Krawalle und Moral

Wer überflüssig ist, braucht keine Moral

Gastkommentar | 20. August 2011, 09:22

Wenn die Weltwirtschaft kracht oder in London Häuser brennen, gilt das als Zeichen mangelnder Moral. Doch die Moral, die alle meinen, gehört bloß einem elitären Club - Von Eberhard Lauth

Dieser Tage wird viel von der Moral geredet. Die einen, etwa Charles Moore, ein Fan von Margaret Thatcher, und Frank Schirrmacher von der FAZ, haben erkannt, dass die Neokonservativen die Moral aus den Augen verloren haben und stiften damit eine dringend notwendige Diskussion darüber, dass unsere politischen Systeme nur den Reichen dienen, weil die Neoliberalen unter Freiheit bloß freie Marktwirtschaft verstehen, und unter Individualismus bloß Egoismus.

Und die anderen berufen sich darauf wie Großbritanniens Premierminister David Cameron, der sich keine Ratlosigkeit im Umgang mit den August-Riots in London und anderen britischen Städten leisten durfte und daher zum Schluss kam: Die britische Gesellschaft ist kaputt. Sie hat ihre Moral verloren. Und so geht das nicht weiter.

Ein Luxusproblem

Um die Moral wieder herzustellen, werden die Plünderer auch mit beispielloser Härte bestraft. Es ist sicher nicht das letzte Mal, dass jemand dem Missverständnis aufsitzt, Moral mit der Einhaltung von Gesetzen gleichzusetzen.

Die Moral, die sie alle meinen, gehört einem sehr exklusiven und elitären Club. Natürlich ist Gewalt keine Lösung, aber ich bin auch nicht verzweifelt. Und vor allem: Ich kann mich nicht wegen wirtschaftlichen Misserfolgs beklagen, sondern höchstens auf hohem Niveau jammern. Ein Luxusproblem also.

Am Beispiel Englands zeigte sich einmal mehr, dass Unruhen überall dort entstehen, wo die Staatsverschuldung und der Spardruck zu groß sind - und wo das Leben am unteren Ende der Gesellschaft von einem wirtschaftlichen Misserfolg geprägt ist, der so an die persönliche Existenz geht, dass er jegliche soziale Bindung auflöst.

In einer Diskussion im Schweizer Radio DRS zum Thema (hier nachzuhören) war auch Carlo Knöpfel von der Caritas Schweiz zu Gast. Er nannte die an den Riots beteiligten Jugendlichen die "Überflüssigen in der Gesellschaft". Überflüssig als Arbeitskräfte, weil sie nichts gelernt haben. Überflüssig als Konsumenten, weil sie sich nichts leisten können. Und überflüssig als Wähler, weil sie kein Stimmrecht haben.

Ausschreitung statt Revolution

Wer überflüssig ist, der taugt nicht einmal mehr als Klassenkämpfer. Statt Revolution gibt's eine Ausschreitung. Statt politischen Forderungen gibt's eine neue Kapuzenjacke mit Markenlogo, die man sich auf legalem Wege nicht leisten kann. Und wer das als Taten eines unmoralischen Mobs abtut, bestätigt nur das Selbstbild der Täter: Sie waren überflüssig - und sie werden es bleiben.

Um auch in diesem Text noch einmal auf die kluge Analyse meines Kollegen Michel Reimon hinzuweisen: Solange in vielen europäischen Gesellschaften, die über Jahrzehnte immer reicher wurden, die Mehrheit der Bevölkerung glaubt, dass ihr Wohlstand in Gefahr ist, Sozialleistungen daher dringend gekürzt gehören, und der Abstieg wahrscheinlich trotzdem schon nächsten Montag stattfindet, wird auch bei vielen das Gefühl steigen, überflüssig zu sein.

