Mit Rettungsschirm im freien Fall

Kommentar der anderen | 18. August 2011, 19:21

Auch eine Wirtschaftsregierung wird die EU-Schuldenkrise nicht lösen, solange man nur die Interessen von Banken bedient - Von Hellmut Butterweck

Angela Merkel kam heim von Gesprächen mit Sarkozy und Co, sprach in die Kameras: "Wir haben das Problem bei der Wurzel gepackt!" Nämlich das Problem der griechischen Staatsschulden. Große Worte. Richtig euphorisch gab sie sich. Es ist nur wenige Wochen her.

Und wieder kehrte sie heim von Gesprächen mit Sarkozy. Diesmal mit ihm allein. Er hatte dringend nach ihr gerufen. Und wieder trat sie vor die Kameras. Aber diesmal war keine Rede mehr von bei der Wurzel gepackten Problemen. Diesmal ging es nur noch um mehr Macht, und zwar Macht für eine europäi- sche Wirtschaftsregierung. Welche zwei Länder in ihr das Sagen haben sollen, ist unschwer zu erraten. Über ihre wichtigste Aufgabe braucht niemand herumzurätseln, die verriet sie im gleichen Atemzug. Sie soll die von den "Märkten" und von den Rating-Haien ins Visier genommenen Euroländer daran hindern, sich weiter zu verschulden.

Dass Merkel, Sarkozy und Co keine Faser einer Wurzel gepackt, dass sie nicht einmal den Ausläufer einer Wurzel zu fassen bekommen hatten, war Ende Juli bereits erkennbar. Sie hatten die Probleme bloß ein weiteres Mal auf der langen Bank weitergeschoben. Falls nunmehr noch etwas überraschen konnte, dann höchstens, wie kurz die lange Bank diesmal war.

Und wieder ist das Ergebnis vorauszusehen, falls sich Sarkozy und Merkel mit ihrem Projekt durchsetzen sollten: noch mehr Macht für zwei Politiker, die sich völlig den Interessen der Banken und der Spekulanten, Pardon, der Investoren ausgeliefert haben. Und selbstverständlich noch mehr EU-Bürokratie, noch mehr aufgeblähte Apparate, noch mehr Fässer ohne Boden, noch mehr Auftrieb für die Populisten.

Aber keine gelösten Probleme. Offenbar interessieren sich nämlich Sarkozy und Merkel überhaupt nicht dafür, wodurch die Schulden fast aller Industriestaaten unablässig steigen. Nicht den Völkern, sondern den Banken und Investoren zuliebe, spannen sie immer größere Rettungsschirme auf. Offenbar rechnen sie in ihrer Blindheit überhaupt nicht mit der Möglichkeit, dass Griechenland trotz verlängerter Zahlungsfristen ganz und gar der Atem ausgeht - oder dass die nächsten Wahlen eine Regierung ans Ruder bringen, die, mit der Wut von Millionen unter den Sparmaßnahmen stöhnenden Griechen im Rücken, erklärt: Wir können keine 50 Prozent unserer Schulden zurückzahlen, nicht einmal 40 Prozent!

Sarkozy und Merkel denken natürlich auch nicht an die Möglichkeit, dass die großen Blasen mit einem um so größeren Knall platzen könnten, je mehr kleine Blasen sie mit dem Geld der Steuerzahler "retten". Vielleicht sollten sie einmal weniger mit dem Rettungsschirm herumfuchteln und dafür die Nase in ein Buch von Joseph Schumpeter stecken.

Ob sie noch an das Projekt des sogenannten Marshallplans für Griechenland denken? Das wäre löblich. Ohne Aufschwung könnte das Land nämlich auch immer weiter und weiter verlängerte Zahlungsfristen nicht einhalten. Allerdings müssten sie dann auch daran denken, dass der klassische Marshallplan in einer Zeit funktioniert hat, in der auf Teufel komm raus produziert werden musste, weil überall Mangel herrschte. Inzwischen sind die Absatzmöglichkeiten zum knappsten aller Güter geworden. Was tun, wenn das Geld in den Sand gesetzt wird, weil die griechische Wirtschaft gegen die Konkurrenz, nicht zuletzt die deutsche und die französische, nicht aufkommt und trotz allem nicht boomt? Unter diesen Auspizien wäre es vielleicht fast besser, den ganzen halbgaren Marshallplan zu vergessen. Aber wer zahlt dann Griechenlands Schulden?

