Mythen in der Hochschulpolitik: Ein Plädoyer für mehr Ehrlichkeit

Leser-Kommentar | 22. August 2011, 09:09

Die Debatte sollte ohne ideologische Scheuklappen und Denkverbote geführt werden, zumal bei rationaler Betrachtung mehrere Fakten auf der Hand liegen

Die politischen Vorstöße von Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle und Landeshauptfrau Gabi Burgstaller zu Fragen des Hochschulzugangs und der Finanzierung haben Wellen geschlagen. Dabei lässt sich die Debatte ohne ideologische Scheuklappen und Denkverbote führen, zumal bei rationaler Betrachtung mehrere Fakten auf der Hand liegen. 

  1. Ein Studium bringt seinen Absolventen* unmittelbare persönliche Vorteile, die sich in Aufstiegschancen, Einkommen, Arbeitsplatzsicherheit, Sozialprestige und ähnlicher Weise niederschlagen. Art und Ausmaß der Vorteile werden zwar von Konjunktur, Arbeitsmarkt, Studienrichtung und persönlichen Faktoren beeinflusst, was nicht aber ihre Existenz selbst in Frage stellt. Weiters ist ein Studium mittelbar auch für die Gesellschaft vorteilhaft, soweit Absolventen später ihrer Ausbildung entsprechende Beschäftigung finden und sich ihr Wirken im betreffenden Raum entfaltet.
  2. Um Leistungen für die Studierenden und die Gesellschaft erbringen zu können, benötigen Hochschulen Geld. Dieses wird von öffentlicher und/oder privater Hand aufgebracht. Zwischen Mittelaufkommen und Leistungsfähigkeit der Hochschulen besteht eine signifikant positive Beziehung. Erachtet man leistungsfähige Hochschulen als wünschenswert, braucht es eine adäquate Mittelausstattung (ergänzt um leistungsfähige Strukturen und effiziente Prozesse), während niedrige Beiträge der öffentlichen Hand bei gleichzeitigem Verzicht auf private Finanzierungen bestenfalls bescheidene Ergebnisse erbringen können. Der Zusammenhang zwischen Mitteleinsatz und Leistungsfähigkeit wirkt aber auch in die gegenläufige Richtung, indem Investitionen in Forschung, Entwicklung und Bildung die Leistungsfähigkeit und Wirtschaftskraft eines Landes stärken, womit der Wirkungsmechanismus wechselseitig positiven Niederschlag findet.

Gelten die vorgenannten Tatbestände unabhängig von partei- oder tagespolitischen Beurteilungen, so unterliegt es der politischen Willensbildung, in welcher Höhe, unter welchen Rahmenbedingungen und aus welchen Quellen Mittel für Hochschulen aufgewendet werden und damit auch, welche Rolle Studienbeiträge einnehmen sollen.

Ist man politisch der Auffassung - wofür auch eine Reihe ökonomischer und sozialer Argumente sprechen - dass ein Studium unabhängig von individuellen finanziellen Gegebenheiten zugänglich sein soll, muss dies allerdings keinen Verzicht auf Studienbeiträge bedeuten. Ein derartiges gedankliches Junktim ist ein österreichischer Mythos, der im Ergebnis bewirkt, dass die Vorteile eines Studiums privatisiert, die Kosten aber - mit allen diffusen Umverteilungseffekten - sozialisiert werden.

Besonders irrational ist, dass dieser Mythos vor allem von jener politischen Kraft vertreten wird, die für soziale Ausgewogenheit und Gerechtigkeit zu stehen für sich in Anspruch nimmt. Die Irrationalität wird übrigens noch dadurch gesteigert, dass aktuell nicht nur ein Erststudium, sondern auch alle weiteren Studien bis ans Lebensende praktisch zur Gänze von der öffentlichen Hand finanziert werden, was zu entsprechenden Kapazitäts- und Finanzierungsengpässen an Hochschulen beiträgt.

Und schließlich entbehrt es jeglicher Rationalität, warum das Studium ausländischer Hörer in Österreich ausschließlich von heimischen Steuerzahlern finanziert werden soll. Um allen Zweifeln vorzubeugen: Ein auf Inländer beschränktes Studium wäre akademisch, intellektuell und kulturell geradezu schauerlich. Studierende aus anderen Ländern sollten daher nicht nur passiv hingenommen, sondern im Gegenteil als großartige Bereicherung und "brain gain" aktiv angestrebt werden - aber sie sollen ihren Beitrag zum österreichischen Hochschulsystem leisten.

Dies würde zusätzliche Mittel erschließen, die internationale Hochschulzusammenarbeit erleichtern und im Ausland eine positive Signalwirkung über die qualitative Hochwertigkeit des österreichischen Wissenschaftsstandorts ausüben. Es wäre so einfach: Alle Studierenden bezahlen, Inländer haben Anspruch auf Stipendien. So macht man es weltweit. Der Verzicht auf Studienbeiträge mag zwar politisch opportun und persönlich angenehm sein, sozial ist er aber nicht.

