Polizei verprügelte Demonstranten - Ratzinger warnt vor "modischen Ansichten" und "Launen des Augenblicks"
Madrid - Inmitten von Protesten hat Papst Benedikt XVI. am
Donnerstag seinen viertägigen Besuch des Weltjugendtags in Madrid begonnen. Bei
seinem ersten Auftritt vor hunderttausenden Gläubigen im Zentrum der spanischen
Hauptstadt warnte er vor "modischen Ansichten" und "Launen des Augenblicks". Die
Polizei verhinderte eine Demonstration von Homosexuellen gegen die Lehren der
katholischen Kirche und kesselte eine weitere Kundgebung von Gegnern ein.
Die Gläubigen bereiteten dem im Zentrum der Hauptstadt einen begeisterten
Empfang. Der Bürgermeister von Madrid, Alberto Ruíz-Galardón, händigte dem
Oberhaupt der katholischen Kirche symbolisch die Schlüssel der Stadt aus.
Jugendliche übergaben Benedikt XVI. mehrere Geschenke, darunter einen kleinen
Olivenzweig als Friedenssymbol.
Auf der zentralen Plaza de Cibeles riet der Papst seinen Zuhörern von einer
riesigen Bühne herab, ihr Leben auf "festem Stein" und nicht auf Sand zu
begründen, der "vom ersten Windstoß" hinweggefegt werden könne. "Überall warten
Versuchungen, und es ist wichtig, ihnen nicht zu erliegen", predigte Benedikt
XVI.
Vier Tage in Madrid
Bereits am Mittag sagte er bei seiner Ankunft am Flughafen Barajas mit Blick
auch auf die Jugendproteste in Spanien, der Mensch und nicht der Profit müsse
Mittelpunkt der Wirtschaft sein. Die Arbeitslosigkeit liegt in Spanien bei mehr
als 20 Prozent. Besonders betroffen sind junge Menschen, die sich aus Wut
zuletzt zur Protestbewegung der sogenannten Empörten zusammengetan hatten.
Am Flughafen wurde der Papst von König Juan Carlos und Königin Sofia
empfangen. Von dort machte er sich im Papamobil auf den Weg ins Stadtzentrum.
Der 84-Jährige will sich vier Tage lang in Madrid aufhalten. Höhepunkt seines
Besuchs sind ein Kreuzweg am Freitag, eine Abendandacht auf der Luftwaffenbasis
Cuatro Vientos vor der Stadt am Samstag und eine Messe am Sonntagvormittag.
"Sie haben mich fünf oder sechsmal geschlagen"
Die spanische Polizei ist mit Schlagstöcken
gegen etwa 150 Demonstranten vorgegangen, die am Rande des
Weltjugendtages in Madrid gegen den Besuch des Papstes protestierten.
Die Demonstration auf dem Platz Puerta del Sol sei am Donnerstagabend
von mehr als hundert Polizisten gewaltsam beendet worden, berichtete
ein AFP-Journalist. Vor dem Einschreiten der Beamten hätten die
Demonstranten eine Aufforderung zur Auflösung ihres Protestes
missachtet.
"Sie haben mich fünf oder sechsmal geschlagen", sagte ein
30-jähriger Demonstrant. "Wir sind unbewaffnet gekommen, wir haben
nichts getan."
Am Donnerstagabend sollte der Papst mit einer Kussaktion von etwa hundert
Lesben und Schwulen konfrontiert werden, aber die Polizei verhinderte die
Kundgebung gegen den "Fundamentalismus" und die rigide Sexualmoral der
katholischen Kirche. Zudem kesselten Beamte etwa hundert Demonstranten auf einem
Platz in der Nähe der Plaza de Cibeles ein und schloss umliegende Bahnhöfe.
Während des Flugs nach Spanien mit seinen großen wirtschaftlichen und
sozialen Schwierigkeiten hatte Benedikt die "Verantwortung" Europas in der
Krise, anderen Menschen und Ländern gegenüber bekräftigt. Er wandte sich erneut
strikt gegen ein Wirtschaften, das die Ethik vergesse. "Man muss Arbeit schaffen
und den Planeten schützen", verlangte das Kirchenoberhaupt, wie Medien
berichteten.
Ein Chemiestudent, der einen Giftgas-Anschlag auf eine Kundgebung von
Papstgegnern in Madrid geplant haben soll, wurde am Donnerstag vom Haftrichter
gegen Auflagen freigelassen. Der 24-Jährige habe nicht ernsthaft die Absicht
gehabt, seine in Internetforen verbreiteten Drohungen in die Tat umzusetzen,
entschied der Richter. Der Student muss aber seinen Pass abgeben und sich
täglich zweimal bei der Polizei melden.
Der Mexikaner hatte im Internet Hasstiraden gegen Kirchengegner und
Homosexuelle verbreitet. Die Drohungen mit einem Anschlag aber hatte selbst die
Staatsanwaltschaft als "schlechten Scherz" bezeichnet. Einen Anschlag mit
Giftgas habe der 24-Jährige nicht verüben können, weil er nicht über die
notwendigen Chemikalien verfügt habe. (APA)