Nicht von Märkten treiben lassen

Kommentar | Eric Frey, 19. August 2011, 19:34

Es gibt genug Wirtschaftsprobleme - fallende Börsen gehören nicht dazu

Wenn an der Börse wie in der vergangenen Woche die Kurse abstürzen, dann stehen die Zeichen auf Sturm: Milliarden an Vermögenswerten gehen, Menschen bangen um ihre Altersvorsorge, und weltweit macht sich Krisenstimmung breit.

Diese ist oft unbegründet: Kursverluste wie die jüngsten kommen oft nach Monaten satter Gewinne, die allerdings auch nur auf dem Papier bestanden _haben. Fallende Aktien sind höchstens Symptom einer bestehenden Krise und eignen sich kaum als Warnsignal für zukünftige Ereignisse. „Die Wall Street hat neun der letzten fünf Rezessionen vorausgesagt", witzelte der US-Ökonom Paul Samuelson schon 1966.

Noch weniger ist der Aktienmarkt schuld daran, wenn es wirtschaftlich bergab geht. Für den Konjunktureinbruch 2008/09 war die Kreditklemme nach der Finanzkrise viel mehr verantwortlich als der gleichzeitige Absturz an den Börsen. Das gilt vor allem für Länder wie Österreich, wo nur wenige Menschen Aktien besitzen.
Betroffen von schlechten Märkten sind zwar all jene, die in Pensionskassen eingezahlt haben, aber auch dort waren unrealistische Ren_dite-Erwartungen das eigentliche Problem und nicht die stets schwankende Entwicklung der Aktienkurse.

Deshalb gibt es für Wirtschaftspolitiker keinen Grund, panisch auf die jüngste Börsenschwäche zu reagieren. Die Verluste reflektieren bloß die allgemeine Misere und die Angst vor einer neuerlichen Rezession, ohne dass sich erklären lässt, warum die Kurse gerade jetzt gefallen sind und nicht schon vor einigen Wochen. Aber Aktienkurse reagieren besonders sensibel und nicht immer rational: Es gibt keinen denkenden Markt, sondern nur hunderttausende Anleger, die einzelne Titel kaufen und verkaufen.

Das heißt nicht, dass die Anleger im Augenblick nicht recht haben: Die Konjunkturdaten aus den USA und die anhaltende Schuldenkrise in der Eurozone sowie die Hilflosigkeit der Politik biete viele Gründe zum Pessimismus. Aber die gab es bereits, als der Dax noch über 7000 lag.

Vor allem hat sich erneut gezeigt, wie sinnlos das jüngste Verbot von Leerverkäufen in einigen Eurostaaten war. Französische und italienische Bankaktien sind auch ohne das Zutun solcher Spekulanten in den Keller gerutscht. Auch die oft geforderte Einschränkung von Derivaten würde nichts nützen: Wenn die Stimmung schlecht ist, wird verkauft. Das ist zwar im Moment unangenehm, schadet langfristigen Anlegern aber nur wenig.

Nicht nur von der Börse, auch vom noch viel größeren Markt in Staatsanleihen sollte sich die Politik nicht treiben lassen. Zwar hat bereits Clinton_-Berater James Carville erklärt: „Wenn ich wiedergeboren werde, möchte ich als Anleihemarkt zurückkehren. Dann kann ich jeden einschüchtern." Aber alles, was der Markt kann, ist, höhere Zinsen zu verlangen. Im Falle Griechenlands sind diese zwar prohibitiv, aber der jüngste Renditeanstieg für Italien und Spanien auf über sechs Prozent hat das Krisengerede in der EU nicht gerechtfertigt: In den Neunzigerjahren zahlten beide Staaten für ihre Schulden viel mehr, und auch das Wirtschaftswunderland Brasilien hat derzeit doppelt so hohe Zinsen auf Staatsanleihen.

Die Anleihemärkte lassen sich durch staatliche Eingriffe - etwa Zinsdeckel, wie sie manche Experten vorschlagen - ebenso wenig gefügig machen wie die Börsen. Aber etwas mehr Gelassenheit gegenüber kurzfristigen Marktbewegungen würde der Politik vieles erleichtern. Sie hat auch so genug Probleme. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21.8.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 55
1 2

So viele Buchstaben umsonst.

Ein lustiger Kommentar. Und warum genau sollen wir uns jetzt nicht von fallenden Preisen am wöchentlichen Grünmarkt beeinflussen lassen???
Weil Linke eher zu den bildungsfernen Schichten gehören?

