Politiker gehen davon aus, dass sie über Social Media die Jugend erreichen können - Ein Klick auf "Gefällt mir" bedeutet aber nicht automatisch eine Wählerstimme
Der seelenlose Ziegelstein hat gewonnen. Mit Abstand. Mehr als 200.000 Facebook-User haben auf "Gefällt mir" geklickt, seit die Seite "Kann dieser seelenlose Ziegelstein mehr Fans haben als H.C. Strache" online gegangen ist. Der FPÖ-Chef hat über 100.000 Fans und ist damit - obwohl dem Ziegelstein unterlegen - in Zahlen gemessen der mit Abstand erfolgreichste österreichische Web-2.0-Politiker.
Seine Fan-Zahl hat sich seit Sommer letzten Jahres mehr als verdoppelt, privat ging Strache allerdings offline. Statt Grüßen an die Freundin ("Gute Nacht, Schatz :-) Kuss") gibt es für Strache-Fans nun also politische Botschaften, Wünsche für ein schönes Wochenende und H.-C.s Lieblingslieder. Darüber wird dann besonders rege diskutiert: "Das glaube ich jetzt aber gar nicht meinem lieblings Politiker gefällt mein lieblings lied Super ist das !!!!!", freut sich ein junger Fan.
Schwarze Zurückhaltung
Nicht als langweiliger Politiker wahrgenommen zu werden, sondern als eine Figur des öffentlichen Lebens, die polarisiert - das schafft auf Facebook, wo sich das Gros der jungen Social-Media-Nutzer tummelt, niemand so gut wie Strache.
In krasser Online-Zurückhaltung übt sich hingegen die VP. Das mag damit zu tun haben, dass seit dem Abschied Fritz Kalteneggers von der Parteizentrale im April die Kommunikationsabteilung eine Dauer-Baustelle ist; jedenfalls versammelt VP-Chef Michael Spindelegger auf zwei Fanseiten nicht einmal tausend Befürworter.
Grünen-Chefin Eva Glawischnig hat gut 1500 Fans, Online-Kommunikation ist bei den Basisdemokraten aber eine recht dezentrale Sache. Unter den grünen Politikern sind mit Abstand die meisten Blogger, Twitterer und Facebook-User.
In der SPÖ ist Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas die Chef-Bloggerin, sie stellt ihre zwei Facebook-Seiten, eine bereits überlaufene Freundschaftsseite und eine Fanseite, gerade auf eine neue Seite um.
Auch Kanzler Werner Faymann hat mittlerweile das Internet entdeckt, er hat eine Agentur beauftragt, die ihn ins Netz bringen soll. Um das SPÖ-Defizit bei den Jugendlichen zu beheben, soll Faymann eine eigene Facebook-Seite bekommen und endlich auch twittern. Mobile Apps sollen einen schnellen Zugang zum Kanzler sicherstellen, auf dass Faymann endlich cool und hip werde.
Über Social Media junge Leute anzuwerben, die sich dauerhaft für eine Partei engagieren, davon sind die heimischen Polit-Kommunikatoren (im Gegensatz etwa zu den amerikanischen Vorbildern) noch weit weg. Auch außerhalb von Partei-Strukturen ist es leichter, Menschen für einzelne Themen oder Ereignisse zu begeistern. Diese Erfahrung hat auch Hubert Sickinger gemacht. Der Politikwissenschafter und Korruptions-Experte ist einer der aktivsten Twitterer der österreichischen Polit- und Medien-Szene.
Es fänden sich dort durchaus Menschen, die bereit seien, sich außerhalb von Parteien zu engagieren, sagt Sickinger: "Das politische Potenzial von Web 2.0 besteht darin, dass Leute über ihre Kontakte bei Initiativen andocken können, bei denen sie sonst nicht mitmachen würden." Ihm selbst sei es bei der Transparenzplattform www.amtsgeheimnis.at so ergangen.
Im Gegensatz zu Facebook ist Twitter eher etwas für Insider, meint Sickinger. "Facebook bietet für einen Politiker ein viel freundlicheres Umfeld. Dort findet sich die breite Masse, man kann sich umfassender darstellen, Fotos posten und so weiter." Die spannenderen Diskussionen hingegen, meint Sickinger, fänden allerdings auf Twitter statt: "Denn dort hat man nur 140 Zeichen zur Verfügung - da müssen sich die Leute kurz fassen." (Andrea Heigl, Michael Völker, DER STANDARD; Printausgabe, 19.8.2011)