Geldhilfen nach Fukushima

Japan nimmt sich selbst in die Pflicht

Hermann Sussitz, 18. August 2011, 07:00

Ein nationaler Kraftakt soll 91 Milliarden Euro an Schaden wiedergutmachen. Die Hilfen für die Opfer brauchen aber Zeit

Fünf Monate nach der Dreifach-Katastrophe aus Erdbeben, Tsunami und Atomunfall fragen sich die Japaner: Wer zahlt für die Folgen der Reaktorkatastrophe? Die von Tokyo Electric Power Company (Tepco), dem Betreiber der Unglücksmeiler in Fukushima, in Aussicht gestellte eine Million Yen (9.000 Euro) für jeden betroffenen Haushalt dürften aber bei weitem nicht ausreichend sein.

Analysten schätzen die Schadenersatzforderungen von hunderttausenden Privatpersonen und Unternehmen auf bis zu 91 Milliarden Euro. Es dürfte sich um den bisher größten zivilrechtlichen Schadensersatzfall Nippons handeln, wie japanische Rechtsexperten erklären.

Mit dem Anfang August beschlossenen Rettungsplan hat der Staat die Anschubfinanzierung für einen öffentlichen Entschädigungsfonds übernommen. Die Regierung plant in einem ersten Schritt umgerechnet 18 Milliarden Euro in Form von Staatsanleihen in das Vehikel einzuzahlen.

„Da die Anleihen jederzeit einlösbar sind, kann sie der Fonds nach Bedarf in Barmittel umwandeln, mit diesen Tepco auf Abruf Kredite bereitstellen und so liquide halten", so der Forscher Julius Weitzdörfer in einer aktuellen Studie des Hamburger Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Privatrecht.

"Das Schlimmste kommt noch"

Auch andere japanische Atomkonzerne werden zur Kasse gebeten. Wie hoch ihr Beitrag zum Haftungsfonds ausfällt, ist noch nicht bekannt. Die Zeitung „Yomiuri Shimbun" sprach im April von 270 bis 450 Millionen Euro pro Unternehmen, je nach Anzahl der in Betrieb genommenen Meiler.

Tepco soll diese zur Schadenswiedergutmachung gewährten Kapitalspritzen allesamt zurückzahlen. Allerdings hat der Energieversorger im ersten Quartal (April bis Juni) seines heurigen Geschäftsjahres 5,2 Milliarden Euro Miese gemacht. Allein für die Entschädigung von Opfern verbuchte Tepco 3,6 Milliarden Euro.

"Es ist schwer zu sagen, wieviel Tepco abschreiben muss, aber das Schlimmste kommt noch", so Analyst Yuuki Sakurai von Fukoku Capital Management zu den Zahlen. Eine weitere knappe Milliarde entfiel auf den Wiederaufbau der beschädigten Kraftwerke.

Gemeinschaft kommt vor dem Einzelnen

Im Vorjahreszeitraum hatte der Verlust nur rund 50 Millionen Euro betragen. Während der Umsatz des Energieversorgers, der auch über 150 Wasserkraftwerke und 25 Wärmekraftwerke betreibt - nur um sieben Prozent zurückgegangen ist, verhundertfachten sich also die Verluste.

Die bereits geleisteten Pauschalzahlungen dürften bei den Japanern gut ankommen sein. Jurist Weitzdörfer erklärt das damit, dass in der konsensorientierten japanischen Gesellschaft „die individuelle Rechtsdurchsetzung gegenüber der kollektiven in den Hintergrund tritt" und man an Gleichheit interessiert sei.

Dieses kulturelle Phänomen habe den Namen „Komatta toki wa otagaisama!", was soviel wie „In schweren Zeiten helfen wir uns gegenseitig!" bedeute.

Geringe Höhe der Zahlungen kritisiert

Ein deutliches Gegenbeispiel sind da die Schadensersatzzahlungen des Energiekonzerns BP an amerikanische Fischer nach der Ölhavarie 2010 im Golf von Mexiko. Dort einigte man sich teils außergerichtlich, teils gerichtlich, wobei die Höhe je nach Verhandlungsgeschick der Betroffenen sehr unterschiedlich ausfiel. In Japan dürften die für alle gleichen Einmalzahlungen laut Weitzdörfer einen stärker „friedensstiftenden Effekt" auf die Opfer haben.

