Amazonas-Indianer marschieren gegen Straßenprojekt

  • Ein Protestmarsch soll Präsident Morales umstimmen.
    foto: juan karita/ap/dapd

    Ein Protestmarsch soll Präsident Morales umstimmen.

Präsident Morales tut Protestaktion als "Verschwörung von NGOs" ab

La Paz / Porto Alegre - Seit Monaten standen in Bolivien die Zeichen auf Konfrontation, nun ist es soweit: Seit Montag marschieren Hunderte Tieflandindianer von der Stadt Trinidad Richtung La Paz. Den Regierungssitz, gut 600 Kilometer entfernt, wollen sie in sieben Wochen erreichen.

Mit seiner Position, am Bau einer Straße durch den artenreichen Nationalpark Isiboro-Sécure festzuhalten, hat Präsident Evo Morales den bisher größten ökosozialen Konflikt seiner Regierungszeit provoziert. Von der Kleinstadt San Ignacio de Moxos aus soll die umstrittene Straße nach Süden gebaut werden, bis nach Villa Tunari in der Kokaregion Chapare, einer Hochburg von Morales. Der Staatschef reagierte ungehalten auf den Protestzug, sprach von "Erpressung" und von möglicher "Verschwörung durch NGOs".

"Nationale Integration"

Regierungsvertreter behaupten immer wieder, die Straße solle der "nationalen Integration" dienen, doch nicht zufällig wird das 290 Millionen Euro teure Projekt zu vier Fünftel durch die brasilianische Entwicklungsbank BNDES finanziert: Es gehört zu einer geplanten Verbindung des südlichen Amazonasgebiets mit den Häfen in Peru oder Chile, über die Agrarprodukte oder Mineralien nach Asien verschifft werden sollen. Den Auftrag dafür bekam der Baumulti OAS aus Brasilien.

Im über 1200 Quadratkilometer großen Nationalpark Isiboro Sécure leben 69 Indianergemeinschaften, insgesamt gut 5000 Menschen, die den Völkern der Mojeños, Yuracarés und Tsimanes angehören. Ihre Sprecher beharren auf dem "Recht auf vorherige Konsultation", das nicht nur im Rahmen der UN, sondern auch in der neuen bolivianischen Verfassung garantiert ist. Vor allem befürchten sie, dass Kokabauern aus der Chapare-Region, die den Bau befürworten, weiter in den Nationalpark vordringen. Deshalb fordern sie eine Alternativroute. Doch Morales will davon nichts wissen.

Harte Bandagen

Auf beiden Seiten wird mit harten Bandagen gekämpft. "Evo ist wie China, sozialistisch im Diskurs, kapitalistisch in der Praxis", lautet der Vorwurf von Andrés Gómez Vela, dem Direktor des Basisradionetzwerks Erbol. "Sein ethnischer Ursprung ist Aymara, aber seine Klassen-DNA ist die eines Kokabauern, also liberal und kapitalistisch." Vizepräsident Álvaro García Linera unterstellt den Kritikern ebenfalls, sie wollten eine "neoliberale Restauration".

International dürfte der Rechtfertigungsdruck auf die Regierung steigen - zu offensichtlich ist der Widerspruch zwischen dem Straßenprojekt und der Vorreiterrolle, die Bolivien in der Klimadebatte spielen will. (Gerhard Dilger, DER STANDARD, 18.8.2011)

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