Europamarkt - wozu mehr bezahlen?

Leser-Kommentar | 19. August 2011, 22:09

Allein schon die Wirkung, anstatt der Packelei großer Nationalstaaten endlich einen Wächter über den Euro zu haben, sollte uns das geringe Risiko des Übergangs zu Eurobonds wert sein

Die angeblichen Krisenbekämpfer Merkel und Sarkozy haben uns nach ihrem Treffen mit der Nachricht beglückt, sich in Zukunft mit ihren Kollegen noch öfter zu Gesprächen treffen zu wollen und das dann eine Europäische Wirtschaftsregierung zu nennen. Sie seien wild entschlossen, nun aber wirklich die Schulden zu bremsen. Man darf sich wundern, dass ihnen ob des wieder einmal verschwendeten Flugbenzins nicht die Schamesröte ins Gesicht stieg.

Sanierungsfälle haben meist eine erstaunlich konsequente Realitätsverweigerung gemeinsam. An ihre Stelle tritt die Schaffung einer individuellen Realität, die dann wie ein Mantra heruntergebetet wird.

Eurobonds - wie teuer?

Das aktuelle Mantra wurde von der Deutschen Regierung ausgegeben und lautet, dass die Zinsen für Eurobonds mehrere Prozent über jenen deutscher Staatsanleihen lägen und deshalb, wie auch aus Gerechtigkeitsgründen, aus deutscher Sicht abzulehnen seien. Die dazu angestellte Milchmädchenrechnung mittelt einfach die Zinssätze aller nationalen Staatsanleihen. Das ist nicht nur mathematischer Unsinn, weil wenigstens eine Gewichtung nach Größe der Staaten einfließen müsste, sondern auch, wenn man die ökonomischen Daten vergleicht.

Die Staatsverschuldung der Eurozone liegt bei 79 % (USA 100%), das BIP bei rund 9 Billionen EUR (USA knapp über 10). Die USA zahlen aktuell 2,529 % Rendite für ihre 10-jährigen Staatsanleihen, Deutschland 2,267 %. Das Budgetdefizit der gesamten Eurozone wird für 2012 mit 3,5 % vorhergesagt, jenes der USA wird 2011 über 10 % betragen. Es gibt diesen Zahlen zufolge einfach keinen Grund, anzunehmen, dass Eurobonds nennenswert höher rentieren müssten als deutsche oder US-Anleihen.

Zeit für einen Europäischen Währungsfonds

Voraussetzung wäre allerdings, dass eine unabhängige Einrichtung, die wie ein "Europäischer Währungsfonds (EWF)" (oder auch die EZB) als Emittent eigenständig auftritt, frei bestimmen kann, welcher Euro-Staat unter welchen Bedingungen dieses billige Geld bekommt. Es ist jedem Staat weiterhin unbenommen, eigene Anleihen aufzulegen. Wenn ihm das mangels Bonität aber nicht mehr bezahlbar gelingt, wird er sich - wie auch schon aktuell Griechenland - den geforderten Sanierungsmassnahmen dieser Einrichtung unterwerfen müssen.

Gesetzliche Beschränkungen (wie eine bereits diskutierte 60%-Grenze) sind unnötig und unsinnig, weil sie die Wirkung des billigen Geldes begrenzen. Dieser EWF würde zwar als heimliche europäische Wirtschaftsregierung wirken, den Staaten mit guter Bonität aber so lange keine Vorschriften machen können, als diese eine attraktive Finanzierungsalternative mittels eigener Anleihen hätten.

Die politische Wirkung von Eurobonds wäre über die reinen Zahlen hinaus enorm, weil der Dollar erstmals wirkliche Konkurrenz als Weltreservewährung bekäme und ein durch seine Größe hochliquider Anleihenmarkt entstünde. Dass sich China & Co. mit Begeisterung auf diese Alternative stürzen würden, darf inzwischen als bekannt angenommen werden.

