Namen und Details der Verdächtigen im Mordfall Rafik al-Hariri veröffentlicht
Beirut/Wien - Die Veröffentlichung der Anklage gegen vier
Hisbollah-"Unterstützer" - so steht es in der Anklagebegründung des Special
Tribunal for Lebanon (STL) - wegen des Mordes am libanesischen Expremier Rafik
al-Hariri im Jahr 2005 hat eine akute Verschlechterung der ohnehin angespannten
Beziehungen zwischen dem jetzigen Oppositionsführer Saad Hariri, Sohn des
Ermordeten, und Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah zur Folge - und damit eine noch
tiefere Spaltung des Landes. Die Sorge wächst, dass die in die Ecke getriebene,
aber in der Regierung sitzende Hisbollah einen internen Konflikt - oder einen
mit Israel - anzetteln könnte.
Nasrallah wiederholte am Mittwoch seine Behauptung, dass die vom STL
vorgelegten Beweise - eine Rekonstruktion der Handygespräche während einer
langen Zeitspanne vor dem Mord - von Israel, das im Libanon den nötigen Zugriff
habe, manipuliert worden seien. Aber Nasrallah beschuldigte auch Saad Hariri,
die Beziehungen der libanesischen Schiiten zu Sunniten, Christen und Drusen im
Land zerstören zu wollen, indem er bei allen Gewaltakten im Land auf die
schiitische Hisbollah zeige.
Hariri antwortete, dass Nasrallah seinerseits die Schuld für die Ermordung
seines Vaters nun der "gesamten schiitischen Konfession" - anstatt konkreten
Mitgliedern der Hisbollah-Miliz - zuschiebe und den Schiiten dadurch schwer
schade. Der Versuch Hariris, einen Keil zwischen Hisbollah und den Rest der
schiitischen Gemeinschaft zu treiben, ist offensichtlich. Die Hisbollah leidet
derzeit unter einem Popularitätstief, weil sie sich beim Konflikt in Syrien auf
die Seite von Syriens Präsident Bashar al-Assad gestellt hat. Das verübeln ihr
zwar hauptsächlich die libanesischen Sunniten, aber auch Schiiten sind
prinzipiell auf der Seite der arabischen Volksaufstände.
Die Regierung des Sunniten Saad Hariri und seiner "Kräfte des 14. März" war
zu Jahresbeginn von der Hisbollah zu Sturz gebracht worden, weil Hariri nicht,
wie von der Hisbollah angesichts der sich nähernden Anklageerhebung verlangt,
die Zusammenarbeit des Libanon mit dem von der Uno eingesetzten STL beendet
hatte. Regierungschef wurde nach Hariri mit Hisbollah-Unterstützung der Sunnit
Najib Mikati, einstmals Verbündeter Hariris, der sich angesichts der
Anklageveröffentlichung am Mittwoch entsprechend schwer tat: Er hoffe, zitiert
ihn die libanesische Zeitung Daily Star, dass die UN-Ermittlungen "die
volle Wahrheit und Recht und Gerechtigkeit bringen und gleichzeitig Libanons
Stabilität, Einheit und Sicherheit erhalten werden".
Der Chefankläger des Sondertribunals, Daniel Bellemare, ließ am Mittwoch eine
- um Zeugen zu schützen teilweise geschwärzte - Version seiner Anklageschrift
herausgeben. Damit wird öffentlich begründet und detailliert, was in Grundzügen
seit Wochen bekannt war: Gegen vier Hisbollah-Mitglieder, Mustafa Amine
Badreddine, Salim Jamil Ayyash, Hussein Hassan Oneissi und Assad Hassan Sabra,
wurde Anklage erhoben. Badreddine soll die gesamte Operation, bei der am 14.
Februar 2005 in Beirut Rafik Hariri und weitere 21 Menschen mit einer Autobombe
umgebracht wurden, überwacht haben, und Ayyash soll das Mordkommando geleitet
haben - von dem laut STL jedoch nicht alle Mitglieder bekannt sind.
Falsche Fährte gelegt
Oneissi und Sabra sollen die falschen Fährten "weg von Beirut" gelegt und ein
Videoband mit einem falschen Bekenntnis organisiert haben. Bellemare stellt
fest, dass die Überreste des Terroristen am Anschlagsort definitiv nicht vom
Mann im Video, Abu Adass, stammten, der die Spur auf "Mujahedin aus
Saudi-Arabien" - also sunnitische Extremisten - lenkte.
Zwei der Angeklagten, Badreddine und Ayyash, sind über Ecken mit Imad
Mughniya verwandt, dem 2008 bei einem - wahrscheinlich vom Mossad ausgeführten -
Anschlag getöteten Hisbollah-Sicherheitschef und Terroristen. Alle vier
STL-Angeklagten sind untergetaucht. Das STL richtete ein Ansuchen um Kooperation
an die libanesische Regierung, die mitteilte, der Aufenthaltsort der Gesuchten
sei unbekannt.
Der erste Verdacht im Hariri-Mord hatte sich gegen Syrien gerichtet - das nun
von der Täterschaft entlastet, aber durch seine Verbindungen zur Hisbollah auch
nicht reingewaschen ist. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 19.8.2011)