Trau keinem Banker

Vielleicht sollten sich Sarkozy und Merkel, bevor sie eine Fehlgeburt wie die europäische Wirtschaftsregierung in die Welt setzen, erst einmal Folgendes bewusstmachen: Die Ratschläge von Bankern, die, wie ein gewisser Herr Ackermann, das Fünfhundertfache eines deutschen Bundesministers verdienen, entsprechen vielleicht doch mehr deren eigenen Interessen als jenen einer Mehrheit der Wähler. Geld, das mit Geld statt in der Realwirtschaft verdient wird, ist Blasengeld. Einer Geldmenge, die immer mehr über das Angebot von Waren und Dienstleistungen hinauswächst, droht ein Schicksal: der Knall. Die den Griechen einst geradezu nachgeworfenen Kredite waren aber zu einem großen Teil Blasengeld.

Die Bürgschaften für die griechischen und die Schulden einiger weiterer Staaten sind unterschrieben. Die Europäische Zentralbank hat Unmengen fauler Schuldscheine gekauft. Jetzt handeln alle, die diesen Wahnsinn begangen haben, wie jemand, der im Kasino fremde Millionen verzockt hat und am nächsten Morgen nicht bei sich selbst, sondern bei seinen Kindern die Butter aufs Frühstücksbrot einspart.

Die Kinder sind die Menschen in den europäischen Schuldnerländern. Einige dieser Länder sind nur um ein weniges mehr verschuldet als jene, die ihnen eine europäische Wirtschaftsregierung vor die Nase setzen wollen. Sie sind in die Eurofalle gelaufen und haben die Möglichkeit verloren, durch die Abwertung ihrer Währung ihre Konkurrenzfähigkeit zu verbessern. Da sie in Euro und Dollar verschuldet sind, können sie aus dem Euro nicht mehr heraus und werden jetzt von den Rating-Haien zerfleischt.

Wenn Merkel, Sarkozy und Co schon nichts anderes begreifen, dann sollte ihnen doch wenigstens das eine dämmern: dass kein EU-Land seine Sozialausgaben nach Belieben immer weiter herunterfahren kann. Ein Land mit stagnierender Wirtschaft schon gar nicht. Wenn sie das nicht verstehen, sind sie wahrlich in einem geradezu grotesken Ausmaß überfordert. Die Rechnungen werden dann möglicherweise sehr viel höher ausfallen als jene, die in den englischen Städten, in den Pariser Banlieues oder beim Sturm auf eine Athener Bank präsentiert wurden. Aber zahlen werden sie, wie immer, die anderen. (Hellmut Butterweck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.8.2011

Hellmut Butterweck ist Schriftsteller und Journalist, er schrieb das Buch "Arbeit ohne Wachstumszwang" (Campus, 1995).

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Posting 1 bis 25 von 49
1 2
Erwin Wolfram
00
19.8.2011, 18:12
Uebersetzung

Ich bin zwar Journalist, kann aber nicht feststellen wo das Geld hinkommt und herkommt. PS Alle Marktteilnehmer sind Schuld, denn ich bin der Josi vom Standard, der ohne Markt und Verbriefung auskommt.

Ernährunshelfer
01
19.8.2011, 17:43
Wahre Worte

Herr Butterweck, wahre Worte!

muppetbasher
01
19.8.2011, 14:27
Die Banken und das Geld sind unser Fetisch!

Und alle dienen ihnen, auch die Regierungen!
Solange sich das nicht ändert (wie auch?), hängen wir an ihren Schnürln!
Nun war das, als alles allen (Sozialismus), gehört hat, auch nicht besser.

www.banken-volksbegehren.at
01
19.8.2011, 13:30
So oder so...

Die Wirtschaftdiktatur ist das Ziel.
Es sei denn, diese Bloggerin versteht den ESM total falsch:
http://www.freiewelt.net/blog-3321... rags!.html

Theo Dor
00
10.9.2011, 06:01

das ist, gelinde gesagt, unglaublich. Wieso liest man davon nichts in den Medien?

woody999
01
19.8.2011, 13:25
warum redet eigentlich keiner mehr über die fehlenden spielregeln auf den finanzmärkten, die diese krise erst möglich gemacht haben?

wie laut wurde nach der letzten krise geschrieen, dass nun endlich die zockerei aufhören muss und endlich der wahnsinn mit den absolut undurchschaubaren produkten ein ende haben muss.

aber geschehen ist nix

Voll wie ein Boots Mann
00
19.8.2011, 12:41

Ich lass mich jetzt umschulen und dann werde ich "Börse Psychologe". Ein Job mit Zukunft.

