Unibrennt reloaded?

Leserkommentar

Die Politik sollte sich auf einen heißen Herbst einstellen, denn Protestbewegungen können nicht durch Räumungen oder Repressionen beendet werden

Die finanzielle und personelle Misere an den heimischen Hochschulen, die Implementierung des Bologna Prozesses und die Formel "Ausbildung statt Bildung" führte im Herbst 2009 zu den größten Studentenprotesten, die Österreich je gesehen hat.

Neben dem Audimax der Universität Wien wurden zahlreiche andere Hörsäle besetzt und Demonstrationen abgehalten. Zu Tausenden gingen Studierende auf die Straßen - Unibrennt war geboren und breitete sich von Österreich auf andere europäische Länder aus.

Die chronische Unterfinanzierung der Universitäten führte zu inakzeptablen Betreuungsverhältnissen und unzureichenden Lehrveranstaltungsplätzen. Mit dem Umstieg auf das Bologna System stieg der Leistungsdruck - Studierende sollten dazu angehalten werden, möglichst schnell ein Grundstudium (Bachelor) abzuschließen, um volkswirtschaftlichen Nutzen in Form von Erwerbstätigkeit zu bringen.

Während einige Grundideen des Bologna Prozesses durchaus zu begrüßen sind (z.B. höhere Flexibilität, was das Studieren im Ausland betrifft oder einheitliche Anrechenbarkeitskriterien von Lehrveranstaltungsabschlüssen), konzentrierte sich die reale Umsetzung auf den wirtschaftlichen Nutzen. Die Protestbewegung der Studierenden, zu der auch ich gehörte, forderte unter anderem eine Rückkehr zum Prinzip "Bildung statt Ausbildung" und das Begreifen universitärer Bildung als wesentlichen Beitrag eines gesellschaftlichen Diskurses.

Chronische Unterfinanzierung damals wie heute

Bereits 2009 bestätigten viele Rektoren, dass sie zu wenig Geld für das Aufrechterhalten des Universitätsbetriebes haben, und forderten - ebenso wie die "Audimaxisten" - eine Ausfinanzierung der Hochschulen. Als von Seiten der Politik eine Absage kam bzw. die damaligen Wissenschaftsminister Hahn und Karl kleine Finanzzuckerl als großen Wurf proklamierten, war für viele Rektoren der einzige Ausweg schnell klar: die flächendeckende Wiedereinführung von Studiengebühren, sowie Zugangsbeschränkungen.

An dieser Stelle endete die gemeinsame Forderung von Rektoren und Protestbewegung. Die Studierenden im Audimax und anderswo bestanden (und bestehen) auf dem freien Hochschulzugang und erhielten Rückendeckung aus der SPÖ, die sich bis heute vehement gegen Studiengebühren wehrt.

Im ZiB2-Interview vom 17. August 2011 betonte SP-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas, dass ein "bedingungsloses Nein zu Studiengebühren" eine "Frage der Glaubwürdigkeit" sei und damit nach wie vor Gültigkeit habe.

Betrachtet man die finanzielle Situation an den Universitäten heute - zwei Jahre nach Unibrennt - muss auch der optimistischste Beobachter feststellen, dass sich nichts (zum Besseren) verändert hat. Nach wie vor sind die Hochschulen unterfinanziert, nach wie vor ist das Absolvieren eines Studiums ein Wettlauf gegen Zeit und Geld.

Viele Studierende mussten im Zuge von Sparmaßnahmen der Regierung die Streichung der Familienbeihilfe hinnehmen, wodurch eine große Zahl von ihnen vor ernsthaften Problemen steht. Die Mehrheit der Studierenden arbeitet und ist auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Nicht selten verkommt das Studium zu einer Nebentätigkeit - im Vordergrund steht die Erwerbsarbeit. Dadurch werden nicht nur Studienzeiten verlängert, sondern auch Belastungen forciert, die sich in der Drop-out-Quote niederschlagen.

Drehkreisel Bildungspolitik

Die Unterfinanzierung der Universitäten hat in den letzten Tagen zu Ankündigungen drastischer Maßnahmen seitens der Rektoren geführt. Der neue Rektor der Universität Wien, Heinz Engl, drohte mit der Abschaffung einzelner Studienrichtungen, sollte die Politik nicht mehr Geld zur Verfügung stellen.

Die Technische Universität Graz rief gar zu Spenden auf, um den Universitätsbetrieb aufrechtzuerhalten. Der Rektor der Medizinischen Universität, Wolfgang Schütz, kündigte an, dass man Personal am Wiener AKH einsparen müsse, wenn die Budgetmittel nicht erhöht werden.

