"Das Neue kann nicht geplant werden"

Interview
  • Ein Staubring um einen Babystern, visualisiert von einem Künstler: Auf 
der Wesensverwandtschaft zwischen Kunst und Wissenschaft basiert die 
1979 gegründete Ars Electronica, das Festival für Kunst, Forschung und 
Gesellschaft. 2011 widmet man sich mit "Origin" der Frage, wie alles 
beginnt.
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    Ein Staubring um einen Babystern, visualisiert von einem Künstler: Auf der Wesensverwandtschaft zwischen Kunst und Wissenschaft basiert die 1979 gegründete Ars Electronica, das Festival für Kunst, Forschung und Gesellschaft. 2011 widmet man sich mit "Origin" der Frage, wie alles beginnt.

  • Gerfried Stocker, künstlerischer Leiter der Ars Electronica.
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    Gerfried Stocker, künstlerischer Leiter der Ars Electronica.

Mit "Origin" macht sich die Ars Electronica 2011 auf die Suche nach dem Ursprung allen Lebens

Was die Urknall-Forschung so faszinierend macht, verrät Festivalleiter Gerfried Stocker im Gespräch mit Wiltrud Hackl.

Linz - Mit Origin - wie alles beginnt spricht das Festival Ars Electronica eine dem Menschen innewohnende Sehnsucht an: Wo kommen wir her, wie kann Neues überhaupt entstehen, und welchen Sinn macht es, uns in unserer Endlichkeit diesen großen Fragen so ausführlich zu widmen? Eine Zusammenarbeit mit dem in Genf ansässigen Cern - der Organisation européenne pour la recherche nucléaire - eröffnet dabei ungeahnte Möglichkeiten. Die Forschungsergebnisse der vergangenen 50 Jahre geben einerseits Aufschluss über die Entstehung der Welt, zeigen aber auch, wie wichtig es ist, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen in Ruhe gearbeitet werden und fast nebenbei Neues entstehen kann.

STANDARD: Das Thema der vergangenen Ars Electronica - "Repair" - hat sich aufgrund seiner Aktualität fast von selbst vermittelt. Heuer scheint die Wissenschaft wieder mehr im Vordergrund zu stehen?

Stocker: Die Beschäftigung mit Technologie, Kunst und Wissenschaft ist ja Teil der DNA der Ars Electronica. Wir haben uns in den letzten Jahren aus gutem Grund intensiv mit besonders gegenwärtigen Themen auseinandergesetzt - dadurch haben wir uns verbreitert. Jetzt war es Zeit für ein stärker im wissenschaftlichen Diskurs verankertes Thema.

STANDARD: Deshalb auch die Zusammenarbeit mit Cern?

Stocker: Das Cern hat mit seinem Large Hadron Collider (den weltgrößten Teilchenbeschleuniger, Anm. d. Red.) eines der spannendsten Themen anzubieten. Das Cern als Forschungseinrichtung hat aus zwei Gründen eine herausragende und für uns so interessante Stellung: Auf der einen Seite die Dimension dieser riesigen Apparaturen, die hohen Budgets und die vielen Mitarbeiter. Auf der anderen Seite der eigentlich philosophische Hintergrund, vor dem gearbeitet und geforscht wird. Die Suche nach dem Urknall ist wie bei Don Quijote ein Anreiten gegen unglaubliche Energiepotenziale. Man weiß, es gibt kaum eine Chance, trotzdem wird geforscht. Sich mit einer gigantischen Maschinerie auf die Suche nach so unglaublich kleinen Teilchen zu machen - das ist wie die Suche nach Erkenntnis. Außerdem ist das Cern ein wunderbares Beispiel dafür, wie das Neue in die Welt kommt. Dort forschen einerseits seit über 50 Jahren tausende Menschen an Teilchen, die vielleicht Nanometer klein sind und eine Milliardstelsekunde existieren - das alles wird für uns und unsere Kinder und Enkelkinder nie wirklich relevant sein. Andererseits ist dort jemand im Zuge seiner Forschung einfach nur unzufrieden mit dem langsamen Datenaustausch und erfindet - als Nebenprodukt - das World Wide Web. Und das berührt uns alle in einer Weise, die wir uns nie hätten vorstellen können.

STANDARD: Das Neue ist also ein Zufallsprodukt?

Stocker: Ja, denn das Neue kann nicht geplant werden. Sobald man es plant, also auf Erfahrungen und Fehlern aufbaut, ist es ja nicht neu. Allerdings muss man das Neue als solches erkennen und zum richtigen Zeitpunkt das Richtige damit tun. Wie die Forscher am Cern: Die wollten das WWW nicht besitzen, sondern an die Menschen weitergeben, auch wenn die Zielsetzung eine andere war. Man wollte sicherlich keine Plattform für besoffene Teenager erfinden oder die Musikindustrie ruinieren. Das ist das Spannende am Neuen: Wie es entsteht, ist das eine, was eine Gesellschaft daraus macht, etwas ganz anderes. Aber durch geeignete Rahmenbedingungen kann sie dafür sorgen, dass Neues überhaupt entsteht.

