Das große Ortstafel-Enthüllen in Kärnten

Reportage | 16. August 2011, 18:24
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    Bundeskanzler Werner Faymann geriet in Klagenfurt auch in eine Kundgebung seiner Parteijugend zur "VerSCHEUCHung von Korruption".

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    Kärntens Landeshauptmann Gerhard Dörfler bedankte sich bei Staatssekretär Josef Ostermayer für dessen Einsatz mit der Verleihung eines Ordens.

Schweiß, Orden und feuchte Augen: In Bad Eisenkappel wurde die erste der neuen zweisprachigen Ortstafeln aufgestellt - Kärnten träumt vom Ende einer vermeintlich unendlichen Geschichte

Es ist die ewig gleiche Frage, die Helfried Besser gestellt bekommt. Steigen Touristen in seiner geranienumwucherte Pension ab, erkundigen sie sich nicht nur nach den ergiebigsten Schwammerlplätzen oder dem Weg nach Minimundus. Seit zehn Jahren müsse er kopfschüttelnden Gästen immer wieder eines erklären, erzählt Besser: "Warum wir wegen ein paar depperten Ortstafel so ein Theater aufführen."

Der Morgen des 16. August sollte der letzte sein, an dem Besser die Psyche der Kärntner interpretieren muss. Für den Nachmittag haben sich der Landeshauptmann, der Staatssekretär und sogar der Bundeskanzler angekündigt, um ein paar hundert Meter weiter, an der Gemeindegrenze, einen "historischen" Akt zu vollbringen. Eine zweimal ein Meter große weiße Tafel mit blauer Umrandung wollen die honorigen Herrschaften aufstellen. Bad Eisenkappel wird dann hochoffiziell auch Železna Kapla heißen.

Das Schild ist eines der letzten im 2400 Einwohner-Dorf, das zweisprachig wird. Wanderwege, Wohnungsanzeigen, die Veranstaltungen des Folklorezentrums sind längst in beiden Kärntner Idiomen ausgewiesen. Der Bürgermeister nennt sich zugleich "Zupan" , das Gemeindeamt "Obèinski urod" - und in einträchtiger Mischkulanz feiert Eisenkappel auch am Vorabend des großen Tages. Aber nicht wegen des Traras um die Ortstafeln, sondern weil - wie jeden August - Kirchtag ist.

"Die soin endlich die blede Tofi aufstelln und a Rua geben" , sagt ein Deutschkärntner in urigem Dialekt vor dem Café "Bei Lotte" , wo das "Ansambel Spomini" slawische Schnulzen zum Besten gibt: "Koan Menschen stört de bei uns!" Vorbei die Zeit, als einem gelegentlich "Tschusch" oder "Partisan" nachgerufen wurde, pflichtet ein slowenischer Muttersprachler bei: "Es gibt beim Zusammenleben kein Problem." Und auch im Festzelt nebenan, wo Mehrheit und Minderheit zu Musikantenstadl-Gedudel schunkeln, liegt Bierdunst, aber keine Spannung in der Luft. "Wir Unterkärntner halten zusammen" , versichert eine gemischte Gruppe bei Ripperl und Erdäpfelsalat.

Warum dann das jahrzehntelange Gezerre um die Tafeln? Das "gemeine Volk" habe mit dem ewigen Hickhack nichts am Hut, meint eine Eisenkapplerin slowenischer Provenienz: "Aber es gibt halt Organisationen, die das Thema ausgereizt haben - auf beiden Seiten. Die einen wollten alles haben, die anderen nichts geben."

Gerhard Dörfler ist erst seit kurzer Zeit in Geberlaune. Vor wenigen Jahren noch hat er Ortstafeln verrücken lassen, um die vom Verfassungsgerichtshof geforderten slowenischen Aufschriften zu verhindern, nun spielt der Landeshauptmann den Einiger. Zum einem Festakt hat er am Dienstag geladen, bei dem nichts Geringeres als "die Lösung des Kärntner Ortstafelkonflikts zelebriert wird.

Ein Klunker für Ostermayer

Die Politprominenz hat sich nicht lange bitten lassen. Dicke Limousinen stauen in die Klagenfurter Altstadt, am Platz vor dem Landhaus spielt die Polizeikapelle auf. Strahlend schüttelt Dörfler - blitzblaue Krawatte zum grauen Trachtenanzug - die sich ihm entgegenstreckenden Hände. Besonders herzlich fällt die Begrüßung von Staatssekretär Josef Ostermayer aus, man tätschelt einander die Schultern. "Der Josef hat verstanden, die Kärntner zu verstehen" , lobt ihn Dörfler später coram publico und hängt ihm den an schwerer Kette baumelnden Landesorden in Gold um den Hals.

Ein paar Tropfen vom Schweiß, den der von der Regierung entsandte Mediator Ostermayer in unzähligen zähen Verhandlungsrunden vergossen hat, fallen beim finalen Jubelevent fürs Publikum ab. Der Wappensaal im Landhaus ist gerammelt voll, das Programm dicht. Sechs Politiker und ein Vertreter der slowenischen Volksgruppe stellen sich ums Mikro an, der Grenzlandchor Arnoldstein singt "Ja griaß enk Gott" und "Mei Herzle schlagt fürs Land" .

