Die Kanutinnen Yvonne Schuring und Viktoria Schwarz mausern sich mit ihrem sensationellen WM-Sieg zur Olympia-Hoffnung
Szeged/Wien - Das hört man oft, dass jemand vermeint, einen Erfolg
"erst
später realisieren" zu können. Bei Yvonne Schuring und Viktoria Schwarz
war's tatsächlich so. Die Linzer Kanutinnen freuten sich bei der
Flachwasser-WM in Szeged nach dem 500-m-Finale über die Silbermedaille,
die ihren größten Erfolg und gleichzeitig die Olympia-Qualifikation für
London 2012 bedeutete. Allerdings war die Silbermedaille nur eine
vermeintliche, und erst, als sie aus ihrem Boot stiegen, wurden
Schuring/Schwarz von ihren Betreuern auf den Boden der Tatsachen geholt.
Sieg, Gold, Weltmeisterinnen, so sah dieser Boden aus. Die
Zieleinfahrt
war knapp, die Österreicherinnen hatten die Deutschen vorne gesehen, die
Uhr und das Zielfoto sahen es anders. Schuring und Schwarz kamen 0,204
Sekunden vor Franziska Weber und Tina Dietze an. Die drittplatzierten
Polinnen machten die Niederlage der erfolgsverwöhnten Ungarinnen
perfekt, die sich just daheim vor 30.000 Fans mit Rang vier begnügen
mussten.
Aus dem Schatten zu Olympia
Seit 2008 sitzt die Sportsoldatin Schwarz (26) im Boot mit der
Verwaltungsangestellten Schuring (33), einer gebürtigen Deutschen, die
der Liebe wegen nach Österreich übersiedelte. Sie paddeln für den Verein
Schnecke Linz, der so heißt, weil die Kanuten ihre Boote früher wie ein
Schneckenhaus auf dem Rücken trugen. Schnecke Linz ist einer von 79
Kanu-Vereinen im Land, sie versammeln ungefähr 4000 Mitglieder, die
entweder im Flach- oder im Wildwasser unterwegs sind.
Wildwassermäßig sind Österreicher in jüngerer Vergangeneheit mehr
aufgefallen, man denke an die mehrmalige Weltmeisterin Uschi Profanter,
denke an Violetta Oblinger-Peters, die Slalom-Olympiadritte 2008. Doch
mit Schuring/Schwarz hat das Flach- quasi Oberwasser bekommen. Schwarz:
"Wir ziehen als Weltmeisterinnen in die Olympia-Saison. Natürlich ist
eine Medaille in London unser Ziel."
Günther Briedl, Sportkoordinator im Verband (OKV), will allerdings
"verhindern, dass die beiden jetzt in die Favoritinnenrolle gedrängt
werden". In Szeged sei alles optimal gelaufen, auch die Bahn 2, die sich
aus dem zweiten Platz im Semifinale ergab, war im Endlauf kein Nachteil.
Briedl: "Sensationell war, wie die Mädels die Nerven behalten haben."
Die frühe Olympia-Qualifikation ist viel wert, nimmt den Druck. "Dass
Vicky und Yvonne auf den Punkt genau in Form sein können, haben sie
bewiesen."
Neues, altes Gesicht
Natürlich steht nicht hinter allen erfolgreichen Damen ein alter
Fuchs,
hinter diesen beiden aber sehr wohl. Der Fuchs heißt Nandor Almasi und
kommt aus Ungarn. Almasi (58) war schon in den späten 80er-Jahren als
Bundestrainer in Österreich tätig, seit Dezember 2010 ist er es wieder.
Dazwischen war er in Südafrika und England als Cheftrainer tätig, er
kennt sich im Kanusport aus wie kaum ein anderer. Schuring und Schwarz
haben mit ihrem Sieg freilich auch ihren Coach überrascht, der musste
noch in Szeged seine Wettschuld einlösen und sich nach 15 Jahren von
seinem Schnurrbart trennen. Manche Wetten sollte man besser gar nicht
erst abschließen, das hat Almasi mittlerweile realisiert. (Fritz Neumann, DER STANDARD Printausgabe, 22.08.2011)
Ergebnis der Kanu-Flachwasser-Weltmeisterschaften in
Szeged am Samstag (olympische Disziplinen):
500 m - Damen:
Kajak-Einer: 1. Nicole Reinhardt (GER) 1:47,066 Min. - 2. Danuta Kozak (HUN)
1:47,396 - 3. Inna Osypenko-Radomska (UKR) 1:48,668. C-Finale: 4. Ana Roxana
Lehaci (AUT)
Kajak-Zweier: 1. Yvonne Schuring/Viktoria Schwarz (AUT) 1:37,071 Min. - 2.
Franziska Weber/Tina Dietze (GER) 1:37,275 - 3. Beata Mikolalczyk/Aneta
Konieczna (POL) 1:37,803