Andalusische Kulturvermittlung

18. August 2011, 16:54

In der Alhambra in Granada wird jeden Sommer Musik gemacht - ein guter Ausgangspunkt für geschichtliche und kulinarische Erkundung

Eben hat Daniel Barenboim noch Mozart und Brahms dirigiert. Kurze Zeit später ist er mit der gesamten Staatskapelle Berlin bei Pepe Torres anzutreffen. Gerade hat er noch am Flügel brilliert, jetzt sitzt er inmitten des 150-köpfigen Orchesters beim spätnächtlichen Dinner auf der ausladenden Terrasse des Restaurants Las Titas mitten in Granada. Pepe Torres gehört das Lokal, und er ist stolz auf seine Gäste. Erst am Tag davor hatte ihn Daniel Barenboim gefragt, ob er das Festmahl anlässlich seines letzten Konzerts beim Musik- und Tanzfestivals von Granada ausrichten kann. Das "Festival de música y danza de Granada", fand heuer im Juni und Juli zum 60. Mal statt.

Das kurzfristig anberaumte Abschiedsessen hat Torres wohl einen anstrengenden Tag beschert. Aber natürlich hat er es geschafft, und zur Belohnung lässt er ein Foto von sich und Barenboim machen. Das wird gerahmt und im Restaurant an die Wand gehängt - neben jenem von ihm und Barenboim aus dem vergangenen Jahr.

Gespielt hat Barenboim zuvor in der Alhambra - nicht in der eigentlichen Alhambra, sondern im Palast Karls V. Der prachtvolle, mit seinem runden Innenhof maßlos eindrucksvolle Rennaissancebau, der den Klängen der Wiener Klassik und der Romantik sozusagen die historische Grundierung verlieh, ist eigentlich eine Bausünde. Denn für ihn wurden Teile der ursprünglichen Alhambra abgerissen. In den Gängen und Räumen, in den Höfen und Gärten des verbliebenen maurischen Teils sieht man, was verlorenging. Der Baustil, der in der unerbittlichen Sonne jenseits von Gibraltar entstanden war, war dazu geschaffen, einen Gegenpol zu einer unwirtlichen Umgebung zu etablieren. Er war dazu bestimmt, ein Reich im Reich zu schaffen, einen Palast, in dem die Welt eine andere, unwirklichere ist als vor seinen Toren. Die Fremdartigkeit der maßlos dekorierten Räume, der eigentümlichen Wasserbahnen in den Gärten mit ihrer poetischen Strahlkraft und die ausgewogen arrangierten Anlagen des angrenzenden Sommerpalastes Generalife schaffen nach wie vor eine einnehmende Stimmung, die vermag, all die Bilder eines märchenhaften Orients, die im Kopf herumschwirren, auf sich zu beziehen.

Das Erbe der Mauren

Die Mauren eroberten am Beginn des achten Jahrhunderts große Teile der Iberischen Halbinsel. Das muslimische Gastspiel gipfelte in der Hochkultur der Dynastie der Nasriden, bevor die Stadt 1492 als letzte in Spanien zurückerobert und al-Andalus endgültig zu Andalusien wurde. Acht Jahrhunderte maurische Kultur konnten aber auch danach nicht einfach ausgelöscht werden. Sie ist noch immer zu spüren: in den Straßen von Granada, in der spanischen Sprache, im Flamenco.

Barenboim hat sich mit seinem völkerverbindenden Projekt, dem West-Eastern Divan Orchestra, in dem junge Musiker aus arabischen Ländern und Israel zusammen spielen, in Sevilla, der Hauptstadt Andalusiens, niedergelassen. Granada, in dem zur Blütezeit der maurischen Kultur Muslime, Juden und Christen zusammenlebten, mag ihnen als historisches Vorbild dienen. Dass die klassische Musik und der Flamenco, die beide jeden Sommer in den Innenhöfen der Alhambra und vor den Toren der Gärten des Generalife gespielt werden, gut mit den Zeugen mittelalterlichen Hochkultur korrespondieren, ist keine Überraschung.

Typische Gartenvillen

Mit der Rückkehr der christlichen Herrschaft war es mit der Toleranz vorbei. Die pompöse Kathedrale, die teilweise auf dem Fundament einer Moschee gebaut wurde, und der aus europäischer Sicht vertraute Glanz der Rennaissance und der folgenden Stilepochen schaffen ein Spannungsverhältnis der Kulturen, von dem Granada zehrt und das ihm seine Besonderheit verleiht. Nur hier benennt man schöne Häuser mit Gärten als Carmen. Das Wort leitet sich von einem arabischen Wort für Weingärten ab. Über den Umweg des israelischen Berg Karmel, des "Weinbergs Gottes", und des dort gegründeten, der "Jungfrau Maria vom Berge Karmel" geweihten Karmeliterordens, wurde Carmen auch zu einem Vornamen.