Ein weiterer österreichischer Mythos besteht in der geradezu zwanghaften Vorstellung, dass im Zusammenhang mit Studienbeiträgen und Stipendien die finanzielle Situation der Eltern als ausschließlich relevantes Kriterium heranzuziehen sei. Immerhin fließen die Vorteile eines Studiums in erster Linie dem Studierenden (bzw. späteren Absolventen) selbst und erst sehr mittelbar allfälligen Dritten zu.

Vor diesem Hintergrund haben international zu Recht Darlehensmodelle Verbreitung gefunden, deren Rückzahlung sich an der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der späteren Absolventen orientieren.

Und schließlich ist in aller Deutlichkeit auch mit dem Mythos aufzuräumen, ein offener Hochschulzugang wäre zum Vorteil der Studierenden. Über negative Effekte auf Studienbedingungen und Arbeitsmarktchancen schadet gerade der ungeregelte Hochschulzugang jenen am meisten, denen er zu nützen vorgibt, nämlich den Studierenden selbst. (Leser-Kommentar, Andreas Altmann, derStandard.at, 22.8.2011)

*Sämtliche Formulierungen sind geschlechtsneutral zu verstehen (m/w).

Autor

Dr. Andreas Altmann leitet die Unternehmerische Hochschule® - MCI Management Center Innsbruck.

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16 Postings
O5
01
22.8.2011, 17:22

Der Leiter der unternehmerischen Hochschule will halt ganz unternehmerisch mehr Geld von seinen Kunden sehen. Ehrlich ;-)

Robert Niessner
 
01
22.8.2011, 15:22

Der Kommentator widerspricht sich ja selbst:

"Der Zusammenhang zwischen Mitteleinsatz und Leistungsfähigkeit wirkt aber auch in die gegenläufige Richtung, indem Investitionen in Forschung, Entwicklung und Bildung die Leistungsfähigkeit und Wirtschaftskraft eines Landes stärken, womit der Wirkungsmechanismus wechselseitig positiven Niederschlag findet."

"Ein derartiges gedankliches Junktim ist ein österreichischer Mythos, der im Ergebnis bewirkt, dass die Vorteile eines Studiums privatisiert, die Kosten aber - mit allen diffusen Umverteilungseffekten - sozialisiert werden."

Die Vorteile eines Studiums sind eben NICHT rein privat - gerade aus dem Akademikerumfeld entstehen zB erst viele neue High-Tech-Betriebe und Arbeitsplätze.

Crash2k
02
22.8.2011, 16:38
so ist es

im prinzip ist es eine ideologische frage, ob bildung eine ware ist, mit der man sich eine (hoffentlich) bessere zukunft erkaufen kann oder ob bildung ein meritorisches gut ist, deren sozialer grenznutzen größer ist als der individuelle, um es im wirtschaftssprech auszudrücken. im ersteren fall kann man gerne studiengebühren einführen. im zweiten fall jedoch ist jede auch noch so geringe finanzielle beteiligung der studenten als steuer zu verstehen, und steuern wirken nachfragehemmend. und allfällige schulden nach dem studium sind risiko- und innovationshemmend. wollen wir mehr akademiker, muss der staat mehr geld in die hand nehmen. so einfach ist es.

Robert Niessner
 
00
22.8.2011, 19:26

Und das unser Staat ganz sicher nicht mehr Niedriglohnarbeiter benötigt - angesichts der Konkurrenz in China - lässt nur einen Schluss zu: Wir müssen möglichst gut ausgebildete Leute auf den heimischen Arbeitsmarkt bringen, um langfristig noch bestehen zu können.

Hardcoreboson
00
22.8.2011, 16:12
stimmt doch beides.

der mann ist hier einfach so ehrlich das fuer und wider gleichermassen darzustellen. leider gottes ist sowas scheinbar dem durchschnittsoesterreicher, der gern einfachen antworten hat zu komplex ...

natuerlich bringt das 'nicht nur' dem studierenden etwas, allerdings doch zu einem viel groesseren ausmass. gibt ja auch nicht wenige die eine gratis ausbildung in oesterreich dazu nutzen einen job in einen anderen land anzunehmen, wo die steuerlast zudem noch niedriger ist, weil dort nicht so viel steuergeld in die unis fliesst ...

Robert Niessner
 
00
22.8.2011, 19:23

Na - wie viele sind denn das, die nach dem Studium ins Ausland gehen nur weil die Steuerlast geringer ist?
Gibt es dazu belastbare Zahlen, oder stellen Sie Ihre Behauptung einfach mal so in den Raum?

X Y
01
22.8.2011, 12:06
Ja ja,

genauso funktioniert es weltweit. Nur in Ö geht das halt nicht, weil wir san wir. Eines möchte ich noch ergänzen: Darlehensmodelle sind weltweit bei weitem nicht die einzige Finanzierungsmöglichkeit eines Studiums. Sogar in den USA werden Studenten des eigenen Staates von vielen Bundesstaaten finanziell stark unterstützt; manchmal deckt das sogar die Kosten des gesamten Studiums. Zusätzlich gibt es dann noch defacto zinsfreie Darlehen des Bundes. Aber ein Mix ist immer vorhanden. Unis bieten auch noch jede Menge Stipendien nach verschiedenen Kriterien an. Natürlich braucht man dazu finanzkräftige Alumni. All das ist in Ö unterentwickelt. Aber die SPÖ und die ÖH schwelgen ja geradezu darin, ein Studienentwicklungsland zu bleiben.