Das sind nur drei Beispiele aus einer Reihe von Rufen, die kaum ungehört bleiben können. Die Politik ignoriert sie zwar nicht, liefert aber auch keine allzu befriedigenden Antworten oder Lösungsvorschläge. Das sozialdemokratische Nein zu Studiengebühren wackelt immer wieder. Alternativvorschläge wie Zugangsbeschränkungen, Eignungstests oder ähnliches schallen aus Landesparteizentralen Richtung Bundesregierung.

ÖVP-Wissenschaftsminister Töchterle greift solche "Abweichler" von der Parteilinie des freien Hochschulzugangs auf und fühlt sich in seiner Forderung nach Studiengebühren bestätigt. Auch wenn er einräumt, dass er sich von alternativen Lösungen überzeugen lassen und in diesem Fall nicht auf Studiengebühren bestehen würde, ist klar, in welche Richtung sich der bildungspolitische Diskurs immer noch bewegt.

Die Durchsetzungskraft der SPÖ in der großen Koalition lässt in vielen Bereichen zu wünschen übrig - Bildungspolitik ist hierbei nur eine Baustelle von vielen. Mit der - begrüßenswerten - Ablehnung von Studiengebühren allein lassen sich die Baustellen an den Universitäten nicht bearbeiten. Die Hochschulen brauchen mehr Geld. Viel mehr Geld. Ohne ein entsprechendes Bekenntnis, dem entsprechende budgetäre Taten folgen, gibt man das marode Hochschulwesen dem Verfall preis.

Während "systemrelevante" Banken mit Milliardenhilfen gestützt werden und unzählige (teils wichtige) Maßnahmen zur Ankurbelung der Konjunktur getroffen werden, scheint die Politik eine langfristige Komponente gänzlich außer Acht zu lassen.

Ein Land, das kaum über Rohstoffe verfügt und derart klein ist, muss seinen Fokus zielgerichteter auf Wissenschaft und Forschung legen und dementsprechende Investitionen veranlassen. Die gesellschaftliche Bedeutung einer gebildeten, kritischen, diskursfähigen Bevölkerung lässt sich nicht mit unmittelbaren volkswirtschaftlichen Daten belegen und wird daher stiefmütterlich behandelt.

Unibrennt reloaded?

Die Studierenden scharren mit den Hufen und verfolgen auch in den vorlesungsfreien Sommermonaten die Entwicklungen der heimischen Bildungspolitik aufmerksam. Der Ansturm auf die Universitäten dürfte Prognosen zufolge im kommenden Wintersemester ein Rekordhoch erreichen.

Für noch mehr Studenten wird weiterhin zu wenig Geld, Infrastruktur und Personal zur Verfügung stehen. Überfüllte Hörsäle, ein unzureichendes Angebot an Lehrveranstaltungen, miserable Betreuungsverhältnisse und der stetig wachsende Druck, möglichst wenig Zeit für sein Studium aufzuwenden, waren 2009 gültige Befunde - und sind es heute noch.

Sollte sich die Politik neuerlich einer Vogelstraußmentalität verschreiben und die Verantwortung im Bildungsbereich nicht wahrnehmen, wird es wieder zu Studentenprotesten kommen. Die Räumung des Audimax im Dezember 2009 hat keine Probleme gelöst. Wenn es zu einer Neuauflage von Unibrennt kommt, könnte der davon ausgehende Druck um ein Vielfaches stärker sein, als vor zwei Jahren.

Europaweit demonstrieren junge Menschen gegen Perspektivenlosigkeit, Einsparungen im Sozial- und Bildungsbereich, fehlende Arbeitsplätze und unzureichende Partizipationsmöglichkeiten im demokratischen Prozess. Diese für Proteste günstigen Voraussetzungen gab es 2009 in diesem Ausmaß noch nicht - trotzdem brachten die Studenten eine breite Bewegung über die Grenzen Österreichs hinaus zustande. Die Politik sollte sich vorsorglich auf einen heißen Herbst einstellen und wird erkennen müssen, dass Protestbewegungen nur durch Lösungen, nicht aber durch Räumungen oder Repressionen beendet werden können. (Leser-Kommentar, Stefanie Klamuth, derStandard.at, 23.8.2011)

Autorin

Stefanie Klamuth studierte Politikwissenschaft und arbeitet als Medienbeobachterin.
Web: http://stefanieklamuth.wordpress.com/

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Der AutorIn

ist ein bissi linksextrem, aber sonst ....

