen, gleich bei der Landtagswahl, wenn auch die Vertretungen in den "Regierungsbezirken" (wie in Bayern) gewählt werden..
Gesetze, die Verfassungsbestimmungen enthalten sollten zwingend in geheimer Abstimmung abgefragt werden. Bei 2/3 dagegen ist Veto für NR bindend!

Troyka-System? Ja, bitte. Verpflichtend.

Anton D.
10
22.8.2011, 11:28
Stärkung des Bundesrats heißt Stärkung von Blockademanövern!

Seit Jahrzehnten wird immer wieder von einer Reform des Bundesrates geschwätzt. Passiert ist nichts. Die Länder auch nur ansatzweise stärken zu wollen bedeutet im Klartext, die Hauptverhinderer von Reformen gewichtiger zu machen.Schafft doch dieses überflüssige Gremium ab und halbiert den Nationalrat. Die haben ohnehin nichts zu tun, außer Ministeriumsvorlagen durchzuwinken. Weiß schon, dann verlieren eine Menge unnötiger Parteiidioten ihr Amt. Na wenn schon, das Gesindel soll arbeiten und nicht tachinieren.

e h
00
22.8.2011, 09:05

Hat es in den letzten Jahrzehnten eigentlich einen Sommer gegeben, in dem es keine Äußerungen zur Reform des Bundesrates gegeben hat?

Und auch in 20 Jahren wird das wohl noch so sein, weil der BR für die Parteien der ideale Platz ist, um Parteifreunde ins gut bezahlte Ausgedinge zu schicken, und für die tatsächlich mächtigen Landeshauptleute ein Feigenblatt, um im rechtsfreien Raum weiterhin die Fäden ziehen zu können.

Steinbock1959
11
22.8.2011, 07:04

Würde der Bundesrat nicht als Vertretung der Länder genügen?

Chien de Pique
00
23.8.2011, 03:11

??
Wie sollte denn das gehen?

Wieviel Demokratie ist es bitte?
10
22.8.2011, 04:48
Völlig nutzlos ist der Bundesrat nicht

Immerhin kann er als Bestandteil der sog. Bundesversammlung (Nationalrat + Bundesrat) eine Kriegserklärung mitbeschließen. Juhuuuu, Yippieh und Juchee und: yay!

Problem: wie - ohne Marine - die Färöer Inseln stürmen? Nach einer 1 : 0 Auswärtsniederlage?

Also, das verbietet sich von selbst. Ohne Boot.

Wie komm' ich auf die Färöer? Eben. Dehalb. Als Nordeuropäer und autonomer Teil Dänemarks sind sie so, umh, unbalkanisch. Man hat da im Norden gerne *völlig genügende* 1-Kammer-Systeme.

(Im Übrigen legen die Färöer gerade ihre Gemeinden zusammen. Smart!)

Zurück zum Balkan: Wer erst nach 91 Jahren Bundesratsleerlauf "schon" draufkommt, daß dieser auch eine Funktion erhalten soll, also erstmals Sinn und Nutzen, kann nur vom Balkan sein.

Chien de Pique
00
21.8.2011, 20:28

Abschaffung wäre auch vertretbar, aber eine solche Aufwertung ist durchaus sinnvoll und würde den tatsächlich intendierten Sinn als Kammer teilweise herstellen.
Leider wird die Regierung keinerlei Veränderung zulassen, die ihr die Arbeit schwieriger und Macht zu den entmündigten Ländern umverlagern könnte oder mehr Demokratie und Parlamentarismus bedeuten würde.

locken
00
21.8.2011, 18:16
Die einzige Reform wäre Abschaffen den Schlafverein !

Kondratjew -Zyklus
 
00
21.8.2011, 16:12
"Die Präsidentin möchte auch eine breite Diskussion in Bewegung bringen" - da ist sie aber allein auf weiter Flur.

Shrike
12
21.8.2011, 13:21
Typisch Österreich: Reförmchen, statt Reform

Wozu brauchen wir denn diesen Versorgungstrog für abgehalfterte Politiker noch? Wenn schon reformieren dann richtig: Abschaffen dieser unnötigen Veranstaltung und Zusammenlegung der Länder.

Vera Rschung
 
04
21.8.2011, 12:55
Der Bundesrat ist für die Würst!

Polemisch betrachtet, eine Einrichtung für parteipolitische Versorgungsfälle. Nicht reformierbar, weil unnötig.

anton-aus-tyrol
 
00
22.8.2011, 08:49
Unnötig nur in der derzeitigen Form!

Ich denke, eine moderne Demokratie braucht zwei Kammern. Momentan ist der Bundesrat mit seinen Befugnissen allerdings nur ein Witz- und Kurriositätenkabinett. Ideal wäre es, die Länder abzuschaffen und den Bundesrat aufzuwerten...

grimsvotn eyjafjallajökull
01
21.8.2011, 12:52

Natürlich gehört beim Bundesrat etwas geändert: er gehört abgeschafft. Als geradliniger Österreicher kann man sich gar nicht in die Mentalität dieser Leute hineindenken. Fürs Nichtstun zu kassieren und das nicht zu knapp.

Stan Laurel
14
21.8.2011, 12:50
Überschrift

"Bundesrats-Präsidentin will Länderkammer abschaffen" wäre mir lieber gewesen.

Seria
13
21.8.2011, 10:24

Länder? Ein Anachronismus!
Österr. hat weniger Einwohner als das Ruhrgebiet, aber 9 Länder, jede Menge Bezirke, Gemeinden mit kaum Einwohnern aber Bürgermeister, Sekretär, Amtsvorstand etc etc. Ein mittelalterlicher Verwaltungsapparat!

Chien de Pique
01
21.8.2011, 20:38
Und? Dafür hat auch das kleinste Land noch mehr Einwohner als so mancher souveräne Staat. Die österreichischen Länder liegen absolut in der Größenordnung (Ew.) der 20 kleineren US-Bundesstaaten, die auch niemand abschaffen würde. Bayern, obwohl nur

Land, hat Bezirke und Kreise, und alles weit demokratischer ausgestaltet als unsere jeglicher Demokratie entkleideten Bezirke (um die es wirklich nicht schade wäre, Aufgaben auf Land bzw. (zusammengelegte oder kooperierende) Gemeinden aufteilen. Auch haben die meisten ähnlich dicht besiedelten Zentralstaaten ihre Ebenen, die es für eine Verwaltung einfach braucht, wenn ein Gebiet größer ist als ein Stadtstaat; nur die 9 Gesetzgebungen könnten abgeschafft werden, die Verwaltung nicht, wie auch?
Ich finde in der EU (die ja evtl. doch mal ein Superstaat wird) eher Österreich als Staat anachronistisch, auch die aufgeblähten Bundesinstititionen könnten zurechtgestutzt werden, aber die scheinen sakrosankt, obwohl sie immer weniger entscheiden.

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