Und angenommen, ich fühlte mich tatsächlich überflüssig: Da pfeife ich doch auf das Gerede von der Moral, oder? Die, die sie sich leisten können, sind sich schließlich auch selbst am nächsten. (derStandard.at, 20.8.2011)

Autor

Eberhard Lauth, The European, der Journalist arbeitete viele Jahre als freier Autor und in den Chefredaktionen der Magazine "WIENER" und "Seitenblicke". 2009 gründete er das Meinungsmagazin ZiB21

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 176
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thanks to denial I am immortal
00
21.8.2011, 20:13

Moral...ist das ein Aldehyd?

Linus Tintifax
10
21.8.2011, 20:04
sehr guter kommentar,

nur leider wieder viel zu kurz. das kann man unschwer an erschreckend vielen postings hier erkennen, in denen sich die aussagen zwischen neoliberaler selbstgerechtigkeit und einfältiger simplifizierung bewegen.

Der junge Jim Kirk
41
21.8.2011, 19:20

Lumpenproletariat halt.

Linus Tintifax
05
21.8.2011, 19:32
mit ihrem nick stapeln sie offenbar sehr hoch

kommt da auch noch was geistreiches?
jim kirk ist schließlich bekannt für seine herausragende intelligenz, seinen mut und sein einfühlungsvermögen...oder meinen sie den zweijährigen kirk?

4simo
02
21.8.2011, 19:49
er meint den ungeborenen kirk

der, dessen denkfähigkeit noch in fruchtwasser ertränkt war.

manto bamminger
13
21.8.2011, 19:00
ist ds ein hüter der menschlichen ordnung

oder ein diktatorischer gesetzesmann?

cameron sagte; we will hunt you down and we will punish you,...etc.

also da hab ich echt angst bekommen, die paar reichen die es gibt geraten völlig ausser kontrolle, sind gewaltverherrlichend, konfliktunfähig, und gefährliche psychopaten

baroli
02
21.8.2011, 18:58

Das Herabsinken der großen Masse unter das Maß einer gewissen Subsistenzweise,
die sich von selbst als die für ein Mitglied der Gesellschaft notwendige reguliert,-
und damit zum Verlust des Gefühls des Rechts,
der Rechtlichkeit, der Ehre, durch eigene Tätigkeit und Arbeit zu bestehen,-
bringt die Erzeugung des Pöbels hervor, die hinwiederum zugleich die größere Leichtigkeit,
unverhältnismäßige Reichtümer in wenige Hände zu konzentrieren. Hegel.

Balduin
62
21.8.2011, 18:16
Guter Kommentar!

Zahlen wir doch den Damen und Herren Einwanderern aus Afrika ein stattliches Gehalt ohne die geringste Gegenleistung zu verlangen, nur, dass die nicht Randale machen und sich die Markenklamotten auf legalem Weg leisten können.

manto bamminger
02
21.8.2011, 18:56
du schreckgespenst

uhu, die bösen schwarzen einwanderer bringen unsere ach so geliebte ordnung in gefahr.
Österreich ist wirklich mit gar wirklich grauslichen einwohnern gestraft.
Sturz der monarchie,...keine veränderung
sturz von hitler....keine veränderung.

kapiers doch, niemand ist so blöd wie ein austrofaschist.
Nix is geblieben vom großen österreich, weil auf diesen schwachsinn hat niemand lust

Toxo Logic
 
02
21.8.2011, 18:56

Sie sollten auch erwähnen das zu den randalierenden Einwanderern neben den Afrikanern auch die Angelsachsen, Normannen und Kelten gehören.

Quintus Beckloeffel
21
21.8.2011, 17:08

Die Pointe bei der Moral ist nicht ihre "Brauchbarkeit", sondern gerade ihre gegen die Brauchbarkeit gerichtete Relevant.

Brauchen tu ich etwas, das mir hilft, meinen Willen durchzusetzen. Ich brauche z.B. einen Schlüssel, wenn ich ins Haus hinein will.

