Wien

Das Zentrum mit der Million Drogenspritzen

16. August 2011, 17:12
  • Artikelbild
    foto: standard/corn

    Nicht jeder Abhängige, der in der Wiener Betreuungseinrichtung TaBeNo seine Spritzen retourniert, ist ein klassischer Junkie. Auch sozial Integrierte aus dem Umland nutzen den Service.

Warum Entzug nicht immer vorrangiges Ziel ist und ihre Klienten auch mit Einschlägigem handeln, erklärt die Leiterin einer Wiener Stelle für Drogenkranke

Wien - An der Wand hängen Werbeanzeigen und Prominentenbilder aus Magazinen, Toiletteartikel stehen neben den ordentlich gemachten Betten. Was auch ein spartanisch eingerichtetes Zimmer auf einer Schullandwoche sein könnte, ist eine Frauenunterkunft bei TaBeNo, einer städtischen Einrichtung für Suchtkranke nahe der Hauptbahnhof-Baustelle in Wien-Wieden. Die Abkürzung steht für Tageszentrum, Betreuung und Notschlafstelle, Grundbedürfnisse der Abhängigen sollen hier abgedeckt werden.

"Wir stellen den ersten Schritt für Menschen auf der Straße dar", sagt Tanja Stavik, Leiterin der Einrichtung. Aus 300 bis 500 Menschen besteht die Drogenstraßenszene in der Bundeshauptstadt, schätzt sie. 26 davon können bei TaBeNo über Nacht unterkommen, insgesamt gebe es in Wien rund 400 Plätze.

Betreuung

"Es gibt zwei Varianten: Betten, die täglich neu vergeben werden, und einige, bei denen eine längere Betreuung durchgeführt wird", erklärt wiederum Stefan Hofner, der die insgesamt 21 Sozialarbeiter des Zentrums anführt.

Wie so eine Betreuung aussieht? "Ein Entzug ist nicht vorrangig. Zunächst geht es um den Beziehungsaufbau zwischen Klient und Sozialarbeiter. Dann folgt die Anregung zur Betreuung, die dann im dritten Schritt beispielsweise zu einer Zielvereinbarung führen kann, wie man sich das weitere Leben vorstellt."

Aus Sicht von Stavik und Hofner geht es allerdings vor allem darum, die Suchtgiftkonsumenten mit einem niedrigschwelligen Angebot zu erreichen. Und dabei spielt der Spritzentausch eine entscheidende Rolle.

180 Klienten täglich

Wie das abläuft, lässt sich im Eingangsbereich des in einem Altbau untergebrachten TaBeNo beobachten. Ein jüngerer Mann tritt durch die Eingangstür in den kleinen Vorraum und bestellt bei dem Mitarbeiter hinter der Theke "Fünf Zweier und dann noch ein paar Fünfer" - verschiedene Spritzengrößen. Im Gegenzug entsorgt er seine eigenen.

Gut 180 Personen nutzen diesen 24-Stunden-Service täglich - und sorgen für gewaltigen Umsatz: Rund eine Million Injektionsnadeln sind es pro Jahr. "Dieser Teil der Klienten zieht sich durch alle Bevölkerungsschichten. Auch die sozial Integrierten, die im Umland leben, kommen hierher", sagt Stavik. "Das Verantwortungsbewusstsein ist hoch, in den Müll werfen die Spritzen die wenigstens", ist sie überzeugt.

Die eigentlichen Besucher des Zentrums entsprechen eher dem Junkie-Klischee. Schulabbrecher, arbeits- und wohnungslos. "Keine Gewalt, kein Dealen, kein Konsum", lauten die Regeln hier. Eigenen Konsumräumen für Heroin, wie sie manchmal gefordert werden, kann Stavik wenig abgewinnen. "Grundsätzlich sind sie eine Möglichkeit, aber die Erfahrungen aus anderen Staaten sind sehr unterschiedlich. In Wien sind sie jedenfalls nicht angedacht."

Substitution als Trendwende

Seit elf Jahren sei sie in der Branche, geändert habe sich nur wenig. Einzig eine Verlagerung von Heroin auf Substitutionsmittel erkennt sie - auch auf dem illegalen Markt. "Klienten verkaufen sicher auch einen Teil ihrer Dosis weiter, aber vor allem weiß man nicht, was aus anderen Ländern hereinkommt." Durch die tägliche Abgabe in Apotheken habe sich die Situation aber verbessert.

