Über die "provinzielle Sicht" in der Debatte um deutsche Studenten und warum Uni-Schranken zu Aggressionen führen
"Würde es akzeptiert, wenn steierische Studierende in Kärnten
beschränkten Zugang haben würden?", fragt sich der Soziologe Paul Kellermann im Interview mit derStandard.at. Der Soziologe kritisiert, dass "nicht der Zusammenhang gesehen wird zwischen den Studierenden, die in hohem Maße durch
Zugangsbeschränkungen ausgewählt werden sollen, und denen, die nicht an
die Universitäten dürfen". Jene, die keinen Zugang zu einem Studium bekommen, würden aggressiv. Dies zeige sich derzeit auch in Großbritannien.
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derStandard.at: An den österreichischen Universitäten studieren seit Jahren sehr viele deutsche Studierende. In Salzburg haben sich erstmals mehr Deutsche als Österreicher an der Uni angemeldet. Man hat versucht, diesen Ansturm mit Studiengebühren, Zugangsregeln und Quoten einzudämmen. Ist das Ihrer Meinung nach überhaupt nötig?
Kellermann: Ob das nötig ist? Das ist sicherlich aus Sicht von Salzburg im Moment - also für 2011 - zu bejahen. Salzburg, das sehr nah an Deutschland liegt, ist in einer völlig anderen Situation als beispielsweise Klagenfurt. Da muss man relativieren. Aber auch die Widersprüchlichkeit sollte gesehen werden: Einerseits wird vom Bologna Prozess her Internationalität verlangt; und die Universitäten preisen sich selbst, wenn sie viele ausländische Studierende haben. Auf der anderen Seite verlangen die Universitäten Beschränkungen.
Aber das allerschlimmste ist, dass nicht der Zusammenhang gesehen wird zwischen den Studierenden, die in hohem Maße durch Zugangsbeschränkungen ausgewählt werden sollen, und denen, die nicht an die Universitäten dürfen. Was ist deren Alternative? Schon vor Jahren habe ich gesagt: Ein Platz im Gefängnis ist wesentlich teurer als ein Studienplatz. Gemeint hatte ich damit, dass eben die frustrierten und enttäuschten Jugendlichen revoltieren. Da brauchen wir bloß nach Großbritannien zu schauen.
Jeder, der ein bisschen darüber nachdenkt, muss zur Einsicht kommen: Wenn die Studierenden im Rahmen einer sinnvoll arbeitenden Universität aus eigenem Interesse mitmachen könnten, dann würden die doch konstruktiv beschäftigt und mit ihrem Erfolg glücklich sein. Dies wird durch die derzeitige Organisation der Universitäten verhindert: Es wird ausgebildet und geschult, aber das eigene unmittelbare Interesse am Studium genommen. Die Motivation verlagert sich darauf, später einen passenden Arbeitsplatz zu bekommen. Wenn die Graduierten kein ausreichendes Einkommen oder nicht einmal einen Arbeitsplatz bekommen, sind sie natürlich enttäuscht. Die Leute haben Erwartungen. Die sind mit dem gestiegenen Lebensstandard natürlich auch bei Jugendlichen gestiegen. Wenn Erwartungen enttäuscht werden, endet das immer in Frustration und Aggression. Entweder Aggression gegen sich selbst oder nach außen. Das sehen wir derzeit in vielen europäischen und außereuropäischen Staaten.
derStandard.at: Zurzeit ist in Österreich der Hochschulzugang nicht beschränkt. Trotzdem ist die Akademikerquote eher gering. Die Probleme liegen doch hier woanders?
Kellermann: Viele sagen das als Argument gegen Zugangsbeschränkungen. Vermutlich haben wir in Österreich gerade wegen des noch vergleichsweise offenen Hochschulzugangs nicht die britischen, spanischen, chilenischen, tunesischen oder israelischen Zustände. Und im Übrigen steigt die Akademikerquote, wie die Statistik zeigt, kontinuierlich.
derStandard.at: Wie würde für Sie eine ideale Lösung für das Problem an den Universitäten aussehen?
Kellermann: Studieren soll und darf, wer wirklich wissenschaftlich arbeiten will. Und selbst, wenn man sich die Studien volkswirtschaftlich ansieht: Im OECD-Bericht wird ausgewiesen, dass in Österreich ein Studienplatz rund 55.000 Euro kostet. Das, was Akademiker dann wieder an den Staat in Form von Steuern und Sozialabgaben zurückzahlen, ist im Schnitt ungefähr drei Mal so viel. Doch dieses Ergebnis wird nicht beachtet. Wenn wir also behaupten, dass wir keine anderen Ressourcen als das Wissen haben, wäre es nur sinnvoll, möglichst vielen Leuten die Chance zu geben, wissenschaftlich zu arbeiten, das Wissen zu erweitern und anzuwenden. Aber natürlich nicht nur im Interesse der Wirtschaft.
Der Präsident der Wirtschaftskammer sagte: "Mit dem Bachelor beginnt ein neues Zeitalter maßgeschneiderter Hochschulstudien - die konkreten Bedürfnisse der Wirtschaft sind dabei der zentrale Ausgangspunkt." Das ist beschränkt gedacht: Es geht darum, dass wir leben können. Wirtschaft ist dazu ein ganz wichtiges erforderliches Mittel. Deshalb muss die Wirtschaft funktionieren. Ansonsten wäre es so, als ob wir sagen würden: Unser Besteck ist zum Essen wichtiger als das Essen selbst. Ein Studium hat - auch nach dem Gesetz - weitergehenden Sinn.
derStandard.at: Das heißt, Sie fordern die Regierung dazu auf, mehr Geld in die Universitäten zu investieren?
