EU-Schuldenkrise

Unsinnig und doch nötig

Kommentar | Günther Oswald, 17. August 2011, 18:41

Merkel und Sarkozy liegen mit dem Ruf nach Schuldenbremsen richtig - ihr Vorstoß ist sinnvoll

Nüchtern betrachtet sind Schuldenbremsen ein ökonomischer Unsinn. Sie schränken den Spielraum des Staates in Phasen des wirtschaftlichen Abschwungs ein. Schließlich gehört es zum wirtschaftlichen Einmaleins, dass Schulden nicht immer schlecht sein müssen. Fast jeder erfolgreiche Unternehmer wird das bestätigen. Expansion ist oft nur über Kredite möglich. Erfolgreiche Investitionen steigern die Konkurrenzfähigkeit und die Produktivität.

Theoretisch gelten diese Grundsätze genauso für den Staat. Er muss investieren, um den Wohlstand der Bürger aufrechterhalten oder steigern zu können. Wenn sich Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy nun dafür aussprechen, nach deutschem Vorbild in allen Euroländern Schuldenbremsen einzuführen, dann hieße das nichts anderes, als dass Politiker bei den staatlichen Ausgaben für Infrastruktur, Bildung oder Gesundheit weniger flexibel sein würden, was sich negativ auf das Wachstum auswirken würde.

Und trotzdem ist der Vorstoß sinnvoll. Warum? Weil die ökonomische Theorie an der Realpolitik scheitert. Regierungen neigen dazu, Ausgaben hochzufahren - unabhängig von der konjunkturellen Lage und der Notwendigkeit. Die Maastricht-Ziele wurden schon vor der großen Wirtschaftskrise 2008 regelmäßig verletzt. Blaue Briefe wurden zwar ausgestellt, dann aber konsequent schubladisiert. Die riesigen Schuldenberge, auf denen die EU-Mitglieder heute sitzen, sind zwar krisenbedingt stark angewachsen, gehen aber keineswegs nur auf die Krise zurück.

Ablesen kann man das beispielsweise am Nachhaltigkeitsbericht der EU-Kommission. Laut dem letzten Report gibt Österreich langfristig um 4,7 Prozent der Wirtschaftsleistung mehr aus, als es einnimmt. Auf einer dreistufigen Skala wird das Land dabei unter "mittleres Risiko" geführt.

Dass Politik nicht zwingend mit Vernunft einhergeht, konnte man hierzulande auch im letzten Nationalratswahlkampf beobachten. Um kurzfristig Stimmen zu maximieren, wurde die Hacklerregelung verlängert, eine 13. Familienbeihilfe eingeführt und das Pflegegeld erhöht. De facto war die rot-schwarze Koalition in dieser Legislaturperiode bisher nur damit beschäftigt, diese Budgetbelastungen wieder zu bereinigen. Den Handlungsspielraum für Zukunftsprojekte hat sie sich also selbst genommen - ohne böse Schuldenbremse in der Verfassung.

Außerdem würden striktere Vorgaben nicht jede Gestaltungsmöglichkeit wegnehmen. Um beim deutschen Beispiel zu bleiben: Der Bund wird dort auch in Zukunft 0,35 Prozent des Bruttoinlandsproduktes an Neuschulden aufnehmen können. Bei außergewöhnlichen Ereignissen, sprich einer neuerlichen schweren Wirtschaftskrise, kann auch darüber hinausgegangen werden.
Es stimmt also nicht, dass der Staat bei einer Rezession vollkommen handlungsunfähig wäre und wie gelähmt dem Untergang zuschauen müsste.

Was allerdings auch Teil des deutschen Modells ist: In wirtschaftlich guten Zeiten muss ein Überschuss erwirtschaftet werden. Dieses Prinzip wurde von den Politikern zwar schon bisher in Sonntagsreden beschworen, in die Realität umgesetzt wurde es aber fast nie. Schuldenbremsen sind also sicher kein Allheilmittel. Ihr Nutzen ist aber größer als ihr Schaden. Sie sind ein Instrument, um groben politischen Unsinn zu unterbinden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.8.2011)

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Entfesselter Prometheus
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18.8.2011, 18:00
Schuldenbremse, das Placebo für Unwissende

Wer so einen Unsinn von sich gibt hat entweder überhaupt keine Ahnung vom Geldwesen oder ist Ökonom.

default-user
00
18.8.2011, 16:35
staat vs. unternehmen

der Vergleich hinkt ja bekanntlich auf allen Seiten. Staatliche Einnahmen bzw die Verschuldung wird ja nicht investiert. Es sei denn man bezeichnet Pensionserhöhunen bei gleichzeitiger Kürzung der Bildungsausgaben als zukunftsträchtige Investition.
Andererseits würde ein "Unternehmen Österreich" die Sozialversicherer und ÖBB zusperren, sowie strukturschwache Regionen wie Burgenland und nördliches NÖ schnellstmöglich verscherbeln.. die Kärntner Schuldenkaiser auch gleich mit :)

skip it
00
18.8.2011, 16:19
das einzige problem dabei:...

