Enthüllungen in der Abhöraffäre rund um "News of the World" werfen ein schlechtes Licht auf Junior-Chef James Murdoch und Premier Cameron
Im Skandal um den Murdoch-Medienkonzern gerät der britische Premierminister David Cameron immer mehr in Bedrängnis. Der Medien-Ausschuss des Unterhauses veröffentlichte einen Brief des bisher einzigen verurteilten Ex-Journalisten der Sonntagszeitung News of the World (NoW). Darin beschuldigt Clive Goodman sämtliche Chefs des Boulevardblatts, sie hätten von illegalen Abhöraktionen gewusst. Damals amtierte als NoW-Chefredakteur Andy Coulson, den Cameron später zu seinem Sprecher in der Downing Street machte. Jedes neue Beweisstück verdeutliche Camerons "katastrophalen Mangel an Urteilsvermögen", sagte Labour-Oppositionschef Edward Miliband.
Mitarbeiter der nunmehr eingestellten NoW stehen im Verdacht, jahrelang die Mobiltelefone von rund 4000 Briten angezapft zu haben, unter ihnen Verbrechensopfer, Prominente und Politiker. Außerdem wurden offenbar mehrfach Polizisten bestochen. Goodman sowie ein Privatdetektiv wurden bereits im Jänner 2007 zu Gefängnisstrafen verurteilt. In dem zwei Monate später datierten Brief protestierte der frühere Reporter gegen seine Kündigung. In der Folge erhielt er eine Abfindung in Höhe von rund 280.000 Euro.
Das Beweisstück genießt deshalb hohe Glaubwürdigkeit, weil es den Verdacht bestätigt, dass die Spitze der britischen Murdoch-Tochterfirma News International (NI) jahrelang die Aufklärung der Affäre verschleppte. Sowohl der damalige NI-Geschäftsführer Les Hinton als auch seine Nachfolgerin Rebekah Brooks mussten wegen des Skandals zurücktreten, 200 NoW-Journalisten verloren durch die Schließung ihren Job. Zudem musste Konzernchef Rupert Murdoch sein Vorhaben aufgeben, den Bezahlsender BSkyB gänzlich zu übernehmen. Bisher gehören ihm 39 Prozent des hochprofitablen Unternehmens.
Cameron war bis Anfang Juli 2011 26 Mal mit Murdoch sowie dessen engsten Vertrauten zusammengetroffen. Mit Brooks feierten die Camerons sogar gemeinsam Weihnachten. Er sei "oft durch die Hintertür" in die Downing Street gekommen, "weil ich darum gebeten wurde", erzählte Murdoch dem Medien-Ausschuss.
Dessen konservativer Vorsitzender John Whittingdale will Murdochs Sohn James erneut vorladen. Goodmans Brief sowie neues Beweismaterial aus der ehemaligen NI-Anwaltskanzlei widersprechen dessen Aussagen vor dem Parlament. Die jetzt veröffentlichten Papiere seien "ernst", räumte das Unternehmen ein. "Wir werden in konstruktiver Weise mit allen Untersuchungen zusammenarbeiten."
James Murdoch unter Druck
James Murdoch (38) leitet im Konzern die Abteilung, der auch NI untersteht. Bereits im Juli hatten frühere Mitarbeiter seiner Behauptung widersprochen, er habe nichts von Schweigegeld für eines der Abhör-Opfer gewusst. Der erneute Auftritt vor dem Parlamentsausschuss stelle "eine furchtbare Demütigung" dar, kommentiert Journalismus-Professor Brian Cathcart von der Uni Kingston. "Als Firmenchef in Großbritannien ist James Murdoch erledigt." Auch seine Rolle im globalen Konzern des Vaters stehe in Zweifel.
Schon seit Monaten sind viele Briten wegen der Verbindungen zwischen dem Murdoch-Konzern und der Downing Street erzürnt. Immer wieder wird auf Kundgebungen der Rücktritt von Premier Cameron gefordert. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, Printausgabe, 18.8.2011)