Apropos Weingärten: Der Weinbau erlebt in der Gegend von Granada einen Aufschwung. Obwohl der Wein seit der Römerzeit in der Gegend immer eine Rolle gespielt hat, obwohl es die Araber mit dem islamischen Alkoholverbot nicht so genau nahmen, entwickelte sich ein moderner, professionalisierter Weinbau in der Gegend nördlich der Sierra Nevada erst in den vergangenen 20 Jahren. Die Rebstöcke gedeihen hier zum Teil auf einer Seehöhe von 1200 Metern. Erst 2008 haben sich lokale aufstrebende Bodegas wie Pago de Almaraes, Al Zagal oder Anchurón zu einer Dachmarke zusammengefunden, die Qualität garantieren soll. Das Weingut Anchurón nahe dem Ort Darro besticht durch seine originelle Lage in einem schmalen Tal am Fuß der Sierra Nevada. Der Blick auf die Weinstöcke eröffnet sich dem Besucher erst, wenn er auf einer staubigen Straße eine Zeitlang durch die Ebene scheinbar ins Nichts fährt und sich plötzlich ein Tal vor ihm auftut. Familie García hat die steinigen Felder hier mühsam urbar gemacht, was sich, ihrem Wein nach zu urteilen, bezahlt gemacht hat.

Der Star des Weinguts Pago de Almaraes nahe Guadix ist eindeutig der Mencal. Die fruchtige Komposition aus Sauvignon blanc, Chardonnay und Muskateller geht auch bei Pepe Torres weg wie die warmen Semmeln. Efrén Rivera Zamora von der Bodega Almaraes ist stolz auf den hauseigenen Weinkeller, der in einer der für die Gegend typischen Cuevas, Höhlen, untergebracht ist, die in die hier vorherrschenden Lössformationen gegraben wurden. Die arme Landbevölkerung und eingewanderte "gitanos" haben diese Höhlen einst in den Fels geschlagen. Heute sind die Cuevas ein gefragter, oft sehr luxuriös eingerichteter Wohnraum, der sich besonders durch sein angenehmes Klima auszeichnet.

Im 60 Kilometer von Granada entfernten Guadix gibt es heute etwa 2000 Höhlenwohnungen. Man kann sogar in Höhlenhotels absteigen. Eine richtige Luxushöhle kann eine halbe Million Euro und mehr kosten.

Die Höhle, in der der Weinkeller der Bodega Almaraes untergebracht ist, wurde früher als Stall genutzt. Mittlerweile wurde sie um mehrere Räume erweitert. Sollte einmal mehr von der angenehm temperierten Lagerstätte gebraucht werden, gräbt man einfach noch tiefer in den Berg.

Die komfortablen Höhlen finden sich auch im Stadtteil Sacromonte in Granada wieder. Dort, wo heute vom angrenzenden Albaicín her die Touristen zwischen den idyllischen weißen Außenfassaden der Höhlen umherhirren oder in geführten Gruppen auf Segways vorbeirollen, war früher das Viertel der "gitanos". Auch jene unter der katholischen Herrschaft im 16. Jahrhundert vertriebenen Muslime und Juden sollen hier Unterkunft gefunden haben. Die Legende aber sagt, dass vertriebene reiche Mauren hier ihre Schätze vergraben hätten. Die Höhlen sollen entstanden sein, weil ihre freigelassenen Sklaven glücklos danach gruben.

Nach dem Beschreiten der städtischen Touristenpfade, beladen mit allerlei Teemischungen, die in Albaicín angeboten werden, mit einer Ausgabe der Tales of the Alhambra, des literarischen Standardwerks über den Palast von Washington Irving und einer arabischen Kalligrafie des eigenen Vornamens auf einem Poster, die Straßenkünstler vor der Kathedrale gerne anfertigen, nach all den freudvollen Beschwernissen des Touristenlebens kann man getrost wieder in Las Titas einkehren auf einen Mencal und eine kühle Ajoblanco.

Ajoblanco, Pata negra

Die kalte Suppe mit Knoblauch und Mandeln passt zur trockenen Sommerhitze Granadas wie die Alhambra zur Kathedrale: ein schöner Ausgleich. Man könnte auch sagen, die Ajoblanco ist Pata negra. Der übersetzte "schwarze Huf" bezeichnet Schinken von halbwilden Iberica-Schweinen, die sich von Eicheln ernähren, der so wohlschmeckend und beliebt ist, dass er in der Alltagssprache zu einem Synonym für etwas schlechthin Großartiges wurde.

Dass in dem Landstrich, wo einfache Bauern noch hin und wieder in das leidenschaftliche Lamento des Flamenco verfallen, nicht alles eine Luxushöhle ist, hat Chris Stewart bewiesen. Der ehemalige Drummer der Band Genesis, der zum erfolgreichen Schafscherer und Autor wurde, landete 1999 mit Driving Over Lemons einen Bestseller. Das Buch beschreibt das beschwerliche Leben in seiner desolaten Behausung in der Gegend von Alpujarras. Folge seines Erfolgs war verstärkter Zuzug alternativ eingestellter Briten. Das ist nicht schlimm, nur eine weitere kleine Kulturvermischung. (Alois Pumhösel/DER STANDARD/Printausgabe/13.08.2011)

Share if you care
2 Postings
Bausünde

die Bausünde ist von Michelangelo -gar nicht schecht für eine Sünde :-)

Pedro Machuca

Pedro Machuca, der Baumeister der "Bausünde", war ein Schüler Michelangelos. mfg, pum

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.