...unter sarkozy wurden frankreichs schulden innert 4 jahren von 900mrd€ auf 1350mrd€ hochgefahren.

sarko wird sehr wahrscheinlich naechstes jahr nicht im amt bestaetigt werden.

das heißt: die von ihm angestrebte schuldenbremse werden die sozialisten einhalten muessen!

wenn ich hollande oder aubry bin, kommt jetzt von mir ein saftiges kontra.

wie sagte schon coluche so richtig: "la droite est achetée et la gauche est à j'ter."

Poldi Fesch
00
18.8.2011, 16:45
und Google tradutore

sagt
Das Recht ist gekauft und die Linke ist zum Wegwerfen.

skip it
00
19.8.2011, 07:28
auch net schlecht...

Poldi Fesch
00
19.8.2011, 09:47
:) ja, das

hab ich mir auch gedacht. Lustigerweise uebersetzt er das ins Ital. auch so

Silvio Lackner
00
18.8.2011, 16:07
Die Europabefürworter machen nur halbe Sachen.

Eigentlich wollen sie ja nach wie vor Nationalstaaten, wie man sieht. Sie wollen bloß den Binnenmarkt, damit sie die Schwachen weiter als Markt auszuzzeln können. Es ist so lächerlich, eine Farce. Der Barroso sagt immer dann, wenn es nötig wäre: nix. Er lässt sich zum Eunuchen Europas machen: "Wirtschaftsregierung" neben der Kommission, das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Das sagt alles über die Kompetenz, die man ihm zumutet. Lasst doch Europa endlich in Frieden ruhen, es will ja ohnehin offensichtlich niemand. Bloß um Papier zu bedrucken für tonnenweise schönfärberisches blabla und für eine teure Schattenbürolratie ist es zu schad ums Geld.

Säure- und hitzebeständiges Archaebakterium
00
18.8.2011, 15:44
Was ist schlimmer - Staatsverschuldung oder wirtschaftlicher Ruin?

Die Staatsverschuldung in Frankreich und in Deutschland liegt bei über 80 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Muss man also bedingungslos sparen, auch wenn dies die Wirtschaft in den Absturz treibt? Bloß nicht! Wahnsinn, jetzt eine Rezession zu riskieren. Die Staatsschulden würden dann nicht etwa sinken – sondern sogar noch weiter steigen!

Unter Kohl - kein Sozialist! - betrug der Spitzensteuersatz 53 %, heute liegt er bei 42 %.

Im übrigen - nichtssagende, unnötige "Analyse"? Wer ist dieser Oswald überhaupt?

skip it
00
18.8.2011, 16:21
die senkung des steuersatzes ist im rahmen einer gemeinsamen waehrung...

...die einzige moeglichkeit zur "abwertung".

fuer ein exportland wie D ueberlebenswichtig.

KOG1
00
18.8.2011, 14:24
vieleicht haben wir die Krise der westlichen Welt

und die Krise der wenig kompetenten Vorgesetzten/Direktionen/Ministerien.
egal, wo man hinsieht, die hochmütige Durchschnittlichkeit ist "am Ruder". Wie Bürger sollten Kompetenz einfordern- von allen die "was zu sagen haben"

Töchtersöhne
00
18.8.2011, 13:42
Wirtschaftsregierung für EU

Nachdem bisher die meisten (festgelegten) Konvergenzkriterien ignoriert wurden, kann der Vorschlag einer "Wirtschaftsregierung" in Form von 2 (!) Treffen pro Jahr der Staats- bzw. Regierungschefs der 17 Euroländer unter Vorsitz des hilflos wirkenden ständigen Ratspräsidenten nicht einmal als Scherz betrachtet werden. Es gibt doch einen Chef der Eurozone, der sich durch Unfähigkeit bzw. Wegschauen auszeichnet. Die Eurozone muss durch Zweiteilung neu aufgestellt werden. Zum inneren Kreis sollten nur die tatsächlich Euro-tauglichen Staaten gehören, im äußeren Kreis müssten sich die anderen aus dem "Fegefeuer" hocharbeiten, sollen aber von starken Ländern tatkräftig unterstützt werden.

powerpack
00
18.8.2011, 13:36

das erste problem, dass bei dieser "schuldenbremse" auftritt ist jenes, dass die regierungen in den einzelnen ländern in den wenigsten fällen eine verfassungmehrheit haben, die für eine solche änderung notwendig ist. und es ist zu erwarten, dass in vielen ländern die opposition (aus gutem grund) dagegen sein wird.

und zweitens ist diese vorschlag nur unter der prämise sinnvoll, wenn man nicht über eine völlige systemumstellung nachdenkt. denn am ende sind es die fehler im system die zur überschuldung führen.

