Bildungsexpertin Schrodt über das schlechte Lehrerimage und den Einfluss der Parteien auf das Bildungssystem
Mehr Wissenschaft in der Pädagogen-Ausbildung wünscht sich die ehemalige Direktorin und Vorsitzende von der Initiative "Bildung Grezenlos" im derStandard.at-Interview. Lehrer müssen in Österreich zu viele Aufgaben übernehmen und werden "steinzeitlich" ausgebildet, sagt Heidi Schrodt. In der Monarchie sei die Autorität der Lehrer wichtig gewesen, heute entspricht sie nicht mehr dem Berufsbild, meint die Bildungsexpertin. Dass nun bei der Lehrerausbildung etwas weiter geht, freut sie, da die Lehrer eine "zentrale Verantwortung" für den Erfolg des Bildungssystems hätten.
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derStandard.at: Wie beurteilen sie die derzeitige Lehrerausbildung?
Schrodt: Verheerend eigentlich. Steinzeitlich. Die Lehrerausbildung in Österreich entspricht überhaupt nicht den internationalen Standards. Es ist nicht in Ordnung, dass die Pflichtschullehrerausbildung keine akademische Ausbildung ist. Die Vorschulen und die Elementarpädagogik sind überhaupt im schulischen Bereich angesiedelt. Hauptschullehrer haben keine Universitätsausbildung, das ist beinahe einzigartig in Europa. Ich glaube nur in Belgien gibt es das noch. Das andere ist die fehlende didaktische und pädagogische Ausbildung vor allem an den Universitäten. Es fehlen bestimmte Tätigkeitsbereiche. Zum Beispiel Psychagogen, Stützlehrer, Förderlehrer, Erzieher. Alles, was heutzutage auch in der Schule gefragt ist, ist in der österreichischen Schule in der Ausbildung noch nicht vorgesehen.
derStandard.at: Sie waren selbst Direktorin an einem Gymnasium. Was hat den Lehrern dort am meisten gefehlt?
Schrodt: Vieles. Es ist ganz unterschiedlich. Es gibt einige Fächer, da war sogar die fachliche Ausbildung mangelhaft. In manchen Sprachen. So dass die Lehrer dann nach Frankreich fahren mussten, um sich ein adäquates Französisch anzueignen. Das war vor zehn Jahren, damals habe ich diese Feststellung mehrmals gemacht. Das kann sich geändert haben. Aber es fehlt vor allem auch die praktische Ausbildung. Die sogenannte Induktionsphase dauert immer noch nur ein paar Wochen für AHS-LehrerInnen. Man braucht auch gewisse Grundkenntnisse in schulaffinen Bereichen. Entwicklungspsychologie gibt es zwar als Pflichtvorlesung, aber mit dem fangen die Lehrer in der Schule nicht viel an. Oder es fehlt die Fähigkeit, Konfliktgespräche mit den Eltern zu führen. Solche Module gehören in die Lehrerausbildung.
derStandard.at: Was würde eine akademische Ausbildung bringen?
Schrodt: Allgemein würde es Professionalisierung bringen. Eine akademische Ausbildung an sich ist kein Qualitätsmerkmal. Die haben wir jetzt schon für höhere Schulen, aber da fehlen erhebliche Teile. Eine qualitativ hochwertige akademische Ausbildung würde heißen, dass das Wissenschafts- und Forschungselement ganz stark mit der Ausbildung in der Schule verknüpft ist. Dann hätte nicht nur das Fach, so wie es jetzt ist, akademische Qualitäten, sondern es würde auch Schulforschung und Unterrichtsbeobachtung betrieben.
derStandard.at: Würde der Entwurf der Vorbereitungsgruppe zur Lehrerausbildung vom Unterrichtsministerium das bringen?
Schrodt: Er geht in die richtige Richtung. Sie sind jetzt nicht sehr konkret darin, wo die Ausbildung stattfinden soll. Bei der Elementarpädagogik gibt es meiner Meinung nach zu lange Übergangsfristen, bis sie an der Uni angesiedelt werden soll. Im Wesentlichen ist das Konzept aber eines, mit dem ich mich sehr gut anfreunden kann.
derStandard.at: Wo würden Sie die Lehrerausbildung ansiedeln? Bei den Universitäten oder bei den Pädagogischen Hochschulen?