Auch die Festredner haben viel fürs Gemüt im Programm. Sloweniens Ministerpräsident Borut Pahor sieht einen "historischen Bogen zu einem friedlicheren und toleranteren Leben" , Landeshauptmann Dörfler gar eine Kärntner "Gegenwelt zu Oslo, Birmingham und London" . Als "legistische Deeskalation eines jahrzehntelangen Konflikts" interpretiert Ostermayer das eigene Werk, während Werner Faymann ein Zitat Ingeborg Bachmanns für widerlegt hält: "Die Geschichte lehrt andauernd, findet aber keine Schüler" , habe die Kärntner Schriftstellerin gemeint - vor der Ortstafellösung. Als noch die von "Mannesmut und Frauentreu‘" erkämpfte Kärntner Heimat, "wo man mit Blut die Grenze schrieb" , besungen wird, wird so manches Auge glasig.

Was im Rührstück keinen Platz hat: Für den "Sieg des Rechtsstaatlichkeit" (Ostermayer) musste die Politik die Verfassung erst zurecht biegen. Laut Spruch des Verfassungsgerichtshofes müssten sonst rund 100 Ortstafeln mehr stehen, als die nun paktierten 164.

Entspannte Eisenkappler

Ein unfaires Geschäft? So mancher Eisenkappler Slowene sieht den Kompromiss entspannter als die Kritiker unter den Minderheitenvertreter (siehe Interview S. 3). "In vielen der möglichen Gemeinden ist das den Leuten eigentlich wurscht" , sagt ein Alteingesessener und hält die Volksgruppenförderung für viel wichtiger: "Ich bin froh, dass diese unendliche Ortstafelgeschichte ein Ende findet." Das sieht Franz-Josef Smrtnik ganz ähnlich. Den einstigen Landesrat Dörfler hat der Bürgermeister vor sechs Jahren als Gegner kennengelernt. Damals hatte sich Smrtnik an die bereits bestehende zweisprachige Tafel einer Unterortschaft angekettet, weil ihr die Landesregierung ans Gestänge wollte. Heute "lacht" ihm das "Herz" , als er mit Dörfler und einem Dutzend anderen Politikerhänden endlich das Schild für die Eisenkappler Kerngemeinde in die Verankerung hebt.

Furcht vor der Dominanz

Doch nicht alle Bürger sind in Feierlaune. Helfried Besser etwa ist unzufrieden. Nicht, dass er etwas gegen die zweisprachige Tafel habe, doch um die gehe es ja nur an der Oberfläche. Vielmehr sei es die Volksgruppenförderung, die Deutschkärntnern sauer aufstoße: "Denn gerecht is des nit."

Besser empfiehlt einen Spaziergang durch die Hauptstraße: "Auf beiden Seiten gibt es eine Galerie. Die slowenische bekommt fünfmal so viel Fördergeld wie die Deutsche." Zu ähnlichen Ungerechtigkeiten führe die Amtssprachenregelung, die nun ausgedehnt werden soll. Wenn vom Schuldirektor bis zum Polizeikommandanten Slowenischkenntnisse Pflicht seien, kämen die Deutschsprachigen bei der Vergabe öffentlicher Posten zwangsläufig zu kurz, befürchtet er: "Letztlich könnte die Minderheit die Mehrheit regieren."

Weil die neue Amtsprachenregelung überdies rechtlich fragwürdige Ausnahmen für einzelne Gemeinden vorsieht, prophezeit Besser: "Es wird zur früh gefeiert. Der Friede wird nicht halten." (Gerald John, STANDARD-Printausgabe, 17.8.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 180
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Cielito Lindo
00
28.8.2011, 23:42
An Besseres Adresse:

Nur keinen Neid aufkommen lassen.
Vergessen Sie lieber nicht die ständigen Germanisierungsversuche. Das bisserl Geld kann das nie wieder rückgängig machen. Und d a s wissen Sie ganz genau.

rudolf kerschbaum
00
18.8.2011, 20:34
Bitte, keine Sorgen um Kärnten

Es gibt ja uns und wir werden nicht zulassen, daß so ein schönes bundesland durch so unmögliche personen durch den von ihnen verursachten dreck gezogen werden. nachzusehen unter
www.youtube.com/watch?v=Y... re=related
:-))
p.s.: alle humorlosen mögen das schweigen des weisen üben - danke "AGENT ORANGE"

Takeshi Kovacs
00
18.8.2011, 11:23
ob diese peinliche

kofferpartie auch gelegentlich arbeitet?

hm tata
50
17.8.2011, 18:33
ein hoch unserem landesvater!

das macht ihm so schnell keiner nach. in wenigen jahren vom tafel-saulus geläutert zum tafel-paulus. eine verwandlung, die sich sehen lassen kann und die alle seine kritiker, die ihn sogar für unzureichend erklärt hatten verstummen lassen.