Wenn der Mörder zustechen will, dann braucht er ein Messer, aber er braucht keine moralische Norm. Die moralische Norm hat aber Relevanz in Bezug auf seine Absicht und sein Handeln, obwohl sie (im gegebenen Fall) gegen das gerichtet ist, woran sich die Brauchbarkeit (z.B. des Messers) positiv orientiert.

W. Müller
 
01
21.8.2011, 16:47
".. in London Häuser brennen .."

Die SUMME macht's !!

Wenn NUR dort, einzeln betrachtet, Häuser brennen kann's "Der Politik" wurscht sein (mir ist's übrigens nicht). Das könntens' als "einzelnes Strohfeuer" abtun.

Paris, Berlin, Hamburg, Athen, Rom, Mailand, ...

'S gibt mittlerweile so viele "einzelne" Strohfeuer, daß die Gefahr besteht, 's wird daraus, wenn niemand dagegensteuert, ein Flächenbrand!

Vor dem fürcht' ich mich und bin wütend, weil er sich vermeiden ließe.

Bluestone
01
22.8.2011, 07:08

Scheren Sie nicht etwas zu viel über einen Kamm?

In den Pariser Vororten und Mailand waren es Einwanderer, in Berlin wie jedes Jahr die linken Anarchisten, Hamburg weiß man noch nicht-Athen die EU Händeaufhalter und in Rom der Zorn gegen den gescheiterten Misstrauensantrag gegen Berlusconi.

Die einzige Gemeinsamkeit ist die sinllose Gewalt und der Schaden an der steuerzahlenden Bevölkerung, die dafür aufkommen darf.

Euro in Volt
11
21.8.2011, 15:50

Mit "beispielloser Härte" (von wegen "beispiellos"...) wird nicht die Moral wiederhergestellt, sondern der verbleibende Rest jener in Schutz genommen. "...und wo das Leben am unteren Ende der Gesellschaft von einem wirtschaftlichen Misserfolg geprägt ist, der so an die persönliche Existenz geht,...", na klar, dort wo man die teuerste Markenkleidung trägt und jeder ein kostspieliges Handy hat... Das sich dort "jegliche soziale Bindung auflöst", sieht man am Beispiel von crackdealenden Banden sowie an den organisierten "Blackberry Revolutionären" ja ganz deutlich, nicht wahr?! Die Waffen, die viele von denen besitzen, sind auch nicht eben günstig zu erwerben.
Ich bin nicht "über Jahrzehnte immer reicher" geworden und halte viel von Moral.

franz der freie
 
123
21.8.2011, 14:23
ach ja, geschäfte plündern und mit luxusgütern das weite suchen ist ein luxusproblem.

so kann man das auch sehen. leute, wie der artikelverfasser sind das problem. sie haben für alles eine erklärung und entschuldigung. ich bin selbst in armut aufgewachsen, aber es ist mir nie in den sinn gekommen, sachen die mir nicht gehören einfach zu stehlen. ich bin gewohnt zu sparen und dann zu kaufen, wenn ich genug dafür habe. oder einfach zu verzichten. nicht alles, was beworben wird ist sinnvoll und notwendig für mich.das problem liegt in der einwanderungspolitik und in der verluderung der gesellschaft.dazu kommen ein paar systemidioten, die alles verstehen .

Linus Tintifax
10
21.8.2011, 20:06
ah der geistfrie

Quatremère
32
21.8.2011, 17:25

Sie sind ja auch ein Teil der Gesellschaft. Warum haben Sie sie so verludern lassen?

gigngogn
 
00
22.8.2011, 13:45
Weil die Wohlstandsverwahrlosten in der Überzahl sind

Erstversuch
01
22.8.2011, 11:49
Weil er den Sozialarbeitern geglaubt hat die gesagt haben

"Gebt uns nur die Mittel und wir machen das schon."?

Reich sein muss sich lohnen!
05
21.8.2011, 16:31
Ja hier wird Erklärt - aber nicht entschuldigt!

