"Unvorstellbare Arbeitsbedingungen"

Zara muss sich in Brasilien vor der Justiz wegen des Verdachts auf Zwangsarbeit verantworten. Auch bei anderen Modeketten reißen die Missstände nicht ab

Wien - Er habe indische Textilfabriken besucht und unvorstellbare Arbeitsbedingungen erlebt, sagt Willi Stift. In Österreich habe das bis vor einigen Jahren niemanden interessiert. Mittlerweile frage der eine oder andere Kunde nach, aber bis sich generell etwas ändere, sei noch viel Aufklärungsarbeit nötig, ist der Modehändler und frühere Vorsteher der Branche überzeugt. "Der Preis macht halt die Musik."

Die Missstände in der Textilindustrie reißen nicht ab. Jetzt muss sich Zara mit schmutziger Wäsche herumschlagen. Gegen die Modekette wird in Brasilien wegen Verdachts auf Zwangsarbeit ermittelt. Zara soll in São Paulo Bolivianer unter an Sklaverei grenzenden Bedingungen beschäftigt haben. Sie arbeiteten in illegalen Schneiderateliers eines Subunternehmers - im Schnitt 14 Stunden täglich unter entwürdigenden Umständen.

Die spanische Mutter des Konzerns, Inditex, räumte Unregelmäßigkeiten ein. Gegen Zara wurden deswegen mehr als 50-mal Bußgelder verhängt, teilte das brasilianische Arbeitsministerium mit. Seit Mai sind Staatsanwälte am Zug.

Der häufige Kollektionswechsel erzeuge starken Druck auf Produzenten, und die Arbeitsbedingungen bei Zara unterschieden sich nicht wesentlich von jenen anderer Ketten, sagt Gisela Burckhardt von der Kampagne Clean Clothes.

Ihre Verhaltenscodices sind oft zahnlos, die dichten Netze an Sublieferanten kaum durchschaubar. Dass Kleidung auf dem Weg in die Läden bis zu ein Dutzend Länder durchläuft, macht Kontrolle nicht einfacher. Modehändler zahlen in der Regel Stückpreise. Ein Fabrikant bedient deren meist viele, für die Mitarbeiter gibt es ein Bezahlsystem, die individuellen sozialen Standards der Auftraggeber dringen bis dorthin nur selten durch.

Höhere Gehälter wären erträglich

Die Lohnkosten machen nur einen geringen einstelligen Prozentbereich der Gesamtkosten aus, bestätigt Peter Zeitler, Bundesgremialvorsteher des Textilhandels der Wirtschaftskammer. Für den Endpreis seien höhere Gehälter erträglich, aber das passiere nicht. "Die Angebote an Subauftragnehmern, an Arbeitskräften sind eben groß." Man beschäftige sich aber auf europäischer Ebene mit dem Thema, man erstelle soziale Leitfäden und kooperiere mit den NGOs.

Burckhardt fordert Haftungsregeln: Clean Clothes arbeite daran, dass Geschädigte in den Produktionsländern ihre Rechte einklagen können. Dass komplexe Lieferketten keine Transparenz erlaubten, sei ein vorgeschobenes Argument. "Konzerne wie Adidas und Puma legen sie sehr wohl offen." Im Übrigen wisse in der Branche jeder vom anderen, wo er fertigen lasse.

Neben Arbeitsbedingungen gerät die Modeindustrie auch wegen ihres großflächigen Einsatzes von gesundheitsgefährdenden Chemikalien unter Beschuss. Die Sandstrahltechnik etwa für abgewetzte Jeansoptik ruiniert Arbeitern ihre Lunge. Ketten wie H&M, C&A, Levis, Mango, Esprit und  Versace verzichten nun darauf. Armani, Dolce & Gabbana, Cavalli blocken ab.

Nike hat sich dazu verpflichtet, bis 2020 ohne gefährliche Chemikalien zu fertigen, gab Greenpeace bekannt. Zuvor hat sich Puma zur giftfreien Zukunft bekannt. Konsumenten hinterfragten den Chemieeinsatz hinter wasserfesten Jacken, bügelfreien Hemden nach wie vor selten, sagt Claudia Sprinz von Greenpeace. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.8.2011)

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