Die Uni brennt mangels brennbarem Material nicht mehr.

hmm, können sie nicht ihre pension genießen, statt hier herumzunadern?

" und erhielten Rückendeckung aus der SPÖ"

und von den Grünen, die bezahlten die VoKü (inoffiziell)

Der Generationenkonflikt kommt!

Das derzeitige groesste Problem Oesterreichs ist, dass die groesste und immer groesser werdende Waehlerschicht Pensionisten sind plus Leute die bald in Pension gehn. Das erklaert auch, dass man nicht wirklich drueber nachdenkt, dass man 9.2 Millarden allein 2011 zuschiessen muss, weil man Pensionspriviligen nicht abschafft und die Hacklerregelung beibehaelt, kein einheitliches ASVG Recht einfuehrt, etc.

Gleichzeitig fehlt den Unis das Geld an allen Ecken und Enden. Man spricht von - vergleichsweise laecherlichen - Betraegen von ein paar hundert Mio Euros zusaetzlich um einigermassen vernuenftig wirtschaften zu koennen. Das ist eindeutig Politik der alten Generation auf Kosten der Jungen. Leute beginnt euch zu wehren!

Gleichzeitig gegeben ist keine kausale abhängigkeit

Wenn für die Alten und die Jungen im Gemeinwesenbudget gleichermaßen zu wenig gewidmet ist, sind die beiden nicht miteinander im Konflikt, sondern beide im gemeinsamen Konflikt mit einer zynischen und kurzsichtigen Budgetgestaltung durch SPÖVP, deren kleinster gemeinsamer Nenner die Verabschiedung von nachhaltiger Planung und die Kapitulation vor dem kapitalistischen Lobbying ist.

der kommt ja nur, weil man uns einredet er kommt.
cheap trick !

Wieder zu feig sich gegen jene zu stellen,

weiche die Uni kalt verhungern lassen - die Regierung? Beschädigen sie wieder lieber die Stätte, für die sie angeblich kämpfen.
Als schnitte ich mir ein Ohr ab um gegen die schlechte Behandlung durch meinen Hausarzt zu protestieren.

Sind eben auch nur Politiker/innen.

bullshit

es ist durchaus sinnvoll, sich ein zentrum für eine bewegung zu holen, wenn ie den kampf gegen die regierung länger führen wollen - was die studierenden ja auch gemacht haben. das ist so, als ob sie sich mit ihrem anwalt in einem raum treffen würden, wenn sie ihren hausarzt verklagen wollen.

Genau, deshalb blockieren sie

den eigenen Betrieb und "unterhalten" sich mit der deutschen Hausbesetzerszene, wie die ganze Uni mit Besetzung zu überziehen sei.
Deshalb heisst es ja auch nicht Ministerium brennt, sondern Uni brennt.

Sie sollten nicht unbedingt Ihren neuronalen Morast als Überschrift verwenden?

noch immer...

kein gegenargument.

räume holen und abwägen, was einem_r wichtiger ist, drei monate ungestörtes studium oder wirksamer protest, das war und ist die frage. und meine beiträge nenne ich wie ich möchte, wer sich an der fäkalsprache stört hat vermutlich ohnehin noch wichtigere problee mit dem beitrag. (hoffentlich)

Sie haben gewichtige Argumente und

könnten sich die Unterstützung der Bevölkerung holen, aber so bleibt es blinder, selbstbefriedigender Aktionismus.
Auch in bester Absicht kann Mensch Vertrotteltes tun. Ich nenne das goof.
Der unverzichtbare Protest gegen die Faschos, der gehörtes selbstverständlich an die Uni. Protest gegen faule, unfähige Professoren ....
Aber hier geht es um die offensichtliche Einschätzung der schrecklichen Regierung, Unis seien ein lästiges Anhängsel.

ihre einschätzung

meiner geistigen ressourcen mal beiseite gelassen - wo ich ihnen natürlich zustimmen muss, ist dass ein universitätsstreik oder eine universitätsbesetzung nicht viel bringt, solange man das problem nicht an der wurzel, nämlich regierung und wirtschaft packt.

dass das mit einfachen demonstrationen, lichterketten und anderen unmutsbekundungen nicht möglich ist haben die studidemos im letzten jahr eindrucksvoll gezeigt. der ökonomische druck ist und bleibt da die beste waffe, zu der protestierende sich zugang verschaffen können.

Nehmen Sie meine provokante

Grobsprache nicht ernst. Das ist ein Mittel ernsthafte Diskussionspartner (die geben nicht auf) zu identifizieren (und manchmal auch aus Wehrhaftigkeit).

