Aufruhr und Anpassung

Lieber anklicken statt austicken

18. August 2011, 19:06

Österreichs niedrige Jugendarbeitslosigkeit und der Drang nach Selbstvermarktung halten die Gemüter der heimischen Generation Praktikum im Zaum - Dafür kommt den Parteien der Nachwuchs abhanden

Aufs Klo gehen heißt hier: "Nach Kärnten müssen." Das Lieblingsgetränk zum Schimpfen auf soziale Ungerechtigkeit, Rassismus, die Freiheitlichen: Sprite aus Pappbechern. Die Möbelage ist von der Marke Flohmarkt, nicht von Ikea.

Für ihre Ideale legt sich das gute Dutzend, das jeden Mittwoch im Vereinslokal der Sozialistischen Jugend in Favoriten zusammenkommt, auch schon einmal mit der Mutterpartei SPÖ an. "Wir scheuen den Konflikt nicht", sagt Sascha Obrecht, Chef der Gruppe.

Derzeit versucht der rote Trupp rund um den 20-Jährigen mit den halblangen Haaren Heinz-Christian Strache das Leben ein wenig schwerer zu machen. Indem man auf der Straße Buttons mit dem durchgestrichenen Konterfei des FPÖ-Chefs verteilt.

Jugendpolitisches Engagement auf österreichisch. Die SJler im Vereinslokal mit den bunten Wänden, von denen der Putz blättert, sind hierzulande eine Minderheit. "Kaum mehr als fünf Prozent" der Teens und Twens, schätzt Bernd Heinzlmaier vom Institut für Jugendkulturforschung, verbringen einen Gutteil ihrer Freizeit in den Vorfeldorganisationen der Parteien (siehe Wissen). Und während in anderen Metropolen Europas die Heranwachsenden gegen die Gleichgültigkeit des Establishments gegenüber ihren Problemen revoltiert oder demonstriert, gleicht die Jugendszene von Wien eher der eines disziplinierten Internats.

Sind Österreichs Kids zu angepasst, um für ihre Werte einzutreten oder den Aufstand zu proben? In Favoriten oder Simmering brodelt nicht annähernd jener gefährliche Zorn, der sich in den Banlieues von Paris oder den Suburbs von London wegen ignoranter Politik jahrzehntelang aufgestaut hat. Und auch angesichts der schweren Zeiten von Wirtschafts- und Finanzkrise haben die heimischen Regierungen bisher - so schlecht ihr Ruf oft sein mag - Härten gegenüber den Leuten unter dreißig erfolgreich abgefangen, erklärt Jugendforscher Heinzelmaier: "Man ist bemüht, den Folgen der neoliberalen Politik in ganz Europa entgegenzusteuern."

So werden arbeitslose Jugendliche in Stiftungen des Arbeitsmarktservice beschäftigt, von Politikern ständig Lehrstellengarantien abgegeben. Heinzlmaier: "Das hat einen gewissen Beruhigungs- und Befriedungseffekt. " Fazit: Das Land hat in puncto Jugendarbeitslosigkeit nach den Niederlanden den niedrigsten Wert in der Union - mit 8,2 Prozent.

In den Jugendorganisationen von SPÖ, ÖVP, Grünen, FPÖ und BZÖ debattiert man deswegen ganz pragmatisch über ein besseres Bildungs- oder gerechteres Pensionssystem anstatt großartige Umverteilungstheorien zu wälzen oder zum gesellschaftlichen Widerstand aufzurufen.

Auf noch einen Aspekt weist Jugendexperte Heinzlmaier hin: Die Hauptmotive, sich einer politischen Organisation anzuschließen, lauten bis heute: Die Freizeitangebote wie Sommercamps zu nützen und - ganz simpel - die Partnersuche unter Gleichgesinnten anzugehen. Heinzlmaier: "Nicht umsonst hat die Aktion Kritischer Schüler schon in den Fünfzigerjahren auf Flugblättern mit dem Spruch 'Bei uns gibt's auch Mädchen!' geworben. Diese Prioritäten gelten immer noch."

