Italiens Sparpaket

Berlusconis Sammelsurium

Kommentar | Gerhard Mumelter , 17. August 2011, 18:46

Die Distanz der geschwätzigen italienischen Politik zur Realität der Bevölkerung wird immer gespenstischer

Seit seinem Einstieg in die Politik im Jahre 1994 hat Silvio Berlusconi den Italienern unzählige Male Steuersenkungen versprochen. Verwirklicht hat er sie freilich nie. Unbeirrt redet der Regierungschef auch jetzt Italiens Krise schön: Das Land habe die weltweite Rezession besser überstanden als viele andere. Selbst als die Europäische Zentralbank ihn zum zweiten Sparpaket nötigte, sah Berlusconi die Ursache nicht im eigenen Land, sondern in den weltweiten Turbulenzen der Börsen.

Dass der 74-Jährige unter wachsendem Realitätsverlust leidet, ist nicht neu. Doch nichts könnte die Hemdsärmeligkeit italienischer Politik augenfälliger demonstrieren als das jüngste Sparpaket - ein byzantinisch anmutendes Sammelsurium von Maßnahmen, die im Tagesrhythmus innerhalb der Rechtsallianz wieder infrage gestellt werden.

Jetzt hat die Regierung ihr eigenes Sparpaket zum Abschuss freigegeben und es damit als Beliebigkeitsprodukt ausgewiesen. Zehn Tage lang darf es im Parlament zerredet und verändert werden. In der Regierungskoalition liegen sich gleich mehrere Fronten in den Haaren, die Diskussion gleicht häufig einer Stammtischdebatte.

Die Distanz der geschwätzigen italienischen Politik zur Realität der Bevölkerung wird immer gespenstischer. Alles deutet darauf hin, dass Italien auf einen heißen Herbst zusteuert. Und der könnte diesmal sogar Silvio Berlusconi aus seinen Tagträumen schrecken. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.8.2011)

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15 Postings
Michaelis Sander
 
00
20.8.2011, 11:03
das problem ist,

und das kann man sich in nordeuropa vielleicht nicht leicht vorstellen, daß einem regierungschef das schiksal seines landes vollständig egal ist und zudem notorisch (3 mal) wiedergewählt wird. hier sind also zufälle auszuschließen: die italiener entscheiden sich mehrheitsgestützt für die non-governabilità, meine natürlich tendenziell und in eben dieser historischen phase des landes. also es gibt bei einer mehrheit der bürger eine gewisse genugtuung das land nicht - aber den -staat- im zustand der offenen demontage zu sehen, den staat gedemütigt zu sehen von einer absurden patronage. jeder aktuale minister ist eine beleidigung sämmlicher institutionen und aller werte die wirklich werte sind. kaum ein drittel möchte wirklich was anderes.

nachtflug71
00
18.8.2011, 15:39
etwas paradox ...

... ist es, wenn der einzige italienische regierungschef, der länger als 13 monate überlebt keine löungen zustande bringt.
man stelle sich ein sparpaket vor, das von einer multi-koalition beschlossen wird und dann nach 8 monaten von der nächsten koalition wieder gesprengt wird.

dass italien funktioniert ist eigentlich reiner zufall.

Günther Gettinger
10
18.8.2011, 16:47

Was lernt man daraus? Man kann daraus auch schlußfolgern, dass ein Land wie Italien nicht von den dafür vorgehsehen politischen Institutionen regiert wird - sondern von anderen Organisationen, mit denen die Politik ja sehr oft ohnehin in engster Verbindung steht und deren Praktiken jüngst ein ital. Schriftsteller beschrieben hat, der jetzt vor manchen der wahren Machthaber Italiens geschützt werden muss. Nur 'schlechte Phantasie'?

Poldi Fesch
01
18.8.2011, 17:15
ganz schlechte

Phantasie. IT funktioniert auf Grund der enorm groszen Zahl familiaer gefuehrter Klein- u. Mittelbetriebe

Günther Gettinger
01
18.8.2011, 16:52
Kennen Sie den?

Ein kalbrisches Huhn wollte Mitglied der Mafia werden. Es ging zum Bürgermeister des Dorf. Der sagte: 'Es gibt keine Mafia.' Frag den Pfarrer. Seine Antwort: 'Es gibt keine Mafia.' - Und so geht es mit allen, den ganzen Tag. Als am Abend auf den Hühnerhof zurück kehrte, wollten die Hühne wissen, ob es jetzt Mitglied der Mafia geworden ist. Seine Antwort: 'Es gibt keine Mafia.' - Da gackerte der ganz Hof und alle schrieen: "Es ist Mitglied der Mafia geworden, es ist Mitglied der Mafia geworden!!!!"

berti russell
00
18.8.2011, 10:39

was für ein unterschied zu unseren "wir sind ...-weltmeister", "aber denkt denn hier keiner an die kinder", "mittelstand, familien, leistung, blablabla" - konservativen...;-)

Kontrahent1
00
18.8.2011, 14:52
Er hat sich, bevor er in die Politik einstieg,

ein Medienimperium und ein Vermögen geschaffen. Wie er das konnte ist aber ein Rätsel, wenn man liest, was er alles falsch macht;-)

Günther Gettinger
00
17.8.2011, 19:53
Mediales Sammelsurium.....

So könnte man all die medialen Angebote bezüglich 'Politik' - und gar nicht so wenig treffend, fürcht ich - auch bezeichnen. Aber auch der Satz 'Die Distanz der geschwätzigen Journalisten zur Realität der Bevölkerung wird immer gespenstischer' wirkt gar nicht so aus der Luft gegriffen.