Kellermann: Das ist wieder verkürzt. Ich fordere die politisch für das Allgemeinwohl Verantwortlichen dazu auf, längerfristig zu denken und zu erkennen, dass es sehr sinnvoll ist, in Studien und Forschung zu investieren. Ich wehre mich auch nicht dagegen, Studiengebühren als eine Art Schutzgebühr einzuführen. Aber diese Gebühr hat nicht die Funktion, die Universitäten zu finanzieren, sondern die persönliche Überlegung anzuregen, eigene Ressourcen für das eigene Studium und damit auch für die eigenen Lebenshaltungskosten einzusetzen.
derStandard.at: Wie erklären Sie sich, dass in Österreich in der Diskussion rund um überlaufene Studien vor allem die Debatte um deutsche Studenten zentral ist?
Kellermann: Das ist damit zu erklären, dass die Universitäten ein Problem haben, europäisch zu denken. Wenn ein Studierender aus Klagenfurt ein, zwei Semester in Barcelona oder in Berlin studieren will, dann ist das von der EU gewollt. Hier gibt es jedoch häufig, wie die Schweizer sagen, einen "Kantönli-Geist": Man urteilt aus provinzieller Sicht. So finden Sie selten die Zahlen der österreichischen Studierenden an deutschen Universitäten. Wir sind heute eben eine Europäische Union und nicht mehr Klein-Luxemburg, Klein-Österreich oder sonst was. Würde es akzeptiert, wenn steierische Studierende in Kärnten beschränkten Zugang haben?
derStandard.at: Das Problem ist aber ein bisschen größer. Es geht nicht darum, dass diese deutschen Studenten in Österreich ein Auslandssemester machen wollen, sondern darum, dass in Deutschland der Zugang so streng geregelt ist, dass viele in Österreich studieren müssen, weil sie im eigenen Land nicht studieren dürfen.
Kellermann: Da beachten Sie die temporären Umstände (Verkürzung der Schulbesuchszeit, Abschaffung der Wehrpflicht, Anm.) und den Ausbau des Zugangs zu wenig. Die Berliner Regierung hat erhebliche Zusatzmittel und einzelne Bundesländer haben mehr Studienplätze zur Verfügung gestellt. Das wird hier einseitig berichtet. Darüber hinaus können sich die Studierenden an mehreren Universitäten anmelden. Warten wir einmal ab, wie viele tatsächlich kommen. Bei Publizistik- und Kommunikationswissenschaft wurde noch vor zwei Jahren groß gejammert, wie viele Studierende kommen. Aber es gab weniger Anmeldungen, als Studienplätze zur Verfügung standen.
derStandard.at: Hier sind die Anmeldungen aus Deutschland aber erst zurückgegangen, als Zugangsbeschränkungen eingeführt wurden.
Kellermann: Die Ankündigung einer Prüfung hat anscheinend schon genügt, die Interessenten zu vergraulen. Das steht im Widerspruch zu dem Mobilitätsziel des Bologna-Prozesses.
derStandard.at: Deutsche sind in Österreich nicht unbedingt beliebt. In unserem Forum gehen beim Thema "deutsche Studenten" die Emotionen hoch. Sie selbst haben die deutsche und die österreichische Staatsbürgerschaft. Woher kommen Ihrer Meinung nach diese negativen Gefühle?
Kellermann: Die Streitereien gibt es abstrakt, eher nicht konkret. An den Universitäten gibt es viele "internationale" Freundschaften. Allerdings kann die Häufung eines Vorkommnisses gegenteilige Wirkungen haben. Nehmen wir an, wir haben früher einen einzelnen Schwarzen in Wien gesehen, dann waren wir erstaunt, vielleicht sogar erfreut. Wenn es dann aber sehr viele Schwarze sind, entstehen Ängste und damit Ablehnungen. Wenn im Forum Pöbeleien stattfinden, bedeutet das, dass die Leute, die pöbeln, noch wenig oder keine Erfahrungen außerhalb ihrer Provinz gemacht haben oder noch nie auf andere angewiesen waren. Auch das ist beschränktes Denken. Das will ich nicht den einzelnen Leuten vorwerfen. In unserer Gesellschaft wird ja gelehrt, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Jeder muss also sehen, wo er bleibt. Wenn die Leute Sorge haben, dass sie nicht mehr zurecht kommen, verstehe ich sehr wohl, dass sie aggressiv werden. Das führt wieder zu dem zurück, was ich vorher gesagt habe.
derStandard.at: Wie könnte man mit den Plünderungen in Großbritannien und den Protesten in Spanien umgehen? Gibt es da eine Lösung oder hat man hier schon verloren?
Kellermann: Mittelfristig kann man nur erfolgreich sein, wenn Cameron nicht bloß auf Gewalt gegen das asoziale Handeln setzte, sondern auch eine konstruktive Vision zu entwickeln und zu verwirklichen versuchte. In Großbritannien sind die Studiengebühren sehr hoch, viele werden von Anfang an ausgeschlossen. Und in Spanien ist fast die Hälfte der Graduierten vom Arbeitsprozess ausgeschlossen. Und wie gesagt: Wer sich ausgeschlossen fühlt, wird aggressiv. Es gilt die Einsicht, dass wir lebenswerte Verhältnisse nur verwirklichen können, wenn möglichst viele Leute einen Zugang zu dem haben, was gesellschaftlich wichtig ist. Ein Studium sollte - neben der Aneignung professioneller Kompetenz - auch dem dienen. (Lisa Aigner, derStandard.at, 18.8.2011)
PAUL KELLERMANN ist Universitätsprofessor am Institut für Soziologie an der Universität Klagenfurt. Seine Schwerpunkte sind unter anderem Soziologie des Geldes, Arbeit und Bildung, Hochschulforschung.