Ich bin 65 und Unternehmer. Aber für das Anliegen Unis gehe ich mit Ihnen auf die Strasse, und stachele noch mehrere auf.
Der Grund ist egoistisch. Wenn die Unis den Bach hinunter gehen, weil vertrottelte Elitenpolitik, oder falsche Sparpolitik, oder Ahnungslosigkeit im Hinblick auf künftige Anforderungen, oder idiotische Leistungsbegriffe, ... vorherrschen, geht AT den Bach hinunter.
Diese Vorstellung ist mir unerträglich.

1996

waren die proteste, damals ausgehend vom mittelbau
um einiges härter(.zumindest auf der strasse)
die heutige "uni brennt"-Bewegung ist dagegen
eine romantische stricktanten- vereinigung;
brennen tut da gar nix--nur bobo-geplänkel !

Protestbewegungen können nicht durch Räumungen oder Repressionen beendet werden

Aber durch konsequente Nichtbeachtung und öffentliches Desinteresse. Hat doch auch beim letzten Mal super funktioniert. Am Ende haben nur die Akteure (auch nicht alle) geglaubt, die Aktion wäre ein Erfolg gewesen. Der Rest freute sich über Unterhaltung an trüben Herbsttagen. Und heuer wirds genauso.

Bildungsminister Professor Töchterle hat längst erkannt, dass es den Universitäten nicht an Geld, sondern an den richtigen Zugangsbeschränkungen fehlt.
Wir müssen Qualität forcieren, nicht Quantität.

Die ÖVP stand und steht nach wie vor für eine seriöse und nachhaltige Bildungspolitik, die sich nicht auf kurzfristige Populismus à la "Nein zu Studiengebühren" ergießt!

Bruhaha! Endlich mal ein Witzbold in der ÖVP Parteipostingzentrale. Selten so gelacht!

Hervorragend! Welche subtile Ironie! Jeder Satz ein Volltreffer!

"Die ÖVP stand und steht nach wie vor für eine seriöse und nachhaltige Bildungspolitik, die sich nicht auf kurzfristige Populismus à la "Nein zu Studiengebühren" ergießt!"

lol, man sieht ja, wer in ihren reihen tätig ist...

Stefanie Klamuth studierte Politikwissenschaft und arbeitet als Medienbeobachterin.

Toll, das wird noch einmal was.

Dieses Interview sollte man gelesen haben!!! Reload. Yes!

=>

http://www.uebermorgen.at/index.php... -2011&p=16

Also ich hab noch keinerlei scharrende Hufe gehört, aber seinerzeit ist das ja auch aus dem Nichts aufgebrandet. Mal überraschen lassen ...

Auch wenn es wünschenswert wäre wenn ausgehend von Studentenprotesten die Politk gefordert wäre Reformen anzugehen bzw. diese endlich durchzusetzten glaube ich nicht daran aus einigen Gründen:

a) innerhalb der Studenten gibt es Gruppen die sich den Protesten nicht anschliessen werden nämlich vor allem jene die vom Elternhaus ausreichend finanziert sind
b) im rural geprägten Österreich sind Akademiker und vor allem Studenten noch immer suspekt nach dem Motto "de soin wos hackeln geh", speziell von der Generation 60 plus wird wenig Unterstützung kommen, die Kronen Zeitung wird allfälllige Demonstranten als linkslinke Unruhestifter diffamieren
c) und schliesslich fehlt im Gegensatz zu anderen Gruppen (Banken, Pensionsten, Beamte) der politische Druck, wie 2009 wird man versuchen das Ganze einfach auszusitzen. Ähnlich wird ja auch in Spanien mit den Jugendprotesten umgegangen.

Trotzdem wäre es wichtig die Demos Erfolg haben.

Ich habe mich 2009 den Protesten auch nicht angeschlossen, nicht weil ich aus verwöhntem Elternhaus komme, sondern weil unter Studis eine Riesenverlogenheit herrscht. Studieren ist nie und nimmer ein Ganztagsjob, man kann locker daneben 20 Stunden (aufgerechnet auch auf Mehrarbeit in den 5 Ferialmonaten) arbeiten und hat dann noch immer Zeit ab und an auch abends unterwegs zu sein. Alles andere was oft behauptet wird stimmt nicht. Unibrennt war doch nur eine Riesenparty - ich habs selber gesehen, saufen und rauchen bis zur Bewusstlosigkeit war zT angesagt.

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