Warum Entzug nicht immer vorrangiges Ziel ist und ihre Klienten auch mit Einschlägigem handeln, erklärt die Leiterin einer Wiener Stelle für Drogenkranke
Wien - An der Wand hängen Werbeanzeigen und Prominentenbilder aus Magazinen,
Toiletteartikel stehen neben den ordentlich gemachten Betten. Was auch ein
spartanisch eingerichtetes Zimmer auf einer Schullandwoche sein könnte, ist eine
Frauenunterkunft bei TaBeNo, einer städtischen Einrichtung für Suchtkranke nahe
der Hauptbahnhof-Baustelle in Wien-Wieden. Die Abkürzung steht für Tageszentrum,
Betreuung und Notschlafstelle, Grundbedürfnisse der Abhängigen sollen hier
abgedeckt werden.
"Wir stellen den ersten Schritt für Menschen auf der Straße dar", sagt Tanja
Stavik, Leiterin der Einrichtung. Aus 300 bis 500 Menschen besteht die
Drogenstraßenszene in der Bundeshauptstadt, schätzt sie. 26 davon können bei
TaBeNo über Nacht unterkommen, insgesamt gebe es in Wien rund 400 Plätze.
Betreuung
"Es gibt zwei Varianten: Betten, die täglich neu vergeben werden, und einige,
bei denen eine längere Betreuung durchgeführt wird", erklärt wiederum Stefan
Hofner, der die insgesamt 21 Sozialarbeiter des Zentrums anführt.
Wie so eine Betreuung aussieht? "Ein Entzug ist nicht vorrangig. Zunächst
geht es um den Beziehungsaufbau zwischen Klient und Sozialarbeiter. Dann folgt
die Anregung zur Betreuung, die dann im dritten Schritt beispielsweise zu einer
Zielvereinbarung führen kann, wie man sich das weitere Leben vorstellt."
Aus Sicht von Stavik und Hofner geht es allerdings vor allem darum, die
Suchtgiftkonsumenten mit einem niedrigschwelligen Angebot zu erreichen. Und
dabei spielt der Spritzentausch eine entscheidende Rolle.
180 Klienten täglich
Wie das abläuft, lässt sich im Eingangsbereich des in einem Altbau
untergebrachten TaBeNo beobachten. Ein jüngerer Mann tritt durch die Eingangstür
in den kleinen Vorraum und bestellt bei dem Mitarbeiter hinter der Theke "Fünf
Zweier und dann noch ein paar Fünfer" - verschiedene Spritzengrößen. Im Gegenzug
entsorgt er seine eigenen.
Gut 180 Personen nutzen diesen 24-Stunden-Service täglich - und sorgen für
gewaltigen Umsatz: Rund eine Million Injektionsnadeln sind es pro Jahr. "Dieser
Teil der Klienten zieht sich durch alle Bevölkerungsschichten. Auch die sozial
Integrierten, die im Umland leben, kommen hierher", sagt Stavik. "Das
Verantwortungsbewusstsein ist hoch, in den Müll werfen die Spritzen die
wenigstens", ist sie überzeugt.
Die eigentlichen Besucher des Zentrums
entsprechen eher dem Junkie-Klischee. Schulabbrecher, arbeits- und wohnungslos.
"Keine Gewalt, kein Dealen, kein Konsum", lauten die Regeln hier. Eigenen
Konsumräumen für Heroin, wie sie manchmal gefordert werden, kann Stavik wenig
abgewinnen. "Grundsätzlich sind sie eine Möglichkeit, aber die Erfahrungen aus
anderen Staaten sind sehr unterschiedlich. In Wien sind sie jedenfalls nicht
angedacht."
Substitution als Trendwende
Seit elf Jahren sei sie in der Branche, geändert habe sich nur wenig. Einzig
eine Verlagerung von Heroin auf Substitutionsmittel erkennt sie - auch auf dem
illegalen Markt. "Klienten verkaufen sicher auch einen Teil ihrer Dosis weiter,
aber vor allem weiß man nicht, was aus anderen Ländern hereinkommt." Durch die
tägliche Abgabe in Apotheken habe sich die Situation aber verbessert.
Denn insgesamt seien die Ersatzprogramme erfolgreich: "Sie bieten eine
Integration in die medizinische Behandlung, es bleibt immer das gleiche
Präparat, und man hat nicht mehr den Druck, sich um die Versorgung auf illegalem
Weg kümmern zu müssen." (Michael Möseneder, DER STANDARD-Printausgabe, 17.8.2011)