Andererseits stoßen sich die japanischen Opfer auch an der vermeintlich geringen Höhe der Soforthilfen. 9.000 Euro würden dort bei der der Anmietung einer neuen Wohnung gerade einmal zur Zahlung von Kaution, Maklergebühr, Einzugsgeld (reikin) und vielleicht der ersten Miete ausreichen, wie Weitzdörfer betont. Damit stehe der Betrag in keiner Relation zu den erlittenen Schäden bzw. den materiellen Werten, die die Evakuierten zurücklassen mussten.

Regelungsbedarf bleibt

Für weitere Kritik sorgte die Berechnungsweise nach Haushalten. Denn sie führt tendenziell zu einer Benachteiligung von Familien mit Kindern, die trotz besonderer Bedürftigkeit pro Kopf deutlich weniger erhalten als Singles. Ein-Personen-Haushalten wurden 750.000 Yen, umgerechnet 6.750 Euro, ausgezahlt.

Orientiert man sich am Bedarf der Menschen, wird man an den Entschädigungsformen also noch arbeiten müssen. Auf die japanische Politik und die mit ihr historisch eng verbundenen Energieversorger kommt gewaltiger Regelungsbedarf zu. (Hermann Sussitz, derStandard.at, 17.8.2011)

Mehr als 80.000 Menschen mussten ihre Häuser in der Gegend um das Atomkraftwerk Fukushima nach den Ereignissen im März verlassen, über 20.000 Menschen fanden den Tod. Zählt man die Schäden an Infrastruktur, Landwirtschaft und Tourismus zusammen, gehört die japanische Tragödie mit geschätzten 300 Milliarden Euro zu den teuersten Naturkatastrophen aller Zeiten.

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17 Postings
Michael Schmied
00
18.8.2011, 14:40
Ökonomisch nicht sinnvoll die Atomkraft

Bisher kein Atom-Befürworter in dem Forum? Keiner will Berechnungen über die (ökonomischen) Vorzüge der Atomkraft machen?
Keine Wunder, denke ich mir, weil die Atomkraft auf dem Zufall (der Spieltheorie?) baut, dass eh nichts passiert, und wenn doch, kann es jemand anderes zahlen. Würde mich nicht wundern, wenn TEPCO pleite geht.
In Zukunft wird man die echten Kosten bei der Berechnung der Atomkraftwerkskosten verwenden müssen.

Der Kluge
10
19.8.2011, 00:27

Die Wahrheit ist, dass es hier um massive Erdbebenschäden geht und nicht um Atomkraft.
Aber dank manipulativer Berichterstattung können sich unsere Anti-atomkraft aktivisten wieder auf die Schulter klopfen...

16.000 sind in der Flutwelle umgekommen und hier wird nur über angebliche Verstrahlung (die Werte liegen unter Mitteleuropa) berichtet. Mit Atomkraft hat das nichts zu tun.

Wir wissen, dass 95% der Bevölkerung in österreich gegen Atomkraft sind - dank manipulativer Berichterstattung und Ahnungslosigkeit.
Gerade in Österreich wäre Atomkraft optimal. Hier gibt es nicht täglich Erdbeben.

Die rising nations setzen auf Atomkraft, die dummen Europäer kastrieren sich.

nix fir unguad
01
18.8.2011, 18:12
Die Japanische Bevölkerung kann dieses Unglück leicht...

...solitarisch schultern. Dank Atomstrom war die Bevölkerung und Industrie im Genuss von verhältnismässig günstiger Elektrizität. Diese 100Mrd die jetzt fällig werden belastet jede bis jetzt produzierte kWh aus Atomkraft mit nur ca. 1,5c. Und der Betrag sinkt mit jeder zusätzlich erzeugten kWh.
Wenn nun die Externen Kosten der Atomkraft in Japan von 0.4c auf 2c ansteigen, liegen diese Kosten noch bedeutend unterhalb der Externen Kosten für Strom aus Kohle- oder Ölkraftwerke.
Ohne AKWs würden für Japan nicht nur die Externen Kosten steigen sondern auch die Stromkosten da immense Summen für Rohstoffeinkäufe hinzukommen würden die der Stromkonsument am Ende bezahlen muss. Und Yen fliessen in das Ausland - Verschlechterung der Zahlungsbilanz.

