Irak

Ins Bewusstsein zurückgebombt: Der Irak und der US-Abzug

Analyse | Gudrun Harrer, 16. August 2011, 14:26
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    foto: reuters/jaafer abed

    Bei der blutigsten Anschlagsserie im Irak seit mehr als einem Jahr sind am Montag neuen Angaben zufolge mehr als 70 Menschen getötet worden.

Die umfassenden Anschläge im Irak als Argument für den Verbleib von US-Truppen im Irak über das vorgesehene Abzugsdatum hinaus

42 koordinierte Anschläge über das ganze Land verstreut, rund 90 Tote, Hunderte Verletzte: Mit einem Schlag ist das angesichts so vieler anderer Ereignisse in der arabischen Welt aufs Eis gelegte Thema Irak wieder da. Wenn „Al-Kaida im Irak" (AQI) - denn alles weist auf ihre Urheberschaft hin - mit ihrer Attentatsserie am Montag vorführen wollte, dass sie ihre Operabilität wiedergefunden (oder die ganze Zeit über erhalten) hat, dann ist ihr das gelungen. Interessanterweise könnte das jedoch für ihre Ziele kontraproduktiv sein: Denn vorgeführt wurde auch, dass die Sicherheit im Land nach wie vor prekär ist - und Anlass zur Sorge besonders für die Zeit nach dem Abzug der US-Truppen gibt. Es ist auch ein Versagen der irakischen Geheimdienste auf allen Linien. So gesehen waren die Anschläge ein Argument für den Verbleib von US-Truppen im Irak über das vorgesehene Abzugsdatum hinaus.

Laut dem noch von US-Präsident George W. Bush abgeschlossenen SOFA (Status of Forces Agreement) sollten alle US-Soldaten den Irak mit Ende 2011 verlassen. Das SOFA ist ein bilateraler Vertrag zwischen den USA und dem Irak, der nach Beendigung des UN-Mandates für die internationalen Truppen (MNF - Multinational Force) mit dem Jahreswechsel 2008/2009 die US-Truppenpräsenz auf neue rechtliche Beine stellte. Fast alle anderen seit 2003 im Irak präsenten Länder beendeten damals ihren Militäreinsatz, die Briten zogen etwas später ab.

Mitte 2009 zogen sich die US-Truppen aus allen irakischen Städten und Siedlungen in ihre Camps zurück, Ende August 2010 wurde der "Kampfeinsatz" beendet, und 50.000 Mann blieben unter dem Einsatznamen "New Dawn" im Land, vor allem für Beratungs- und Ausbildungsaufgaben. Heute sind es 46.000 Soldaten.

Der medial groß gefeierte "Abzug aller Kampftruppen" 2010 war allerdings etwas wie ein Etikettenschwindel: Die Truppen, die im Land blieben, hießen eben nicht mehr "combat brigades", Kampfbrigaden, sondern "advisory and assistance brigades", beratende und unterstützende Brigaden, bestanden aber durchaus aus denselben Leuten - die auch weiterhin bei Einsätzen mitmachten. Es ist aber richtig, dass die neuen Einheiten mehr Berater und Ausbildner in ihren Reihen haben. Zusätzlich erhalten die Iraker auch Training auf dem neuen militärischen Gerät, das sie von den USA bekommen.

Und nun hängt seit langem die pressierende Frage unentschieden in der Luft, ob Ende 2011 wirklich alle US-Soldaten gehen. Eine Klausel im SOFA besagt, dass die irakische Regierung die US-Regierung ersuchen könne, Truppen im Land zu lassen, falls sie dies aus Gründen der nationalen irakischen Sicherheit für nötig erachte. Das tun zwar etliche irakische Politiker, und nach den Anschlägen von Montag gewiss noch mehr - aber die politische Seite macht die Entscheidung, um einen Verbleib zu bitten, schwierig. Aber auch in den USA gibt es Stimmen, die für einen kompletten Abzug plädieren. Andere betonen, die USA müssten allein deshalb einen Fuß in der irakischen Tür lassen, um das Land nicht völlig dem iranischen Einfluss auszuliefern.

