Bauexpertin Margarete Czerny erklärt, was Wohnbau-Enquete und Sanierungsscheck gebracht haben - und warum Letzteren die Finnen jetzt auch wollen
Bauexpertin Margarete Czerny stellt fest, dass es in Österreich schon jetzt einen Mangel an Wohnungen gibt, dass der Wohnbau aber nicht zuletzt dank der "Klubenquete" im vergangenen Februar wieder ein "politisches Anliegen" geworden ist. Damals lud die neu gegründete Initiative "Umwelt + Bauen", der auch Czerny angehört, zum parlamentarischen Gedankenaustausch. Was es gebracht hat, und was sie der Stadt Wien dringend empfiehlt, verrät Czerny im Gespräch mit Martin Putschögl - und berichtet stolz davon, dass nun auch Finnland überlegt, eine "Sanierungsscheck"-Aktion nach österreichischem Vorbild zu starten.
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derStandard.at: Sie waren im Juli auf der europäischen Baukonferenz in Helsinki. Wie geht's dem europäischen Bausektor?
Czerny: Die europäische Bauwirtschaft hat die Krise noch nicht völlig überwunden, obwohl es deutlich besser geht. Das gesamte europäische Bauvolumen ist heuer immer noch rückläufig. In Spanien, Portugal und Irland läuft es besonders schlecht, in Italien waren die Aussichten auch schon besser. In Deutschland hat sich der Bausektor von der Krise rasch erholt und schon 2011 belebt, dort geht es jetzt wieder bergauf.
In Österreich zieht die Bauwirtschaft allerdings mit dem Wirtschaftsaufschwung, der seit Beginn des Jahres sehr deutlich ist, nicht mit. Von Jänner bis April ging die Bauproduktion hierzulande um 3,4 Prozent zurück. Eine schöne Ausnahme stellen die Sanierungen dar, die stimuliert durch den "Sanierungsscheck 2011" um sieben Prozent zulegten. Im zweiten Quartal dürfte der Rückgang der Bauproduktion gestoppt sein. Jetzt im Sommer zieht der Wohnungsneubau zwar auch etwas an, aber die Auftragsbestände sind weiterhin verhalten, es wird also nicht so weitergehen, dass der Wohnungsneubau tatsächlich anspringt. Zudem kommen die jüngsten Turbulenzen auf den Finanz- und Kapitalmärkten, welche die positiven Konjunkturaussichten im zweiten Halbjahr wieder eindämmen.
derStandard.at: Von den laut Berechnungen nötigen ca. 50.000 neuen Wohnungen pro Jahr bleiben wir also weiterhin weit entfernt?
Czerny: Es ist so, dass die Statistiken immer besser werden; es zeigt sich, wir haben einen Mangel an Wohnungen - das merkt man schon allein an der starken Zunahme an Wohnungsansuchen in Wien.
derStandard.at: Hat die parlamentarische Klubenquete zum Wohnbau, die vor ziemlich genau einem halben Jahr stattfand, dann eigentlich gar nichts gebracht?
Czerny: Doch! Eine große Errungenschaft dieser Klubenquete war beispielsweise, dass da so viele Interessierte, Interessenvertretungen und Minister zusammengekommen sind und an einem Strang gezogen haben. Das Thema Wohnen hat durch den Auftritt der ganzen "Stakeholder" eine stärkere Bedeutung bekommen, es wurde nun auch zum politischen Anliegen. Unmittelbar danach wurde ja auch die neue Sanierungsscheck-Aktion durchs Parlament gebracht.
Auch die Stadt Wien hat bereits dem drängenden Problem gegengesteuert - was unter anderem auch ein Erfolg der Enquete war. Es wurden zusätzlich 500 Millionen Euro für den Wohnbau bereitgestellt. Früher wurden in Wien immer rund 5000 geförderte Wohnungen pro Jahr fertiggestellt, jetzt sind wir im Durchschnitt bei ca. 6500. Laut neuestem Stand können heuer 7.700 Wohnungen neu vergeben werden, in Bau befinden sich aktuell rund 8500.
Über ganz Österreich betrachtet zeigt sich aber, dass per Ende Juli 2011 vor allem die Auftragsbestände im Wohnbau wieder verhalten sind. Die verstärkten Anstrengungen in Wien können den Rückgang der Neubauten in anderen Bundesländern also nicht kompensieren. Hier wirkt sich die Budgetknappheit erheblich aus.
derStandard.at: Was bedeutet diese Wiener Zusatzförderschiene für den sozialen Wohnbau? Die Mieten werden für die künftigen Bewohner dieser Häuser ja nur 15 Jahre lang gedeckelt sein ...
Czerny: Ja, das ist in der Tat ein Problem. Aber es werden ja nicht alle Wohnungen nach diesem Modell gebaut, das ist jetzt einmal nur für zwei Jahre so gedacht. Ich nehme an, das sollte kein Ersatz sein für die Wohnbauförderung. Und dafür, glaube ich, sollte man sich auch stark machen.
derStandard.at: Sie empfehlen der Stadt Wien also dringend, das Fördervolumen schon im kommenden Jahr wieder auf das Niveau von 2010 anzuheben?