Michael Schmied
00
18.8.2011, 20:23
81 Cent pro kWh für die immensen Schäden von Fukushima

Wenn man 5400 Milliarden daraus macht, dann stimmt die Summe (vielleicht) für die Kosten der Folgeschäden. Referenz: http://www.ews-schoenau.de/fileadmin... nergie.pdf . Das ergibt dann 81 Cent, der obigen Rechnung folgend. Allerdings nehme ich an, dass das dann auch noch nicht genug sein wird, dazu müssten echte Experten rechnen.
Allerdings, wie aus dem obigen Beitrag zu sehen ist, versuchen die Betreiber die Geschädigten zu Prellen. Als ob sie an das Wunder der plötzlichen Geistesarmut und Selbstaufopferung der Betroffenen ganz fest glauben würden. Das ist aber eine Geistesansicht des vorletzten Jahrtausend, das ist vorbei.

nix fir unguad
00
19.8.2011, 23:26
Sie schreiben blanken Unsinn

Mathias
 
00
18.8.2011, 13:09
Die Hilfen für die Opfer brauchen aber Zeit

Dabei wollen uns die AKW-Befürworter seit Jahren glauben machen, daß ein AKW sauberen und sicheren Strom liefert und dabei keine Opfer entstehen würden ... was für Spuhren ziehen sich diese Lobbyisten täglich durch die Nase?

Pantera
03
18.8.2011, 11:46

Erinnert sehr an die Bankenrettung. Manager habens verkackt, aber zahlen muss die öffentliche Hand.

VEU
00
18.8.2011, 11:28

was mich am meisten wundert ist, dass sich die Menschen nicht mehr auf der Straße formieren und protestieren.

lordderringe
00
18.8.2011, 10:52
...habe auch gelesen

...dass jene, die aus der strahlenbelasteten (nicht der behördlich gesperrten) Region wegziehen, angeblich auch keine Entschädigungen bekommen sollen. Viele Kinder und auch Erwachsene dieser Region haben bereits gesundheitliche Beeinträchtigungen, wie Nasenbluten, Hautausschläge und andere Beschwerden. Einfach nur unmenschlich und unmoralisch, was da passiert.

der schwitzbär der schwitzt sehr
01
18.8.2011, 10:25
Die Verantwortlichen gehn grad in Pension - mit fettem Bonus

"The three senior officials are retiring because of incentives, but not because of punishments"

dafür gibt's 20% Gehaltsbonus ... eigentlich unglaublich ...

http://mdn.mainichi.jp/mdnnews/n... 6000c.html

C2H6O
07
18.8.2011, 09:43
Stellt sich halt die Frage...

...warum die Management-Etage noch frei rumläuft. Deren Gehalt rechtfertigen Sie immer mit der zu tragenden Verantwortung, nur wie oft werden diese Personen wirklich zur Verantwortung gezogen?

Roter Baron
111
18.8.2011, 09:11
was heißt nach der katastrofe ?

die kaputten reaktoren
emittieren noch immer tagtäglich
radioaktive wolken
die rund um den globus ziehen !!!!

roter baron

peak oil
02
18.8.2011, 10:23
"nach der katastrofe"

heißt, dass in den massenmedien nichts mehr darüber geschrieben wird, bzw. die leute das schon wieder vergessen/verdrängt haben.

Sun Zi der II
00
18.8.2011, 08:51
Dürfte juristisch interessant sein....

......an der Küste hat sich ja die Reaktorkatastrophe mit der Naturkatastrophe Tsunami vermischt. Wie hoch ist der Schaden für ein überflutetes/zerstörtes Haus durch die radioaktive Belastung? Da wirds noch das ein oder andere interessante Urteil geben.

Der Kluge
00
19.8.2011, 00:28

Die Reaktorkatastrophe gibt es nur in westlichen Medien.
Der Tod der 16.000 und die Verwüstung durch Erdbeben/Flutwelle ist real.

Der Hierarchist
00
18.8.2011, 15:29

super clips!
Der Inhalt des Clips widerspricht ganz eindeutig der Überschrift des Artikels

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