Kontra
10
19.8.2011, 12:37
Der Mensch scheint einfach nicht lernfähig zu sein.

Obwohl wir im Moment die eindrücklichste Lehrstunde der Geschichte haben: Staatsschulden sind endlich, Politiker die wegen einer Wiederwahl Brot und Spiele auf Kosten der Zukunft bieten, sind korrupt und gehören in die Wüste. Weiters wird die Höhe der Staatsschulden durch die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft begrenzt. In Griechenland ging diese hinunter, die Schulden hinauf, und das Resultat: Eine sozialistische Regierung ist gezwungen zu sparen, wie es keine konservative bisher auch nur gedacht hat.
Und jetzt kommen lernunfähige Butterwecks daher und erklären uns, dass wir weiterhin Schulden machen sollen, und diese dann am Besten nicht zurückzahlen, denn die Gläubiger sind die Bösen, denen wir das Geld stehlen sollen.
Vielleicht verst

PierNick
 
01
19.8.2011, 12:13
Um Wachstum "zu erzielen" - oder sagen wir , vorzugaukeln!

ist "den Märken", den "playern" - ein sehr entlarvendes Wort, den um Spiel handelt es sich! - jedes Mittel recht. Maßlosigkeit, wenn man genau schaut, die letztlich nichts besser macht, sondern alles hektischer und hässlicher. Gehsteige an öst. Landstrassen, monströse Einkaufszentren an Ortsrändern, sinnlose Bahntunnels, dafür Verödung der Peripherien (weil dort nicht genug "Wachstum drin ist...): alles part of the game.

PierNick
 
02
19.8.2011, 12:05
Es braucht keine kosmetischen Korrekturen, sondern globales Umdenken.

Wenn alle, wirklich alle, die es ohnehin schon gut haben, ihre Bedürfnisse endlich begrenzen, und zwar freiwillig und bis hinauf zu den "höchsten Leistungsträgern", dann wäre genug da für alle.

wiiha
01
19.8.2011, 16:20
Schwachsinnig

Gewissenhaft mit Ressourcen umzugehen ist sicher eine gute Idee. Solange aber das aktuelle Zinssystem, bei dem skrupellos Geld aus dem nichts geschöpft wird, die Weltwirtschaft regiert, wird nie genug für alle da sein. Das System ist dafür ausgelegt Schuldner zu produzieren, und immer weiter bis zum totalen Kollaps zu verschulden.

her wig
00
19.8.2011, 10:31
Entgegen den Interessen der Banken usw. wäre es,

die Staatsschulden zu reduzieren. Die Staaten würden dadurch weniger abhängig, die "Märkte" hätten weniger zu sagen, und die Zinslast würde auch sinken.

Die Schwierigkeit dabei ist dass der Weg dorthin bergauf geht, während es beim Weg in's Schuldental bequem bergab ging. Aber jetzt sitzen wir in einer Grube fest, während die Vermögenden einen Berg an Forderungen angehäuft haben.

loundy
 
05
19.8.2011, 09:39
die mär von den sozialausgaben einsparen ist immer noch nicht ausgeräumt...?

alles was wir uns an sozialausgaben jetzt einsparen knallt uns in ein paar jahren doch ohnehin mit sehr viel mehr kosten auf den schädel.

oder ist da wirklich noch soviel drinnen in unseren budgets...?

den sozialfällen gehts so gut dass die auf einen teil ihrer leistungen und unsere wirtschaft auf diesen konsum verzichten kann...?

die bildungssysteme sind so grossartig dass man da wegsparen kann und nicht eine ungebildete soziale unterschicht ohne perspektiven, wie wir sie in england gerade live erleben können, bastelt...?

na ja, ist ja nicht so als wären weitere krisen zu erwarten und wir keinen spielraum für neue schulden mehr hätten weil wir fast an dem punkt sind an dem rechnerisch die zinsen nicht mehr zahlbar sind...

Roter Baron
11
19.8.2011, 09:13
volles larifari

was soll diese wirtschaftsregierung bringen, außer ein paar jobs für dsks oder lagardes ?
NIX !
NIX !
NIX !

mikromalist
 
11
19.8.2011, 10:16
Die erstaunliche und beklagenswerte

Wendung der Retrolinken von der Internationale zum Protektionismus.
Zu recht gegen Egoismus sein, aber selbst egoistisch ist fies und ....