übrigens zeigt das us-beispiel verdammt gut, was es heißt wenn länder solche grenzen festgeschrieben haben und die opposition brauchen um sie im notfall zu erhöhen.
es wirklich "weiser" vorschlag muss man schon sagen :-)

werthers leiden
00
18.8.2011, 12:18

Hat's da nicht eh schon mal so was gegeben - irgendwas wie Maastricht-Kriterien?

Die dann ja auch sehr konsequent eingehalten wurden...

Aber wenn's dann in der Verfassung steht, dann muss es ja was werden!

Anton D.
00
18.8.2011, 11:07
Kleine Anmerkung: Investitionen müssen sich rentieren!

Was wir aber erleben sind sinnlose Staatsinvestitionen, Beispiele aus Österreich, das Versenken von Milliarden in überflüssige Tunnels!
Genauso ist es bei einem deficit spending wie es auch die Japaner zur Genüge betrieben haben. Sinnlos rein in die Infrastruktur, Effekt NULL.

Nardon
00
18.8.2011, 10:23
Schaut

einfach bei unserem Nachbarn nach.
Seit 2001 in der Verfassung.
____________________________________________
Die Schuldenbremse ist in Artikel 126 der Schweizer Bundesverfassung[4] und im Bundesgesetz über den eidgenössischen Finanzhaushalt (FHG) kodifiziert. Ihr Ziel ist es nicht die Verschuldung abzubauen, sondern lediglich über den Konjunkturzyklus hinweg konstant zu halten. Dies bewirkt bei wachsender Wirtschaft eine sinkende Verschuldungsquote.

warp.faktor
00
18.8.2011, 17:53
Keine Kunst!

Die Schweizer haben bekanntlich das Problem, dass der Franken zu hart ist.

PS: Egal wie man es nennt, aber wie soll eine "Schuldenbremse" funktionieren?
Papier ist bekanntlich geduldig.

Kapitalismus Luege
00
18.8.2011, 09:40
Schuldenabbau bei der Kohle- und Stahlunion:

rein in den 1€ Job!

um auf chinesisches Niveau zu kommen, da ist noch so einiges drinnen!

Käpt`n Blaubär
10
18.8.2011, 09:13
Anstatt Deutschland europäischer zu machen, ...

wird Europa deutscher.
http://www.nachdenkseiten.de/?p=10473

warp.faktor
32
18.8.2011, 07:21
Unrealistisches Gelaber!

Wie genau soll denn diese Schuldenbremse funktionieren?
Sparen nur bei denen die sich keine Lobbyisten leisten können, bis die Armut als sinnlose Gewalt explodiert, so wie in GB?

Die EU will Dumpinglöhne und Sozialabbau per Diktat erzwingen, aber was ist mit den Einnahmen?

* Mindestunternehmenssteuern
* Mindesterbschaftssteuer
* Ökosteuern
* Vermögenssteuern
* gemeinsame Finanztransaktionssteuer?

Einfachste (und billigste) Lösung:
Warum kontrollieren nicht die Finanzbeamten aus Griechenland die Deutschen und umgekehrt?

skip it
00
19.8.2011, 07:31
haben s' a feh? gleich fang ich an zu weinen...

..."bis die Armut als sinnlose Gewalt explodiert, so wie in GB?"

sie haben net wirklich mitverfolgt, was dort abging.

warp.faktor
00
19.8.2011, 15:09
Klären Sie mich auf!

skip it
00
21.8.2011, 12:08
wieso ich? fragen s' den tony...

...
http://www.guardian.co.uk/commentis... intcmp=239

und des is a "linker", wohlgemerkt!

san s' naechstens vorsichtiger mit ihren ferndiagnosen.

warp.faktor
00
21.8.2011, 14:55
Toni Blair ein "Linker"?

Seit wann sind "Linke" für Kriegseinsätze und Kaputtsparen?

skip it
00
22.8.2011, 15:58
ach, der ist ein tory?...

...sie werden immer lustiger.

OlafSch
00
18.8.2011, 16:21
:-)

Au ja, gute Idee. Dann läuft es auch bei uns wie geschmiert...

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