Diese Meinungen finden sich auch unter den Irakern und Irakerinnen wieder. Viele wollen bloß, dass die "Besatzungstruppen" - was sie natürlich rechtlich nicht mehr sind - abziehen und das Land endlich einen Neuanfang nach der US-Invasion 2003 und den Bürgerkriegsjahren mit ihren Hunderttausenden Toten starten soll. Die Lage werde sich beruhigen, sobald die USA aus dem Land sind und damit der Hauptgrund für die Angriffslust sunnitischer und schiitischer Extremisten verschwunden ist. Andere fürchten die Rückkehr des jihadistischen Terrors: Dass sich Al-Kaida und Konsorten damit abfinden würden, dass der Irak von einer schiitisch dominierten Regierung den Weg zu einem wenngleich wackeligen partizipatorischen System weitergehen würde, sei nicht zu erwarten. Und für viele ist die größte Gefahr die iranische Dominanz, der ein US-Abzug Tür und Tor öffnen würde. Dafür hat ausgerechnet Saddam Husseins früherer Außenminister und Vizepremier, der zum Tode verurteilte Tarik Aziz, ein Bild geprägt: Die USA würden den Irak bei einem Abzug "den Wölfen ausliefern".

Für Premierminister Nuri al-Maliki ist das alles ein großes Dilemma. Ein Gutteil seines Ansehens gewann er gerade durch die erfolgreiche Verhandlung des SOFA mit den Amerikanern und der Festschreibung des Abzugstermins Ende 2011. Davon abzurücken würde ihn politisch beschädigen. Außerdem ist der Schiit zwar nie eine Marionette Teherans gewesen, aber iranische Hilfe war nötig, um ihn 2010 wieder zum Regierungschef zu machen: Die Parlamentswahlen 2010 hatte er knapp verloren, aber sein Konkurrent, der säkulare Wahlsieger Iyad Allawi, brachte keine Mehrheit zustande. Auch Maliki musste lange um sie ringen - bis der radikale Schiitenpolitik Muktada al-Sadr, eigentlich Malikis Erzfeind (weil dieser gegen Sadrs Schiitenmiliz, die Mahdi-Armee, militärisch vorgegangen war), offenbar auf Empfehlung Teherans einlenkte und Maliki doch unterstützte. Dass Sadr für den Vollabzug der US-Truppen ist und auch schon Widerstand angekündigt hat, falls sie doch bleiben, versteht sich von selbst.

Die USA werden indes langsam mit Bagdad ungeduldig: Logistisch macht es für sie einen Riesenunterschied, ob sie nach acht Jahren komplett aus dem Irak abziehen oder ob sie eine Restpräsenz im Land lassen. Gesprochen wird über bis zu 10.000 Mann, aber es wurden auch schon niedrigere Zahlen genannt. Die irakische Regierung verhandelt nun immerhin ganz offiziell mit der amerikanischen. Der Knackpunkt dabei ist der Status: Die USA bestehen natürlich darauf, dass ihre Soldaten alle Immunitäten, die sie unter dem SOFA genießen, behalten, während Bagdad diese gerne hinabstufen würde: als reine „Trainer" (mudarrisun) sollten die Amerikaner im Lande bleiben, während von amerikanischer Seite eigentlich die Wiederbelebung des historisch belasteten Begriffs „mustasharun" - Berater - vorgesehen war. Die Mustasharun war diejenige Berater-Kaste, mit der Großbritannien den Irak seit seiner Kreation nach dem Ersten Weltkrieg aus drei osmanischen Vilayets und über die Unabhängigkeit 1932 hinaus bis zur antimonarchistischen Revolution 1958 regiert hat. Für den Irak geht es also auch um sehr tiefsitzende Fragen von nationaler Souveränität und Unabhängigkeit. (Gudrun Harrer, derStandard.at, 16.8.2011)

 

Kommentar posten
10 Postings
Kasnudlätwordpressdotcom
10
18.8.2011, 16:52
Symptombekämpfung

Amerika verliert den Krieg im Irak und Afghanistan vor allem deshalb, weil es lediglich Symptome bekämpft - El Kaida, radikale Schiiten, die Taliban.
Weder Bin Laden noch die Taliban haben den Jihad, den Kampf und das töten von "Ungläubigen" erfunden. Das alles wurde im 7. JH auf der arabische Halbinsel erfunden lange bevor es die "bösen Amis" gab. So lange man aber die Ursachen verdrängt und totalitären Ideologien nicht auch ideologisch, mit Aufklärung und Vernunft entschieden entgegentritt, verliert der Westen. Die Hoffnung, dass der Standard sich 10 Jahre nach dem 11. September zu einer sachlichen Islamanalyse aufrafft und versucht die Frage zu beantworten, ob der Islam etwas mit dem Islam zu tun hat, hab ich aber mittlerweile aber aufgeg

STJ911.org
00
18.8.2011, 14:19
[facts] USA/Obama kann nicht aus dem Irak abziehen

denn, abgesehen von der schiefen Optik nach einem Angriffskrieg bürgerkriegsartige Zustände zurückzulassen, muss Obama die

www.bit.ly/US_oil_imports
www.bit.ly/US_oil_im... _from_Iraq

sicherstellen, deren Wegfall die Spritpreise in den USA über ein wiederwahlfähiges Niveau zwingen würde.