Hätten wir USE von Beginn an, wäre uns der spezifische Gatsch erspart geblieben, so bleibt es nur mehr die letzte Rettung.

nbergmann
01
19.8.2011, 09:34
zusammenarbeiten ist immer besser als alles hinzuwerfen

wenn sich die eurozone jetzt auseinander dividieren läßt, werden die stärkeren staaten wie deutschland in kürze genauso leiden wie die schwachen. insofern ist eine koordination der wirtschaftspolitik notwendig. außerdem steht die reform der finanzmmärkte an, denn die neoliberalen ideen des geld erfindens und dass auch frau müller mit ihren privaten pensionsfonds an der börse spekuliert, waren keine guten.

José Atento
00
19.8.2011, 07:49
Wer ernsthaft möchte kann auch einsparen

<...dann sollte ihnen doch wenigstens das eine dämmern: dass kein EU-Land seine Sozialausgaben nach Belieben immer weiter herunterfahren kann. >

Das geht besonders in der EU, denn gerade hier sind die Ausgaben dafür besonders hoch. Vor allem kann man hier in der Verwaltung all dieser Förderungen, Zuschüsse, etc. sehr vieles einsparen. Das wirkt sich nmicht sofort aus, aber zumindest mittelfristig.

Wer nicht ernsthaft möchte, den wird der Markt früher oder später dazu zwingen. Darauf läuft es mit diesen Politikern anscheinend hinaus.

h 90
10
19.8.2011, 09:00

Die Sozialausgaben werden heruntergefahren. Man kanns entweder sofort mit Plan und Ziel machen oder auf den Kollaps warten.

Sidlo
05
19.8.2011, 07:46
Nicht die Interessen der Banken werden primär bedient

sondern die Interessen der Exportlobby, welche natürlich mit denen der Banken aufs Engste verknüpft sind, denn die Banken finanzieren ja die Exporte auf der Basis von Schulden, für die dann der Staat geradestehen muss, weil dieser wiederum im Falle eines Zahlungsausfalls leicht von den Banken erpressbar ist. Banken und Exportlobby kooperieren also aufs Beste um den Steuerzahler auszupressen und der Euro ist eines ihrer zentralen Hilfmittel dazu, weil dieser das Schuldenmachen so stark erleichtert. Die Politiker wiederum tun sich so schwer mit der Exportlobby, weil sie um die Jobs in dieser weitaus überdimensionierten Industrie fürchten. So nehmen ein paar Lobbies den ganzen Kontinent in Geiselhaft!

Prinzipal
00
19.8.2011, 07:42
das einzige was wirklich zur sorge treibt ist

dass keiner mehr eine lösung skizzieren kann. kein experte, nur noch radikaltheoretiker

ich geh jetzt noch mehr gold kaufen ;-)

José Atento
01
19.8.2011, 08:00
Der Euro ist gegenüber Gold weiter gefallen.

Das Vertrauen in diese Politik und in diese Schuldenwährung sinkt und sinkt.

Die Börsen fallen ebenfalls und in der Regel folgt die Wirtschaft in ca. 6 Monaten.
Dadurch wird sich die Schuldenkrise noch verschärfen.

Nicht so besonders rosige Aussichten, würde ein Pessimist meinen.
Aber jede Krise bietet auch Chancen, das meine ich als Realist.

Jepedaia Springfield
02
19.8.2011, 07:35
sehr schöner Artikel!

1. Fan der Europaregion Tirol
172
18.8.2011, 22:18
Und vielleicht sollten Sie sich einmal bewusst machen mein lieber Herr:

Schriftsteller sollen beim Schrift erstellen bleiben, und sich dabei ihrer Verantwortung gegenüber den Menschen immer bewusst sein.

www.banken-volksbegehren.at
00
19.8.2011, 13:23
In Ihrem Posting fehlt etwas Wesentliches:

Sachliche Argumente.

Hr.Berth
00
19.8.2011, 12:32
Würstchen sollten beim Senf bleiben, mein lieber Herr:

Bei Ihnen haperts ja schon mit dem lesen, vielleicht solltens da das posten bleiben lassen.

"Hellmut Butterweck ist Schriftsteller und Journalist, …" steht in der Autorenzeile. Aber das ist eigentlich egal und ich schließe mich inhaltlich dem Vorposter an.

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