STANDARD: Vor allem sorgt aber die Politik dafür, denn die beschließt die Budgets. Vor kurzem hat Österreich jedoch überlegt, die Cern-Beteiligung zu beenden ...

Stocker: Diese Überlegung war ein besonderes Missgeschick, zum Glück redet niemand mehr davon. Worauf gern vergessen wird: Cern hat eine Dimension als Forschungs- und als Bildungseinrichtung. Auch für österreichische Wissenschafter und Wissenschafterinnen kann die Karriere dort beginnen. Es ist ja gut und nett, dass jedes Land seine Elite-Unis baut. Wir sollten aber eher daran arbeiten, den amerikanischen und gerade entstehenden chinesischen Spitzen-Unis europäische Centers of Excellence entgegenzustellen, damit wir in zehn, 15 Jahren überhaupt noch mithalten können. In Österreich sind Elite-Unis ja nicht einmal Sache der Bundespolitik, sondern der Landeshauptleute! Man kann mit dem diesjährigen Thema also auch ganz prächtig Bildungs- und Forschungspolitik diskutieren.

STANDARD: So viel Wissenschaft: Kommt da die Kunst nicht zu kurz?

Stocker: Zu kurz kommen kann die Kunst bei der Ars Electronica gar nicht. Wir haben alleine aus dem Prix Ars Electronica stets einen enormen Zuwachs an Projekten. Da entwickelt sich gerade ein neues Selbstbewusstsein unter Künstlern. Lange Zeit wurden sie - und werden sie noch - von der Wissenschaft als Dienstleister gesehen. Immer wenn es etwas zu visualisieren gab oder etwas schwer zu kommunizieren war, rief man nach den Künstlern. Interdisziplinäre Forschung muss aber anders aussehen. Die Kunst ist nicht länger Zulieferer der Wissenschaft, aber die Wissenschaft sieht das teilweise noch so. Das ist eine richtige Kampfzone, in der im Moment etwas völlig Neues entsteht.

STANDARD: Was uns zurück zum Titel bringt - "Origin. Wie alles beginnt". Mein 16-jähriger Sohn meinte angesichts des Untertitels: Das macht doch Hollywood immer, wenn es nicht mehr weiterweiß - es geht zurück zum Anfang.

Stocker: Nein, wir tun das ganz bewusst nicht. Es heißt auch nicht "wie alles begann", sondern "wie alles beginnt". Wir lösen uns bewusst von diesem Replizieren. Ein Schwerpunkt ist ja auch dieser virtuelle Ort, an dem gerade real etwas völlig Neues beginnt: Social Media und ihr Einfluss auf die Politik. Wie können aus diesen Realitäten im Netz Konzepte für neue Gesellschaftsordnungen entstehen? Kann eine Generation, die mit sozialen Netzwerken Revolutionen auslöst, dadurch auch die Demokratie neu erfinden? Das ist eine zentrale Frage, die könnte unser derzeitiges politisches System ad absurdum führen.

STANDARD: Hat es das nicht schon längst - allerdings nicht durch soziale Netzwerke, sondern durch Rating-Agenturen und Investoren?

Stocker: Ja, vielleicht scheut man sich davor, das auszusprechen. Gesellschaften werden nicht mehr länger regiert, sondern gemanagt. Wie die USA in die Knie gehen vor jenen Rating-Agenturen, die sie selbst geschaffen haben ... Unfassbar, was da gerade global zusammenbricht. Umso wichtiger wird eine Generation, die mit einer völlig anders definierten Demokratie aufwächst. Die derzeitigen politischen Machthaber sind irgendwann unvorbereitet mit Globalisierung konfrontiert worden, die müssen erst hineinwachsen, während ihre revoltierenden Bürger und Bürgerinnen sich durch das Netz längst globalisiert haben. Deshalb sind Diskutanten etwa aus Tunesien zu Gast - denn man muss auch darüber sprechen, was nach einer gelungenen Revolution kommt. (Wiltrud Hackl, DER STANDARD/SPEZIAL - Printausgabe, 19. August 2011)

Gerfried Stocker, geboren 1964, ist Medienkünstler, Musiker und Nachrichtentechnik-Ingenieur. Seit 1995 fungiert er als Geschäftsführer und künstlerischer Leiter der Ars Electronica in Linz.

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1 Posting
Oh "Selbstorganisation"!

Das nächste mal bauen wir am besten für -zig Milliarden den weltgrößten Luftkissen-Flugzeugträger, um zufällig eine Methode zur verlustfreien Energieübertragung im Orbit zu entdecken. Der von CERN wohl etwas übertölpelte Künstlerische Leiter hat jedenfalls etwas klar erkannt: „Die Suche nach dem Urknall ist wie bei Don Quijote ein Anreiten gegen unglaubliche Energiepotenziale. Man weiß, es gibt kaum eine Chance, trotzdem wird geforscht. Sich mit einer gigantischen Maschinerie auf die Suche nach so unglaublich kleinen Teilchen zu machen - das ist wie die Suche nach Erkenntnis.“ Mit genügend Geld und Zeit ist freilich lustig... Notwendig und eilig ist es nicht. Sondern vielmehr ein riskantes Spiel mit dem Feuer.

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