Sidewise Award: Die Eskalation der Kuba-Krise zum Atomkrieg

  • Eric. G. Swedin: "When Angels Wept: A What-If History of the Cuban Missile Crisis", 316 Seiten, Ptomac Books 2010.
    coverfoto: potomac books

    Eric. G. Swedin: "When Angels Wept: A What-If History of the Cuban Missile Crisis", 316 Seiten, Ptomac Books 2010.

Eric G. Swedin erhält für "When Angels Wept: A What-If History of the Cuban Missile Crisis" Preis für den besten Alternativwelt-Roman

Reno - Wie der Hugo wird auch der Sidewise Award alljährlich auf der World Science Fiction Convention bekannt gegeben - zumindest seit seiner Einführung im Jahr 1995. Prämiert werden dabei dem Namen entsprechend Erzählungen, die sich nicht wie die Science Fiction vorwärts, sondern "seitlich" in der Zeit bewegen, kurz: Alternativweltgeschichten.

Das betrifft der traditionellen, eher engen Definition nach Erzählungen, die als Ausgangspunkt ein bestimmtes historisches Ereignis (klassisches Beispiel: der Ausgang des Zweiten Weltkriegs) nehmen, welches in der fiktiven Welt anders abgelaufen ist als in der realen - was bis zur Form eines spekulativen Sachbuchs gehen kann. Großzügiger betrachtet umfasst es inzwischen aber auch solche, in denen die Grundanlage unserer Welt variiert ist - bis hin zum Auftreten funktionierender Magie. Alternativweltgeschichten, die früher der Science Fiction zugerechnet wurden, bilden daher ein eigenständiges Genre; letztlich würde auch ein Großteil des Steampunks darunter fallen.

Der Gewinner

Der Gewinner dieses Jahres ist Eric G. Swedin, hauptberuflicher Informatik-Professor aus den USA, mit seinem Roman "When Angels Wept: A What-If History of the Cuban Missile Crisis", in dem die Krise von 1962 bis hin zum Atomkrieg eskaliert. Ausgehend von einer genauen Recherche der realen Ereignisse im Oktober 1962 ändert Swedin eine der zahlreichen Variablen, was zu einer Kettenreaktion führt - ausreichend, um die Spannungen zwischen den USA und der UdSSR explodieren zu lassen, wie sie es in Wirklichkeit glücklicherweise nicht getan haben. "When Angels Wept" schildert die Vorgeschichte des Konflikts, den Atomkrieg selbst und schließlich dessen Folgen.

Swedin war heuer einer von zwei Kandidaten, die sich mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts befassten. Ganz ähnlich das Szenario des Vorjahressiegers Robert Conroy, der auch heuer wieder vertreten war: In seinem "Red Inferno: 1945" kommt es in direktem Anschluss zum Zweiten Weltkrieg zum bewaffneten Konflikt zwischen den westlichen Alliierten und der Sowjetunion, die ganz Deutschland besetzen möchte.

Weitere Kandidaten

Zwei weitere Anwärter, die ebenfalls leer ausgegangen sind, entwerfen andere Szenarien: Im Erzählband "Columbia & Britannia" wurde der Amerikanischen Revolution der Wind aus den Segeln genommen, indem das britische Mutterland der "No taxation without representation"-Forderung der amerikanischen Kolonisten nachgab. Sechs verschiedene Autoren schildern in neun Geschichten, welche Entwicklung die britische Kolonie unter diesen Voraussetzungen vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart genommen haben könnte.

Jay Lake hingegen geht in "Pinion", dem Abschlussband seiner 2007 mit "Mainspring" begonnenen "Clockwork Earth"-Trilogie, ein gutes Stück weiter, indem er Ideen über den vermeintlichen Bauplan des Universums aus der Zeit vor Isaac Newton wahr werden lässt: Hier hält nicht Gravitation die Erde auf ihrer Bahn, sondern eine riesige Messingschiene, auf der sich die Erde mit den Zahnradzacken ihres Äquatorgebirges dreht; eine deutsche Ausgabe der Reihe wird ab März 2012 bei Bastei Lübbe erscheinen.

Sieger im Kurzformat

Neben der Kategorie Langformat wird traditionell auch ein Kurzformat ausgezeichnet: Heuer ging dieser Preis an die in der Anthologie "Panverse Two" erschienene Erzählung "A Clash of Eagles" von Alan Smale. Darin greift der heute in den USA lebende Brite ein Szenario auf, das im Genre Alternativweltgeschichten auch kein ganz unbekanntes ist: die Entdeckung des nordamerikanischen Kontinents durch das Römische Imperium.

Damit war die Preisverleihung heuer zumindest etwas spannender als im vergangenen Jahr, als Robert Conroys "1942" als einziger Roman nominiert war. Die OrganisatorInnen hatten zwar entschuldigend nachgeschoben, dass es ja auch gar keinen Sieger im Langformat-Bewerb geben müsse ... aber letztlich "gewann" Conroy dann doch. (Josefson)

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