Schrodt: Ich bin eine Anhängerin der universitären Lehrerausbildung. Das sollte das Ziel sein. Um einen wissenschaftlichen Charakter zu haben, müssten die Pädagogischen Hochschulen sehr stark nachgerüstet werden. Mein bevorzugtes Modell wären sogenannte "Schools of Education", die alle Angebote der Universität für die Lehrerausbildung bündeln: Die Fachausbildung, die Didaktik. Sozusagen eine Dachorganisation an der Universität für sämtliche Lehramtsausbildungen. Da müssen natürlich die Universitäten noch sehr viel tun und die PHs könnte man eingliedern. Man kann jetzt nicht von heute auf morgen die Lehrerausbildung an die Universitäten übergeben. Ich könnte mir Übergangsmodelle vorstellen, wie sie in Salzburg jetzt angedacht sind. Also Kooperationsverträge. Das Ziel ist Wissenschaftlichkeit auf allen Ebenen.
derStandard.at: Dass die PHs in Universitäten umgewandelt werden sehen Sie nicht?
Schrodt: Theoretisch wäre das auch ein Weg. Die Frage ist nur: Brauchen wir dann so viele? Da müsste man einen langfristigen Bedarfsplan erstellen. Ist es nicht einfacher, wenn sie Kooperationen mit den Universitäten eingehen und allmählich dort, wo Unis vorhanden sind, die Ausbildung ganz an die Unis übergeben? Ich habe Bedenken, ob die Pädagogischen Hochschulen derzeit so aufgestellt sind, dass sie tatsächlich in der Lage sind, die Lehrer gut auszubilden.
derStandard.at: Können Sie nachvollziehen, dass Bildungsministerin Claudia Schmied die Aufwertung der Pädagogischen Hochschulen zu Universitäten bevorzugt?
Schrodt: Nachvollziehen kann ich es schon. Ich weiß aber nicht, womit das zusammenhängt. Vielleicht, weil sie dann in ihrem Bereich bleiben? (lacht) Das ist das Argument, das mir am meisten einleuchtet. Aber ich sehe keine Notwendigkeit dafür.
derStandard.at: Was halten Sie von Eignungsprüfungen für angehende LehrerInnen?
Schrodt: Sehr viel. Ich bin immer schon eine Befürworterin gewesen. Eine Aufnahmeprüfung soll nicht nur punktuell sein. Ich wünsche mir ein Aufnahmeverfahren, ein Auswahlverfahren.
derStandard.at: Was sollte da besonders abgeprüft werden?
Schrodt: Umgang mit Kindern, Konfliktfähigkeit. Management von Gruppen. Alle Lehrerinnen und Lehrer müssen Einfühlsamkeit zeigen können, Verständnis. Man sollte auch die Belastbarkeit und die Stressresistenz testen. Dann hängt es auch davon ab, welchen Bereich man anstrebt. Wenn man beispielsweise naturwissenschaftliche Fächer studieren will, dann muss man auch das abprüfen. Also die fachliche Eignung. Meine These ist, dass, wenn der Beruf attraktiv ist, wieder mehr diesen Beruf ergreifen werden. In Finnland werden jedes Jahr nur zehn Prozent genommen. Es bewerben sich aber zehn Mal so viele. Obwohl sie schlechter bezahlt sind als unsere LehrerInnen.
derStandard.at: Das Lehrerbild in Österreich ist eher ein schlechtes. Woran liegt das? Hat das auch damit zu tun, dass die Ausbildung nicht gut genug ist?
Schrodt: Das stimmt, ja. Das muss man differenziert sehen. Das eine ist einmal die Geschichte. Die österreichischen Lehrer sind historisch gesehen autoritäre Figuren. Sie waren zwar in der Zeit der Monarchie, Kraft ihrer Autorität, angesehen. Viele agieren heute immer noch in dieser Haltung und Denkart. Ich glaube es gibt niemanden, der nicht so ein Lehrer-Feindbild in Erinnerung hat. Das hat nichts mit Professionalität zu tun, wenn man sich so autoritär gebärdet. Andererseits hängt das auch damit zusammen, dass es einfach zu viele schlechte Lehrer und Lehrerinnen gibt. Die sind für ihren Beruf nicht geeignet. Da ist es kein Wunder, wenn das Image schlecht ist. Dann kommt noch dazu, dass unsere Schule immer noch eine Halbtagsschule ist. So entsteht der - falsche - Eindruck, dass das ein Halbtagsjob ist. Die Leute haben das Gefühl, Lehrer arbeiten nur zwanzig Stunden und kriegen dasselbe wie sie für vierzig Stunden.