Dazu komme, dass die Jugend von heute dem Egotrip der Älteren nachhechle. Alles, was da von der Selbstvermarktungs-, Selbstorganisations-, Selbstfindungs- und Selbstverwirklichungsindustrie propagiert werde, spiegle der Nachwuchs wider, erklärt Heinzlmaier. Eigennutz entspreche also eher dem Zeitgeist der Generation Praktikum als Gestaltungswille. Und so investieren Jung wie Alt lieber Stunden und Tage in den eigenen Web- oder Facebook-Auftritt statt auf die Straße oder ins Vereinslokal zu gehen. Für eine gute Sache kann man ja auch einfach auf "Gefällt mir" klicken. (Katharina Mittelstaedt, Nina Weißensteiner, DER STANDARD; Printausgabe, 19.8.2011)

Update: Die Aktion Kritischer Schüler_innen verweist in einer Stellungnahme darauf, dass sie keine Flugblätter mit dem Spruch 'Bei uns gibt's auch Mädchen! verteilt habe. Der Verein bestehe seit dem Jahr 1976 und definiere sich klar als feministische Organisation. Frauen- und Mädchenförderung passiere auf unterschiedlichen Eben und gehöre zu den Grundsätzen der Organisation.

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Posting 1 bis 25 von 153
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noname2.0
00
22.8.2011, 12:20

Die Autorin war wohl nie in einer politischen Jugendorganisation.
Denn in den meisten mir bekannten Jugendorganisation ist es üblich sich ein bis zwei mal die Woche zu treffen und über unterschiedliche politische Themen zu reden, sich zu informieren und zu diskutieren und sich auch realpolitisch einzumischen. Gut, es gibt zwar ein paar schwarze Schafe unter den Jugendorganisationen, bei denen es nur um Freizeitgestaltung geht, aber der Rest IST politisch, tritt für die Rechte der Jugend ein (z.B in der Österreichischen HochschülerInnenschaft, in der Landes- und BundesschülerInnenvertretung, oder in Form von JugendvertauensrätInnen), beschäftigt sich mit unterschiedlichsten Themen und bietet sinnvolle Freizeitbeschäftigung (z.B Seminare)

Ernst Guevara
00
19.8.2011, 15:45
erstens stimmt das so auch gar nicht. wenn man sich auf die vorfeldvereine der parteien beschränkt, dann verliert man schnell aus den augen, was sonst so alles passiert in der österr. "jugendszene": hausbesetzungen wie zuletzt u.a. der lobmeyrhof,

antirassistischer aktivismus, unibrennt usw. das verläuft halt alles ausserhalb der engeren parteipolitik, ist aber auch eine realität. und zweitens muss man in österreich wahrscheinlich die latte sehr niedrig ansetzen und darf nicht zu viel erwarten. ein neuer horizont eröffnet sich durch die bewegung der empörten von spanien bis israel. in tel aviv hats mit einer jungen frau begonnen, die ihr zelt auf einem öffentlichen platz aufgestellt hat, inzwischen gehen dort soviele menschen auf die strasse wie noch nie. und wie meinte schon friedrich engels angesichts der münchner bierrevolution: die Volksmassen werden „schnell erkennen .., dass es ebenso einfach ist, ihr [der Obrigkeit] auch bei wichtigeren Angelegenheiten das Fürchten zu lehren.“

xxx...yyy...
00
19.8.2011, 17:13
hausbesetzung ist

KEIN politisches statement. ebensowenig wie autos abfackeln oder den nachbarn mit dem brecheisen erschlagen, weil er jeden tag einen anzug trägt und ergo dessen kapitalist ist.

Ernst Guevara
01
19.8.2011, 18:54
das ist eine subjektive meinung

ich bin der meinung, dass häuser besetzen höchst politisch ist. im übrigen brauchen Sie nicht gleich gewaltphantasien bekommen, nur weil Ihr nachbar "der kapitalist seines anzuges" ist (was auch immer das wiederum heissen soll..?).

Euroumrechner
00
19.8.2011, 15:39
Im 20 Jh. ist man zum Protest auf die Straße gegangen. Im 21. Jhr protestiert man durch Konsumboykott.

Der Umsatzrückgang im Einzelhandel beweist meine These.

Oft genug wurde uns eingetrichtert: Der Konsument hat die Wahl. JETZT wird es genutzt!