Spirale nach oben

Konsum: Geld -> mehr Geld -> Anlagen -> noch mehr Geld -> Spekulation -> noch viel mehr Geld -> Abhängigkeit.

Das Ganze ist aus der Gesellschaft selbst heraus entstanden - Schuld sind nicht "die Märkte", "die Banken", "die Rating-Agenturen". Sondern wir alle.

Ein Rückfahren hieße: Unmäßigkeit herunterfahren, Verzicht auf übertriebenen Konsum, Besinnung auf Werte, die Bedeutung haben.

Fazit? Es wird nicht mehr gelingen. Nicht in dieser Gesellschaftsform mit dem Anspruch "Wachstum". Dauerndes Wachstum kann es nicht geben.
Aber bevor das System kracht, haben einige aus unserer Abhängigkeit Gewinn geschlagen. Viel Gewinn.

Zeigen Sie mir einen Baum...

... welcher in den Himmel wächst..... bin ganz bei Ihnen.... beste Grüße

Der Zwang zum Wachstum liegt bereits im Geldsystem

Und das wird eines der größten Probleme der Menschheit in den nächsten Jahren werden.
Dieses Wachstum ist einfach nicht mehr möglich, im Gegenteil - Downsizing ist angesagt.

Von On-Demand und Just-in-Time die alles billiger (sie nennen es effizienter) und noch schneller machen führen nur dazu, dass wir unsere Infrastruktur am absoluten Minimum betreiben, so dass sie gerade noch funktioniert. Tritt dann eine Störung auf fliegt uns alles im die Ohren.

Und diese Störung wird kommen. Die IEA sieht Peak-Oil 2006, also bereits hinter uns.
Und das Öl war der Boost der Menschheit der das Wachstum der letzten Jahrzehnte überhaupt erst ermöglicht hat.

Wobei Öl nicht die einzige Ressource ist die uns ausgeht...

gut gebrüllt, löwe.

ich gebe ihnen in dem punkt recht dass der zwang zum wachstum mathematisch schlichtweg kontraproduktiv ist und das problem im geldsystem liegt.

aber das wird, aller voraussicht nach, ohnehin zusammenbrechen weil wir kurz vor dem punkt angelangt sind an dem es zwar alles geld der welt gibt (und sogar viel mehr geld gibt als es auf der welt geben kann ;)), kaum jemand aber noch die kreditwürdigkeit hat dieses geld zu bekommen.

aber ich glaube stark daran dass wir machen werden was wir die letzten 5.000 jahre gemacht haben:

überleben, reformieren, neu zusammenbauen, weitermachen.

wenn nicht, well, klingt hart aber wenn uns unser selbstgeschaffenes, virtuelles gedankenkonstrukt umbringt weil wir zu dämlich sind es zu ändern: darwin...

Ich denke, dass was da auf uns zukommt hat durchaus das Potential die Menschheit großteils zu vernichten.

Etwa wenn in den Kriege die enstehen werden (Ressource-Wars) jemand anfängt mit Atombomben zu werfen. Da hätten wir dann schlechte Karten.
Es gab ja auch in der Geschichte immer wieder Hochkulturen die plötzlich wieder weg waren.

Auf der anderen Seite glaube ich an die Menschen, die Menschheit hat das Potential da ohne größere Verluste durch zu kommen - auch wenn sich vieles ändern muss und wird.

Wobei das auch überhaupt nichts negatives sein muss.
Wirklich glücklich sind heute ja die wenigsten von uns - wenn man sich ansieht wie viele mittlerweile regelmäßig Psychopharmaka schlucken...

yep, aber wir standen schon so oft am abgrund...

das wirklich perverse am aktuellen abgrundstehen ist dass es in wirklichkeit nicht mal eine reale bedrohung gibt die uns runterstürzen könnte.

nur wenn wir selbst so dämlich reagieren und anfangen mit bomben zu schmeissen, anstatt diese virtuelle gedankenwelt, die wir selbst erschaffen haben, zu reformieren, dann werden wir wahrscheinlich untergehen wie andere hochkulturen vor uns.

allerdings sehe ich das etwas pragmatischer: es gab andere hochkulturen vor unserer und es wird, wenn wir denn so dämlich sein wollen, auch andere nach uns geben.

und wenn nicht... well... der erde wird's wurscht sein, die wird halt dann auf die kakerlaken setzen, vielleicht sind die intelligenter und bauen was gscheiteres auf aus unserer radioaktiven asche.