Vielleicht ist das so eine Art Teufelskreis: Auch das Selbstverständnis der Lehrer ist sehr schlecht. Wenn sie in eine finnische oder schwedische Schule kommen, dann wird sachlich auch über schwierige Dinge gesprochen. Diesen Jammer-Diskurs gibt es nicht. Wenn sie in unsere Lehrerzimmer kommen, dann wird oft gejammert. Lehrer können bei uns die Arbeit nicht zufriedenstellend machen, weil sie zu viel auf einmal machen müssen. In anderen Ländern gibt es dafür andere Personen. Sie stehen in einer AHS immer noch in einer Klasse und haben dort störende Kinder und müssen gleichzeitig Englisch unterrichten. In den meisten anderen Systemen stehen zwei Lehrer in der Klasse bzw. kann man verhaltensauffällige Kinder zu Gruppen zusammenfassen.
derStandard.at: Wie hoch ist Ihrer Meinung nach die Verantwortung der Lehrer am Bildungssystem?
Schrodt: Ihre Rolle ist zentral. Das wichtigste sind die Lehrerinnen und Lehrer. Wobei ich jetzt aber nicht die Bedeutung der Struktur kleinreden will. Das ist wieder etwas anderes. Es gibt Gesamtschulsysteme, die sind gut, und solche, die sind schlecht. Die Struktur ist trotzdem wichtig, weil die frühe Trennung soziale Benachteiligung in einem hohen Prozentsatz fortschreibt. Von der Struktur an sich leitet sich ansonsten noch keine gute Schule ab. Aber wenn Lehrer und Lehrerinnen gut sind, ist die Chance, dass möglichst viele eine gute Ausbildung kriegen, sehr hoch. Insofern ist es ganz gut, dass eine der wenigen Sachen, die bei uns jetzt in Bewegung kommen, die neue Lehrerausbildung ist.
derStandard.at: Sie unterstützen auch das Bildungsvolksbegehren. Warum?
Schrodt: Als Vorsitzende von Bildung Grenzenlos unterstütze ich das Bildungsvolksbegehren, weil wir glauben, dass die Qualität der österreichischen Schule und Universitäten allmählich wirklich den Standort gefährdet und nicht mehr zu verantworten ist. Wir glauben, dass in Österreich nur, wenn wirklich massiver politischer Druck entsteht, die erstarrten Positionen, Fronten aufgebrochen werden können. Ich habe sonst so eine Ideologisierung noch in keinem Land erlebt. Deutschland ist ähnlich.
derStandard.at: Sehen Sie da einen Grund dafür?
Schrodt: Ich glaube, dass die ständische Tradition in beiden Ländern noch immer ganz stark vorhanden ist. Daher muss man schauen, wo die Fronten sind. Die Bruchlinien sind die Gesamtschule - wobei das absurd ist, es gibt "die Gesamtschule" nicht - und das andere ist der freie Universitätszugang. Was ich nicht weiß, ist, inwieweit das Ständische Schulreformen blockiert, aber es hat sicher einen Anteil daran. Auch regieren die Parteien überall hinein. Bis in Direktorenbestellungen und angeblich auch bei Lehrerzuweisungen. Das kann ich zwar für Wien nicht bestätigen, aber in den Bundesländern soll das immer noch so sein.
derStandard.at: Es gibt Gerüchte, dass es einen Kuhhandel Gesamtschule gegen Studiengebühren geben könnte. Wäre das ein Abtausch, der zulässig ist?
Schrodt: So etwas ist an sich degoutant. Das ist geradezu der Inbegriff dessen, wie Bildungspolitik nicht geschehen soll. Nur glaube ich, wenn es ein erster Schritt ist, der zu einer Versachlichung führt, dann kann man sagen: "Okay, schlucken wir die Krot". Aber es ist natürlich keine schöne Sache. Ich bin skeptisch, dass damit etwas erreicht ist. Ich glaube nicht, dass man bei uns über eine gemeinsame Schule emotionslos diskutieren kann. (Lisa Aigner und Sebastian Pumberger, derStandard.at, 22.8.2011)
HEIDI SCHRODT war Direktorin in einem Gymnasium in Wien. Derzeit ist sie Vorstitzende der Initiative "Bildung Grenzenlos" und prominente Unterstützerin des Bildungsvolksbegehrens. Sie arbeitete in der Lehrerfortbildung und lehrte als Gastprofessorin an der Universität Klagenfurt "Geschlechterverhältnisse im Bildungswesen".