Straße war gestern, Konsumboykott ist heute!

DerVisier
00
21.8.2011, 13:12
Konsumboykott

Wo bitte leben Sie und von welchen Land kommen die Statistiken? Gibt es dort kein Internet, Shoppingcenter und keine Vorfinanzierung damit eben Konsumgüter wie blöd gekauft werden?

Die Seifenblase
00
19.8.2011, 16:10
Der Konsumboykott ist eher unfreiwillig...

Wenn man kein Geld hat, kann man halt nur mäßig konsumieren. Ich seh ja was meine Schwester als Lehrling verdient... dafür, dass sie quasi Vollzeit in diesem Supermarkt arbeitet: netto 350€...

levi
00
19.8.2011, 15:15

"aus panik angepasst und unter selbstkontrolle", so fasst eine aktuelle studie der situation der jugendlichen zusammen: http://www.heise.de/tp/artike... 317/1.html

somussesnichtsein
02
19.8.2011, 15:21
weil angepasstes

duckmäusertum in allen bereichen angefangen vom kindergarten, schule, arbeitsplatz, bundesheer, behörden usw..... gefördert und verlangt wird.

denkende menschen und jugendliche werden in unserer sklavenausbeutergesellschaft ja nicht mehr benötigt.

das ergebnis - siehe england

F. Croma
20
19.8.2011, 16:28
Die Arbeitgeber die ich kenne,

suchen nur intelligente Menschen. Ein KFZ-Mechaniker hat heute mehr Kurse zu besuchen, als je zuvor. Auf der anderen Ausbildungsseite, werden junge Akademiker (kenne in meinen Umfeld eher Technik-Absolventen) mit 25 Jahren praktisch in das kalte Wasser gestossen und übernehmen heutzutags Verantwortung, welche früher eher auf mehreren aufgeteilt wurde. Wie sagt man so schön, der Jugend gehört die Welt und sie hat auch die Chancen (in Österreich zumindest) etwas daraus zu machen. Nur, das Gewinsel einer SJ ist kontraproduktiv.

somussesnichtsein
01
19.8.2011, 18:24
natürlich suchen die nur intelligente menschen

am besten natürlich 20 jährige mit 10 jähriger berufserfahrung die am besten umsonst arbeiten - das nennt man dann praktikum.

gewinsel der sj - she nur das gewinsel von ihnen und ihresgleiche.

F. Croma
10
19.8.2011, 19:02
Wer ist meinesgleichen? :-)

20-jährige mit 10 jähriger Beruferfahrung - bezweifle, ob es so dumme "Personalisten" gibt. Natürlich was es gibt, ist eine Ausbildung welche in der Wirtschaft nicht im Übermaß nachgefragt wird. Mehr oder minder ist das eine persönliche Entscheidung. Weil sie auf mein "SJ-Gewinsel" pikiert regieren, sie werden doch nicht ernsthaft ihren persönlichen Werdegang mit Ideologien von Jugendparteiorganisationen verbinden? Soferne sie nicht Großayatollah in der VOEST (sprich Gewerkschaft) oder gar Politiker werden wollen.

daNinooo
00
19.8.2011, 14:52
grundlegende probleme

1. kein junger mensch nimmt die politik wirklich ernst, weil seit jahrzehnten nichts als löwingerbühne geboten wird. keine maßgeblichen neuerungen, keine reaktion auf aktuelle themen, keine lobby für junge menschen im parlament. der begriff "interessensvertretung" durch eine partei ist durch keine derselben in österreich gegeben.

2. es gilt als verpönt und unsexy, sich politisch zu engagieren (das machen nur ökos und rechte).

3. jeder glaubt ohnehin alles besser zu wissen - eine politische meinung, die sie, darauf angesprochen, kundtun könnten, haben die allerwenigsten. auch, weils ja eh den meisten finanziell gut geht.