Was wir jetzt brauchen ist ein Wirtschaftssystem das auch ohne Wachstum funktioniert

denn unser aktuelles wird uns um die Ohren fliegen.

Die Welt wird (gezwungenermaßen) wieder kleiner und langsamer werden.
Das müssen wir auch der Politik beibringen, denn diese ist zu 100% auf Wachstum und Globalisierung ausgerichtet.

Wir müssen anfangen nachhaltige und langlebige Geräte zu bauen die auch repariert werden können.
Und wir müssen auch Leute ausbilden welche die Geräte reparieren können. Von den Leuten die heute in den McJobs stecken die wir herangezüchtet haben wird nicht viel Know-how kommen.

Und wir müssen auch wieder mehr selbst herstellen - ob wir in 20-30 Jahren zB noch Computer von China bekommen werden ist fraglich.

Betroffen von schlechten Märkten sind zwar all jene, die in Pensionskassen eingezahlt haben, aber auch dort waren unrealistische Ren_dite-Erwartungen das eigentliche Problem und nicht die stets schwankende Entwicklung der Aktienkurse.

Ich wünsch mir jetzt wirklich einen Frey-freien Standard. Dieses geschreibsel ist ja wirklich kaum auszuhalten. Wer war denn für die "unrealistischen Renditeerwartungen" verantwortlich? Und welche Renditeerwartung wäre realistisch gewesen? -10%? Oder vielleicht doch besser? also ca -4%?

das boersespiel geht doch so:

verkauft wird im wesentlichen aus 3 gründen: gewinnmitnahmer oder minimierung von verlust auf der einen (manuellen, personalisierten) ebene. wesentlich wichtiger ist aber der 3. grund: automatisierte trading-programme, trendfolger sowie trendauslöser bestimmen doch schon den überwiegenden handel (ca. 3 viertel) des gesamten boersegeschehens.
beispiel: ein trader hat eine call-option auf eine aktie. er veranlasst sein trading-programm eine zeitlang dieselbe aktie immer ein wenig billiger zu verkaufen bis zu einem limit, um dann die aktie per option zu kaufen und vom kursanstieg zu profitieren. voila... ein super-volatiler kurstag ist positiv zu ende gegangen. kleinanleger sind abgezockt worden.

das boersespiel geht doch so.

Wirtschaftstheologie

Nach vieljährigem teils amüsiertem, oft verärgertem Konsum von Erklärungen, Deutungen und Mutmaßungen tatsächlicher, sogenannter und behaupteter "Wirtschaftswissenschaftler" bleibt nur ein Schluss übrig:

Die Wirtschaftslehre befindet sich in einem vorwissenschaftlichen mythologischem Zustand. Wie sonst ist es möglich, dass kluge Leute bei gleichen Ausgangsdaten zu völlig widersprüchlichen Ergebnissen kommen. Das bezieht sich dabei nicht nur auf Prognosen für zukünftige Entwicklungen, die oft aus rationalen Gründen nicht möglich sind, sondern auch in der posteriori Erklärung von Geschehenem.

Mir scheint es angemessen, von "Wirtschaftstheologen" zu sprechen. Allerdings ist der Kirchenbeitrag, der verlangt wird, reichlich hoch!

sehr schön formuliert :)

Fallende Unternehmenswerte, ausgedrückt in einem selbst fallenden Dollar, das ist schon ein bißchen beunruhigend, würde ich sagen.

brilliant: man kann mit einem satz sein ganzes nicht-verstehen demonstrieren!

"....Es gibt keinen denkenden Markt, sondern nur hunderttausende Anleger, die einzelne Titel kaufen und verkaufen...."

sch... nur wenn die hunderttausend anlegergehirne gleichzeitig etwa die selbe zukunftssmeinung zu bestimmten themen/papieren haben. genau dann denken sie nach frey etwa nicht mehr rational?

ungefähr die logik wie
"... es gibt gar keine revolutionen in nordafrika, nur hunderttausende die einzeln auf die straße gehen..."

oder:
"...es gibt gar keinen stau auf der autobahn, nur einzelne die in autos sitzen und sie in die selbe richtung benutzen..."

Ich denke er wollte damit nur sagen, dass sich "die Märkte" genau so dämlich verhalten wie Menschen die Autofahren.