Aber diese Ähnlichkeiten zwischen der beliebten Politik - und weniger beliebten Medienschelte dürften systemischer Natur sein: man fühlt sich nämlich gezwungen, so allgemein ui reden und zu schreiben, dass für jeden Wähler / Leser etwas dabei ist, mit dem er sich identifizieren kann. Was dann soviel heißt wie: Ressentiments bedienen und Platitüden von sich geben. Wer's besser kann, der ist dann vorn dabei.

dritter.mann
 
01
17.8.2011, 22:34
Pardon, aber Ihre Kritik

ist für mich einfach nicht nachvollziehbar. Der Kommentator lebt seit Jahren in Italien und erlebt mithin persönlich, was alle Italiener erleben und was für viele ein bitteres Erwachen ist: Seit nur allzu vielen Jahren "geschönte" Wirtschaftsdaten und -statistiken, die weitgehende Entpolitisierung breiter Schichten bis zur Wahlverweigerung bei gleichzeitiger Verblödung durch das B.TV - ruinös für die vormaligen sozialen Zusammenhalte - usw. usf.
Ohne die kritischen Medien wie Corriere und Repubblica wäre dieweil sogar gänzlich zusammengebrochen, was "Italien" seit vormals gut 2000 Jahren einte: Die funktionierende Anarchie, die keine Regierung benötigte, aber statt eines lächerlichen Gnoms gewichtige Intellektuelle hatte.

Michaelis Sander
 
00
20.8.2011, 11:18
ich lebe auch seit jahren in italien &

kenne die politik einigermaßen. habe familie von sizilien bis venedig, kenne gut sardinien und rom. ein paradox ist es, daß die römische politik zwar durch alle medien geht und natürlich 100mal spektakulärer ist als in deutschland etwa, aber für die masse der italiener nur das regionale zählt und alles andere ein teatrino ist. der italienische patriotismus ist, wenn er echt ist, rein regional wenn er national ist kann man ihn nicht ernst nehmen. und es ist ja auch defacto so, daß, bei gleicher regierung in rom, die regionalen unterschiede größer sind als in irgendeinem anderen land europas. darum - trotz zehn der jahre reines desaster berlusconis kommen die linken auf keine mehrheit. hat nix mit -schwachen kandidaten- zu tun. leider.

dritter.mann
 
01
21.8.2011, 00:05
Tante grazie für Ihre Antwort!

Ihre Beschreibung trifft es auf den Punkt. Zumal man ja die politischen Analogien zu Österreich ab 1999/2000 insofern auch nicht übersehen kann, als der Paradigmenwechsel ohne Not und Notwendigkeit erfolgte, sondern vielmehr aus Übermut.
Dennoch hatte ich mir von den Italienern vehementen Widerstand erwartet und es nie für möglich gehalten, dass sich diese Millionen völlig unterschiedlicher Individuen derart gleichschalten lassen - ohne wenigstens deutlich zu murren.
"Mein" Italien sah noch vor gar nicht so langer Zeit so aus, dass abends niemand vor dem TV-Apparat saß, sondern alle vor einem Cafe oder auf den Parkbänken, miteinander redend.
Nun ja. Schiere Nostalgie eines sentimentalen alternden Menschen. Wahrscheinlich.

Günther Gettinger
00
18.8.2011, 08:00

Frage: wie konnte diese 'funktionierende Anarchie' von einem 'lächerlichen Gnom' eine nicht unbeträchtliche Zeit unter 'Kontrolle' gebracht werden (immerhin wurde dieser Gnom ja gewählt, mehrmals)? Waren die Italiener einfach eine zeitlag völlig verblödet? Warum?
Oder hat Berlusconi einfach das auf den Punkt gebracht, was man unter 'Populismus' versteht? Und der hat jetzt seine Zeit gehabt und verliert an Glaubwürdigkeit....neue Phrasen braucht das Land? Das habe ich gemeint.....

Kontrahent1
00
18.8.2011, 14:55
Das frage ich mich auch immer:

Wie schaffte er sein Vermögen, wie seine Wahlsiege wenn er dermaßen verhasst und unfähig ist?

Günther Gettinger
00
17.8.2011, 19:41
Zunehmender 'credibility gap'?

'Die Distanz der Politik zur Realität der Bevölkerung wird immer gespenstischer'. - - Soll vermutlich heißen: die Rhetorik der Politikerklasse wirkt für immer mehr Bürger unglaubwürdiger, man glaubt den etablierten Herrschaften einfach nicht mehr so leicht wie früher. Aber an was und an wen glauben dann die desorientierten Menschen (hier: die Bürger Italiens) heute und in Zukunft? Wer oder was füllt den immer gespentischeren anwachsenden 'credibility gap'?

Das ist die Frage! Denn, wie schon treffend gesagt wurde, 'Zukunftserwartungen bestimmen wesentlich die künftige Entwicklung'. An welche Zukunft glaubt wer in Italien? Herr Mumelter, dies heraus zu finden bzw. durch Information mitzugestalten wäre eigentlich auch Ihr Geschäft, oder?

dritter.mann
 
00
18.8.2011, 23:20
Und wie stellen Sie sich das vor?

Der Mumelter macht eine Volksbefragung unter 60 Millionen Italienern, die bekanntlich - auch nach Abzug von Kindern, Dementen und Menschen mit besonderen Bedürfnissen - mittlerweile politisch so ziemlich analog den Österreichern ticken, also nicht eine, sondern gleich mehrere Meinungen haben, aber sonst gar nix.

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