Allein schon die Wirkung, anstatt der Packelei großer Nationalstaaten (man denke an das Maastricht-Kriterium), mit einer unabhängigen Einrichtung, für die alle europäischen Länder garantieren, endlich einen ernst zu nehmenden Wächter über den Euro zu haben, sollte uns das tatsächlich geringe Risiko des Übergangs zu Eurobonds wert sein. Dieser sollte sofort erfolgen, weil er auch jetzt gebraucht wird. Ausreden, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen zu komplex und deren Änderung aufwändig wären, gelten nicht. Wir leisten uns Politiker, um solche Probleme zu lösen. (Leser-Kommentar, Oliver Gebauer, derStandard.at, 22.8.2011)

Quellenangaben:
http://epp.eurostat.ec.europa.eu
http://www.wienerzeitung.at

Autor

Mag. Oliver Gebauer, geboren 1963, studierte Wirtschaftsinformatik und schreibt zurzeit an seiner Dissertation. Er ist wissenschaftlicher Projektleiter an der Universität Salzburg und war Geschäftsführer und Vorstand verschiedener Unternehmen, außerdem Unternehmensberater für Unternehmenssanierungen.

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12 Postings
maximinus
 
00
24.8.2011, 10:05
Anleihen, wozu?

Alle basteln immer nur an den Symptomen, keiner beseitigt die Ursachen. In einem Fiat Geldsystem braucht man keine Anleihen. Solange sich die Staaten in die Abhängigkeit der "Märkte" begeben, wird die Krise nicht beseitigt sein. Die einzige dauerhafte Lösung den Euro am Leben zu erhalten wäre den Artikel 21 zu beseitigen und die Staaten direkt durch die EZB zu finanzieren.
So wie ich das sehe: http://blog.tullnerbach.net/#home

Geschäfte mit öffentlichen Stellen

21.1. Nach Artikel 123 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union sind Überziehungs- oder andere Kreditfazilitäten bei der EZB oder den nationalen Zentralbanken für Organe, Einrichtungen oder sonstige Stellen der Union, Zentralregierungen, regionale oder lokale Gebi

Jepedaia Springfield
00
21.8.2011, 09:40
anstatt der Packelei großer Nationalstaaten

wer glaubt, dass die dann nicht packeln.

edurkheim
02
20.8.2011, 20:57
Wenn Euro-Bonds dann nur für das EU-Budget

Es gibt ja auch keine US-Bonds für Kalifornien. Und keine D-Anleihen für Hamburg. Das Geld wird immer nur von den emittenten verwendet. Das ist ja klar.

(Die USA sind da überhaupt besonders streng als New York in den 70ern pleite haben sie als schnöde Antwort von Washington bekommen dass sie keinen cent sehen aus den US-Anleihen oder von den anderen. Weil das auch sonst ein Fass ohne boden geworden wäre.

edurkheim
04
20.8.2011, 19:54
Ich bin zwar dezidiert gegen Eurobonds - wegen der Falschen Anreize

Aber insgesamt ist das ein wirklich guter sachlich argumentierter Kommentar.

Da könnte sich zB ein John der immerhing hauptberuflich für das Qualitätsblatt Standard schreibt was abschauen.

andreas wreiser
 
13
20.8.2011, 17:47
Blankoschecks für Europa

Anreize zum Sparen gingen verloren.
Wie schwer es für die Politik ist,
Sparpakete zu verkaufen, zeigten nicht zuletzt die Massenproteste in Griechenland und Spanien.
Trotz einer Verschuldung von 150 Prozent und eines Defizits von zehn Prozent der Wirtschaftsleistung ließen tausende Griechen ihrer Wut auf die Regierung freien Lauf und gingen auf die Straße.
Ohne klaren Sanktionsmechanismus sei es völlig unrealistisch, die Politik zum Sparen anzuregen.
Reiche Länder wie Deutschland und Österreich müssten dann für weitere Schulden des Südens büßen.

Was man von unabhängigen Europäischen Einrichtungen halten soll sieht man an der EZB:
vom Stabilitätsgaranten zur Bad Bank Europas.