"Der Markt" ist praktisch die Schwarm-Intelligenz von vielen Menschen.
Die Schwarm-Intelligenz bei Menschen ist halt leider nur sehr minimal ausgeprägt.
Deshalb gibt es auch meist Probleme wenn Menschen in Massen auftreten, vor allem wenn es keine Regeln gibt.

Deregulierte Märkte sind wie Autofahren ohne Verkehrsregeln.

die frage dereguliert oder nicht ist eine andere

bitte nicht vermischen.
im (normalen/regulierten) markt ist das marktverhalten a) im gr. und ganzen nachvollziehbar b) ganz einfach eine rationelle reaktion auf geänderte einschätzungen bzw rahmenbedingungen. und damit kein vergleich zum verlogenen gewäsch der politiker zum gleichen sachverhalt.
zb ist ganz klar nachvollziehbar dass die gläubiger bei einem nachweislich verlogenen (budgetdaten an die eu) exzessivschuldner wie griechenland ihr vertrauen verloren und nun deutlich höhere zinsen für ihr risiko wollen (no-na-net). während die politik von erf. solidarität brabbelt (mit fremdem geld) und die pleite durch schudenstrecken verzögert, was noch schlimmer enden wird
"der markt" treibt die politik nicht, es ist ganz einfach die realität

Ich hab hier nicht auf Staatsschulden anspielen wollen sondern generell auf die Finanzmärkte, die funktionieren eben generell sehr schlecht ( http://derstandard.at/plink/131... 3/22538882 ) - und Derivate oder Leerverkäufe tragen zu dieser miserablen Leistung bei.

Bei Griechenland hat einfach die Politik versagt.
Nachdem die drohende Pleite bekannt wurde, wurde das doch sofort eingepreist.
Staatsanleihen von GR waren teilweise bei 50% des Nennwertes zu haben. Die EZB hätte diese nur alle einsammeln müssen und schon wäre Griechenland 30-40% der Schulden los gewesen.
Und dann hätte man halt endlich Eurobonds machen müssen.
Das hätte Stabilität und Sicherheit gebracht - und somit "die Märkte" beruhigt.

Die Hypothese, daß die Märkte effizient sind, ist ein Grundpfeiler der bürgerlichen Ökonomie (ein bißchen morsch, seit 2008, aber darüber wird HINWEGGEGANGEN) ... Es ist nicht ganz bedeutungslos, wenn Eric Frey sich davon distanziert.

Zum Glück für uns alle ist es völlig bedeutungslos, wovon sich Eric Frey distanziert.

Nein, nein. Journalisten sprechen immer für Gruppen!

ja, aber... (der vergleich mit italien in den 90ern und mit brasilien jetzt hinkt gewaltig!)

grdsl. d'accord mit der aussage, dass man aus drei wochen scharfer verluste mit allzu einfachen erklärungen und schlussfolgerungen sehr vorsichtig sein sollte.

aber: die aktuelle renditeniveaus für italien und spanien wären auf dauer sehr wohl ein großes problem, weil diese volkswirtschaften ein viel höheres wachstum bräuchten, so wie dies in brasilien zur zeit und in italien in der vergangenheit der fall ist/war.

dass dieses wachstum zur zeit (und auch auf lange sicht) fast unmöglich zu erreichen sein wird, liegt auch - aber nicht nur - an den hohen schuldenständen, die abgebaut oder zumindest stabil gehalten werden müssen.

für italien gilt zb insbesondere das argument nicht, dass die schulden aus der bankenrettung kommen...

für den frey war ja die euro krise schon im anfang 2011 vorbei und der goldpreis wäre auch schon abgestürzt. alles schall und rauch.

nachdem frey auch für die financial times geschrieben hat kann ich mir gut vorstellen, das er ein glühender anhänger dieses unsystems ist. und genau deshalb kann er sich vermutlich gar nicht vorstellen, das es das ganze geldsystem zerreissen könnte, weil er indoktriniert ist vom markt und turbokapitalismus... . und die lehre dieses kapitalistischen systems ist ja: es ist das beste, es ist unzerstörbar, es geht ewig bergauf...
was anderes gibt es in dieser lehre gar nicht, deshalb gibt es auch keine wirklichen lösungen der ökonomen und politiker. die stehen vor einem scherbenhaufen und wissen nichts mehr...

"es ist das beste, es ist unzerstörbar"

So ungefähr.
Es ist allerdings nicht das Beste, sondern das Einzige, das funktioniert.

"Scherbenhaufen"? Welcher denn?

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 55
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.