Der Einsatz der Angehörigen von psychisch Kranken wird von Ärzten und Gesellschaft unterschätzt
Die Mutter hört zu. Ihr Sohn redet und redet. Sie versucht seine Beleidigungen nicht anzunehmen. Dass sie an allem schuld sei. Dass sie ihn mit ihrem Essen vergiften will. Der Sohn leidet an einer akuten Psychose. Doch er weigert sich, Medikamente zu nehmen, überhaupt zu glauben, dass er krank ist. Er ist 20 Jahre. Seine Mutter ist seit Jahren die einzige Bezugsperson, die ihm geblieben ist. Ihre Kräfte sind nahezu aufgebraucht. Was schiefgelaufen ist, fragt sie sich.
Edwin Ladinser hört viele solcher Geschichten. "Das ist typisch", sagt der Geschäftsführer von HPE Österreich, der Selbsthilfeorganisation für Angehörige und Freunde psychisch Erkrankter (HPE). Sie gleichen sich in Verzweiflung, Trauer, Wut und Hilflosigkeit.
Angehörige von psychisch Erkrankten führen noch immer ein Schattendasein. Über Jahrzehnte wurden sie von Ärzten gemieden, von der Gesellschaft als Schuldige oder Erziehungsversager verurteilt. Genaue Zahlen liegen nicht vor, doch Befragungen zeigen, dass allein 60 bis 70 Prozent der Schizophrenie-Patienten zum überwiegenden Teil von ihren Eltern betreut werden. Dabei "kümmern" sie sich nicht nur um das kranke Familienmitglied, sondern entlasten das Gesundheitswesen. Eine Studie der "Europäischen Föderation von Organisationen der Angehörigen psychisch Kranker" berichtet, dass rund ein Viertel aller Angehörigen mehr als 30 Stunden pro Woche für die Pflege aufbringt.
"Das sind aber keine Profis", sagt Ladinser. Sie erhalten keine psychosoziale Ausbildung, keine Schulung, wie man mit psychisch Kranken umgeht. Schizophrenie etwa bricht in der Pubertät aus. Wie aber sollen Eltern beurteilen, ob sich ihr Kind gerade in einem heftigen Ablösungsprozess befindet oder bereits Symptome der Krankheit zeigt? "Meist kommen die Angehörigen erst Jahre nach den ersten Zeichen", so Ladinser.
Erfolgreiche Psychoedukation
Tatsächlich aber gibt es für die Patienten selbst kaum eine größere Hilfe als einen starken sozialen Hintergrund. Doch erst in den letzten zehn Jahren setzt sich diese Erkenntnis in der Fachwelt durch. So beobachtet Josef Bäuml, leitender Psychiater am Klinikum rechts der Isar, über sieben Jahre, welchen Einfluss die Schulung von Angehörigen auf die Genesung des Patienten hat. Die Erfolge einer solchen "individuellen Psychoedukation" bei Angehörigen Schizophrener sprechen für sich: Nahmen sowohl Patienten als auch Angehörige teil, sank die Rückfallquote auf 54 Prozent, in der Kontrollgruppe lag sie bei 88 Prozent. Auch die Klinikaufenthalte sanken um zwei Drittel.
Dabei geht es in den Schulungen nicht nur darum, wie man sich Patienten gegenüber verhält, welche Rückfallanzeichen es gibt oder wie man sicherstellt, dass Medikamente eingenommen werden, "wichtig ist, dass Angehörige lernen, ihre eigenen Grenzen im Umgang mit dem Kranken zu erkennen", so Ladinser. Nur wer Grenzen setzt, kann als Vorbild agieren und verliert sich selbst nicht. (Edda Grabar, DER STANDARD Printausgabe, 22.08.2011)