Willkommen in der Welt der Internet-Bubbles - Sie wollen nicht rein? Sie sind schon längst drin
Die Geburtsstunde der "Filter Bubbles" ist mit dem 4. Dezember 2009 zu
datieren.
Damals gab Google in seinem Corporate
Blog bekannt, ab sofort maßgeschneiderte Suchergebnisse für den
individuellen Benutzer zu generieren. Der erste Schritt in Richtung
Personalisierung. Was sich als Service tarnt, macht in Wirklichkeit jede
Handlung im Internet zur Ware. Chris Palmer von der Electronic Fronier
Foundation bringt die Zusammenhänge in "The Filter Bubble" auf den
Punkt: "Du bekommst ein gratis Service und die Bezahlung sind
Informationen über Dich."
Eli Pariser hat im Mai 2011 sein medientheoretisches Erstlingswerk "The Filter Bubble" veröffentlicht und damit weiteren Diskussionsstoff zur Debatte um die Gefährdung der Meinungsvielfalt im Internert geliefert. Das Buch mit dem Untertitel "What the Internet Is Hiding from You" hält sich seit Erscheinen unter den Top 5 der internationalen Bestsellerlisten im Bereich "Computer & Internet Culture".
„Home sweet Home" - Die Probe aufs Exempel
Die Probe aufs Exempel kann jeder ganz leicht zu Hause machen. Man
schalte seinen PC oder sein mobiles Endgerät ein und starte eine
Suchabfrage in Google. Parallel dazu sucht ein Freund auf seinem
Computer dasselbe Wort zur selben Zeit. Ganz egal, ob man nach Katze,
Sex oder Bundespräsident suchen wird, die Ergebnisse werden
unterschiedlich ausfallen. Warum? Weil Google sich merkt, wer Sie sind.
Warum auf Facebook immer die Beiträge derselben Handvoll Leute
auftauchen? Weil Facebook sich merkt, an wem Sie besonders interessiert
sind.
Nun mag der Ruf nach mehr Kontrolle für Facebook und Google folgen,
doch was, fragt Pariser, ist eigentlich mit den im Hintergrund
agierenden Playern des Informationsmarktes wie Axciom & Co? Sie
sammeln unsere Daten (1500 verschiedene Punkte pro Datensatz = pro
Person), kaufen und verkaufen jeden unserer Klicks innerhalb einer Sekunde
an den Meistbietenden und beschleunigen so die Personalisierung auf
allen Ebenen.
Im Ghetto des "You-Loops"
Die Datenflut hat 2011 einen Grad erreicht, der bei einer steigenden Anzahl von Usern einen "Attention Crash" auslöst. Als Orientierungshilfe, erklärt Pariser, werden uns auf Algorithmen basierende Systeme zur Seite gestellt. Sie haben die Funktion uns kennenzulernen und sich unsere Präferenzen zu merken, jeder unserer Klicks wird als Lernsignal gewertet. Die sogenannten "Logarithmen" helfen uns somit schneller relevante Informationen zu filtern. Durch die Wiederholung dieser Praxis werden dieselben Themen wieder und wieder reproduziert. Irgendwann befinden wir uns in unserem hausgemachten "You Loop", in unserer eigenen kleinen Internetblase.
Die Gefahren der "Filter Bubbles" laut Pariser:
- Likelihood: In den "Filter Bubbels" spiegeln sich die Vorlieben der User in den Suchergebnissen wieder. Laut Pariser ist die Gefahr groß, dass Menschen, die bevorzugt auf Stimuli wie Sex, Macht, Gewalt oder Humor reagieren und diese durch Klicks "liken", immer seltener auf Artikel über Hungersnöte, Kriegsverbrechen und Klimawandel stossen.
- Manipulation: Je mehr Details über uns bekannt sind, desto mehr besteht die Möglichkeit uns zu manipulieren. Die neuesten Entwicklungen des Targeting zielen laut dem Autor genau in diese Richtung: in welcher Stimmung befindet sich der User derzeit (Keywords!), kann ich seine Fragen schon beantworten, bevor er sie überhaupt stellt?
- Kreativität: Kreative und lehrreiche Impulse entstehen oft aus dem Zusammentreffen mit ungewohnten Informationen und Situationen. "Filter Bubbles" sind nicht darauf programmiert, dergleichen zuzulassen. Es gibt keine "Zoom Out"-Funktion.
Neben der Möglichkeit den Browser regelmässig von Cookies zu säubern, Nutzungsbedingungen von Websites einer genaueren Kontrolle zu unterziehen oder Politker auf Personalisierungstendenzen hinzuweisen, hat das Internet auch praktische Lösungsansätze hervorgebracht. So sorgt das Firefox-Add-On "Trackmenot" im Hintergrund für stichprobenartige Suchanfragen in den bekanntesten Suchmaschinen und steuert so der Personalisierung aktiv entgegen.
derStandard.at startet am 24. August die "Filter Bubble"-Aktion. Wir hoffen dabei auf Ihre aktive Unterstützung - nähere Details erfahren Sie ab morgen auf derStandard.at/Etat.