4. der "respekt vor dem alter" ist (gottseidank) weitgehend passé. die politik besteht nur aus "alter"...

u.v.m.

somussesnichtsein
00
gerade deshalb

weil die jugend politik nicht ernst nimmt ist es möglich, löwingerbühne zu spielen....

aber die jugen schaut halt der löwingebühne zu und sie schaut auch zu wie sie von verbrechern und sonstigen gsindel abkassiert wird....

viel glück!

grins&fett
01
19.8.2011, 18:54

ad 1: ich denke nicht, dass es daran liegt, dass die politik nicht ernstgenommen wird, sonder eher macht sich die typisch österreichische resignation breit: wer entscheidet, sind die, wenn ich wen anders wähle fahen die dasselbe programm unter anderem namen und gegen die jugend.

2. das stimmt so nicht. es gilt als verpönt, sich für eine partei zu engagieren. politisches engagement gibt es schon nur eben keine lobby, da die parteiprogramme jugendfern sind.

3. eine politische meinung kann ein einzelner letztendlich nur in der wahlkabine zum ausdruck bringen. ohne partei für die umsetzung ist auch die meinung nichts wert. besserwissen auf jeden fall, wir sind ja alle österreicher ;) ("alte" wie leitl, mikl, faymann usw. machen das auch)

Fritzchen55
 
00
19.8.2011, 15:06

hierzulande ist jede Partei eine Interessenvertretung - mindestens für die eigenen Funktionäre / Mandatare . . . das ist schon Stress genug

Illudure
31
19.8.2011, 14:51

der jugend in österreich geht es gut

Martin Erwin Wiedner
21
19.8.2011, 14:45
jede ecke

in den pariser banlieues ist sozialer als Favoriten oder Simmering

Peter Hammer 06
01
24.8.2011, 09:58
Sie waren noch nie in Paris ....

...und/oder in Favoriten und Simmering.

Martin Erwin Wiedner
00
19.8.2011, 14:44
Jede Ecke

santiago nasar
11
19.8.2011, 14:39
diese "riots"

gibt es auch in österreich. wirklich gefährlich werden sie als massenphänomen. kürzlich, in der stmk. in einer kleinen stadt hab ich einen park besucht, in dem ich viel zeit außerhalb der schule verbracht habe. ich leg mich ins gras und denk an alte zeiten und plötzlich steht eine gruppe aus türkischen und österreichischen jugendlichen vor mir, einige treten mich heftig und schreien, dass ich hier nichts verloren hätte und das ihr park wäre. ich steh auf, bin groß und kräftig und wehr mich nicht und nehme einige hämatome hin. und geh weg und sage nichts zur polizei. am nächsten tag komme ich wieder, der "anführer" entschuldigt sich, gibt mir ein kleines geschenk, bedankt sich fürs nicht verpfeifen. unser park.

santiago nasar
01
19.8.2011, 14:55
und warum war es "ihr" park?

weil ihnen außer einem lahmen jugendzentrum, das die hälfte des monats geschlossen und dem hauptplatz, wo sie keine nische fanden, simpel keinen platz fanden und dazu noch sukzessive sitzbänke abgerissen wurden, mit der offiziellen begründung, "die" würden sich dort zusammenrotten. ich war schon beim bürgermeister, mit zwei vertretern dieser "bande", die waren höflich und wollten nur um etwas platz bitten. und das ist auch avisiert.
was mich nur wundert ist die gleichgültigkeit der gleichaltrigen, die vor allem und jedem angst haben, das ihnen fremd ist.

Euroumrechner
45
19.8.2011, 14:29
Und würds helfen?

Auf die Straße gehen und ein Auge ausgespült bekommen oder niedergeknüppelt werden, NEIN DANKE!

Die Zeit des Engagements ist vorbei, jetzt herrscht Resignation.

Dieses korrupte System noch zum Guten ändern zu wollen ist vergebene Müh. Der Karren steckt unwiderruflich im Dreck. Wer sich jetzt noch um Andere kümmert und nicht primär seinen eigenen Egoismus fördert und auslebt und das korrupte System ausnützt wo es nur geht, der ist nicht mehr zu retten. Irgendwann muss man halt in der Realität aufwachen, mitspielen oder untergehen.

ZOLAISGOD
00
19.8.2011, 15:52

All that is necessary for evil to triumph is for good men to do nothing

Regenwetter
02
19.8.2011, 15:11

Je mehr so denken wie Sie, umso schlimmer wird's.

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