Die Debatte sollte ohne ideologische Scheuklappen und Denkverbote geführt werden, zumal bei rationaler Betrachtung mehrere Fakten auf der Hand liegen
Die politischen Vorstöße von Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle und Landeshauptfrau Gabi Burgstaller zu Fragen des Hochschulzugangs und der Finanzierung haben Wellen geschlagen. Dabei lässt sich die Debatte ohne ideologische Scheuklappen und Denkverbote führen, zumal bei rationaler Betrachtung mehrere Fakten auf der Hand liegen.
- Ein Studium bringt seinen Absolventen* unmittelbare persönliche Vorteile, die sich in Aufstiegschancen, Einkommen, Arbeitsplatzsicherheit, Sozialprestige und ähnlicher Weise niederschlagen. Art und Ausmaß der Vorteile werden zwar von Konjunktur, Arbeitsmarkt, Studienrichtung und persönlichen Faktoren beeinflusst, was nicht aber ihre Existenz selbst in Frage stellt. Weiters ist ein Studium mittelbar auch für die Gesellschaft vorteilhaft, soweit Absolventen später ihrer Ausbildung entsprechende Beschäftigung finden und sich ihr Wirken im betreffenden Raum entfaltet.
- Um Leistungen für die Studierenden und die Gesellschaft erbringen zu können, benötigen Hochschulen Geld. Dieses wird von öffentlicher und/oder privater Hand aufgebracht. Zwischen Mittelaufkommen und Leistungsfähigkeit der Hochschulen besteht eine signifikant positive Beziehung. Erachtet man leistungsfähige Hochschulen als wünschenswert, braucht es eine adäquate Mittelausstattung (ergänzt um leistungsfähige Strukturen und effiziente Prozesse), während niedrige Beiträge der öffentlichen Hand bei gleichzeitigem Verzicht auf private Finanzierungen bestenfalls bescheidene Ergebnisse erbringen können. Der Zusammenhang zwischen Mitteleinsatz und Leistungsfähigkeit wirkt aber auch in die gegenläufige Richtung, indem Investitionen in Forschung, Entwicklung und Bildung die Leistungsfähigkeit und Wirtschaftskraft eines Landes stärken, womit der Wirkungsmechanismus wechselseitig positiven Niederschlag findet.
Gelten die vorgenannten Tatbestände unabhängig von partei- oder tagespolitischen Beurteilungen, so unterliegt es der politischen Willensbildung, in welcher Höhe, unter welchen Rahmenbedingungen und aus welchen Quellen Mittel für Hochschulen aufgewendet werden und damit auch, welche Rolle Studienbeiträge einnehmen sollen.
Ist man politisch der Auffassung - wofür auch eine Reihe ökonomischer und sozialer Argumente sprechen - dass ein Studium unabhängig von individuellen finanziellen Gegebenheiten zugänglich sein soll, muss dies allerdings keinen Verzicht auf Studienbeiträge bedeuten. Ein derartiges gedankliches Junktim ist ein österreichischer Mythos, der im Ergebnis bewirkt, dass die Vorteile eines Studiums privatisiert, die Kosten aber - mit allen diffusen Umverteilungseffekten - sozialisiert werden.
Besonders irrational ist, dass dieser Mythos vor allem von jener politischen Kraft vertreten wird, die für soziale Ausgewogenheit und Gerechtigkeit zu stehen für sich in Anspruch nimmt. Die Irrationalität wird übrigens noch dadurch gesteigert, dass aktuell nicht nur ein Erststudium, sondern auch alle weiteren Studien bis ans Lebensende praktisch zur Gänze von der öffentlichen Hand finanziert werden, was zu entsprechenden Kapazitäts- und Finanzierungsengpässen an Hochschulen beiträgt.
Und schließlich entbehrt es jeglicher Rationalität, warum das Studium ausländischer Hörer in Österreich ausschließlich von heimischen Steuerzahlern finanziert werden soll. Um allen Zweifeln vorzubeugen: Ein auf Inländer beschränktes Studium wäre akademisch, intellektuell und kulturell geradezu schauerlich. Studierende aus anderen Ländern sollten daher nicht nur passiv hingenommen, sondern im Gegenteil als großartige Bereicherung und "brain gain" aktiv angestrebt werden - aber sie sollen ihren Beitrag zum österreichischen Hochschulsystem leisten.
Dies würde zusätzliche Mittel erschließen, die internationale Hochschulzusammenarbeit erleichtern und im Ausland eine positive Signalwirkung über die qualitative Hochwertigkeit des österreichischen Wissenschaftsstandorts ausüben. Es wäre so einfach: Alle Studierenden bezahlen, Inländer haben Anspruch auf Stipendien. So macht man es weltweit. Der Verzicht auf Studienbeiträge mag zwar politisch opportun und persönlich angenehm sein, sozial ist er aber nicht.
Ein weiterer österreichischer Mythos besteht in der geradezu zwanghaften Vorstellung, dass im Zusammenhang mit Studienbeiträgen und Stipendien die finanzielle Situation der Eltern als ausschließlich relevantes Kriterium heranzuziehen sei. Immerhin fließen die Vorteile eines Studiums in erster Linie dem Studierenden (bzw. späteren Absolventen) selbst und erst sehr mittelbar allfälligen Dritten zu.
Vor diesem Hintergrund haben international zu Recht Darlehensmodelle Verbreitung gefunden, deren Rückzahlung sich an der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der späteren Absolventen orientieren.
Und schließlich ist in aller Deutlichkeit auch mit dem Mythos aufzuräumen, ein offener Hochschulzugang wäre zum Vorteil der Studierenden. Über negative Effekte auf Studienbedingungen und Arbeitsmarktchancen schadet gerade der ungeregelte Hochschulzugang jenen am meisten, denen er zu nützen vorgibt, nämlich den Studierenden selbst. (Leser-Kommentar, Andreas Altmann, derStandard.at, 22.8.2011)
*Sämtliche Formulierungen sind geschlechtsneutral zu verstehen (m/w).
Autor
Dr. Andreas Altmann leitet die Unternehmerische Hochschule® - MCI Management Center Innsbruck.