Hardcoreboson
00
22.8.2011, 16:15
und das ist ja auch noch kombiniert mit aufnahmepruefungen...

aber in gewisser weise gehts ja so auch ohne: saftige studiengebuehren die man in form eines stipendiums wiederkriegt, falls man talentiert ist. ist man es nicht (und damit der nutzen fuer die gesellschaft das so einer ein studium macht auch gering), muss man selber blechen ...

MIP1
00
22.8.2011, 11:02
Noch ein Mythos

Noch ein Mythos ist, daß die Universitätenfinanzierung vor allem eine Finanzierung von Lehre ist. Das ist sie auch, und dafür sollen die Studenten zahlen.

Aber die Lehre ist nur ein Teil des Geschehens, und nicht der teuerste. Es unterscheidet sich natürlich von Hochschule zu Hochschule und von Fakultät zu Fakultät. Hier in der Diskussion klar zu trennen und auch die Zahlen offenzulegen, wäre eine Wohltat.

samba cat
00
22.8.2011, 10:48
stipendien fuer inlaender

und das ist eu-konform? echt jetzt?

im uebrigen schliesse ich mich @The Chaos Path an. hier plaediert der chef eines privaten unternehmens dafuer, dass das produkt der konkurrenz teurer und unattraktiver wird. das ist ja mal originell.

Elegantestes Conversations-Lexicon für alle Stände
00
22.8.2011, 11:00

Natürlich nicht. Stipendien für Studienkosten müssen Unionsbürgern ebenso offenstehen. Nur bei Stipendien für den Lebensunterhalt kann man stärker differenzieren, die müssen dann aber entsprechend sozial gestaffelt sein.

samba cat
00
22.8.2011, 11:50
danke fuer die bestaetigung

meines verdachts :-)
irgendwie schauerlich, dass der leiter einer uni derartige basics seines jobs nicht weiss...:-/

Dr. Viktor Frankenstein
00
22.8.2011, 10:12
Studierende aus anderen Ländern sollten daher nicht nur passiv hingenommen, sondern im Gegenteil als großartige Bereicherung und "brain gain" aktiv angestrebt werden - aber sie sollen ihren Beitrag zum österreichischen Hochschulsystem leisten.

Hier in England betragen die Studiengebuehren fur nicht-EU Studenten ungefaehr £10-12 000 pro Jahr (und noch mehr fuer ein Medizinstudium). Um solche Gebuehren einheben zu koennen sind zwei wichtig Bedingungen notwendig: eine internationale Reputation und eine internationale Sprache (Englisch). Beide Bedingungen treffen zur Zeit nicht auf das oesterreichische System zu.
P.S.: Es gibt einen unglaublichen Anlauf von z.B. chinesischen Studenten auf englische Universiaeten die von solch hohen Gebuehren nicht abgeschreckt werden.

Hardcoreboson
00
22.8.2011, 16:24
richtig

und wenn sie genauer schauen, dann sind alle chinesischen studenten die solche studiengebuehren hinnehmen, zwar nicht talentiert aber von wohlhabenden eltern.

die talentierten kriegen dann ebenfalls in england oder den USA einen studienplatz der nicht nur voll ausfinanziert ist, sonder wo sie sogar noch geld verdienen ...

also sie reichen blechen, die talentierten verdienen.

The Chaos Path
03
22.8.2011, 09:59
Dr. Andreas Altmann leitet die Unternehmerische Hochschule® - MCI Management Center Innsbruck...

...sagt alles. es wäre schön, wenn bei leser kommentaren nicht artikel von leuten veröffentlicht werden, die direkt von den reglen profitieren, die sie anpreisen.

und hr. altmann möge doch bitte erklären, weshalb bei einer abgabenquote von 70-80 % (lohnabgaben, mwst, etc.) die universitäten nicht öffentlich finanziert werden können. nur weil seine "universität" bei den mitteln nicht/nur begrenzt mitschneiden kann?

Shanajio
01
22.8.2011, 09:58

Es wäre eben auch schön, wenn man über folgende Fragen nachdenkt:

-) Wieviele Personen studieren tatsächlich nur aus persönlichem Interesse vs. aus Interesse an den unmittelbaren Vorteilen eines Studienabschlusses?

ME. nach, studieren wohl die meisten Studierenden ein max. zwei Studien und setzten diese danach ein um sich selbst und auch der Gesellschaft einen Vorteil zu verschaffen.

-) Wie verlaufen die Karrieren der ausländischen Studierenden? Bleiben die vielleicht nach ihrem Studium doch in Österreich und bereichern somit die Österreichische Gesellschaft kulturell und ökonomisch.

Und es wäre schön, wenn man auf Formulierung wie zB. "besonders irrational" verzichten könnte, klingt zwar niveauvoll, ist aber beleidigend.

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