Oliver Gebauer
Oliver Gebauer
12
20.8.2011, 19:52
EZB

Ich denke, dass die EZB die Verantwortung wahr nimmt, vor der sich die europäische Politik drückt, wofür wir eher dankbar sein müssen. Klar ist es nicht ihr Auftrag, Anleihen aufzukaufen, aber wo ist die bessere Lösung? Einen totalen Zusammenbruch kann niemand wollen.

Wäre die Konstruktion des Euro keine Fehlgeburt, könnte man mit mehr Recht darauf pochen, dass sich die EZB auf ihre eigentlichen Aufgaben beschränkt. Angesichts dessen, dass die Politik durch den Bruch der No Bailout-Klausel und der Maastricht-Kriterien längst bewiesen hat, wie wenig ernst sie ihre eigenen Gesetze nimmt, braucht wohl niemand den ersten Stein auf die EZB zu werfen.

Überdies entzieht sie im gleichen Ausmass, wie sie Anleihen erwirbt, dem Markt Liquidität.
(siehe hier: http://diepresse.com/home/wirt... irtschaft)

Reich sein muss sich lohnen!
31
20.8.2011, 19:21

Der Shitstorm von ÖVP/FPÖ/BZÖ zeigt also Wirkung.
Beunruhigend.

witherabbitt
 
00
20.8.2011, 15:47
Genau so geht es.

Nur bleiben politisch einige Fragen offen: Wie kann dieser Schritt den EU-Verträgen entsprechend durchgeführt werden? Welche Auswirkungen auf das Verhältnis von Eurozone und den Rest der EU-Staaten sind zu erwarten? Ohne weitere Eingriffe in die Finanzhoheit der Nationalstaaten haben Euro-Bonds zu viele negative Effekte auf die Stabilität, was schließlich die Frage aufwirft, ob es verantwortet werden kann, diesen Schritt ohne Zustimmung der Bürger zu machen.

Johannes99
00
21.8.2011, 17:47
Genauso ginge es

Ich könnte schon damit leben, dass die Regierungschefs verbindliche Vereinbarungen unterschreiben, die machbare Eurobonds ermöglichen. Ohne Netz wäre das für die starken Wirtschaftsregionen der Ruin, da verstehe ich die Merkel. Volksabstimmungen? Wer traut sich da drüber? Einer schreit "unser Geld für unsre Leut" und aus ist es ...

Toni Meister
00
20.8.2011, 14:15
Just do it, Miss Merkel

In der FTD meint Thomas Fricke:

" Aus der US-Erfahrung lässt sich erahnen, wie gut es gegen die Krise helfen würde, einen ähnlich großen Anleihemarkt in Europa zu schaffen. Da wären die bösen Eurobonds im Zweifel gar nicht höher verzinst als deutsche. Just do it, Miss Merkel. Die jüngste EZB-Erfahrung zeigt derweil, dass in Notfällen auch mal die Notenbank Macht demonstrieren muss. Die Mittel hat sie. Und sie kann das Geld auch anderswo wieder abziehen, um keine Inflation zu riskieren.
Dann ließe sich auch der Merkel-Abschwung noch verhindern " .

Jepedaia Springfield
02
20.8.2011, 09:48
kein EU-Staat ohne Volksabstimmung

es kann nicht sei, dass Staaten Kompetenzen an Brüssel abgeben ohne die Bürger zu Befragen ob am ende auch ein "EU-Staat" stehen soll. Stückchenweise ohne Bürger halte ich für den falschen Weg.

her wig
02
20.8.2011, 00:22
Guter Kommentar, nur ein Detail

dieser EWF wäre nicht Wächter über den EURO an sich, sondern nur über die Staatsschulden der EURO-Länder, weil der EURO nicht ausschliesslich durch Kredite an Staaten besichert ist. Daher sollte auch ein EWF die Eurobonds übernehmen, und nicht die EZB.

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