Denn insgesamt seien die Ersatzprogramme erfolgreich: "Sie bieten eine Integration in die medizinische Behandlung, es bleibt immer das gleiche Präparat, und man hat nicht mehr den Druck, sich um die Versorgung auf illegalem Weg kümmern zu müssen." (Michael Möseneder, DER STANDARD-Printausgabe, 17.8.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 94
1 2 3
fuchstritt
02
17.8.2011, 11:49

brinegn wir es auf den punkt: man weiß nicht was man mit den abhängigen machen soll, der staat nicht, die ärzte nicht, die gesellschaft nicht, die abhängigen selber schon gar nicht.also probiert man irgendetwas.keine schlechte idee, besser als nix aber von einer auch nur ansatzweisen lösung meilenweit entfernt

Herr und Frau Österreicher
 
00
17.8.2011, 13:26

bevor man eine "Lösung" anstrebt, muss man das Problem definieren...

gebt den stevia frei
03
17.8.2011, 12:06

so ganz planlos ist man nicht.

die regulierte freigabe sieht man als einen weg der problemlösung, damit die preise sinken.

wie soll ein süchtiger andere beschäftigungen finden, wenn er erstens kein geld mehr für erholung/rekreation hat und zweitens viel zeit auf der suche nach einem dealer und dem ausweichen der polizei aufwenden muss.

da bleibt ihm nur mehr übrig auf der couch vorm tv zu hocken.

frank franki
09
17.8.2011, 11:48

Diese Einzelfall-Geschichten sind ja ganz nett, aber wie wärs mal mit einer Reportage, die die Vor- und Nachteile einer unterschiedlichen Drogenpolitik thematisiert?
ZB die Entwicklung in Portugal, Niederlande, Tschechien. Wissenschaftliche Erkenntnisse zu Heroinabgabe vs Substitutionsmittel, etc...

el jefe1
154
17.8.2011, 10:20
warum nur die spritze?

gebt ihnen doch auch gleich das heroin gratis dazu. und darfs ein bisserl mehr sein? schon erledigt sich das problem von selbst.

CurtisGranderson
01
25.10.2011, 13:48

Ich hoffe, Sie kommen nie in die Lage, dass jemand den Sie lieben suchtkrank wird, denn ja, es ist eine Krankheit.
Aber schön, haben sie einen schnellen Lacher angebracht, es denen "einmal gesagt", ein bissl Dampf abgelassen - bravo!
Leider sind genau Leute wie sie der Grund, warum in diesen Fragen der Stammtisch die Politik lähmt, und trotz besseren Wissens so wenig getan wird um zu verhindern, dass süchtige unnötigerweise krepieren.
So und jetzt viel Spass bei ihrem Bier, vielleicht schämen sie sich auch noch ein bissl, so wie alle, die hier grün gaben.

Nukular. Das Wort ist Nu-ku-lar.
23
22.8.2011, 12:07
Genau!

Alles töten, das man nicht kennt, bzw. das einem Angst macht!

Das schlimmste ist aber: Leute wie Sie, el jefe1, haben ein Wahlrecht...

ilrio xxxxx
 
02
17.8.2011, 09:35
Wiener Stelle für Drogenkranke

es geht um drogensüchtige denen drogenersatzstoff vom arzt verschrieben wird. viele verkaufen dann weiter und aus dem erlös besorgen sich wieder echte drogen.

smeexseus ...
 
01
28.9.2011, 17:59

heroin ist in seiner genauen zusammen setzung verboten , deswegen wird diese droge leicht in ihrer zusammensetzung geändert die dann zur verwendet werden.

leider sind die substitutionmittel oft gefährlicher und ungesünder mit mehr nebenwirkungen verbunden als die eigentliche ausgangsdroge

der einzige vorteil liegt hier in der kontrollierten zusammensetzung stärke und abgabe.

der körper aber muss sich von einer droge auf die andere nicht weniger gefährliche droge erst einmal ungewöhnen was oft mit zusätzlichen nachteilen verbunden ist.

der einzige grund substituitionmittel zu verwenden liegt am gesetz , medizinisch bietet es keine vorteile eher nur nachteile !

smeexseus ...
 