Czerny: Ja, oder sogar noch wesentlich höher. Zumindest die allgemeine Wohnbauförderung, nicht die alternativen Sonderfinanzierungsstrukturen.
derStandard.at: Sollte man auch den Sanierungsscheck noch aufstocken? Immerhin ist er ein gutes Geschäft für den Staat.
Czerny: Es wurde errechnet, dass 2009 bei 100 Millionen an Förderungen ca. 700 Millionen Investitionsvolumen herauskamen, also ein Hebel von 1:7. Derzeit ist der Hebel noch höher, er liegt bei 1:11. Das ist erstaunlich, weil die Leute jetzt bereit sind, mehr auszugeben als in der Krise 2009, und sie machen auch mehr umfassende Sanierungen. Das ist ein wichtiger Impuls für die Bauwirtschaft. Außerdem fließt in etwa doppelt so viel wieder an den Staat zurück, wie er investiert, also rund 200 Millionen Euro. Das ist eine wichtige Stütze, die man nicht leichtfertig aufgeben sollte.
derStandard.at: Die Rahmenbedingungen sollen nun aber wieder geändert werden, auch Gemeinden sollen etwa in den Genuss des Schecks kommen.
Czerny: Das wird jetzt im Herbst verhandelt, und ich hoffe, dass wir auch entsprechend mitgestalten können, so wie beim ersten Mal. Dadurch hat sich die Initiative Umwelt + Bauen ja überhaupt erst etabliert. Alle Beteiligten - Banken, Forschung, Umweltbeauftragte, Arbeitnehmer und -geber - haben an einem Strang gezogen, damit das einfach durchzuführen ist.
derStandard.at: Die Bausparkassen hätten sich allerdings etwas mehr Neugeschäft erwartet. Warum gab's das nicht?
Czerny: Weil die Leute großteils Eigenmittel eingesetzt haben. Aber trotzdem: Laut Umfragen hätten die privaten Haushalte die thermischen Sanierungen zu einem Großteil nicht durchgeführt, wenn sie nicht die Förderungen bekommen hätten. Und eigentlich brauchen wir ohnehin gezielte Maßnahmen, denn die EU fordert ja Maßnahmen zur Reduktion der Gebäudeemissionen von den Mitgliedsstaaten. Wir haben da ein recht gutes Modell.
Auf der europäischen Baukonferenz in Helsinki ist man von Seiten des finnischen Umweltministeriums an uns Österreicher herangetreten, weil sie dort jetzt auch den Sanierungsscheck einführen wollen. Die Finnen haben zwar auch in der Vergangenheit diesbezügliche Initiativen gestartet, die wurden aber lange nicht so gut angenommen wie der Sanierungsscheck in Österreich. Den haben wir jüngst auch in Ungarn vorgestellt, auch dort gab man sich sehr beeindruckt.
derStandard.at: Was sind die nächsten Schritte der "Initiative Umwelt + Bauen"?
Czerny: Uns geht es vor allem um das Thema Leistbarkeit der Wohnungen. Wir haben dazu versucht, neue Initiativen zu setzen, und präsentieren demnächst neue Erkenntnisse und einen wissenschaftlichen Beirat. Außerdem wird es wieder eine Tagung im Parlament geben, wo uns danach die Frau Nationalratspräsidentin Prammer auch das sanierungsbedürftige Parlament zeigen wird.
derStandard.at: Sehen Sie eine wachsende Kluft zwischen der Leistbarkeit auf der einen und den zunehmenden Wohnflächen auf der anderen Seite? Besteht nicht die Notwendigkeit, die Wohnflächen zu reduzieren?
Czerny: Wir haben heute einen ganz anderen Qualitätsanspruch als vor 20 Jahren, und die Singlehaushalte nehmen auch immer weiter zu - in Städten sind schon die Hälfte der Haushalte Singlehaushalte. Natürlich könnte man jetzt sagen: Wer als Single lebt, der hat mit weniger als 40 Quadratmetern auszukommen. Ob das der heutigen Lebens- und Wohnqualität entspricht ist fraglich. Wahrscheinlich nicht, weil die Ansprüche ganz einfach anders sind.
derStandard.at: Gibt es wissenschaftliche Untersuchungen zum optimalen Bedarf an Wohnfläche für eine Person?
Czerny: Das ist sehr schwer zu sagen, weil es auch darauf ankommt, ob der Haushalt beispielsweise kinderreich ist oder nicht. Der zusätzliche Wohnungsbedarf kommt ja hauptsächlich von der Zuwanderung, und das sind nun einmal meist kinderreiche Familien mit entsprechenden Wohnraumansprüchen.
derStandard.at: Die Zuwanderer wohnen aber oft ohnehin auf kleineren Flächen als die Einheimischen.
