Kommt man auf mögliche Ursachen und Hintergründe der Finanzkrise zu sprechen, muss man feststellen, dass in Bezug auf unser Geld- und Bankensystem weitgehend eines herrscht: Ahnungslosigkeit
Der fundamentale Unterschied zwischen Geldverleih und Bankkredit scheint so gut wie unbekannt. Immer noch glaubt ein erschreckend hoher Anteil von Menschen, Banken würden Geld verleihen. Und auch wenn es ein sehr wertvolles Stück Bildung wäre: wie und unter welchen Bedingungen Geld geschaffen und zur Verfügung gestellt wird (nämlich als verzinste Schuld), ist ebenfalls kaum bekannt. Von den moralischen Implikationen, den sozialen und ökologischen Konsequenzen ganz zu schweigen.
Doch all das soll uns in diesem Aufklärungsversuch nicht tangieren. Statt dessen beschränken wir uns ausschließlich auf das, was man sich aufgrund der Regeln der Mathematik ausrechnen und durch Logik folgern kann. Zur Vereinfachung wollen wir hier annehmen, dass all die Zahlen auf den Konten dieses Planeten tatsächlich Geld - im Sinne von gesetzlichem Zahlungsmittel - wären. (Etwas, was weder praktisch noch juristisch haltbar ist.)
Positive Rückkopplung und exponentielles Wachstum
In unserem Geldsystem ist all dieses "Geld" auf den Konten des Planeten verzinst (wenn man vom Geld auf Konten islamischer Banken absieht). Dieser Zins stellt eine positive Rückkopplung im (Geld-) System dar und führt dazu, dass die Geldbeträge (Guthaben und Schulden) wachsen - ständig und exponentiell.
Bedauerlicherweise werden die Konsequenzen positiver Rückkopplung und exponentiellen Wachstums meist nicht verstanden oder zumindest unterschätzt. Praxisnahe lässt sich die Konsequenz von positiver Rückkopplung bspw. so erfahren: Man nehme ein Mikrofon, verstärke dessen Signal per Verstärker und gebe es über einen Lautsprecher aus. Und nun stelle man sich vor diesen Lautsprecher und spreche etwas ins Mikrofon. (Hinweis: der Autor übernimmt keinerlei Haftung für die entstehenden Schäden!)
Zugegeben: Geld ist nicht ganz so direkt an physische Größen gekoppelt - und doch kann sich Geld nicht völlig über die Physik erheben, denn am Ende ist der letzte Zweck von Geld immer derselbe: im Austausch dafür eine Leistung zu beanspruchen.
Begrenzte Ressourcen
Leistungen bedürfen immer Ressourcen. Ohne Ressourcen keine Leistungen. Und hier liegt der Knackpunkt im System: Die Leistungsansprüche (Geldbeträge) wachsen durch den Zinseszins exponentiell - doch die Ressourcen unseres Planeten tun das nicht, sie sind begrenzt, da unsere Erde endlich ist. Die Menschheit verfügt nur über einen einzigen Planeten - und er ist nicht verzinst.
Der US-Ökonom Kenneth Boulding hat die Problematik einmal mit folgenden Worten auf den Punkt gebracht: "Wer in einer begrenzten Welt an unbegrenztes, exponentielles Wachstum glaubt, ist entweder ein Idiot oder ein Ökonom." Nichtdestotrotz werden wir nach wie vor auf das Dogma vom ständigen Wirtschaftswachstum eingeschworen.
Was sich sicher sagen lässt: In einem begrenzten System ist kein unbegrenztes, exponentielles Wachstum möglich. Versucht eine Größe in einem begrenzten System dennoch exponentiell zu wachsen (und nach unendlich zu streben) wird das unvermeidlicherweise zu - blumig ausgedrückt - Diskrepanzen führen.
Ein Blick in die (berechenbare) Zukunft
Dem aufmerksamen Beobachter ist klar, daß wir gerade Zeiten eines Systemumbruchs durchleben. Wir alle sind Zeugen der "Diskrepanzen", die uns die Konsequenzen exponentiellen Wachstums aufnötigen. Diese "Diskrepanzen" werden sich verschärfen - mit derselben Gewißheit, mit der exponentielles Wachstum lawinenartig gegen unendlich strebt.
Die entscheidenden Fragen für unsere Zukunft lauten daher: Wollen wir weiterhin einem System anhängen, von dem man sich ausrechnen kann, dass es in den Zusammenbruch führt? Wollen wir weiterhin an Zins und somit an unbegrenztes, exponentielles Wachstum in einer begrenzten Welt glauben - oder werden wir uns aufgrund dessen, was man sich ausrechnen kann, aufraffen und unsere Vernunft gebrauchen? Es bleibt spannend! (Leser-Kommentar, Reinhold Mannsberger, derStandard.at, 24.8.2011)
Autor
Reinhold Mannsberger (38) ist Software-Architekt und
Systemanalytiker, lebt in Wien und ist Initiator eines Volksbegehrens,
das sich für ein nachhaltiges Geld- und Bankensystem einsetzt.