00
28.9.2011, 18:01

erster absatz : die dann zur SUBSTITUITION verwendet werden

sorry für den fehler

Herzog vs Kinski
12
17.8.2011, 13:07
...sie haben ja keine ahnung. was sind denn "echte drogen"?!?

ilrio xxxxx
 
11
17.8.2011, 14:36
sie kennen sich da bestimmt

gut aus.

Herr und Frau Österreicher
 
01
17.8.2011, 13:28

Es gibt halt immer noch Leute, die glauben, dass das was verboten ist, gefährlich und teuflisch ist und dass das was erlaubt bzw. verschrieben wird, gut und nützlich ist...

Drehwurm
213
17.8.2011, 09:01
niederschwellig ist gut, höherwertig wär auch nicht schlecht

Unter der Annahme, dass es einen Wert darstellt, Menschen dabei zu helfen ihrer Süchte Herr zu werden, braucht es auch (abseits der bestehenden ambulanten und stationären Entzugsanstalten) auch entstigmatisierte, intensive Begleitung/Therapie, z.B. in Form von Psychotherapie.
Auch wenns im Angesicht der Schuldenkrise und Kassenlöcher lästig und unpopulär ist diese Forderung zu stellen, so ist sie auch hier wiedermal angezeigt:
Psychotherapie auf Krankenschein.

gebt den stevia frei
21
17.8.2011, 10:52

zuvor müsste man (weiche) drogen legalisieren. sonst schicken övp und fpö nach anfänglicher "freiwilligkeit" bald auch weintrinker zur zwangspsychotherapie.

john the miracle
11
17.8.2011, 12:41
das wäre nicht mal

ein grosses problem, wenngleich eine psychotherapie unter zwang wohl geringe erfolgsaussichten hat. aber ich würde erstmal den politikern der genannten parteien eine psychotherapie verordnen, vielleicht machen sie danach eine menschenwürdigere poltitik.

Drehwurm
00
17.8.2011, 11:45
Zwangspsychotherapie

wünscht sich wohl niemand!

gebt den stevia frei
00
17.8.2011, 11:59

da unterschätzen sie die parteien.

sobald es gratispsychotherapie gibt, werden diese sauer, weil der staat für dinge geld ausgibt mit denen sie nicht einverstanden sind und wollen ihrerseits ein stück des kuchens.

bekommen heroinabhängige nun dank rotgrün psychotherapie werden die blauschwarzen bald auch kiffer dazu nötigen wollen. und gelegenheitskiffer werden wohl kaum zu einer therapie genötigt werden wollen wie auch weintrinker, die nur mal ein glas zum 5 gängemenü trinken möchten, dies nicht wollen.

/. nerd
 
44
17.8.2011, 09:19
Wenns die Freudschen Macho-Wahnvorstellungen auf Krankenschein gäbe

müsste man dasselbe wohl auch den Astrologen gewähren.

Die könnten sonst erfolgreich auf Gleichbehandlung klagen.

Drehwurm
11
17.8.2011, 09:41
Psychotherapie = Freud'sch anno 1900

stimmt.
Und Ärzte behandeln nach wie vor mit Aderlass, nicht wahr?

Montgomery McFerryn
123
17.8.2011, 01:20

Vielleich stelle ich mir das zu einfach vor aber warum verhaftet man nicht mal alle Dealer die sich auf diversen U-Bahn Stationen rumtreiben und läßt sie nicht gleich wieder laufen ?
Es kann doch nicht so schwer sein die Typen mal alle hinter Gitter zu bringen.

Moist von Lipwig
10
29.9.2011, 12:24

Jene, die auf der Straße verkaufen, sind kleine Fische.

Die wirklichen Verantwortlichen haben genug Kleingeld, dass ihnen nix passiert.

Markus138
11
17.8.2011, 13:52

schon mal dran gedacht, dass Prohibition keine Lösung, sondern eine Problemverdrängung ist?

greensun
01
17.8.2011, 13:44
die Lösung

noch einfacher gehts wohl nicht... Warum ist da vorher noch niemand drauf gekommen...?

Herr und Frau Österreicher
 
10
17.8.2011, 11:23

Schon mal was von Angebot und Nachfrage gehört?

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 94
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.