Euphrosine Laetitia
 
11
18.8.2011, 02:14
Als Ratgeber

haben sich die USA und deren Verbündete in ihrer Ahnungslosigkeit nicht hervorgetan. Zur Zeit des Irakkrieges gab es einen irakischen Blogger, der voraussagte, dass die Alliierten sich noch wundern werden, wenn sie merken, wem sie Waffen in die Hand gedrückt haben. Auch die Taliban sind ja von den USA bewaffnet worden und im Irak haben die USA al-Qaida in die Flugsicherheitszone herein gelassen. Saddam Hussein hätte ihnen nie Waffen gegeben, denn diese religiösen Fanatiker hätten sie sofort auf ihn gerichtet. Saddam Hussein hat sich für die Rechte von Mädchen und Frauen auf Bildung eingesetzt und war al-Qaida ein Dorn im Auge. - Nach 14 Mordversuchen durch den al-Sadr Clan auf ihn und seinen Sohn wurde er paranoid,und so regierungsunfähig.

HakBarth
 
10
17.8.2011, 08:11

10000 soldaten sollen bleiben, aber wie viele söldner sind vor ort?

Chaos Comcputer Cut eV
10
17.8.2011, 05:46
Der Krieg gegen das System ist heilig

Slaveverwandler
11
16.8.2011, 22:15

Unterm Sadam Hussein haben es die Iraqer nie so schlecht gehabt wie heute.
Und wenn sich die Amis schleichen - und das werden sie noch vor der nächsten Präsidentenwahl - dann geht das Blutbad dort erst richtig los.

Euphrosine Laetitia
 
10
18.8.2011, 01:56
Die Iraker

sind keine einheitliche Gruppe. Manche Iraker hatten es unter Saddam Hussein und vor dern UNO-Sanktionen sicher besser als heute. Unter Saddam Hussein haben vor allem der Sadr-Clan gelitten und die Kurden, soweit sie sich nicht assimilieren lassen wollten und die Stämme im Euphrat-Delta. Aber die Bevölkerung stieg unter Saddam Husseins Regierungszeit von 7 Mill. auf 23 Mill, weil Saddam Hussein die nomadisierenden Räuberbanden hart bekämpfte und das Gesundheitssystem und die Wasserversorgung entscheidend verbesserte und die al-Qaida außerhalb der Landesgrenzen hielt. Durch die UNO-Sanktionen wurde die Trinkwasserversorgung und der Zugang zu Impfstoffen, Ambulanzen etc. so beeinträchtigt, dass 1 1/2 Millionen starben, meist Kinder.

JP M
34
16.8.2011, 22:32
Wer selbst in Freiheit und Demokratie lebt...

...sollte nicht ueber Andere, Unterdrueckte urteilen - wie gut sie es doch haetten.

Bin mir sicher viele Deutsche hatten es auch unter Hitler 'gut' - waren dann aber froh, dass nach der Diktatur der Aufschwung kam.

Freiheit ist nicht frei - in 10 - 20 Jahren werden die Iraker (und viele tun das heute schon) den USA sehr dankbar sein.

Slaveverwandler
14
16.8.2011, 23:08

Was?

Meklon von Andromeda
 
01
16.8.2011, 16:50

Kontraproduktiv für die AQI? Trifft wohl nicht zu, denn mit einer erzwungenen Fortsetzung der Besatzung (wie auch immer die Amerikaner die Form ihrer "Unterstützung" benennen) würde den USA wohl der größte Schaden erwachsen. Denn neue Freunde machen sie sich damit sicher nicht, wenn sie länger als vereinbart im Irak bleiben. Außerdem kostet der Einsatz enorm viel Geld, während die Wertschöpfung zweifelhaft ist - wenigstens für den US-Steuerzahler. Und zuletzt bleiben auch viele militärischen Ressourcen gebunden. Sieht nach einem win für die AQI aus, wer auch immer das ist und von wem auch immer diese Gruppe gesteuert wird.

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