Österreichs niedrige Jugendarbeitslosigkeit und der Drang nach Selbstvermarktung halten die Gemüter der heimischen Generation Praktikum im Zaum - Dafür kommt den Parteien der Nachwuchs abhanden
Aufs Klo gehen heißt hier: "Nach Kärnten müssen." Das Lieblingsgetränk zum Schimpfen auf soziale Ungerechtigkeit, Rassismus, die Freiheitlichen: Sprite aus Pappbechern. Die Möbelage ist von der Marke Flohmarkt, nicht von Ikea.
Für ihre Ideale legt sich das gute Dutzend, das jeden Mittwoch im Vereinslokal der Sozialistischen Jugend in Favoriten zusammenkommt, auch schon einmal mit der Mutterpartei SPÖ an. "Wir scheuen den Konflikt nicht", sagt Sascha Obrecht, Chef der Gruppe.
Derzeit versucht der rote Trupp rund um den 20-Jährigen mit den halblangen Haaren Heinz-Christian Strache das Leben ein wenig schwerer zu machen. Indem man auf der Straße Buttons mit dem durchgestrichenen Konterfei des FPÖ-Chefs verteilt.
Jugendpolitisches Engagement auf österreichisch. Die SJler im Vereinslokal mit den bunten Wänden, von denen der Putz blättert, sind hierzulande eine Minderheit. "Kaum mehr als fünf Prozent" der Teens und Twens, schätzt Bernd Heinzlmaier vom Institut für Jugendkulturforschung, verbringen einen Gutteil ihrer Freizeit in den Vorfeldorganisationen der Parteien (siehe Wissen). Und während in anderen Metropolen Europas die Heranwachsenden gegen die Gleichgültigkeit des Establishments gegenüber ihren Problemen revoltiert oder demonstriert, gleicht die Jugendszene von Wien eher der eines disziplinierten Internats.
Sind Österreichs Kids zu angepasst, um für ihre Werte einzutreten oder den Aufstand zu proben? In Favoriten oder Simmering brodelt nicht annähernd jener gefährliche Zorn, der sich in den Banlieues von Paris oder den Suburbs von London wegen ignoranter Politik jahrzehntelang aufgestaut hat. Und auch angesichts der schweren Zeiten von Wirtschafts- und Finanzkrise haben die heimischen Regierungen bisher - so schlecht ihr Ruf oft sein mag - Härten gegenüber den Leuten unter dreißig erfolgreich abgefangen, erklärt Jugendforscher Heinzelmaier: "Man ist bemüht, den Folgen der neoliberalen Politik in ganz Europa entgegenzusteuern."
So werden arbeitslose Jugendliche in Stiftungen des Arbeitsmarktservice beschäftigt, von Politikern ständig Lehrstellengarantien abgegeben. Heinzlmaier: "Das hat einen gewissen Beruhigungs- und Befriedungseffekt. " Fazit: Das Land hat in puncto Jugendarbeitslosigkeit nach den Niederlanden den niedrigsten Wert in der Union - mit 8,2 Prozent.
In den Jugendorganisationen von SPÖ, ÖVP, Grünen, FPÖ und BZÖ debattiert man deswegen ganz pragmatisch über ein besseres Bildungs- oder gerechteres Pensionssystem anstatt großartige Umverteilungstheorien zu wälzen oder zum gesellschaftlichen Widerstand aufzurufen.
Auf noch einen Aspekt weist Jugendexperte Heinzlmaier hin: Die Hauptmotive, sich einer politischen Organisation anzuschließen, lauten bis heute: Die Freizeitangebote wie Sommercamps zu nützen und - ganz simpel - die Partnersuche unter Gleichgesinnten anzugehen. Heinzlmaier: "Nicht umsonst hat die Aktion Kritischer Schüler schon in den Fünfzigerjahren auf Flugblättern mit dem Spruch 'Bei uns gibt's auch Mädchen!' geworben. Diese Prioritäten gelten immer noch."
Dazu komme, dass die Jugend von heute dem Egotrip der Älteren nachhechle. Alles, was da von der Selbstvermarktungs-, Selbstorganisations-, Selbstfindungs- und Selbstverwirklichungsindustrie propagiert werde, spiegle der Nachwuchs wider, erklärt Heinzlmaier. Eigennutz entspreche also eher dem Zeitgeist der Generation Praktikum als Gestaltungswille. Und so investieren Jung wie Alt lieber Stunden und Tage in den eigenen Web- oder Facebook-Auftritt statt auf die Straße oder ins Vereinslokal zu gehen. Für eine gute Sache kann man ja auch einfach auf "Gefällt mir" klicken. (Katharina Mittelstaedt, Nina Weißensteiner, DER STANDARD; Printausgabe, 19.8.2011)
Update: Die Aktion Kritischer Schüler_innen verweist in einer Stellungnahme darauf, dass sie keine Flugblätter mit dem Spruch 'Bei uns gibt's auch Mädchen! verteilt habe. Der Verein bestehe seit dem Jahr 1976 und definiere sich klar als feministische Organisation.
Frauen- und Mädchenförderung passiere auf unterschiedlichen Eben und gehöre zu
den Grundsätzen der Organisation.