Die Distanz der geschwätzigen italienischen Politik zur Realität der Bevölkerung wird immer gespenstischer
Seit seinem Einstieg in die Politik im Jahre 1994 hat Silvio Berlusconi den Italienern unzählige Male Steuersenkungen versprochen. Verwirklicht hat er sie freilich nie. Unbeirrt redet der Regierungschef auch jetzt Italiens Krise schön: Das Land habe die weltweite Rezession besser überstanden als viele andere. Selbst als die Europäische Zentralbank ihn zum zweiten Sparpaket nötigte, sah Berlusconi die Ursache nicht im eigenen Land, sondern in den weltweiten Turbulenzen der Börsen.
Dass der 74-Jährige unter wachsendem Realitätsverlust leidet, ist nicht neu. Doch nichts könnte die Hemdsärmeligkeit italienischer Politik augenfälliger demonstrieren als das jüngste Sparpaket - ein byzantinisch anmutendes Sammelsurium von Maßnahmen, die im Tagesrhythmus innerhalb der Rechtsallianz wieder infrage gestellt werden.
Jetzt hat die Regierung ihr eigenes Sparpaket zum Abschuss freigegeben und es damit als Beliebigkeitsprodukt ausgewiesen. Zehn Tage lang darf es im Parlament zerredet und verändert werden. In der Regierungskoalition liegen sich gleich mehrere Fronten in den Haaren, die Diskussion gleicht häufig einer Stammtischdebatte.
Die Distanz der geschwätzigen italienischen Politik zur Realität der Bevölkerung wird immer gespenstischer. Alles deutet darauf hin, dass Italien auf einen heißen Herbst zusteuert. Und der könnte diesmal sogar Silvio Berlusconi aus seinen Tagträumen schrecken. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.8.2011)