Bran Van
00

müssen sie eigentlich unter jedem bericht der irgendwie mit kärnten und ortstafeln zu tun hat eine huldigung an den dörfler produzieren. sie sehen immer noch nicht ein, dass er sich nun als der große friedensstifter feiern lässt für die dinge die er selber jahrelang blockiert hat und sie freut das auch noch...

(°!°)
00
17.8.2011, 18:29
Faymann

muß jetzt wohl schon bei "Sumpfaktionen" dabei sein, um überhaupt noch in die Medien zu kommen.

(°!°)
11
17.8.2011, 16:21
Aber hallo Herr John!

"Gerhard Dörfler ist erst seit kurzer Zeit in Geberlaune. Vor wenigen Jahren noch hat er Ortstafeln verrücken lassen"

Der "Ortstafelverrücker" ist ein gewisser Jörg Haider gewesen!
Dörfler ist damals nur dessen "Schaufelknecht" gewesen!

;)

blinder Kardinal Taubstumm
20
17.8.2011, 17:18

na und? ob mit oder ohne haider ist wurst. hat er grinsend taferl verrückt oder nicht?

(°!°)
01
17.8.2011, 18:27
Irrtum!

John hat geschrieben: "...hat er Ortstafeln verrücken lassen"

Dörfler hat damals gar nicht die Befugnisse gehabt um verrücken zu lassen.

;)

Dreiheit1
02
17.8.2011, 15:04
Scheinen auch ganz andere Sachen enthüllt zu haben

http://www.newsgrape.com/a/faymann... fotoreihe/

xD

Zitronenbaum
00
19.8.2011, 10:40

:') Spitze!

Emotion Brombeere Limette
00
17.8.2011, 15:05
Danke, selten so gelacht!

Joe_Chip
03
17.8.2011, 14:38

BuKa, Minister, Staatssekretär und teile der landesregierung, wenn man sich überlegt was das an gehälter kostet bzw welche unmengen teure arbeitszeit fürs blöd winken und buffet stürmen verbraten wird, wird einem schlecht.
um ortstafeln zu "enthüllen" die da eigentlich seit jahren oder jahrzehnten stehen sollten - einfach unglaublich!

neural trading
20
17.8.2011, 14:20

was sagen kampusch und arigona zur ortstafelloesung? koennt man ja zur karlich einladen. mitm faymann wernerle natuerlich.

david crutton
02
17.8.2011, 14:19
manchmal frag ich mich...

...was Herr Faymann eigentlich ohne rotes Parteibüchel geworden wäre! Vermutlich Regalschlichter beim baumax oder Parksheriff oder so. Das ist alles so unglaublich: In Frankreich bereiten Sarkozy und Merkel gerade die Vereinigten Staaten von Europa vor und der Kasperl enthüllt Ortstafeln in Bad Eisenkappel! Wenn das nicht so zum Heulen wäre, wäre es ja eigentlich schon wieder lustig!

Misko
 
30
17.8.2011, 14:06
Dreisprachig:

Bad Eisenkappel

Železna Kapla

Kurort Stahlhelm

(°!°)
00
17.8.2011, 18:35
Und wo genau ist die dritte Sprache?

Ach ja, Ihr Benutzername; nicht wahr?!

LGL
00
18.8.2011, 09:18
Erste Sprache: Englisch (Bad), zweite Deutsch (Eisenkappel) und dritte Slowenisch (Zelezna Kapla)

übrigens gibt es im Burgenland auch einige deutsch-ungarische Ortstafeln (Oberwart-Felsöör) und in Oberösterreich einen Ortsteil der Gemeinde Tarsdorf mit vier einsprachig englischen Ortstafeln: http://de.wikipedia.org/wiki/Fucking

altbürgermeister
04
17.8.2011, 12:58
Ein Anlass zur Freude:

nach nur 56 Jahren hält sich Kärnten (fast) an die Verfassung!

Gelber Stern
05
17.8.2011, 12:31
Statt der Grinserei beim Taferlenthüllen ...

... sollte Hr. Faymann mal den Hörer in die Hand nehmen und die Merkel und den Sarkozy anrufen, um bei wichtigen Entscheidungen mitzumischen ....

Takeshi Kovacs
00
18.8.2011, 11:25
mit sowas spasst man nicht....

L 81
00
17.8.2011, 15:54
Das Problem dabei...

... Hr. Faymann ist dem Vernehmen nach der englischen Sprache nicht mächtig...

Proconsul
00
18.8.2011, 07:02

Braucht er bei der Änschi eh net! ;)

Wyle E. Koyote
01
17.8.2011, 12:51
und uns damit endgültig

zur lachnummr in der eu zu machen?

Hudri Wudri
04
17.8.2011, 12:18
Kärnten feiert die erfolgreiche (jedoch nur unvollstaendige) Umsetzung des Staatsvertrages

nach nur 55 Jahren.
Bravo Österreich :-(

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