Das ist ein Unterschied.

Ihr Problem ist, dass Sie keine Erklärung wollen. Sie haben ja bereits Ihre Meinung und machen sich mit dieser Meinung das Leben leichter:
Wir haben nichts falsch gemacht, der Fehler liegt nicht an uns bzw. der Gesellschaft. Hier würde noch immer alles ganz toll funktionieren wenn nur nicht diese fiesen Ausländer hier wären (vor ein paar Jahrzehnten waren's die Juden).

Und jetzt kommt hier einer mit Erklärungen daher und macht Ihnen Ihre schöne einfache Meinung kaputt - und das wollen sie natürlich nicht, denn Sie haben es ja gerne einfach - ein einfaches Feindbild und eine einfache Lösung.

Ja bitte
32
21.8.2011, 16:10
In Armut aufgewachsen und die Ausländer sind an

ALLEM schuld?! - Bist du es, HC?
Aber den anderen vorwerfen, Sie seien Systemversteher? -Woher kommt eigentlich deine "Verluderung der Gesellschaft? -davon dass diese Karriereschnepfen nicht mehr den ganzen Tag daheim sitzen und Kinderchens hüten wollen, sondern sich erdreisten Geld verdienen zu wollen, um ihre Kinder anziehen und ernähren zu können? Vermute du bist ung. in der KreiskyÄra aufgewachsen, als es tatsächlich Arbeit +(Aus-)Bildung für alle gab, kommst aus einem relativ solidem Elternhaus und hast es dennoch nicht geschafft dein SoziophatenEgo zu überwinden, sondern bist jedem seine Wut neidig, der es nicht wie du "geschafft" hat -weil er nicht wie du das Glück hatte in die richtige Zeit -das richtige Umfeld geboren zu werden??

WJM
03
21.8.2011, 15:47

1. In Armut aufwachsen bedeutet nicht unbedingt, keine Perspektive (mehr) zu haben.
2. Früher war soziale Differenzierung ideologisch vielfach unterlegt (natürliche Differenzierung nach Herkunft etc. Leistung, aber auch politische Perspektiven einer Änderung - Arbeiterbewegung).
3. Politische Interventionen sind immer gesellschaftliche Interventionen und keine individuellen, es geht also nicht um "Einkehr", "Reflexion" einzelner, sondern um Änderung der gesellschaftlichen Infrastruktur.
Beispiel: auch wenn jeder Autofahrer individuell für das Kollidieren mit dastehenden Bäumen in einer unübersichtlichen Kurve verantwortlich ist, ist es Aufgabe der Politik eine Entschärfung der Gefahrenstelle zu erreichen und nicht Busse zu verlangen.

philidor85
012
21.8.2011, 13:10

nichts neues, für eine einigermaßen geglückte gesellschaft ist ein breiter mittelstand - also leute, die sich eines unschädlichen wohlstands erfreuen dürfen - notwendig

reiche menschen sind schädlich für die allgemeinheit, genauso wie arme menschen

ein paar milliardäre wären ja noch verkraftbar, blöd ists halt, dass die ihr geld benutzen um politisch einfluss zu kaufen und nützliche reglements zu beseitigen

dann werden ein paar noch reicher und sehr viele neue arme entstehen - daraus enstehen dann unruhen, die zu einer tyrannei führen

war schon in der antike bekannt, daher gabs die kleisthenenschen reformen...aber das muss immer wieder neu entdeckt werden

irgendein poster
 
00
21.8.2011, 19:06
ein brillant für den satz:

"das muss immer wieder neu entdeckt werden"

damit sagen sie sehr viel über das fach geschichte aus.

##V+##
20
21.8.2011, 19:42
Damit sagt er sehr viel über die gesellschaftliche Bedeutung des Fachs Geschichte aus!!

Jeder, der heute noch Geschichte studiert, ist ein ökonomischer Selbstmörder.

Sie Traumtänzer!

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