Czerny: Ja, daher rühren dann eben auch gewisse Konflikte. Hier ist ein großer Handlungsbedarf gegeben, damit diese Strukturen verbessert werden können. Die 40 Quadratmeter an Wohnfläche pro Person im Durchschnitt, bei denen wir jetzt etwa stehen, klingen natürlich hoch, aber da sind auch die Ein- und Zweifamilienhäuser dabei. Im Geschoßwohnbau ist die durchschnittliche Wohnfläche nicht so hoch. Im Übrigen steigt mit der Anzahl der Singlewohnungen automatisch die durchschnittliche Wohnfläche an, weil jede Wohnung einen zeitgemäßen Wohnraumanspruch hat.
Wenn die Wohnungen kleiner werden, werden sie leistbarer, das ist ganz klar. Aber ich glaube nicht, dass sich der Österreicher in der Wohnqualität zurückschrauben möchte. Auch das adäquate Wohnen gehört zur Lebensqualität dazu, das Recht auf adäquaten und zeitgemäßen Wohnraum ist dem Österreicher wichtig. In Österreich wird die Wohnungswirtschaft nicht völlig dem freien Markt überlassen. Der Mix in Österreich aus sozialem Wohnbau und freiem Markt ist eine wichtige Sache. Gedeckelt sind die Wohnflächen und damit auch die Kosten ohnehin meist in den Wohnbauförderungen der einzelnen Bundesländer.
derStandard.at: Wo ist noch Revisionsbedarf gegeben?
Czerny: Die Wiedereinführung der Zweckwidmung bei der Wohnbauförderung wäre sicher eine sehr sinnvolle Sache, die auch sehr zielgerichtet ist, mit bestimmten Auflagen wie Lenkung in Richtung erneuerbarer Energien und Passivhausstandard. Ab 2020 dürfen alle Gebäude per EU-Richtlinie nur mehr als "nearly zero energy buildings" errichtet werden, da gehören noch die Bauordnungen revidiert. Dort ist eine Menge zu tun.
derStandard.at: Man hat als Beobachter oft das Gefühl, dass ohnehin alle Beteiligten für die Wiedereinführung der Zweckwidmung sind, aber irgendwie ist die dann doch außer Reichweite.
Czerny: Dazu müssten wieder gesetzliche Änderungen durchgeführt werden. Der nächste Finanzausgleich wird wahrscheinlich 2014 kommen, die Verhandlungen dazu werden entsprechend vorher geführt. Sinnvoll wär's natürlich, wenn man schon Wohnbauförderbeiträge einhebt, dass diese dann auch entsprechend zweckgewidmet sind. Das wäre eine wichtige Sache, wenn man leistbares Wohnen in Zukunft absichern will und auch die neuen technologischen Anforderungen der Energieeffizienz und des Umweltschutzes berücksichtigen will. Das schafft man sonst nicht.
derStandard.at: Haben wir noch das richtige Verhältnis zwischen Neubau- und Sanierungsförderung?
Czerny: Von der Wohnbauförderung her ist es noch immer so, dass der größere Teil in den Neubau fließt - etwa ein Drittel zu zwei Drittel. Allerdings muss man dazusagen, dass eine vollständige Sanierung und Umbau auf den neuesten Stand de facto mit Neubaukosten vergleichbar sind. Die Sanierungsförderung sollte nicht auf Kosten des Neubaus gehen. Beide Aspekte sind wichtig.
Momentan ist es so, dass es bei der Wohnbauförderung in den Bundesländern bereits krasse Einschnitte gegeben hat, vor allem auch dadurch, dass die Zweckbindung weggefallen ist. Ob das vor dem Hintergrund der zunehmenden Bevölkerungsentwicklung wirklich vernünftig ist, die Wohnbauförderungsmittel verstärkt zur allgemeinen Budgetsanierung zu verwenden, ist eine andere Frage. Es geht vor allem auch um die Wohnstandards, die wir mit dem ganzen österreichischen Wohnbauförderungssystem jetzt erreicht haben. Wieso sollen unsere Kinder in schlechteren und schwerer leistbaren Wohnungen als wir wohnen? Der Standard ist doch sehr beachtlich. Wien hat beispielsweise als Großstadt eine der besten Wohn- und Lebensqualitäten der Welt, und ohne diese Förderungen und Bemühungen wäre das nicht möglich gewesen. (derStandard.at, 17.8.2011)
MARGARETE CZERNY ist Wirtschaftswissenschafterin und Bauexpertin.
Sie ist Mitglied der Nachhaltigkeitsinitiative "Umwelt und Bauen" und an
der Donauuniversität Krems für Wohnen und Integration zuständig. Sie
war langjährige Leiterin des Referats für Bau- und Wohnungswirtschaft
des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo) und erhielt für
ihre wissenschaftliche Tätigkeit das Goldene Verdienstzeichen der
Republik Österreich.
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Initiative "Umwelt + Bauen"